The Wire – Season 4

Ich kann kaum glauben, dass ich mit „The Wire – Season 4“ nun auch schon die vorletzte Staffel der Serie beendet habe. Nachdem die DVD-Box über Jahre ungesehen im Regal stand, werde ich sie innerhalb von nicht einmal drei Monaten durchgeschaut haben. Dabei ist es schon fast erschreckend, wie sehr sie mich über die letzten Wochen in ihren Bann gezogen hat – und speziell das vierte Jahr hält einige Schicksalsschläge parat, die auch an uns Zuschauern nicht spurlos vorüberziehen…

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Nachdem wir in der dritten Staffel auf die Straßen Baltimores zurückgekehrt sind und einen genaueren Blick auf die politischen Strippenzieher geworfen haben, steht „The Wire“ der größte Schauplatzwechsel seit dem Besuch des Containerhafens in der zweiten Staffel bevor: Man bekommt einen tieferen Einblick in das Schulsystem – und nicht nur das, weiterhin rücken etliche jugendliche Protagonisten ins Zentrum der Ereignisse. Schon bald sind sie uns näher als so manche Ermittler und Player, denen man bisher gefolgt ist. Man lernt ihren Schulalltag kennen, bekommt einen Einblick in die erschütternden Familienverhältnisse und erblickt hinter all der aufgesetzten Coolness nur allzu verletzliche Jugendliche, die größtenteils alleine auf verlorenem Posten stehen.

Neben der Schule als neuer Schauplatz, werden auch die politischen Entwicklungen des Vorjahres konsequent weiterverfolgt. Baltimore scheint im Umbruch begriffen, doch auch der neugewählte Bürgermeister hat mit verhärteten Strukturen, Bürokratie und opportunistischen Lobbyisten zu kämpfen. Es ist wahrlich kein schönes Bild, das „The Wire“ von amerikanischer Städtepolitik zeichnet. Als großer Gegenspieler für die Polizei des westlichen Baltimore bleibt seit dem Abtreten des Barksdale-Clans Marlo Stanfield bestehen, der – im Gegensatz zu seinen Vorgängern – noch kälter, geplanter und abgeklärter agiert. Romantisiertes Gangstertum ist hier wahrlich nicht zu finden. Omar Little tritt weiterhin als Joker in Erscheinung, der seine ganz eigenen Werte lebt und für unerwartete Wendungen sorgt. Auch Bubbles versucht so gut es geht über die Runden zu kommen, muss dabei aber feststellen, dass er auf seine Freunde bei der Polizei nicht wirklich zählen kann. Seine Geschichte ist wahrlich herzzerreißend.

Das vierte Jahr zeichnet ein wahrhaftig düsteres Bild von Baltimore. Während der letzten drei Episoden verdichten sich die zuvor nur angedeuteten Ereignisse und brechen mit einer Wucht über die zuvor kennengelernten Charaktere herein, dass es nur noch schmerzhaft ist. Manche dieser Wendungen mögen ein wenig forciert offensichtlich wirken, doch nimmt das nichts von der emotionalen Wucht. Auch wenn die dritte Staffel insgesamt besser und kohärenter geschrieben sein mag, so hat mich die vierte jedoch noch mehr mitgenommen. Unglaublich traurig und desillusionierend. Speziell nach dem Finale in Spielfilmlänge braucht man erst einmal nichts mehr.

Mit ihrer vorletzten Staffel festigt „The Wire“ ihren Ruf als wahrlich herausragende Serie. Zusammen mit der dritten Staffel bilden die 13 Episoden unzweifelhaft das bisherige Highlight und ich weiß jetzt schon, dass mir der Abschied nach dem Serienfinale unglaublich schwer fallen wird. Der Kloß im Hals ist seit der Sichtung gestern Abend immer noch nicht ganz verschwunden: 10/10 (9.5) Punkte.

21 Gedanken zu “The Wire – Season 4

    • Die dritte ist (auch von den exakten Punkten her) wohl tatsächlich auf einer Ebene, wenngleich die 4. emotional stärker auf mich gewirkt hat. Was die 5. kann wird sich noch zeigen müssen. Die erste Episode fand ich auf jeden Fall wieder exzellent – und gleich ein weiterer Schlag in die Magengrube…

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  1. Ostern fang ich an, die Komplettbox liegt bereit. Es sei denn, mir kommt Bloodborne für die PS4 dazwischen. Oder der Rest der dritten Staffel von House Of Cards. Oder die Blu-ray-Box von Rome, das auch noch auf seine Sichtung wartet. Oder irgendeine Netflix/Yahoo/Playstation-Show, von der alle begeistert sind und die ihre Episoden in einem Tempo rauspumpt, dass ich alter Mann nicht mehr nachkomme.

    Schon das Obama-David Simon-Interview gesehen?


    Wäre bei uns eher von der Leyen interviewt Rosamunde Pilcher….

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    • Wie schon gesagt: Ich hatte mich auch lange gesträubt und immer neue Ausreden, sprich Serien, gefunden, die ich vorgeschoben habe. Zu “Rome” kann ich zumindest sagen: ist nett, kommt aber weit nicht an “The Wire” heran. Also bitte – und speziell wenn die neuen, hippen Serien zu schnell für dich sind, dürftest du viel Freude an “The Wire” haben! 😉

      Das Obama-Interview wurde mir heute schon einmal empfohlen. Dennoch danke dafür! Werde ich am WE bestimmt mal reinschauen. Achja, lieber kein deutsches Interview. Herrlich! 😀

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    • Ja, Bubs ist auch ein toller Charakter und seine Storyline absolut erschütternd. Zumal sie sich durch mehr Aufmerksamkeit durch seine Handler ganz anders hätte entwickeln können. Tragisch, wie so viele Schicksale…

      Ja, die Staffel ist kürzer, doch 10 einstündige Episoden sind immerhin besser als nichts, zumal die letzte ja wieder Spielfilmlänge haben wird. Ich freue mich drauf! 🙂

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      • Ich bin mit Staffel 5 ja nicht so recht warm geworden. Da gibt es einen Handlungsstrang, bei dem ich eigentlich jede Folge etwas mehr die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen habe… Bin gespannt, was du zum Abschluss der Serie sagst und ob es dir auch so geht mit Staffel 5. Und das war jetzt übrigens kein Spoiler – es gibt ja in „The Wire“ gefühlte 4638 Handlungsstränge. 😀

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      • Mir gefällt die 5. Staffel bisher auch sehr gut, allerdings habe ich auch erst zwei Folgen gesehen. Am Ende der letzten tauchte auch ein Handlungsstrang auf, den ich mehr als seltsam fand. Steht bei deinem Beispiel zufällig McNulty im Zentrum? Mal sehen, wie sich das noch so entwickelt. Davon abgesehen finde ich es toll, dass immer noch Bezüge zu den alten Staffeln geknüpft werden und man z.B. auch Avon Barksdale wieder sieht. Können wir dann ja ausführlich in meiner Besprechung zur 5. Staffel diskutieren, dann habe ich auch keine Angst vor Spoilern mehr… 😉

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  2. Bei der fünften Staffel geht es mir ähnlich, mit der Story und den neue Figuren wurde ich nicht so richtig warm, trotzdem natürlich weiter auf hohen Niveau. Was natürlich die fünfte Staffel trotzdem richtig gut macht, ist dass man weiß, dass es dem Ende zu geht und die letzte Folge und der Abspann machen das was eine gute Serie ausmacht, sie lassen einen zurück und man weiß, dass man so eben eine der besten Serien gesehen hat und die diese Welt und Figuren los lassen muss. Wenn das so schwer fällt wie bei dieser Serie, dann weiß man das die Macher alles richtig gemacht haben.

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    • Klingt ziemlich nach dem, was ich mir von der letzten Staffel auch erwarte. Schon jetzt schwingt eine gewisse Wehmut mit, was bei der Thematik an sich schon ein wenig komisch ist. Spricht aber natürlich tatsächlich für Showrunner und Autoren, die eine wahrlich fantastische Serie auf die Beine gestellt haben! 🙂

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    • Hehe, wir werden ja sehen! Bisher (zwei Episoden) gefällt sie mir sehr gut, nur deutet sich gerade ein Handlungsstrang an, mit dem ich meine Probleme haben könnte. Aber mal abwarten. Schlecht wird auch diese Staffel nicht werden, keine Frage! 🙂

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  3. Pingback: Media Monday #196 | Tonight is gonna be a large one.

  4. Also, natürlich ist die vierte Staffel die allerbeste, aber die fünfte Staffel fand ich ebenfalls gut. Und McNulty ist und bleibt nun einmal eine Knalltüte.

    Aber zurück zur vierten Staffel. Es ist das erste Mal gewesen, dass mir eine Fernsehserie tatsächlich das Herz gebrochen hat und jedes Mal, wenn ich an diese Staffel zurückdenke, ist dieses Gefühl wieder da. Und das widerspricht meiner Rezeption von Filmen, Serien und Büchern gänzlich. Normalerweise setzt sehr schnell die Analyse ein. Doch bei dieser Staffel saß ich einfach nur da.

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    • Du hast den Effekt der Staffel sehr gut beschrieben. „The Wire“ hatte mich bereits zuvor emotional stark gepackt, doch so wie es mir nach dieser Staffel ergangen ist, war es noch nicht. Wirklich erschütternd und mitreißend. Natürlich aufgrund der Kinder. Hilft aber alles nichts, auch ich war danach fertig.

      Die fünfte Staffeln (ich habe nur noch 4 Episoden vor mir) finde ich auch richtig gut, speziell dass viele Fäden aus den vorhergehenden Staffeln wieder aufgenommen werden und selbst McNultys Agenda macht inzwischen mehr Sinn. Ich befürchte nur, dass die 10 Episoden zu knapp sein werden. Gerne würde ich mehr von der journalistischen Arbeit sehen.

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  5. Pingback: The Wire – Season 5 | Tonight is gonna be a large one.

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