House of Cards – Season 1

Als vermutlich einer der letzten Serien-Fans unter der Sonne, habe ich mir endlich die Netflix-Produktion „House of Cards – Season 1“ angesehen. Dabei habe ich noch nicht einmal einen Netflix-Zugang, sondern ganz klassisch die Blu-rays in den Player geschoben. Meine Hoffnungen waren sehr hoch, sprechen doch schon die beteiligten Personen für allerbeste Serien-Unterhaltung. Ist die Serie von und mit David Fincher, Kevin Spacey und Co. also wirklich bahnbrechend für die Branche?

Das erste Aushängeschild für Netflix

Ja, „House of Cards“ ist wahrlich bahnbrechend und bedeutsam. Schon alleine das Bildformat (David Fincher hat sich für das ungewöhnliche Seitenverhältnis 2,00:1 entschieden) lässt die Serie wie Kino wirken. Ein scheinbar unbedeutendes Detail, das jedoch zusammen mit Inszenierung, Schauspielern und Erzählweise eine mehr als deutliche Sprache spricht. Die erste Episode hatte mich somit voll in ihren Bann gezogen und ich kam aus dem Staunen fast nicht mehr heraus. Netflix hat das Serien-Game wahrlich neu definiert. Ich habe mir zudem eingebildet David Finchers unterkühlten Stil zu erkennen, den er gerade in den letzten Jahren mit Filmen wie „Gone Girl“ geprägt hat. Audiovisuell ist die Serie ein Genuss und sie hat es bestimmt mit zu verantworten, dass Netflix als Serien-Produzent ernst genommen wird.

Das Gegenteil von „The West Wing“

Bekanntermaßen liebe ich Serien, die sich mit US-Politik beschäftigen. Speziell Aaron Sorkins „The West Wing“ zählt zu meinen absoluten Lieblingsserien. Darin wird die Amtszeit des sehr idealistischen Präsidenten Josiah Bartlet samt seiner Mitarbeiter gezeichnet. Ein Präsident, wie man ihn sich wünschen würde. Hier kann man noch guten Gewissens an die große Politik glauben. Eine zweite tolle Serie über US-Politik ist die HBO-Comedy „Veep“, in welcher der gesamte Polit-Zirkus durch den Kakao gezogen wird. Einfach herrlich! „House of Cards“ dagegen ist ein bitterböser Thriller, dessen schwarzer Humor so dunkel ist, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Teils erinnerte mich die Serie an den Film „The Ides of March“, der ein ähnlich bitteres Bild der Mächtigen zeichnet.

Serien mit Antihelden sind wahrlich nichts mehr Neues: seien es Tony Soprano, Dexter Morgan oder Walter White – all diese Charaktere machen eine Reise durch und es gibt Momente, in denen man mit ihnen fühlt bzw. fühlen soll. Frank Underwood jedoch, der von Kevin Spacey großartig gespielte Antiheld aus „House of Cards“, ist von Anfang an so verschlagen und berechnend, dass es schwer fällt eine Bindung zu ihm aufzubauen. Ihn die vierte Wand durchbrechen und direkt zu uns Zuschauern sprechen zu lassen, ist dabei ein geschickter Schachzug. Dennoch war er mir in seiner Machtversessenheit, bei der er wortwörtlich über Leichen geht, zu eindimensional dargestellt.

Fazit

Nach der ersten Staffel von „House of Cards“ bin ich nun wirklich beeindruckt ob der Qualität, die Netflix hier auf die Beine gestellt hat. Inhaltlich ist die Serie extrem mitreißend, wird jedoch den formalen Aspekten nicht ganz gerecht. Die Dramaturgie ist ein wenig holprig und ich hätte mir mehr Nähe zu den Figuren gewünscht. Ich werde nun erst einmal eine Pause einlegen, sollte ich mich aber doch noch einmal zu einem Netflix-Abo hinreißen lassen, dann werde ich in die kommenden Staffeln mit viel Freude zu den beängstigenden Underwoods zurückkehren: 8/10 (8.4) Punkte.

54 Gedanken zu “House of Cards – Season 1

  1. Puh … HoC ist eine der wenigen Serien, bei denen ich mir gewünscht habe, nie Nähe zu den Figuren zu entwickeln und erschrocken war, als der Punkt kam, sie doch für Francis zu empfinden. Sei also vorsichtig mit deinen Wünschen.
    Vielen Dank übrigens für die erhellende Erklärung mit dem Format. Das ist ja so absolut nicht mein Thema, erklärt aber ein paar der Gefühle, die mich beim Schauen der ersten Staffel (ebenfalls auf DVD, weil ohne Netflix) überkommen haben. 🙂

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    • Ich schließe daraus du hast schon mehr als nur die erste Staffel gesehen? Gerade die teils schmerzhafte Nähe zu den Antihelden finde ich immer sehr faszinierend. Das Gefühl hat mir hier (noch) gefehlt.

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      • Die ersten drei. Ich finde ja, HoC bietet ein paar durchaus liebenswerte Nebencharaktere, die zur Identifikation einladen. Aber ich halte Francis nicht für einen Antihelden. Francis ist ganz klar der Schurke. Und zwar von der üblen Sorte. Ich habe es regelrecht genossen, ihn zu verabscheuen.

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      • Ja, Francis ist ein Schurke, doch da er mit uns Zuschauern spricht und wir in seine Pläne eingeweiht werden, sind wir gleichzeitig Mitwisser. Also ist er für uns auch so etwas wie ein Antiheld. Das habe ich mir jetzt gut zurechtkonstruiert, oder? 😉

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      • Der Antiheld besitzt eigentlich immer einen sympathischen Zug, in dem man sich selbst wiedererkennt oder für den man Mitgefühl (nicht Mitleid) empfinden kann … Und ja, wir sind Mitwisser, vielleicht sogar Mittäter. Und genau deshalb kann ich Francis sogar noch ein wenig mehr hassen. Emotional involviert bin ich mit ihm, aber anders als mit einem Antihelden. Ich will eigentlich gar nichts mit ihm zu tun haben, aber kann mich ihm nicht entziehen. Ganz ohne Sympathie. Finde ich großartig gemacht.

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      • Ja, das ist schon wirklich gut gemacht. Allerdings fände ich es noch eine Spur besser, wenn er auch uns Zuschauer auf die falsche Fährte locken würde und wir eben doch Mitgefühl mit ihm empfinden. Aber vielleicht kommt das ja noch…

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  2. Schön, dass es dir gefallen hat mit den Underwoods. Ich wusste es. 🙂
    Wie hat dir denn Claire gefallen? Ich erinnere mich gerade nicht mehr, wie präsent ihre Figur in Staffel 1 ist, aber für mich ist sie eine der besten Frauenfiguren in aktuellen TV-Serien.

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    • Claire fand ich durchaus spannend, jedoch hätte ich mir auch für sie mehr Tiefe gewünscht. Ich glaube da gibt es noch viel zu erkunden über die nächsten Staffeln. Das kommt davon wenn man seine Besprechungen in tiefster Nacht tippt: Man vergisst wichtige Aspekte…

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      • Tja, dein Drang alles Gesehene sofort zu besprechen, ist einfach zu stark. 😀
        Claire macht noch eine Entwicklung durch in den nächsten Staffeln, die wirklich interessant und gut anzusehen ist. Glaub mir, es wird dir nicht an Tiefe mangeln. 😉 Wie so viele Serien muss House of Cards in Staffel 1 einfach auch erstmal in die Gänge kommen…

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      • Ja, der Drang ist wirklich zu stark bzw. auch bitter nötig, denn wenn ich mich nicht gleich die halbe Stunde nach der Sichtung hinsetze, komme ich zu gar nichts mehr, da ich natürlich auch direkt mit der nächsten Serie weitermache. Ein Teufelskreis! 😀

        Ich glaube dir gerne, dass Claire sich noch gut entwickelt. Da bin ich schon sehr gespannt drauf.

        Erste Staffeln mag ich immer sehr gerne, weil sie die Serie definieren. Im Nachhinein bewerte ich sie wohl häufig zu streng, da sie rückblickend oft doch besser sind, als was danach noch kommt.

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      • Das ist ein weit verbreitetes Phänomen, denke ich. Was man an Staffel 1 noch bemängelt, wird dann in Staffel 2 oder 3 durch viel gravierendere Schwächen überlagert und erscheint im Rückblick eigentlich doch ziemlich gut. 😀 Schauen wir einfach mal, wie dir die weiteren Staffeln gefallen. Irgendwann… 😉

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      • Ich weiß, ich weiß – und die Serie soll auch auf keinen Fall auf deiner Watchlist nach unten rutschen! Mir fehlt immer noch der Austausch zu den Sons; der würde das TV-Erlebnis wahrlich perfekt machen. Der Stepnwolf hat auch nur bis Staffel 5 geschaut, sodass mir nun auch der letzte Diskussionspartner abhanden gekommen ist… 😦

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      • Tendenziell ist Sons of Anarchy natürlich eine Serie mit einem absoluten Männerthema. Auch ich war wirklich, wirklich skeptisch anfangs, aber das hat sich schnell gelegt, denn die Serie bietet echt starke und interessante Frauenfiguren. Wenn man allerdings so gar nicht mit Gewalt in Serien zurechtkommt, ist das ein weitaus größeres Problem. Aber ich nehme jetzt mal nicht an, dass deine Frau zart besaiteter ist als ich. 😉

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      • Game of Thrones soll ja auch nicht gerade unblutig sein, von daher sind das gue Vorzeichen! 🙂 Und das Setting bzw, die Charaktere in Sons of Anarchy kann man gar nicht ncht mögen. Das ist schlicht unmöglich. 😉

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  3. Oh, die Nähe. Wie das Zeilenende fand ich es auch gut, diese Distanz von Anfang an zu haben, weil ich mich nach jeder Folge schon ein wenig beschmutzt fühlte, so dreckig, wie Frank spielt. Und wie beim Zeilenende überkam es auch mich irgendwann, dass ich doch mit Frank (und anderen) fühle, und ich bin mir immer noch nicht sicher, wie ich das finden soll.

    Ich bin gespannt, wie dir die weiteren Staffeln gefallen. 🙂
    Und ja, die Tiefe, die kommt tatsächlich auch im Laufe der Zeit sehr deutlich zum Vorschein. 😉

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    • Ich sehe schon, ich bin der Einzige, der sich die unmittelbare Nähe zu den Underwoods wünscht… 😉

      Ernsthaft: Ich verstehe schon was ihr meint und ihr stellt ja in Aussicht, dass sich das noch ändert – ob man nun will oder nicht. Die kommenden Staffeln werde ich bestimmt auch noch schauen, aber vorerst habe ich andere Serien auf dem Plan stehen. Das Problem des Überangebots…

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  4. Nein, du bist nicht der letzte Serien-Fan unter der Sonne, der diese Lücke noch hat. Ich hatte mal angefangen, war aber von der Unmenge an Namen in der ersten Folge erstmal erschlagen und habe es dann nicht weiter verfolgt. Auch die direkte Ansprache des Zuschauers hat es nicht besser gemacht, eher im Gegenteil. Vielleicht war ich an dem Tag einfach nicht aufnahmefähig genug. Im Moment freue ich mir gerade riesig, dass Netflix endlich „Mad Men“ drin hat. 🙂

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  5. Kennst du die dänische Serie „Borgen“? Ich habe zwei Staffel HoC gesehen und dann aufgehört, weil es mir ein bisschen zu abartig war und ich mich mehr für europäische Politik und paralmentarische Regierungssyseme interessiere. Nun gut, Dänemark ist eine konstituionelle Monarchie, nichtsdesto weniger konnte mich diese Serie mehr begeistern als HoC.

    Schönen Sonntag dir noch!

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