Hell (2011)

Deutsche Genrefilme lassen sich – zumindest außerhalb des Amateurbereichs – an einer Hand abzählen. Sicher gibt es auch mal Thriller oder Gangsterfilme, doch tiefer wagt man sich selten in die unbekannten Gebiete abseits von Beziehungskomödie oder existenziellem Drama. Schon alleine deshalb sollte man sich Tim Fehlbaums „Hell“ anschauen. Postapokalyptische Horrorfilme aus Deutschland sieht man schließlich nicht alle Tage…

Der Film beginnt wie unzählige US-Filme dieser Art: Eine kleine Gruppe von Menschen schlägt sich nach einer mehr oder weniger definierten Katastrophe (hier eben verstärkte Sonneneinstrahlung) durch verlassene Gegenden und kämpft mit anderen Überlebenden um die knappen Ressourcen. Wer hier an „The Book of Eli“ oder den ungleich beeindruckenderen „The Road“ denken muss, liegt vollkommen richtig. Tim Fehlbaum setzt die postapokalyptische Ödnis visuell beeindruckend um. Oft ist man selbst als Zuschauer geblendet und kann sich somit gut in die Charaktere hineinversetzen. Ein toller Kniff, der auch intelligent genutzt wird.

Inhaltlich schlägt der Film leider keine neuen Wege ein. Die erste Stunde lebt vom alltäglichen Überlebenskampf, Misstrauen und einem spannungsgeladenen Angriff auf unsere kleine Gemeinschaft (u.a. Hannah Herzsprung und Stipe Erceg). Stark inszeniert, gut gespielt und teils äußerst spannend. Danach schlägt der Ton des Films um und wir befinden uns in einer Art Survival-Horror, der an „Texas Chainsaw Massacre“ oder „The Hills Have Eyes“ erinnert. Hier folgt der Film leider zu sehr den Genrekonventionen (inklusive typischer Schlachthausszene) ohne jedoch die Intensität seiner Vorbilder zu erreichen. Die letzte halbe Stunde birgt somit keinerlei Überraschungen, kann jedoch erneut mit ein paar imposanten Bildern aufwarten.

Ich war erstaunt, wie sehr „Hell“ nach Kino aussieht. Obwohl das Budget gering war, wirkt Fehlbaums Film wertiger, als die meisten anderen deutschen Kinofilme, die oft zu sehr nach Fernsehproduktion aussehen. Man merkt es an allen Ecken, dass Fehlbaum seine Hausaufgaben gemacht hat: Licht, Kamera, Schnitt und Farbkorrektur lassen schnell vergessen, dass man hier nur einen kleinen deutschen Film vor sich hat. Wirklich beeindruckend. Einen Kritikpunkt habe ich übrigens noch: Die Hinterwäldler hätten wenigstens einen leicht bayerischen Dialekt sprechen können. Die Rednecks in den US-Filmen nuscheln schließlich auch immer in tiefstem Südstaaten-Slang.

Auch wenn „Hell“ nicht perfekt ist, so hat er mich doch über knapp 90 Minuten wirklich gut unterhalten. Er schlägt meiner Meinung nach selbst große Genrekollegen, wie „The Book of Eli“, da er sich auf das Wesentliche konzentriert und auf pseudo-episches Brimborium verzichtet. Nicht der ganz große Wurf, aber eine große Hoffnung für das deutsche Kino. Ich freue mich bereits auf Tim Fehlbaums nächsten Film: 7/10 Punkte.

13 Gedanken zu “Hell (2011)

  1. Dann sehen wir diesen Film ja ähnlich und schätzen die Arbeit von Fehlbaum.
    Aber ich glaube, es ist ganz gut, den Hinterwäldlern keinen Akzent aufzudrücken – das ist meiner Meinung nach viel zu klischeebehaftet – außerdem sieht eine Frau ja schon archetypisch nach Disneys böser Hexe aus 😉

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    • Es hätte ja kein tiefstes Bayerisch sein müssen, doch dass sie – eben weil sie ja so abgelegen und in den Bergen leben – perfektes Hochdeutsch sprechen, fand ich etwas seltsam. Aber das ist ja nur ein kleines Detail unter vielen…

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  3. „Er schlägt meiner Meinung nach selbst große Genrekollegen, wie “The Book of Eli”“…
    Nicht schwer. Aber dank dir werde ich mir „Hell“ mal anschauen, hatte ich bisher vermieden, von wegen „deutscher Genrefilm“ und so.

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    • Naja, wenn man sich so umhört, dann kommt „The Book of Eli“ schon immer erstaunlich gut weg. Kann ich auch nicht so ganz verstehen und wenn man die Budgets bedenkt, dann ist „Hell“ durchaus der beeindruckendere Film. Trotz (oder gerade wegen) deutsch und Genre…

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  4. „[…] Nicht der ganz große Wurf, aber eine große Hoffnung für das deutsche Kino. […]“
    In der Tat, und wohl schon allein deshalb bin ich gewissermaßen froh, dass es diesen Film gibt. Zu hoffen ist, dass die Hoffnung keine Hoffnung bleibt und weitere praktische Anwendungen in diesem Stile aus deutschem Raum folgen.

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    • Ja, das hoffe ich auch. Ebenso, dass sich Tim Fehlbaum weiterhin auf Genrekost spezialisiert und a) nicht zu schnell dem Ruf nach Hollywood folgt oder b) in typische Verhaltsmuster deutscher Regisseure verfällt. Eine Fortsetzung bräuchte ich auch nicht. Die Hoffnung ist auf jeden Fall da!

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