Sing Street (2016)

Der Ostermontag war beinahe ein wenig anstrengend. Es hat den ganzen Tag geregnet, so dass Außenaktivitäten nicht drin waren. Umso tragischer, da zu den Geschenken ein Skateboard und Inline Skates gehörten. Also abends noch, für die gute Stimmung, ein Brettspiel gespielt, dann die Kinder ins Bett gebracht und mit „Sing Street“ den dritten Musikfilm von John Carney in den Blu-ray-Player geschoben. Es scheint so, als würde sich so langsam ein neuer Lieblingsregisseur bei mir herauskristallisieren…

Das Glück in der Traurigkeit

Das Setting im Irland der 1980er Jahre vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise hätte auch eine ganz andere Art von Film heraufbeschwören können: ein Sozialdrama, wie von Ken Loach inszeniert, das bestenfalls bittersüße Momente beinhaltet. John Carney jedoch wählt den Weg der Hoffnung. Er lässt seine Figuren wortwörtlich das Glück in der Traurigkeit finden. Und das ist ganz und gar wundervoll. In „Sing Street“ erzählt Carney eine klassische Coming-of-Age-Geschichte samt erster Liebe, der Abkapselung vom Elternhaus, Rebellion und Selbstverwirklichung. Diese Auflistung mag sich klischeehaft lesen, doch wurden diese Aspekte selten so erfrischend ehrlich, undramatisch und mit Musik inszeniert. Es ist eine wahre Freude!

Coming-of-Age als Spiegel der eigenen Jugend

Warum liebe ich Coming-of-Age-Filme? Natürlich weil sie immer ein Spiegelbild der eigenen Jugend darstellen. Ich war nie in einer Band, habe selten rebelliert und mein Elternhaus war größtenteils intakt. In „Sing Street“ inszeniert John Carney das Idealbild einer Jugend in den 80er Jahren. Conor (großartig: Ferdia Walsh-Peelo) findet sich über die Laufzeit des Films und erlebt bis dahin etliche Phasen, die stets durch Musik ausgedrückt werden. John Carney kennt die musikalischen Trends der 80er Jahre und legt sie wie eine Schablone über Conors Leben. Wunderbar, erfrischend und einfach nur mitreißend anzusehen. Dabei spart der Film ernste Themen nicht aus und ist in den entscheidenden Momenten dennoch so unglaublich positiv und lebensbejahend, dass man dies in der oft zynischen Kinolandschaft der 2010er Jahre kaum glauben mag.

Wenn Conor und Raphina (ebenso hinreißend: Lucy Boynton) am Ende in den bildhaften Sonnenuntergang fahren, hätte das in jedem anderen Film vermutlich unglaublich kitschig gewirkt. Hier jedoch habe ich mich einfach mit den beiden gefreut. Mit dieser Szene spiegelt „Sing Street“ auch die entsprechende Szene aus Carneys „Once“ wider, in der sich die Protagonisten entscheiden eben nicht zusammen nach England zu gehen. Der Kreis schließt sich.

Fazit

Nun habe ich mit „Once“, „Can a Song Save Your Life?“ und „Sing Street“ die drei großen Musik-Filme von John Carney gesehen. Alle drei haben mich auf ihre Art und Weise berührt. Man kann definitiv einen übergreifenden Stil erkennen und ich hoffe inständig, dass Carney mit dem Thema noch nicht durch ist. Für mich eine der schönsten, hoffnungsvollsten und mitreißendsten Coming-of-Age-Geschichten, die ich jedem Freund des Genres (und der Musik!) nur empfehlen kann: 9/10 Punkte.

30 Gedanken zu “Sing Street (2016)

  1. Yeah – sag ich doch! 😉 Ich habe ja nach der Sneak Preview sogar 10 Punkte (Prädikat Instant Lieblingsfilm) vergeben, weil mich diese Coming-of-Age Geschichte so mitgerissen hat. Und, hey, ich war tatsächlich Jugendliche in den 80er Jahren. Ein wahres Fest – ich bin danach so glücklich aus dem Kinosaal gekommen! Zur Erinnerung: https://singendelehrerin.wordpress.com/2016/05/14/neulich-beim-sneaken-sing-street-john-carney-irlandukusa-2016/

    Hach! ❤

    Gefällt 1 Person

  2. Oh Mann, das ist ein absolut großartiger Film und ich habe es trotz direktem Vornehmens bislang nicht geschafft Carneys andere Filme zu schauen. Das muss ich endlich ändern!

    Übrigens: das „Drive it like you stole it“ nicht mal für den Oscar als bester Song nominiert war, ist eine verdammte Frechheit. Musste mal gesagt werden. 😉

    Gefällt 1 Person

    • Ähm, aber das war doch bewusst so, dass man sehen soll welche 80er Band gerade gecovert wird, oder? Der Film nimmt natürlich stark die Perspektive der Jungs bzw. ganz konkret von Conor ein. Raphina ist hier die idealisierte, überhöhte Frau, die er anschmachten kann. Für mich im Rahmen der Geschichte völlig legitim.

      Gefällt mir

      • Da wären wir wieder bei der Thematik: Was ist eine gute Hommage und was ist billiger Klau. Es gibt nur einen Song aus allen Filmen des Regisseurs an den ich mich erinnern kann, und das ist kein gutes Zeichen für einen Regisseur der ach so schöne Musikfilme macht.

        Ja, das Ding ist aber, das spätestens bei der Widmung im Abspann, die dem Bruder gilt, es eigentlich eine Verbeugung für die coolen älteren Geschwister sein sollte, die einen musikalisch nund persönlich formen und für einen sogar eigene Träume aufgeben.

        Gefällt 1 Person

      • Gerade von den ersten beiden Filmen habe ich noch fast alle Songs in Ohr, was aber auch an den häufig gehören Soundtracks liegt. Welcher Song ist es bei dir?

        Lese ich da raus, dass dir die Widmung nicht gefallen hat?

        Gefällt mir

      • Schöner Vergleich… 😀

        Allerdings fand ich, dass der Bruder in der Geschichte so prägend für die musikalische Entwicklung war, dass die Widmung durchaus gerechtfertigt war. Selbst wenn die Screentime eher gering war und das Finale für ihn auch ein wenig unbefriedigend.

        Gefällt mir

  3. Ich mochte den auch irgendwie, war aber bei weitem nicht so euphorisch wie du. Look& Feel waren eine nette (sehr überhöhte) Reminiszenz an die Zeit, aber die gesamte Geschichte war für mich ein dermaßen abgedroschenes Malen nach Zahlen, dass ich tatsächlich glaube selten, vielleicht nie, so viele abgegriffene dramaturgische Klischees auf einem Haufen gehört zu haben. Carney schafft zwar, dass man ihm das nicht bis uns letzte übel nimmt – der Film hat das Herz schon am rechten Fleck – aber das gab extreme Dämpfung in der B-Note. Auch möchte ich die Musik anfangs sehr (liebe Wave/Synthpop/Postpunk der Zeit), aber gegen Ende, vor allem im finalen Konzert, waren die Songs dann doch nicht stark genug, um als erzählerisches Element zu greifen.

    Gefällt 1 Person

    • Die klischeehaften Elemente sind auch nicht an mir vorbeigegangen, doch ich habe diese sogar als Stärke des Films wahrgenommen. Carney geht einfach so wunderbar offen, naiv und sympathisch damit um, dass ich mich einfach in die Geschichte fallen lassen konnte. Allerdings bin ich in der Musik natürlich auch nicht so drin wie du, was hier ein Vorteil gewesen sein mag… 😉

      Gefällt mir

      • Wirklich tief drin bin ich auch nicht, zumindest nicht auf die Art, dass ich jede obskure Synthpop-Band der Zeit kenne und gehört habe. Sind dann doch „nur“ die populären Vertreter, die ich höre und liebe. Aber diese melancholische Magie, die die Musik teilweise hat, kam für mich hier eben nur teilweise auf. Der Song beim ersten Videodreh war z.b. klasse, später ebbte es eher ab.

        Gefällt 1 Person

      • Die populären Vertreter kenne ich tatsächlich auch und die neuen Songs haben sich doch stark daran orientiert. Mich hatte der Film spätestens bei The Cures „In Between Days“ – den Song liebe ich.

        Gefällt mir

  4. Pingback: Media Monday #304 | moviescape.blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s