12 Years a Slave (2013)

Zu manchen Filmsichtungen muss man sich fast schon durchringen. So ging es mir zumindest mit „12 Years a Slave“ – wahrlich keine leichte Feierabendunterhaltung. Doch eine solche hätte es nach dem phänomenalen „Mad Max: Fury Road“ auch schwer gehabt. Steve McQueens 2014er Oscar-Gewinner hat mich jedoch von der ersten Sekunde an in seinen Bann gezogen. Es war keine einfache Sichtung, doch bin ich wirklich froh den Film gesehen zu haben. Manche Geschichten sind es einfach wert erzählt und gehört bzw. gesehen zu werden.

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Mir ist die Geschichte der Sklaverei noch aus dem Schulunterricht bekannt. Ebenso habe ich während der Schulzeit Steven Spielbergs „Amistad“ gesehen, an den ich mich jedoch kaum noch erinnern kann. Steve McQueens „12 Years a Slave“ hat mich erstmals emotional das Ausmaß dieser düsteren Periode nachvollziehen lassen. So gut das eben ein Film schaffen kann. Der historisch belegte Tatsachenroman aus Solomon Northups Perspektive bildet zudem eine erschreckend greifbare Grundlage. Man kann sich nur zu gut mit Northup identifizieren, was die Unbegreiflichkeit der unmenschlichen Handlungen umso schockierender macht. Auch wenn mich so schnell keine fiktive Gewaltszene mehr aus der Fassung bringt, so musste ich meinen Blick in manchen Szenen doch abwenden. McQueen beschönigt nichts – und das ist gut so.

Überhaupt ist die Inszenierung unglaublich. Obwohl man sich in den pittoresken Südstaaten befindet, wirkt selbst jede Landschaftsaufnahme wie ein Gefängnis. Es gibt kaum Kamerafahrten und oft ist das Bild durch natürliche Bildelemente, wie zum Beispiel ein Holzgerüst oder Bäume, zusätzlich dichter kadriert. Auch die Wahl langer Brennweiten verstärkt das Gefühl der Enge und der Ausweglosigkeit. All dies findet jedoch nicht aufdringlich statt, sondern bildet die perfekte Form für diese Art von Geschichte. Selbst Hans Zimmers Score ist wunderbar unaufdringlich und bleibt oftmals sogar komplett aus. Man könnte sagen, dass „12 Years a Slave“ unsentimental erzählt ist, hätte er nicht diese emotional mitreißende Wirkung.

Müsste ich einen Kritikpunkt finden, dann dass die 12-jährige Tortur zu komprimiert erzählt wirkt. Allerdings wäre mehr innerhalb eines Filmes wohl auch nicht möglich gewesen – und in einer Serie wäre das Thema in dieser drastischen Form (auch wenn sich mit „Roots“ bereits dieser Thematik angenommen wurde) wohl nur schwer zu ertragen. Letztendlich bleibt ein tieftrauriger Film, der uns leicht den Glauben an die Menschheit verlieren lassen könnte. Das Finale mag deshalb vielleicht übermäßig versöhnlich erscheinen, doch darf man nicht vergessen, dass Solomon Northup einer der Wenigen war, die ein glückliches Ende erfahren durften. Erschütternd, tieftraurig und dennoch unbedingt sehenswert: 9/10 Punkte.

50 Gedanken zu “12 Years a Slave (2013)

  1. Der liegt bei mir auch schon seit Ewigkeiten im Regal und ich konnte mich bisher noch nicht durchringen ihn anzuschauen. Steve-McQueen-Filme sind ja meistens richtige Feel-Bad-Filme, so war das zumindest bei Hunger und Shame. Zwar genial, aber auch mindestens genauso bedrückend. 12 Years a Slave scheint genau in die gleiche Richtung zu gehen. Am besten ich schaue ihn mal, wenn ich eh schon schlechte Laune habe 😉

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  2. Bin nicht ganz deiner Meinung. Klar, die Geschichte ist wirklich traurig/deprimierend und unfassbar, aber mir war es teilweise einfach zu krass. Also so heftig, dass mein Empathieempfinden irgendwann einfach ausgeknippst wurde, weil ich mich innerlich von den Bildern vollkommen distanziert habe. Ganz komisch. Und die Erzählstruktur war auch nicht ganz so meins, gerade am Anfang hätte ich mir etwas mehr Geradlinigkeit erhofft, statt solchen Zeitfragmenten.
    Trotzdem: Ein wichtiger Film bleibt das, da besteht gar kein Zweifel.

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    • Wow, Schlopsi, du beschreibt genau das, wie es mir auch ergangen ist: https://singendelehrerin.wordpress.com/2013/12/28/12-years-a-slave-steve-mcqueen-usauk-2013/ ! Ich musste mich auch distanzieren, sonst hätte ich diese ausgewalzte Brutalität nicht ertragen. Trotzdem sicher ein wichtiger Film, gerade für die Amerikaner, aber kein Film, den ich z. B. meinen Schülern zeigen würde, um ihnen die Brutalität der Sklaverei vor Augen zu führen.

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      • Dabei weiß man ja, dass es der Film „nicht böse meint“ (mir fällt gerade kein passender Begriff ein, daher hoffe ich ihr wisst wie ich es meine), aber es war eben dieser kleine Schritt zuviel.
        Ich glaube als Schulstoff gibt es weitaus verträglicheres, auch wenn das Thema so oder so harter Tobak ist.

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      • Ich glaube, ich weiß genau was du meinst. Dennoch hatte ich nie das Gefühl McQueen würde in Richtung Exploitation abdriften und Gewalt um der Gewalt willen zeigen. Vieles geschieht auch off-screen und der psychische Missbrauch ist mindestens ebenso schockierend. Das hätte man meiner Meinung nach auch gar nicht abgemildert zeigen dürfen.

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      • Ne, als Ausweiden der Gewalt habe ich das auch nicht gesehen und McQueen weiß genau. wann er aufhören muss. Es war einfach zu unangenehm für mich und das wiederum löste dann dieses kalte Gefühl in mir aus. Gibt so Grenzüberschreitungen, da lässt mich alles andere danach einfach kalt. Ist schwer in Worte zu fassen.

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      • Kann ich gut verstehen. Mir geht es inzwischen oft so, wenn Kinder in Filmen in Gefahr geraten oder ihnen Gewalt angetan wird. So hat mich auch die scheinbar harmlose Szene der Trennung der Familie zutiefst getroffen. Ganz, ganz schlimm.

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      • Wenn man das Gesehene noch mit eigenen (emotionalen) Erlebnissen verknüpfen kann, dann geht sowas sicherlich unter die Haut. Da könnten wir jetzt die Brücke zum Film „Prisoners“ schlagen. Dort trennen uns auch wieder Welten in der Auffassung. Aber hatten wir ja damals schon. 😉

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      • Ganz klar. Das macht Filme dieser Art auch so faszinierend. Oder überhaupt Filme und deren unterschiedliche Wahrnehmung. Eine wirklich objektive Meinung kann es dann nämlich nicht mehr geben, denn jeder nimmt Filme doch anders wahr. Insofern ist auch jede Filmkritik subjektiv, auch wenn das viele oft anders sehen.

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      • Ich kann auch deine Meinung gut nachvollziehen, da der Film teils wirklich mit schmerzhaft langen Einstellungen arbeitet. Mich haben diese emotional aber komplett eingefangen und ich habe wirklich mitgelitten. Dennoch ist die Beobachtung der dadurch aufgebauten Distanz nicht falsch; man wird zum Beobachter – und kann selbst so wenig gegen die Tyrannei unternehmen, wie die Sklaven selbst. Für mich ergänzen sich Inszenierung und Inhalt famos.

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    • Mich hat die empathische Wirkung dagegen voll und ganz getroffen. Erstaunlicherweise haben die Bilder ja oft gar nicht die größten Brutalitäten gezeigt, viel spielt sich off-screen ab – und wirkt gerade deshalb umso schockierender. Ich konnte in den entsprechenden Szenen auch nicht hinschauen und war danach wie benommen, wobei die psychische Folter ja nicht weniger erschütternd dargestellt ist.

      Die nicht-chronologische Erzählweise fand ich zu Beginn auch verwirrend, hat aber inhaltlich komplett Sinn gemacht, da sich Northup ja ebenso desorientiert gefühlt haben muss, wie wir als Zuschauer. Insofern für mich ein weiterer Pluspunkt.

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      • Das stimmt. Aber mich hat das so weit vom Geschehen weggerrückt, das selbst die psychischen Aspekte nicht mehr zünden wollten. Ich war wie abgekapselt. Aber schön zu sehen, wie unterschiedlich das ganze wirken kann.
        Auch das mit der Desorientierung stimmt, hat mir persönlich aber nicht so zugesagt. Wirkte mir etwas zu grob gehandhabt, aber auch hier wieder: Schön wenn es bei dir genau das Gegenteil bewirkt hat. An manchen Filmen scheiden sich die Geister. Im wahrsten Sinne.

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      • Ja, wirklich sehr interessant wie unterschiedlich der Film auf sein Publikum wirkt. Zumal ich beide Seiten voll und ganz verstehen kann. Ist vielleicht einfach Typ- oder sogar Formsache; wer weiß? Vielleicht hätte ich den Film an einem anderen Tag auch ganz anders eingeschätzt. Gestern jedoch hat er mich voll erwischt – und selbst heute muss ich noch viel an ihn und Northups Schicksal denken.

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    • Warum wird so vielen Filmen vorgeworfen, sie würden nur für die Oscars produziert werden? Vielleicht sollte man mal umdenken und fragen, warum manche Filme von den Oscars ignoriert werden. Ich habe immer den Eindruck, dass alles was Blockbuster und arg zu doller Mainstream ist, von der Academy nicht als gute Arbeit anerkannt wird.

      Nun zum Film. Ich mochte 12 YEARS ganz gerne, wie die anderen beiden Steve McQueen-Filme auch. Ich weiß nicht, wie er das macht, aber Michael Fassbender glänzt in jedem seiner Filme. Auch Lupita Nyong’o berührt sehr. Und Hans Zimmer braucht man eigentlich nicht mehr loben, da ist so ziemlich jeder Soundtrack ein Knüller.

      Hier meine Kritik in aller Ausführlichkeit: https://filmkompass.wordpress.com/2014/02/02/12-years-a-slave-omu-2013/

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      • Die anderen Steve McQueen-Filme habe ich noch nicht gesehen. Nun bin ich aber auf jeden Fall neugierig. Hans Zimmer habe ich noch einmal herausgestellt, da er oft einen sehr präsenten und pompösen bzw. in den letzten Nolan-Filmen eher dröhnenden Score produziert. Dieser hier war angenehm anders. Ansonsten kann ich deiner Besprechung nur zustimmen! 🙂

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      • Ich finde übrigens die anderen Filme von Steve McQueen sehr gut, allerdings sind auch diese schwere Kost, die man sich nicht freiwillig mehrmals antun will. :-/ Und Fassbender ist in „Hunger“ und „Shame“ wirklich fantastisch. Ich hätte ihm auch den Oscar für „12 Years a Slave“ gegönnt – obwohl ich den Film ja nicht so mochte.

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      • McQeens andere beiden Filme mit Fassbender haben mich bisher nie so wirklich interessiert. Nun sind sie aber auf meinem Radar. Mal sehen, wann ich wieder Lust auf so schwere Kost habe. Kann durchaus noch dauern… 😉

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    • Aufgrund der Prämisse war es ohnehin klar, dass der Film nominiert werden würde. Allerdings empfand ich die Inszenierung eher als distanziert und gerade nicht forciert. Das hätte ein unfähigerer Regisseur viel platter gestaltet. Wie gesagt: Mich hat der Film komplett erwischt.

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  3. Jap, großartiger Film mit teils richtig krassen Szenen – in manchen Momenten wusste ich nicht, ob ich geschockt sein oder weinen soll. Und das Ganze dann noch mit solch großartigen Schauspielern!

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    • Ganz genauso ging es mir auch. Mir standen die Tränen auch öfter in den Augen und ich konnte nicht fassen was ich da sehe. Man schämt sich regelrecht für die Menschheit. Ganz schlimm.

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    • Auch ich will mich meist nur unterhalten lassen, doch ab und zu darf mich ein Film auch ganz gerne mal fordern, sonst wird es auch zu einseitig. Auch wenn es ein schwieriger Film war, so möchte ich die Sichtung doch nicht missen.

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  4. Ohne den gleichen emotionalen Impact erlebt zu haben wie anscheinend viele andere, hatte der Film auf mich doch gerade über eine durchaus ungewöhnliche Struktur eine starke Anziehungskraft (bei der ich zugegeben nicht weiß, ob ich sie beim zweiten Mal immer noch so erleben würde).

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    • Für mich war die ungewöhnliche Struktur auch nur ein weiteres Stilmittel, das den Inhalt unterstützt hat. Northups Verwirrung und die Unbegreiflichkeit der Umstände kommen dadurch einfach noch besser zum Tragen.

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  6. Mich hat dieser Film damals sehr berührt, als ich ihn das erste Mal gesehen habe, das war im Kino und das ganze Publikum saß noch 5 Minuten nach dem Abspann wortlos da. Ich finde, trotz, dass es wehtut ihn zu sehen, dass es sich lohnt, er ist wertvoll in jeder Hinsicht und mit einem wunderbaren Score unterlegt. Wenn du magst, kannst du ja mal meine Rezension lesen: https://kathalogisch.wordpress.com/2014/08/10/134-minuten-des-leides/

    LG, Katha

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    • Ja, kann ich gut nachvollziehen. Ging mir ähnlich. Manchmal muss man sich aber eben auch schmerzhafte Filme ansehen. Zumindest sind das oft die beeindruckenderen Filmerlebnisse, wie man ja auch aus deiner Besprechung herauslesen kann… 🙂

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      • Ja, im Kino hat der Film bestimmt auch noch einmal ganz besonders gewirkt. Ich fand jedoch auch die Sichtung zu Hause beeindruckend, weil man sich dort auch noch einmal ganz anders auf Filme einlassen kann. Geht zumindest mir so (zumindest wenn gerade keine Ablenkung da ist).

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