Weissensee – Die komplette Serie (Staffel 1 bis 4)

Da ich in den letzten Jahren ein paar deutsche Serien gesehen habe, die ich durchaus spannend fand, wollte ich auch einmal in „Weissensee“ reinschauen. Was mich genau dabei erwarten würde, wusste ich im Vorfeld noch nicht. Nur dass die Serie in der DDR spielt und es eine zentrale Liebesbeziehung gibt. Ob Thriller, Familienserie oder sonstiges? Da ließ ich mich überraschen… 🧱

Weissensee | © Das Erste

Weissensee | © Das Erste

Letztendlich war ich tatsächlich überrascht, wie dramatisch sich die Serie entwickelt hat. Positiv überrascht. Hier gibt es keine Ostalgie, sondern die harte, düstere Realität. Zumindest wirkt die Serie über weite Strecken sehr realistisch und beklemmend. Damit ist sie deutlich näher an „Das Leben der Anderen“ als an „Good Bye, Lenin!“ (übrigens auch mit Florian Lukas) und weiteren Filmen dieser Art dran.

Staffel 1: Romeo & Julia in Ostdeutschland (1980)

Die Serie „Weissensee“ ist so ganz anders als vieles, was ich in den letzten Jahren gesehen habe. Selbst moderne deutsche Serien, wie „Bad Banks“ oder „Beat“, orientieren sich stilistisch stark an den großen US-Vorbildern. „Weissensee“ sieht dagegen bieder und altbacken aus. Klar, es wird ja auch ungeschönt der Alltag in der DDR gezeigt. Viele Szenen wirken beklemmend und teils hatte ich schon beim Zusehen das Gefühl, als würde ich keine Luft mehr bekommen. Die Liebesgeschichte macht zwar Hoffnung, doch steht diese von Anfang an unter keinem guten Stern. Wirklich herausragend fand ich allesamt die Schauspieler, speziell Hannah Herzsprung und Florian Lukas, den ich seit „Absolute Giganten“ liebe. In den sechs Episoden der ersten Staffel steckt so einiges an Inhalt und ich finde dieses Format sehr passend, um solch eine weitreichende Geschichte zu erzählen: 8/10 (8.3) Punkte.

Staffel 2: Zeitsprung in den Untergang (1987)

Die zweite Staffel startet mit einem Zeitsprung von sieben Jahren, was zunächst ein wenig überwältigend wirkt. Doch die Serie hat schnell wieder ihren Fokus gefunden und macht mitreißende neue Handlungsstränge auf, ohne den Bezug zum Ursprung  der Geschichte zu verlieren. Die Beziehung zwischen Julia und Martin endet in einer Katastrophe, die ich in dieser drastischen Form nicht erwartet hätte. Das Spannungsfeld innerhalb der Familie Kupfer wird immer größer. Martins Bruder Falk ist wohl eine der abscheulichsten Figuren der Serie und zeigt exemplarisch gut, was an dem System der DDR falsch gelaufen ist. Vater Hans macht wohl die spannendste Entwicklung durch und ist beinahe schon der positive Gegenpol. Mit der Beziehung zwischen Falk und Vera gibt es zudem noch eine starke persönliche Komponente, die immer weiter eskaliert und man sich für Vera nur noch einen Befreiungsschlag wünscht. Das Staffelfinale ist dann auch tatsächlich bittersüß, wobei die tragische Komponente eindeutig überwiegt. Wirklich eine herausragende Staffel, die zeigt was deutsche Serien zu leisten im Stande sind: 10/10 (9.5) Punkte.

Staffel 3: In jeder Hinsicht eine Wende (1989)

Das dritte Jahr mit der Familie Kupfer beginnt in der Nacht des Mauerfalls. Somit steht die gesamte Staffel im Zeichen der Wende. Für die DDR, für den Widerstand, für die Stasi und für die gesamte Bevölkerung. Durch dieses wichtige Ereignis befinden sich einige Figuren, speziell Falk, unter Zugzwang und es kommt zu ein paar wirklich drastischen Szenen. Auch Martin sieht sich abermals mit seiner Vergangenheit konfrontiert bzw. geht das Thema aktiv an, indem er seine verschollene Tochter in West-Berlin sucht und findet. Gerade diesen Handlungsstrangs fand ich extrem emotional. In diesem Zuge bleibt auch die Konfrontation zwischen Martin und Falk nicht aus, welche sich drastisch zuspitzt, am Ende jedoch wunderbar antiklimaktisch aufgelöst wird. Dazwischen gibt es viele kleine und große Geschichten rund um die Wendezeit, welche meist dramatisch ablaufen, jedoch vor allem durch die Figur Peter Görlitz auch einen gewissen Humor besitzen. Dennoch bleibt „Weissensee“ auch im dritten Jahr ein astreines Drama – und was für eines: 10/10 (9.7) Punkte.

Staffel 4: Vom Regen in die Traufe (1990)

Auch in der letzten Staffel von „Weissensee“ überwiegen die schweren Themen. Nein, die Wende hat keine wirklichen Verbesserungen für die Protagonisten gebracht. Nur andere Probleme. So stark ich auch die Inszenierung des Zusammenbruchs des Systems fand, so sehr haben mich auch manche Handlungsstränge mit den Augen rollen lassen. Die Model-Geschichte von Martins älterer Tochter fand ich irgendwie seltsam und ablenkend. Dann der große Zufall, dass Görlitz und seine Partnerin auf Mallorca ausgerechnet auf den Mörder Ihres Bruders treffen. Das ist ganz schön weit hergeholt. Davon abgesehen werden die Haupthandlungsstränge konsequent weitererzählt und ich war wirklich erstaunt wie hoffnungs- und schonungslos die Serie mit ihren Figuren umgeht und letztendlich auch endet. Alleine die letzte Episode wartet mit zwei Todesfällen von Hauptfiguren auf, einer davon in der allerletzten Szene. Harter Tobak und dennoch ein gelungener Abschluss, wenngleich eine fünfte Staffel durchaus noch möglich gewesen wäre: 9/10 (9.0) Punkte.

Fazit

Was für eine kraftvolle Serie. Ich bin wirklich froh, mich mit „Weissensee“ einmal wieder der seriellen Erzählkunst aus Deutschland gewidmet zu haben. Hier wird Geschichte greifbar und nicht beschönigend verarbeitet. Auch wenn nicht jeder Erzählstrang komplett zu überzeugen weiß, so lohnen sich die 24 Episoden der Serie jedoch in jeder Hinsicht. Eine dicke Empfehlung: 9/10 (9.1) Punkte.

15 Gedanken zu “Weissensee – Die komplette Serie (Staffel 1 bis 4)

  1. Ich finde ja, die deutsche Serie ist – abseits von den Vorabendkrimis – besser als ihr Ruf. Zumindest lassen sich da pro Jahr durchaus 2-3 gute Serien finden. Mir gefiel Anfang des Jahres z.B. Unterleuten vom ZDF ausgesprochen gut und auch die Sky Serien machen meistens einen sehr guten Eindruck. Weissensee habe ich dagegen bisher (leider) verpasst.

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    • 2-3 sind allerdings recht wenig für den großen Ausstoß an deutschen Serien. Sehe sehe damit darin bestätigt, dass der Großteil der Produktionen Schrott ist. Hier nehme ich allerdings „Unterleuten“ ausdrücklich aus. Das war wirklich ganz große Klasse 😊

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      • Umso wichtiger finde ich es, dass man häufiger über Serien wie „Weissensee“ berichtet. Denn deutsche Serien können durchaus was. Aber nee, da ist dann doch nur wieder der neue Tatort von Interesse… 🙄

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      • Wobei die Tatort-Reihe durchaus auch schon mal versucht, die übliche Formel „Mord-Ermittlung-Festnahme“ zu variieren, was aber von den Stammguckern so gar nicht honoriert wird. Im Gegenteil. Da gibt es dann immer jede Menge böser Anrufe in den Sendern und es wird auf den ZDF-Pilcher umgeschaltet.

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      • Dann habe ich immer nur bei den echt langweiligen und biederen 08/51-Tatorts eingeschaltet. Aber das habe ich nun schon öfter gehört, dass es hier auch einige positive Ausnahmen geben soll.

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  3. Wahrscheinlich sogar die beste deutsche Serie der Zweitausendzehner, gerade weil Fiktion so gut in ein authentisches historisches Setting gepackt wird. Weiß noch wie mein Geschichtslehrer meinte, wenn ihr sehen wollt, wie die DDR war, guckt euch Weißensee an

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    • Etwas Ähnliches habe ich auch in einigen Besprechungen gelesen. Auch wenn ich die Zeit damals nur am Rande mitbekommen habe, so fand ich das Portrait doch erschreckend realistisch. Hat zumindest so gewirkt. Wahrlich eine famose Serie.

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