Inception (2010)

Gestern Abend haben wir unser Zappelinchen zum ersten Mal in treusorgende Hände gegeben, um einmal wieder einen Abend in trauter Zweisamkeit zu genießen. Was lag da näher, als mit Christopher Nolans „Inception“ einmal wieder den Zauber der großen Leinwand zu spüren? Nicht nur das große Medienecho hatte mich neugierig gemacht. Was ist also dran am neuen Überfilm des gefeierten Regisseurs?

Natürlich ist bei solch einem Hype immer Vorsicht geboten, besonders wenn man sich erst bei dessem Abflachen seine eigene Meinung bilden kann. Mich jedoch hatte „Inception“ bereits in seinen Bann gezogen, als die ersten Informationen über die Handlung an die Öffenlichkeit drangen. Ein weiterer Traumfilm. Endlich! Dazu ein mehr als nur fähiger Regisseur und ein großes Budget. Ich mochte ja schon Tarsem Singhs unterbewerteten Bilderrausch „The Cell“ und Bernard Roses „Paperhouse“, in dem ein Kind durch düstere Albtraumlandschaften durchstreift.

„Inception“ geht das Thema Traum sehr technisch an. Es wird ein komplexes Regelwerk aufgebaut, an das sich unsere Helden halten müssen, um ihren Auftrag – ein mehr oder minder simpler Heist – zu erfüllen. Im Gegensatz zu den zuvor von mir genannten Filmen gibt es in Nolans Traumlandschaften keine surrealen Elemente. Selbst die jetzt schon berühmte Faltszene entspringt eher einem technischen Hintegrund: Traumarchitekten bauen Traumlabyrinthe und genau so mechanisch, wie man sich das vorstellt, sieht das letztendlich auch aus. Auch wenn ich gerne weitere Traumeigenschaften (spontane Zeit- und Ortswechsel usw.) gesehen hätte, so hat der eher realistische Traumstil doch auch zur Stringenz der Geschichte beigetragen, denn wie sagte Cobb so schön? Dreams feel real while we’re in them. It’s only when we wake up that we realize something was actually strange.

Die Handlung des Films macht wirklich Spaß. Man ist immer am Ball und gespannt, was wohl als nächstes passieren mag. Als der Film zu Ende war hatte ich zudem nicht das Gefühl zweieinhalb Stunden im Kino gesessen zu haben, doch Traumzeit vergeht eben viel schneller. Überhaupt nicht verstehen kann ich allerdings, wie man den Film als zu komplex wahrnehmen kann. Sicher gibt es am Ende vier Handlungsebenen, doch diese sind in der Montage so klar voneinander getrennt, dass es eigentlich überhaupt nicht zu Missverständnissen kommen kann. Mitdenken schadet natürlich nicht, doch wer „Inception“ schon zu kompliziert findet, der sollte tunlichst die Finger von Cronenberg, Lynch und Co. lassen.

Über die Originalität der Geschichte kann man sich natürlich streiten. Wie bereits mehrfach in der Blogosphäre zu lesen war, gibt es die Grundidee von „Inception“ bereits in Don Rosas „Onkel Dagobert: Sein Leben, seine Milliarden“ zu lesen. Genauer gesagt in der Geschichte „Lebensträume“, in der die Panzerknacker mithilfe eines Geräts von Daniel Düsentrieb in die Träume von Onkel Dagobert eindringen und versuchen seine Safekombination in Erfahrung zu bringen (die gesamte Geschichte gibt es hier nachzulesen). Was das nun bedeutet? Was ich schon immer wusste: Die Duck-Comics – insbesondere Carl Barks‘ und Don Rosas Werke – stecken voller famoser Ideen, die auch auf der großen Leinwand Bestand hätten.

Einen weiteren Vergleich muss sich „Inception“ nun von mir gefallen lassen – und zwar den Vergleich zu Martin Scorseses jüngsten Film. Wenn ihr euch nun fragt, was der simple Thriller „Shutter Island“ – Leonardo DiCaprio einmal außen vor gelassen – denn mit Christopher Nolans gepriesenem Meisterwerk zu schaffen haben soll, dann schaut einmal genau hin: Beide Filme handeln von nicht verarbeiteten Schuldgefühlen, in beiden Filmen flüchtet sich die Hauptfigur deshalb in eine Traumwelt und beide Filme enden äußerst ambivalent. Und die vielleicht wichtigste Parallele: Beide Filme haben bei mir ähnliche Emotionen hervorgerufen. Denkt einmal darüber nach.

Um mit meinen Ausführungen zu einem Ende zu finden, muss ich noch festhalten, dass ich „Inception“ zwar unglaublich mitreißend und unterhaltsam fand, jedoch den Hype um den Film nicht so recht verstehen kann. Doch das ging mir bereits bei Nolans „The Dark Knight“ so. So gut „Inception“ auch ist, er ist nicht Nolans bester Film. „Memento“ war innovativer und „The Prestige“ einfach faszinierender, doch das ist vielleicht nur meine Meinung. So oder so lohnt es sich auf jeden Fall diesem Traumlabyrinth einen ausführlichen Besuch abzustatten: 9/10 Punkte.

12 Gedanken zu “Inception (2010)

  1. Ist nicht nur deine Meinung. Sowohl im Vergleich mit „Prestige“ und „Memento“ als auch den beiden „Batman“-Filmen hat mich „Inception“ relativ enttäuscht.

    „Shutter Island“ muss ich allerdings noch sehen. Bin gespannt …

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  2. @Flo Lieb: So gut fand ich ihn dann auch nicht. Dafür hätte man der Geschichte ein höheres Gewicht geben müssen. Die Actionszenen waren mir da oft zu dominant.

    @Dr. Borstel: Stärker als die „Batman“-Filme fand ich ihn schon. Enttäuscht hat mich der Film auch nicht, doch zum Meisterwerk-Status fehlt doch noch einiges. Im direkten Vergleich gefällt mir wohl auch „Shutter Island“ noch einen Tick besser, aber das ist dann schon Haarspalterei… 😉

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  3. Ja, solltest du wirklich. Hatte mich damals bei der Kinosichtung ziemlich geflasht, wobei auch „Memento“ nicht wirklich schwer zu verstehen ist. Nolan schafft es immer recht gut anscheinend komplexe Erzählstrukturen stringent und nachvollziehbar zu vermitteln. Macht wirklich Spaß der Film und er bietet einen tollen Guy Pierce und einen fast noch besseren Joe Pantoliano. Sollte ich auch einmal wieder schauen.

    Achja, dich hatte der Spamfilter erwischt, aber ich habe dich – wie du siehst – befreit… 🙂

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  4. Prestige ist auch mein Nolan-Favorit. Dann kommen irgendwann Batman Begins (nicht TDK) und Memento. Dann vermutlich Inception gefolgt von Insomnia. Following habe ich glaube ich noch nicht gesehen, der würde mich echt mal interessieren. Der Protagonist heißt da auch Cobb, ob das was zu bedeuten hat?

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  5. „Insomnia“ habe ich noch nicht gesehen, dafür aber das schwedische Original „Todesschlaf“, den ich aber auch nur gut fand. Kann mir nicht vorstellen, dass Nolans Version viel besser ist.

    „Following“ würde mich auch einmal interessieren. Mal sehen, ob mir der Film irgendwann in die Hände fällt. „Inception“ ist inzwischen schon wieder fast aus meinem Kopfkino verschwunden, was nicht für die Nachhaltigkeit des Films spricht. Hmm, mal sehen was er bei der potentiellen Folgesichtung noch bieten kann.

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