Toni Erdmann (2016)

Nach einer kurzen, aber intensiven Arbeitswoche hatte ich mich eigentlich auf einen Popcorn-Film zum Wochenausklang gefreut. Dann habe ich jedoch in der letzten Nerdtalk-Sendung erfahren, dass es „Toni Erdmann“ ganz frisch bei Amazon Prime gibt und hatte zudem noch die positive Besprechung im Sneakpod im Kopf. Also alle Pläne umgeworfen und mich für die diesjährige deutsche Oscar-Hoffnung entschieden. Erwartet habe ich ein anstrengendes Filmerlebnis, bekommen jedoch…

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Habe ich gerade wirklich einen 160-minütigen Film gesehen? Zudem einen, der den Ruf hat ein wenig sperrig zu sein? Kaum zu glauben. Meine Motivation Maren Ades jüngstes Werk zu sehen entsprang eher einer cineastischen Neugier, als der Hoffnung wirklich einen unterhaltsamen Film zu sehen. Ich stellte mich also auf eine fordernde Sichtung ein, die ich zudem – ja, die Fastenzeit hat begonnen – ohne Knabbereien und Alkohol über mich ergehen lassen würde. Bekommen habe ich jedoch einen Film, der wie im Flug vergangen ist, der mich mehrmals laut lachen ließ, der mich zu Tränen rührte und der teils schmerzhaft anzuschauen war. Ein emotional aufgeladenes, kunstvolles und dabei doch unglaublich unterhaltsames Werk. Damit hätte ich nun wahrlich nicht gerechnet.

Mit einer Vater-Tochter-Beziehung im Fokus, drückt „Toni Erdmann“ bei mir natürlich einige Knöpfe. Hinzu kommt die teils schon schmerzhaft treffende Darstellung der Big-Business-Welt mit all ihren Buzzwords und unsinnigen Ritualen. Die Kamera ist oft fast schon dokumentarisch und verpackt das Geschehen in sehr echt wirkende Bilder. Zunächst lernen wir Vater Winfried Conradi kennen und bleiben für gut eine Stunde in seiner Erzählperspektive, bevor wir Tochter Ines Conradi in ihrem beruflichen Umfeld kennenlernen. Hier wechselt die Perspektive, was für eine interessante Dynamik sorgt. Oberflächlich betrachtet beginnt nun eine Art Verkleidungskomödie, in der Winfried als Kunstfigur Toni Erdmann die Tochter in peinliche Situationen bringt. Der Kniff dabei ist aber, dass Ines schon bald auf das Spiel ihres Vaters eingeht und ihm nie wirklich böse sein kann, selbst wenn es ihr schwer fällt. Dies ist von Peter Simonischek und Sandra Hüller so wunderbar gespielt und von Maren Ade so leicht und doch bewegend inszeniert, dass es eine Freude ist.

Neben den schmerzhaften Einblicken in diese beiden so unterschiedlichen und doch so eng verknüpften Leben, birgt der Film auch einige Überraschungen, die nicht nur die handelnden Figuren irritieren. In diesen Szenen ist „Toni Erdmann“ wunderbar komisch, wobei er seine Protagonisten nie der Lächerlichkeit preisgibt. Die Dramödie enthält viele große und kleine Szenen, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Das Ende des Films ist zudem großartig und setzt nicht auf aufgesetztes Drama (meine größte Befürchtung war der Tod des Vaters), sondern auf einen kurzen Moment der Wahrhaftigkeit. Jeder von uns weiß, dass man die besonderen Momente im Leben erst hinterher zu schätzen weiß. Gerade als Elternteil. Auch ich mache mir über dieses Konstrukt häufiger ganz bewusst Gedanken – und doch bin auch ich getrieben von Dingen, die einfach erledigt werden müssen. Und selbst mit diesem Bewusstsein kann man nichts daran ändern, was schön damit verbildlicht wird, dass Winfried die Kamera eben nicht rechtzeitig holen kann. Der Moment ist vorbei.

Ich bin wirklich froh, die Gelegenheit wahrgenommen zu haben „Toni Erdmann“ zu sehen. Es war ein rundum gelungenes Erlebnis und ich kann den Film jedem Interessierten nur ans Herz legen. Allerdings glaube ich auch, dass er nicht für jeden Zuschauer funktionieren wird, dafür ist er zu speziell und andersartig. Er lässt sich in keine Schublade stecken, doch gerade das macht ihn so wunderbar: 9/10 Punkte.

29 Gedanken zu “Toni Erdmann (2016)

  1. „Nirgendwo habe ich mehr über Käsereiben gelernt als in diesem Film“
    Inshmore, Blogger, beeindruckt

    Muss ich mir auich nochmal auf amazon prime anschauen, bevor mein Abo vorbei ist. Im Kino habe ich bei der „Sex“-Szene und dem Schluss immer zu dem Seniorenpaar rübergelinst, denen ich auf Anfrage bestätigt hatte, dass der Film in diesem Kinosaal läuft. Die hatten aber Spaß dabei.

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    • Hehe, ja die Käsereibe. Wunderbar! 😁

      Die Mischung funktioniert hier einfach: von skurrilem Humor über schmerzhaftes Drama bis hin zu einfach unerwarteten Szenen. Mochte ich wirklich sehr!

      Was treibt dich weg von Prime? Füllt dich Netflix zu sehr aus oder bestellst du zu viel? 😉

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      • Ah, verstehe. Die Preiserhöhung trifft mich tatsächlich erst in einem Jahr und ich glaube selbst dann lohnt es sich schon alleine wegen des Streaming-Angebots (ist ja mein einziger Service) sowie dem kostenlosen Versand unter 20 Euro.

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  2. Da hat jemand ja viel Zeit gehabt 🙂

    Ich hätte bevorzugt, dass der Film eine Stunde kürzer ist. Verstehe ohnehin nicht, warum heutzutage jeder Film fast zweieinhalb Stunden gehen muss. Hat in den 80ern & 90ern ja auch sehr gut in 90-100 Minuten geklappt.

    Der Film ist ganz nett (dafür, dass er aus Deutschland kommt), aber hat mich nicht sonderlich beeindruckt.

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    • Ist ja lustig. Ich habe mir gedacht, dass ich froh bin dass das Drehbuch nicht in das 90-Minuten-TV-Film-Format gezwängt würde. Die Luft hat den Film gut getan.

      Bei anderen Filmen, speziell in Richtung Action-Kino, sehe ich das aber ganz genauso…

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      • Man hätte den Film bestimmt effizienter erzählen können, doch hätte ihm das nicht das Besondere genommen? Ich für meinen Teil habe jede einzelne Minute genossen und gerne mehr Zeit mit den Figuren verbracht. Hier war die Überlänge für mich ein Mehrwert, was ich bei Weitem nicht über jeden Film sagen kann.

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      • Klar, wenn ein Film 12 Stunden geht ist das besonders, aber deswegen muss man im Umkehrschluss nicht sagen „wäre er keine 12 Stunden lang, hätte ihm nicht das Besondere genommen?“ 😀

        Ich schaue mir halt Filme wie Victoria und Toni Erdmann an und frage mich eben „musste das sein oder wäre es auch anders gegangen“? Den einen Film kann man auch ohne One Take in 90 Minuten erzählen, für den anderen braucht es ebenfalls keine 160 Minuten in meinen Augen. Jetzt kann man natürlich streiten, ob die Whitney-Houston-Szene – so gut gespielt sie ist – wirklich essentiell wäre. Ich frage mich halt immer, ob, wenn ich den Film um beispielsweise diese Szene kürze und ihn jemand zeige, der ihn die Ursprungsfassung nicht kennt, diese Person dann sagt „ziemlich gut, aber was mir gefehlt hat, wäre noch so eine Szene wo die Hauptfigur aus sich herausgeht, zum Beispiel in einer Karaoke-Szene“. Für mich ist das alles oftmals reiner Selbstzweck, der sich nicht zwingend in den Dienst der Handlung stellt. Wenn man Toni Erdmann in 110 Minuten hätte erzählen können, dann hätte man ihn in 110 Minuten erzählen sollen – dann kann die internationale Presse allerdings von einer 3 hour German comedy schreiben. Ohne deswegen jetzt wieder die „Gimmick“-Unkenrufe auspacken zu wollen 😀

        Guckst du dir jetzt auch „Maggie“ an? Ist ja ebenfalls frisch auf Amazon Prime erschienen, bin gespannt was du zu diesem stillen Zombie-Familiendrama mit Arnie denkst 🙂

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      • Also dass der Film jetzt 160 Minuten geht ist vielleicht länger als normal, aber nun auch nicht so das mega Ding, laufen doch schon Standard-Judd-Apatow-Komödien über 140 Minuten. Bei „Toni Erdmann“ haben bestimmt auch unterschiedliche Schnittfassungen existiert, manche länger, manche kürzer, und am Schluss hat sich die Regisseurin wohl nicht ohne Grund für die 160-minütige entschieden. Ob hier nun ein Testpublikum involviert war oder nicht. Diese Schnittfassung zu wählen war ja kein Zufall und ich glaube tatsächlich, dass alle Beteiligten das Beste für den Film wollten. Ich sehe keinen Mehrwert hier nur aus Effizienzgründen auf 100 Minuten zu kürzen.

        Bei „Victoria“ dagegen ist der One-Take-Ansatz natürlich das zentrale Element, ohne den es ein ganz anderer, wohl viel generischer Film geworden wäre. Auch eine bewusste Entscheidung, die man so respektieren und anerkennen muss. Ob man das nun gut findet, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Für mich macht der One-Take einen Großteil der Wirkung des Films aus.

        „Maggie“ werde ich mir tatsächlich einmal anschauen, allerdings nicht via Amazon Prime, sondern ganz klassisch auf Blu-ray, da der Film schon länger bei mir im Regal steht… 🙂

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  5. Schön, das der Film dir gefallen hat. Hab ihn jetzt auch nochmal auf meine Watchlist gesetzt, da er natürlich auch wunderbar in meine #52FilmsByWomen Aktion passt. Somit wird es irgendwann wohl auch von mir dazu eine Rezension geben. Also eine richtige, nicht nur eine kurze und knackige wie damals bei der Erstsichtung.

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      • Ich kenne von ihr noch ‚Alle anderen‘ mit Eidinger in der männlichen Hauptrolle. Hier ist aber sehr viel mehr Drama und weniger Humor zu finden. Ist aber auch eine hautnahe Gesellschaftsstudie, wenngleich hier fokussiert auf den Faktor Beziehungen zwischenmenschlicher Art auf privater Ebene. Das ist ja bei ‚Toni Erdmann‘ nur ein Aspekt der ganzen Geschichte. ‚Alle anderen‘ ist dann aber wirklich so sperrig, wie du fälschlicherweise bei ‚Toni Erdmann‘ gedacht hast.

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      • Klingt auch spannend, aber tatsächlich sperrig. Dennoch bin ich neugierig, auch auf ihren ersten Film. Vielleicht schau ich einmal rein, wenn ich gerade in Stimmung für sperriges Drama bin… 😉

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  7. Der hat mir auch extrem gut gefallen und ich kanns nicht fassen, dass der nicht den Oscar für den besten fremdsprachigen Film bekommen hat. Okay okay … einerseits ist es nur ein amerikanischer Filmpreis, aber ich hätte das gern gesehen, dass Maren Ade den abräumt. Wenn aber das US-Remake Preise bekommt, werde ich wahrscheinlich etwas angesäuert.
    Ansonsten bin ich mir nicht sicher wie das Ende zu deuten ist. Ich muss gestehen, da habe ich deine schlimmste Vermutung so ein wenig rein-interpretiert.

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    • Anscheinend war die Konkurrenz dieses Jahr auch ziemlich stark und „The Salesman“ scheint auch ein ganz besonderer Film zu sein. Dennoch hätte ich den Oscar Maren Ade von ganzen Herzen gegönnt. Es freut mich auf jeden Fall sehr, dass dir der Film ebenso gut gefallen hat… 🙂

      Auf die Idee wäre ich überhaupt nicht gekommen, das Ende so zu deuten. Puh, du bringst mich auf Ideen. Ich glaube das wäre auch etwas viel, wenn auf der Beerdigungsfeier der Mutter auch noch der Sohn stirbt. Zuzutrauen wäre dem Film das natürlich, doch habe ich es so interpretiert, dass damit deutlich gemacht wurde, dass man die besonderen Momente eben nicht festhalten kann.

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