Nach einer kurzen, aber intensiven Arbeitswoche hatte ich mich eigentlich auf einen Popcorn-Film zum Wochenausklang gefreut. Dann habe ich jedoch in der letzten Nerdtalk-Sendung erfahren, dass es „Toni Erdmann“ ganz frisch bei Amazon Prime gibt und hatte zudem noch die positive Besprechung im Sneakpod im Kopf. Also alle Pläne umgeworfen und mich für die diesjährige deutsche Oscar-Hoffnung entschieden. Erwartet habe ich ein anstrengendes Filmerlebnis, bekommen jedoch…

Habe ich gerade wirklich einen 160-minütigen Film gesehen? Zudem einen, der den Ruf hat ein wenig sperrig zu sein? Kaum zu glauben. Meine Motivation Maren Ades jüngstes Werk zu sehen entsprang eher einer cineastischen Neugier, als der Hoffnung wirklich einen unterhaltsamen Film zu sehen. Ich stellte mich also auf eine fordernde Sichtung ein, die ich zudem – ja, die Fastenzeit hat begonnen – ohne Knabbereien und Alkohol über mich ergehen lassen würde. Bekommen habe ich jedoch einen Film, der wie im Flug vergangen ist, der mich mehrmals laut lachen ließ, der mich zu Tränen rührte und der teils schmerzhaft anzuschauen war. Ein emotional aufgeladenes, kunstvolles und dabei doch unglaublich unterhaltsames Werk. Damit hätte ich nun wahrlich nicht gerechnet.
Mit einer Vater-Tochter-Beziehung im Fokus, drückt „Toni Erdmann“ bei mir natürlich einige Knöpfe. Hinzu kommt die teils schon schmerzhaft treffende Darstellung der Big-Business-Welt mit all ihren Buzzwords und unsinnigen Ritualen. Die Kamera ist oft fast schon dokumentarisch und verpackt das Geschehen in sehr echt wirkende Bilder. Zunächst lernen wir Vater Winfried Conradi kennen und bleiben für gut eine Stunde in seiner Erzählperspektive, bevor wir Tochter Ines Conradi in ihrem beruflichen Umfeld kennenlernen. Hier wechselt die Perspektive, was für eine interessante Dynamik sorgt. Oberflächlich betrachtet beginnt nun eine Art Verkleidungskomödie, in der Winfried als Kunstfigur Toni Erdmann die Tochter in peinliche Situationen bringt. Der Kniff dabei ist aber, dass Ines schon bald auf das Spiel ihres Vaters eingeht und ihm nie wirklich böse sein kann, selbst wenn es ihr schwer fällt. Dies ist von Peter Simonischek und Sandra Hüller so wunderbar gespielt und von Maren Ade so leicht und doch bewegend inszeniert, dass es eine Freude ist.
Neben den schmerzhaften Einblicken in diese beiden so unterschiedlichen und doch so eng verknüpften Leben, birgt der Film auch einige Überraschungen, die nicht nur die handelnden Figuren irritieren. In diesen Szenen ist „Toni Erdmann“ wunderbar komisch, wobei er seine Protagonisten nie der Lächerlichkeit preisgibt. Die Dramödie enthält viele große und kleine Szenen, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Das Ende des Films ist zudem großartig und setzt nicht auf aufgesetztes Drama (meine größte Befürchtung war der Tod des Vaters), sondern auf einen kurzen Moment der Wahrhaftigkeit. Jeder von uns weiß, dass man die besonderen Momente im Leben erst hinterher zu schätzen weiß. Gerade als Elternteil. Auch ich mache mir über dieses Konstrukt häufiger ganz bewusst Gedanken – und doch bin auch ich getrieben von Dingen, die einfach erledigt werden müssen. Und selbst mit diesem Bewusstsein kann man nichts daran ändern, was schön damit verbildlicht wird, dass Winfried die Kamera eben nicht rechtzeitig holen kann. Der Moment ist vorbei.
Ich bin wirklich froh, die Gelegenheit wahrgenommen zu haben „Toni Erdmann“ zu sehen. Es war ein rundum gelungenes Erlebnis und ich kann den Film jedem Interessierten nur ans Herz legen. Allerdings glaube ich auch, dass er nicht für jeden Zuschauer funktionieren wird, dafür ist er zu speziell und andersartig. Er lässt sich in keine Schublade stecken, doch gerade das macht ihn so wunderbar: 9/10 Punkte.