No Way Out: Gegen die Flammen – OT: Only the Brave (2017)

Heute morgen war ich so platt, dass ich bis 10 Uhr geschlafen habe. Das ist mir schon ewig nicht mehr passiert. So langsam macht sich der emotionale Stress doch bemerkbar. Danach war ich aber durchaus produktiv und wir haben die Steuer 2019 bearbeitet und abgegeben. Ansonsten haben wir uns, aufgrund des miesen Wetters und der Ausgangsbeschränkungen, nur drinnen aufgehalten. Somit schien mir das Outdoor-Drama „No Way Out: Gegen die Flammen“ eine recht gute Wahl… 🔥👨‍🚒

No Way Out: Gegen die Flammen (2017) | © STUDIOCANAL

No Way Out: Gegen die Flammen (2017) | © STUDIOCANAL

Ein ungewöhnlich kraftvolles Katastrophendrama

Katastrophenfilme, die auf wahren Begebenheiten beruhen, gibt es ja einige. Auch bei „No Way Out: Gegen die Flammen“ hatte ich gedacht, dass ich die Formel schon kenne. Doch Regisseur Joseph Kosinski, der zuvor die effektlastigen Filme „TRON: Legacy“ und „Oblivion“ gedreht hatte, ist bei der Ausgestaltung der Geschichte einen frischen Weg gegangen. Die große Katastrophe rund um das Yarnell Hill Fire nimmt nur einen winzigen Teil des Films ein. Dafür nimmt sich Kosinski extrem viel Zeit, uns davor die einzelnen Figuren und ihre Geschichte näher zu bringen. Es dauert gut 45 Minuten bis wir überhaupt ein wenig Feuer und Action zu sehen bekommen. Doch selbst danach erzählt uns „Only the Brave“, so der Originaltitel, keinen großen Kampf gegen das Feuer, sondern die sehr persönliche Geschichte der Granite Mountain Hotshots.

Ich hatte mich zuvor nicht mit der Katastrophe beschäftigt, die in den letzten zwanzig Minuten auf uns einprasseln sollte. Wie bereits zuvor wälzt Kosinski die Action nicht groß aus, sondern bleibt in seiner Inszenierung glaubhaft und authentisch. Ich kannte den Ausgang nicht und war am Ende wirklich schockiert und ergriffen. Auch wegen der unprätentiösen Inszenierung. Hier konnte der Film wahrlich die Früchte seiner zuvor detailliert aufgebauten Figuren und ihrer Beziehungen untereinander ernten. Das fand ich sehr beeindruckend, da man diese Geschichte auch ganz anders hätte erzählen können. Für mich eine unerwartete Struktur für dieses Genre.

Fazit

Auch wenn „Only the Brave“ auf den ersten Blick wie ein 08/15-Katastrophenfilm erscheinen mag, so bin ich doch sehr froh, ihm eine Chance gegeben zu haben. Joseph Kosinski beweist bei der Inszenierung wirklich viel Feingefühl und ich war froh, für zwei Stunden in diese völlig andere Welt abgetaucht zu sein. Das Finale wird mir bestimmt noch ein wenig nachgehen: 8/10 Punkte.

Stay (2005) (WS1)

Nach einem Tag mit einem langen Lauf und einer ausführlichen Videospiel-Session (mit einem Spencer/Hill-Klopper) durfte es abends ruhig ein wenig anspruchsvoller werden. Nachdem Wulf kürzlich eine Besprechung von „Stay“ veröffentlicht hat, bekam ich auch wieder Lust auf den Film und war gespannt, wie er mir wohl knapp 14(!) Jahre nach der ersten Sichtung gefallen würde…

Stay (2005) | © STUDIOCANAL

Stay (2005) | © STUDIOCANAL

Ein filmisches Rätsel der Extraklasse

Ich weiß noch, dass mir die Auflösung von „Stay“ beim letzten Mal nicht sonderlich gut gefallen hat. Dieses Mal wusste ich noch (ungefähr), was auf mich zukommt. Insofern konnte ich auf Hinweise achten und war tatsächlich beeindruckt, wie sehr Marc Forster in der Inszenierung Teile der bereits Auflösung vorweggenommen hat. Sei es die Farbstimmung, das Sounddesign oder Matte-Paintings, die unauffällig, aber doch verstörend sichtbar, über den Hintergrund wandern. Von den nahtlosen Szenenübergängen einmal ganz zu schweigen, die wahrlich an Träume erinnern. Überhaupt besitzt „Stay“ eine unfassbare traumhafte Atmosphäre, der man sich nur schwer entziehen kann. Meisterhaft inszeniert.

Das Drehbuch des Films stammt übrigens von David Benioff, der Jahre später von vielen für die achte Staffel von „Game of Thrones“ gehasst werden sollte. Wie sein Skript ohne die herausragende Inszenierung wirkt, lässt sich nur schwer greifen. Beides in Kombination funktioniert für mich jedenfalls ausgesprochen gut. Auch die famosen Schauspieler (u.a. Ewan McGregor, Naomi Watts und Ryan Gosling) tragen zum Erfolg des Films bei. Allerdings sei gesagt, dass er bei den meisten Kritikern nicht sonderlich gut wegkam, was ich nicht wirklich nachvollziehen kann.

Fazit

Auch bei der zweiten Sichtung konnte mich „Stay“ ziemlich begeistern. Für mich hätte der Film sogar noch ein wenig rätsel- und traumhafter sein können. Wer auf filmische Rätsel steht und bisher noch nichts von „Stay“ wusste, für den ist Marc Forsters Werk ein ganz heißer Tipp: 8/10 Punkte.

Rocketman (2019)

Der Januar ist erst gut zwei Wochen alt und schon befinden wir uns wieder im alten Trott. Aber vielleicht spreche ich auch nur für mich. Höchste Zeit also, mit einem Film aus diesem auszubrechen. Nachdem letzte Woche mit „Bohemian Rhapsody“ Queen auf dem Programm stand, gab es heute den „Rocketman“ Elton John. Welche Musiker-Biografie letztendlich besser abschneidet? 🎹🎶

Rocketman (2019) | © Paramount Pictures (Universal Pictures)

Rocketman (2019) | © Paramount Pictures (Universal Pictures)

Elton Johns Leben als buntes Rock-Musical

Auch wenn man „Bohemian Rhapsody“ und „Rocketman“ nicht unbedingt vergleichen sollte, so bietet es sich aus mehreren Gründen doch an: Beides sind aktuelle Musiker-Biografien und beide wurden größtenteils von Dexter Fletcher inszeniert. Es ist schon fast verwunderlich, dass dabei solch unterschiedliche Filme herausgekommen sind: Während „Bohemian Rhapsody“ ziemlich nach Schema F erzählt wird, ist „Rocketman“ ein ziemlicher Trip und zudem ein waschechtes Musical. Beide Filme sind wahrlich herausragend besetzt und sowohl Rami Malek als auch Taron Egerton nehmen sich nichts in ihrer Darstellung der beiden Musiker-Legenden. Der größte Unterschied dürfte wohl sein, dass Freddie Mercury bereits verstorben ist und die Macher bei der Umsetzung seines Lebens penibel darauf geachtet haben, ihn in einem guten Licht zu zeigen, während Elton John augenscheinlich härter mit sich ins Gericht gegangen ist.

Durch den unterschiedlichen Stil beider Filme, wirken sie auch komplett anders: „Rocketman“ traut sich deutlich mehr, ist smarter erzählt und fantasievoller inszeniert. Rein objektiv betrachtet wohl der bessere Film, doch „Bohemian Rhapsody“ wirkt insgesamt epischer und bedeutsamer. Natürlich hängt dies auch mit einer gewissen Legendenbildung zusammen. Zudem unterscheidet sich die Musik und deren Einsatz extrem: In „Rocketman“ werden die meisten Stücke in stark veränderten Varianten gespielt und von Taron Egerton selbst gesungen, während in „Bohemian Rhapsody“ Freddie Mercury höchstpersönlich aus den Lautsprechern schallt. Was nun letztendlich gelungener ist, muss wohl jeder Zuschauer für sich entscheiden.

Fazit

Während mich „Bohemian Rhapsody“ mit Bombast und der Musik für sich eingenommen hat, konnte „Rocketman“ durch Elton Johns persönlichen Weg überzeugen. Die Musical-Szenen haben mir zudem extrem gut gefallen. Auch wenn ich die beiden Filme nun doch stark miteinander verglichen habe, möchte ich letztendlich keinen von ihnen hervorheben. Ich mag beide aufgrund ihrer unterschiedlichen Ansätze sehr und finde es stark, dass diese jeweils gewählt wurden: 8/10 Punkte.

Bohemian Rhapsody (2018)

Nach einem recht entspannten Samstag mit ein wenig Möbel aufbauen und einem netten Lauf, habe ich mich abends auf einen Film gefreut. Mit „Bohemian Rhapsody“ ist ein Werk im Blu-ray-Player gelandet, auf das ich mich zwar einerseits gefreut habe, andererseits hatte ich aber auch keine großen Erwartungen. Letztendlich ordnet das den Film auch ziemlich gut ein… 🎸🎹🎶

Bohemian Rhapsody (2018) | © Twentieth Century Fox Home Entertainment

Bohemian Rhapsody (2018) | © Twentieth Century Fox Home Entertainment

Eine Rock’n’Roll-Oper für die ganze Familie

Ich kenne mich mit Queen nicht besonders gut aus. Neben Freddie Mercury war mir bisher nur Brian May ein Begriff. Natürlich kenne ich alle populäre Songs und neben „Bohemian Rhapsody“ ist ausgerechnet der eher unbekannte „Breakthru“ mein Lieblingssong der Band. Auch mag ich Rockmusik in Filmen. Nichts kommt an „Almost Famous“ heran. Wenn ich an Musikerbiografien, dann fällt mir als erstes Oliver Stones „The Doors“ ein, der so ziemlich das Gegenteil von „Bohemian Rhapsody“ ist. Auch die leider nur kurzlebige HBO-Serie „Vinyl“ hat den Rock’n’Roll-Lifestyle zelebriert. In diesem Film wird er höchstens gestreift. „Bohemian Rhapsody“ ist übertrieben familienfreundlich erzählt und inszeniert, was einer der großen Schwachpunkte ist. Eben ein FSK-6-Biopic für die ganze Familie.

Wenn wir schon bei Schwächen sind, dann muss ich noch kurz auf die Struktur des Films eingehen: Die Dramaturgie ist so vorhersehbar, dass sie schon an Malen nach Zahlen erinnert. Angefangen vom Vater, der nicht an Freddie glauben mag, bis zur letztendlichen Anerkennung (natürlich!) kurz vor dem großen Live-Aid-Auftritt. Da ist es nur symptomatisch, dass auch Freddie Mercurys Kenntnis seiner AIDS-Erkrankung chronologisch für die perfekt durchkomponierte Dramaturgie vorgezogen wurde. In Kombination ergibt sich daraus ein Film, der extrem auf Nummer sicher spielt, was letztendlich viel Potenzial verschenkt.

Trotz Schwächen aufregend und mitreißend

Auch wenn ich bisher nur Kritik geäußert habe, so wurde ich doch blendend unterhalten, was vor allem den tollen schauspielerischen Leistungen zuzuschreiben ist. Rami Malek (bekannt aus der TV-Serie „Mr. Robot“) ist großartig als Freddie Mercury. Doch auch die anderen Bandmitglieder sind hervorragend besetzt. Den größten Schmunzler hatte für mich Mike Myers mit seiner Anspielung auf „Wayne’s World“, was vielleicht zu meta war, mich aber dennoch zu amüsieren wusste. Davon abgesehen ist natürlich die Musik einfach bombastisch. Es wurde mir noch einmal so richtig bewusst, was für eine einflussreiche Band Queen war. Speziell der finale Live-Aid-Auftritt, der beinahe komplett ausgespielt wird, ist großes Kino.

Fazit

Auch wenn „Bohemian Rhapsody“ viel Potenzial liegen lässt, und zu sehr nach dem Biopic-Baukasten erzählt wird, mochte ich den Film mehr als ich sollte. Er ist nicht überragend gut und es lassen sich, rein objektiv betrachtet, viele Fehler finden. Die rein emotionale Wirkung stimmt aber und für mich sind die 135 Minuten wie im Flug vergangen. Bestimmt ein bis zwei Punkte zu viel, aber dennoch: 8/10 Punkte.

October Sky (1999)

Der erste Weihnachtsfeiertag ist vorüber: Wir haben viel gegessen, uns gut unterhalten und die Kids haben sich an ihren Geschenken erfreut. Dennoch waren wir froh als der Trubel vorüber war und wir uns aufs Sofa fallen lassen konnten. Eigentlich stand heute die Auffrischung der neuen „Star Wars“-Trilogie auf dem Programm, doch darauf hatten wir wenig Lust, weshalb der mir noch unbekannte „October Sky“ in den Player gewandert ist. Eine exzellente Wahl… 🚀

October Sky (1999) | © Capelight Pictures

October Sky (1999) | © Capelight Pictures

Ein famoser, biografischer Coming-of-Age-Film

Manchmal ist es komisch. Normalerweise habe ich von einem Film zumindest schon einmal gehört, bevor ich ihn mir kaufe und ins Regal stelle. Bei „October Sky“ hat mich jedoch nur das schöne Mediabook von Capelight Pictures (siehe unten) sowie die grobe Prämisse des Films gelockt. Ich war mir bisher sogar immer sicher, dass „Donnie Darko“ der erste bedeutende Auftritt von Jake Gyllenhaal auf der großen Leinwand gewesen ist. Jedoch weit gefehlt! In „October Sky“ spielt er Homer Hickam, der in einer Bergbaustadt in den USA der 1950er Jahre seinen Traum verfolgt und Raketenwissenschaftler wird. Warum hatte ich zuvor noch nie von dem Film gehört? Ich kann es mir nicht erklären, erzählt er doch eine wundervoll universelle Coming-of-Age-Geschichte, die zudem auf wahren Begebenheiten beruht.

Regisseur Joe Johnston (u.a. „Captain America: The First Avenger“) inszeniert seinen Film völlig unaufgeregt und ohne aufgesetzte Überraschungen. Dieser Aspekt ist vielleicht auch die einzige Schwäche des Films: Er verläuft bis zum Happy End ziemlich genau so, wie man es auch erwarten würde. Das Leben scheint eben tatsächlich die besten Geschichten zu schreiben. Somit wirkt alles nicht neu, aber handwerklich absolut sauber erzählt und inszeniert. Am Ende musste ich sogar ein paar Tränen verdrücken. Wieso noch einmal hatte ich zuvor noch nie von dem Film gehört?

Fazit

„October Sky“ ist eine wundervolle Coming-of-Age-Geschichte mit schöner Botschaft und vielen Emotionen, was auch an Mark Ishams mitreißendem Score liegt. Wenn euch meine Besprechung den Film auch nur im Geringsten verkauft, dann schaut unbedingt einmal rein. Ihr werdet es nicht bereuen: 8/10 Punkte.

Brittany Runs a Marathon (2019)

Da ich mit „Good Omens“ momentan wieder eine Serie auf Prime Video schaue, ist mir aufgefallen, dass es „Brittany Runs a Marathon“ bereits in das Programm geschafft hat. Der von Amazon produzierte Film war natürlich aufgrund seiner Thematik auf meinem Radar gelandet und so habe ich mich gefreut, dass er so schnell verfügbar ist. Dann einmal die Laufschuhe geschnürt und los…

Brittany Runs a Marathon (2019) | © Amazon Studios

Brittany Runs a Marathon (2019) | © Amazon Studios

Fat-Shaming oder wunderbar motivierend? 🏃‍♀️

Vor über elfeinhalb Jahren habe ich mit dem Laufen begonnen. Damals hatte ich noch gut 15 kg mehr Gewicht auf den Rippen. Zur gleichen Zeit lief „Run, Fatboy, Run“ mit Simon Pegg in den Kinos, ein weiterer Film mit ähnlicher Thematik, der mich damals tatsächlich inspiriert hat. Zumindest was die Benennung meiner inzwischen schon 638 Laufberichte angeht. Nun also gibt es mit „Brittany Runs a Marathon“ einen weiteren Film, der die Macht des Laufens zelebriert und den Laufsport mit unzähligen anderen Veränderungen im Leben in Verbindung bringt. Dabei ist die titelgebende Brittany übergewichtig und pflegt einen eher ungesunden Lebensstil. Keine Ziele, keine Konsequenzen, aber durchaus Spaß am Leben. Leicht hätte die Geschichte in Richtung Fat-Shaming kippen können, doch letztendlich geht es darum, dass Brittany ehrlich zu sich ist, andere in ihr Leben lässt und Verantwortung für sich übernimmt.

„You changing your life was never about losing weight. It was about taking responsibility for yourself.“

(Demetrius zu Brittany)

Die eigentliche Handlung ist größtenteils ziemlich vorhersehbar, aber extrem charmant inszeniert und gespielt. „Brittany Runs a Marathon“ hat sich für mich stark nach einer anderen Amazon-Produktion, nämlich „The Big Sick“, angefühlt – und das ist durchaus als Kompliment zu verstehen. Auch wenn das Laufen nur ein Katalysator ist, so hatte ich beim finalen Marathonlauf doch Tränen in den Augen. Ja, Laufen kann transformierend sein und das zeigt der Film wunderbar.

Fazit

Wer den Streaming-Dienst nutzt, und gerne mal eine leichte Komödie abseits von RomCom, Fäkalhumor und Co. sieht, dem kann ich „Brittany Runs a Marathon“ nur ans Herz legen. Wenn ihr dazu noch LäuferIn seid (oder es werden wollt), dann schaut unbedingt einmal rein: 8/10 Punkte.

Mid90s (2018)

Aktualisierung: Ich habe „Mid90s″ am 24. April 2026 zum ersten Mal mit den Kindern gesehen und eine Besprechung der Wiederholungssichtung veröffentlicht.

Heute war das Wetter eher durchwachsen, weshalb wir uns abends tatsächlich einmal wieder vor dem TV eingefunden hatten. Dieses Mal aber ohne Kinder, weshalb mit „Mid90s“ auch ein Film in den Player gewandert ist, den speziell ich unbedingt sehen wollte. Was Jonah Hills hochgelobter Coming-of-Age-Film letztendlich zu bieten hat, erfahrt ihr in der folgenden Besprechung… 🛹

Mid90s (2018) | © Alive

Mid90s (2018) | © Alive

Ein audiovisuell authentisches Portrait der 90er

Ich hätte nicht gedacht, dass mich „Mid90s“ ausgerechnet auf audiovisueller Ebene so begeistern würde. Das 4:3-Format, der dokumentarische Stil, die Ausstattung, Sprache und speziell der Soundtrack haben mich mal eben 25 Jahre in der Zeit zurückgeschickt. Zwar war ich nie selbst Skater, doch spielte sich Mitte der 90er ein großer Teil meines sozialen Lebens zumindest am Rande der Szene ab. Gerade Kleidung und Hip-Hop, aber auch Selbstdarstellung und Gehabe sind für mich unverkennbar mit dieser Zeit verbunden. Gerade was dieses Gefühl angeht, kann Jonah Hills Regiedebüt punkten. Ein Kultfilm war bei uns damals Larry Clarks „Kids“, der eine ganz ähnliche Stimmung transportiert, dabei inhaltlich in jeder Hinsicht jedoch drei Schritte weiter geht. Jonah Hills Werk nimmt zwar Anleihen, bleibt im Grunde aber eine recht zahme und vorhersehbare Coming-of-Age-Geschichte in der Skater-Szene.

Ein weiterer moderner Coming-of-Age-Film, an den mich „Mid90s“ erinnert hat, ist Richard Linklaters „Boyhood“. Dieser wird oft auf sein Gimmick reduziert und viele Kritiker beanstanden, dass ja nie etwas Dramatisches passieren würde. Jonah Hill hakt die dramatischen Höhepunkte (Alkohol und Drogen, erste sexuelle Erfahrungen und ein dramatischer Autounfall) dagegen recht reißbrettartig ab. Das ist nicht unbedingt negativ zu bewerten, hat „Mid90s“ aber viel mehr wie eine Inszenierung wirken lassen, was den oft improvisiert wirkenden, kleineren Szenen und dem dokumentarischen Stil ein wenig im Wege steht. Hier wäre mit weniger noch mehr möglich gewesen.

Fazit

„Mid90s“ ist eine Liebeserklärung an die Skater-Szene der 90er Jahre. Eindeutig aus einer Perspektive und mit viel Liebe fürs Detail erzählt. In der Struktur ein wenig zu formelhaft erzählt, doch stets sympathisch und fantastisch inszeniert. Mit knapp 80 Minuten ist der Film erstaunlich kurz und ich habe die Jungs mit einem Gefühl der Wehmut verlassen. Nicht perfekt, aber in manchen Szenen ganz groß: 8/10 Punkte.

Wo die wilden Menschen jagen – OT: Hunt for the Wilderpeople (2016)

Das Wetter ist wieder schlechter. Einerseits schade, andererseits kommt man dadurch auch einmal wieder zum Filme schauen. Dabei geht es mir häufig so, dass ich entweder zu großen Blockbustern greife (um eben mitreden zu können) oder bereits bekannte Filme aus den 1980ern wähle (der Nostalgie halber). Dabei bleiben neuere, kleinere Filme oft leider auf der Strecke. Heute jedoch habe ich zu „Wo die wilden Menschen jagen“ gegriffen und es hätte gar keine bessere Wahl geben können… 🐗

Wo die wilden Menschen jagen (2016) | © Sony Pictures Home Entertainment

Wo die wilden Menschen jagen (2016) | © Sony Pictures Home Entertainment

„That doesn’t sound very special, majestical’s way better.“

Wie bin ich überhaupt zu „Hunt for the Wilderpeople“ (so der passendere Originaltitel) gekommen? Regisseur Taika Waititi ist mit „5 Zimmer Küche Sarg“ auf meinem Radar gelandet und auch dort geblieben. Auch seinen Ausflug ins Big-Budget-Kino mit „Thor: Ragnarok“ fand sehr gelungen. Und dass sich nun ausgerechnet Waititi der längst überfälligen Realverfilmung von „Akira“ annehmen soll, finde ich gar fantastisch. Aber zurück nach Neuseeland, wo der Regisseur diese kleine Geschichte rund um den 13-jährigen Ricky Baker und seinen Pflegevater Hec inszeniert hat. Gespielt wird das ungleiche Duo von Julian Dennison, der eine unfassbar authentische Leistung abliefert, und dem großartigen Sam Neill. In Kombination unschlagbar und mit die beste Schauspielleistung, die ich dieses Jahr bewundern durfte.

„I didn’t choose the skux life, the skux life chose me.“

Schon lange habe ich keinen Film mehr gesehen, der es so gekonnt schafft, Humor und ernsthafte bis tief traurige Szenen zu verbinden. In einer Sekunde lache ich noch laut (und davon gab es wirklich etliche Momente) und in der nächsten muss ich eine Träne verdrücken. Dabei legt Waititi ein irres Tempo vor, ohne seinen Charakteren den nötigen Freiraum zur Entwicklung zu verwehren. Neben den unfassbar guten Hauptdarstellern steht die raue Landschaft Neuseelands klar im Zentrum der Geschichte und zeigt, dass das faszinierende Land auch abseits von „Der Herr der Ringe“ eine großartige Kulisse bietet (übrigens gibt es auch eine sehr witzige Referenz auf Peter Jacksons Trilogie). Einzig im Finale, das für meinen Geschmack ein wenig zu sehr auf Action setzt, schöpft Waititi mit beiden Händen aus dem Vollen. Die Stärke des Films liegt jedoch eindeutig in den ruhigeren, charakterbasierten Szenen.

Fazit

Ich sollte viel häufiger zu den kleineren, besonderen Filmen greifen. Da gibt es bestimmt noch etliche Entdeckungen zu machen. So wie „The Hunt for the Wilderpeople“, den ich euch nur dringend ans Herz legen kann. Einfach nur großartig und bei der nächsten Sichtung mit Aussicht auf die volle Punktzahl: 9/10 Punkte.

Moonlight (2016)

Das Wochenende schreitet für meinen Geschmack schon wieder viel zu schnell voran. Dabei war der Tag nicht einmal sonderlich spektakulär und ich habe mich schon auf den Film am Abend gefreut: Die Wahl ist heute auf „Moonlight“ gefallen, den Oscar-Gewinner, der 2017 unter anderem „La La Land“ ausgestochen hat. Die Erwartungen waren also entsprechend hoch…

Moonlight (2016) | © DCM (Vertrieb Universum Film)

Moonlight (2016) | © DCM (Vertrieb Universum Film)

„The Wire“ trifft in Miami auf „Boyhood“

Okay, diese Beschreibung ist vermutlich ein wenig zu plakativ. Allerdings musste ich bei der Sichtung tatsächlich mehrfach an die stilprägende Serie „The Wire“ sowie Richard Linklaters Coming-of-Age-Drama „Boyhood“ denken. Auch Barry Jenkins erzählt in „Moonlight“ das Heranwachsen eines jungen Mannes von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Das Setting erinnert dabei durchaus an David Simons Serie, die uns ebenfalls mit der harten Lebensrealität schwarzer Amerikaner konfrontiert. Auch die Tatsache, dass mit Chiron ein homosexueller Gangster im Zentrum der Geschichte steht, hat mich an Omar Little aus „The Wire“ denken lassen. Die Versatzstücke sind somit nicht originell und doch hat es der Film geschafft, mich zu packen.

Die Inszenierung ist sehr naturalistisch und durch den häufigen Einsatz einer Handkamera, sind wir stets nahe am Geschehen dran. Am beeindruckendsten fand ich wohl das erste Kapitel „Little“, was uns auch häufig auf Augenhöhe des jungen Chiron bringt. Der zweite Akt „Chiron“ lässt uns am Schulalltag teilhaben, was bei mir speziell Erinnerungen an die vierte Staffel von „The Wire“ geweckt hat. Am schwächsten fand ich das Finale „Black“, welches gerade die spannende Entwicklung vom unsicheren Jungen zum scheinbar harten Gangster auslässt. Dafür war die letzte Einstellung wahrlich herzzerreißend, macht sie uns doch intensiv bewusst, welch unerfülltes Leben auf Little wartet.

Fazit

Auch wenn ich „Moonlight“ nicht für das erhoffte Meisterwerk halte, so hat mich die Geschichte doch gepackt und mitgerissen. Zu viel davon habe ich jedoch schon besser erzählt in anderen Werken (ja, gerade in „The Wire“) gesehen. Dennoch werden mir viele Bilder und die dichte Atmosphäre noch länger im Gedächtnis bleiben. Sehr empfehlenswert, wenn auch nicht wirklich neu: 8/10 Punkte.

The Congress (2013)

Eigentlich hätte es mir ein Warnsignal sein sollen, dass ich kurz nach der Arbeit schon auf dem Sofa eingenickt bin. Die hinter mir liegende Woche war einfach anstrengend. Nach dem Abendessen hatte ich jedoch neue Energie und habe somit leichtfertig zur Blu-ray von „The Congress“ gegriffen. Mir war bekannt, dass der Film keine leichte Kost sein soll, doch mit diesem Ausmaß an Irrwitz hatte ich nicht gerechnet…

The Congress (2013) | © Alive - Vertrieb und Marketing/DVD

The Congress (2013) | © Alive – Vertrieb und Marketing/DVD

Zu viel gewollt, zu wenig erreicht

Man muss Ari Folman für „The Congress“ durchaus Respekt zollen. Das ist nicht 08/15-Kino, wie man es kennt. Nach „Waltz with Bashir“ wagt sich der Regisseur erneut an einen (zumindest teils) animierten Film. Die Handlung und Inszenierung beginnt zunächst jedoch recht nüchtern: Schauspielerin Robin Wright (bekannt aus „Die Braut des Prinzen“ und „House of Cards“) bekommt ein unmoralisches Angebot vorgelegt, das sie nach gewissem Zögern annimmt. Dieses besagt, dass ihre Schauspielerinnen-Persona eingescannt wird und alle vorab definierten Rechte an das Filmstudio übergehen. Eine interessante Prämisse, die schon alleine Stoff genug für einen Film gegeben hätte. Allerdings wird noch Fokus auf den Sohn gelegt, dessen Krankheit ein Spiegelbild der Entwicklung des Kinos abgeben soll. Soweit, so verkopft.

Nach ca. 45 Minuten dreht „The Congress“ erst so richtig auf und wir bewegen uns nach einem Zeitsprung von 20 Jahren zusammen mit Robin Wright in eine sogenannte Animationszone. Durch die Einnahme einer Droge, verändert sich die Wahrnehmung aller Besucher in der Hinsicht, als dass sie ihre Umgebung und andere Personen als Animation wahrnehmen. Ein sehr spannender Aspekt, der audiovisuell eine Freude ist. Toll animiert und mit unzähligen visuellen Gags ausgestattet. Leider verliert sich die Geschichte hier vollkommen in (pseudo-)philosophischen Ideen, welche nur sehr konstruiert mit dem ersten Teil des Films zusammengebracht werden. Am Ende schlägt die Handlung dann noch zu einer eher drögen Dystopie um und lässt, so mein Eindruck, alle vorherigen Fäden fallen, um nur die Mutter-Sohn-Geschichte abzuschließen.

Famose Animation und dröge Real-Szenen

So toll die Animationsszenen anzusehen sind, so billig wirken leider die real gefilmten Szenen. Gerade im letzten Drittel des Films wirken Kostüme, Masken und Drehorte extrem amateurhaft. Soll uns durch die Kulissenhaftigkeit gezeigt werden, dass die Realität auch nicht wirklicher ist, als die Animationszone? Das wäre eine Erklärung, mich hat diese Anmutung jedoch eher aus dem Film gerissen. Neben den formalen Schwächen gegen Ende, hat mich „The Congress“ im Mittelteil jedoch auch inhaltlich verloren. Ari Folman hat hier zu viel gewollt und mindestens drei Geschichten ineinandergewoben, die für mich nicht organisch zusammenpassen wollen. Schade, denn der Einfallsreichtum und Stil ist durchaus bemerkenswert.

Fazit

Vielleicht liegt es an meiner Tagesform, vielleicht ist der Film auch einfach wirklich so überladen, wie ich ihn wahrgenommen habe. In vielen Aspekten ist „The Congress“ ein Kunstwerk mit spannenden Aussagen, in anderen jedoch nur ein überladen wirkender Artsy-Fartsy-Schinken. Sollte man sich als Filmfreund durchaus einmal anschauen. Formal und auch inhaltlich bemerkenswert, doch auf emotionaler Ebene konnte er mich leider nicht packen: 6/10 Punkte.