Der Goldene Kompass – OT: The Golden Compass (2007) (WS1)

Gestern verspürte ich den dringenden Wunsch in das von Philip Pullman erschaffene Universum zurückzukehren. Mit Lyra über die Dächer von Jordan College zu streichen. Die Gypter zu besuchen. Panzerbären zu sehen. Die Sichtung von „Der Goldene Kompass“ war folglich die logische Konsequenz – auch wenn ich mir des bitteren Beigeschmacks von Beginn an bewusst war.

Im Gegensatz zu meiner ersten Sichtung – damals noch ohne Kenntnis der Vorlage – habe ich dieses Mal bemerkt, wie viele unscheinbare (und doch wichtige) Details die Macher des Films in das neue Medium übertragen haben. Man sieht deutlich, dass mit Regisseur Chris Weitz ein Kenner und Liebhaber der Vorlage am Werk war. In der Darstellung von Lyras Welt kann ich wirklich keinerlei Kritikpunkte finden. Magisch und angereichert mit unzähligen Details. Genau so muss dieses Universum aussehen.

Bei der Struktur der Handlung gibt es dagegen etliche Abweichungen zur Romanvorlage – was zu großen Teilen allerdings zu erwarten war. Straffungen wurden recht nachvollziehbar eingebaut (so erfährt Lyra z.B. bereits von Mrs. Coulter, dass Iofur Raknison sich für einen Menschen hält und gerne einen Dæmon hätte) und stören das Gesamtbild nicht wirklich. Richtig schwerwiegend sind dagegen komplette Umstrukturierungen in der Handlungsabfolge bzw. das Weglassen kompletter Plotpunkte. Unverzeihlich.

Bevor ich hier aushole sollte erwähnt werden, dass alle fehlenden Elemente bereits gedreht wurden und sogar komplett durch die Postproduktion gegangen sind. Doch New Line war das Ende zu düster und zudem wollte man den Film nicht auf Svalbard enden lassen. Warum auch immer. Hier sehe ich auch den einzigen Fehler des – für Filme solchen Budgets – noch unerfahrenen Chris Weitz: Er hat dem Studio wohl zu schnell nachgegeben und einen Producer’s Cut angefertigt. In diesem wurde Bolvangar ans Ende des Films gestellt und Svalbard vorgezogen, was für Kenner der Vorlage mehr als nur befremdlich wirkt. Vom Fehlen des Endes einmal gar nicht zu sprechen. Wirklich – um es einmal platt auszudrücken – ein Griff ins Klo.

All dies sind gravierende Fehler, welche jedoch durch einen Director’s Cut problemlos ausgeglichen werden könnten – zumal die Szenen schon komplett fertig sind. Warum noch keine solche Schnittversion auf den Markt geworfen wurde? Ich sehe hier die größte Hoffnung für eine Verfilmung der Nachfolger: Das Studio möchte sich den Director’s Cut noch aufheben, sollten „Das Magische Messer“ und „Das Bernstein-Teleskop“ doch noch ihren Weg auf die große Leinwand finden. Falls dies geschieht, geht einer meiner – filmtechnisch gesehen – größten Wünsche in Erfüllung.

„Der Goldene Kompass“ ist eine äußerst gelungene Romanverfilmung, die leider jedoch zwei große Schwachpunkte aufweist. Dennoch kann man durch den Film Lyras Welt mit allen Sinnen erleben und es kommt einem vor, als würde man alten Freunden bei ihren Abenteuern zusehen. Ich bin wirklich begeistert und der Director’s Cut könnte es endgültig unter meine Lieblingsfilme schaffen: 8/10 Punkte.

22 Gedanken zu “Der Goldene Kompass – OT: The Golden Compass (2007) (WS1)

  1. Doch die heißen im Deutschen Gypter, wieso? Im Englischen heißen sie Gyptians. Was ist daran so verkehrt? Bin ja auch gerne ein Übersetzungsbasher, aber hier fehlt mir im Moment der springende Punkt. Schubs mich, sollte ich auf der Leitung stehen!

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  2. Pullman ändert aber nur ein bisschen, auch bei anderen Namen und Orten. Da merkt ja jedes Kind dass er damit Zigeuner meint. Im Deutschen wirkt auf mich das dann viel zu starr. Muss mich ja aber auch nicht stören, ich tu mir die Übersetzungen eh nie an 🙂 *nörgel-aus*

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  3. Das ist dann wohl wirklich nur Geschmackssache. Ich finde es von Gypter auf Gypsies auch nicht weiter, als von Gyptians auf Gypsies. Aber das liegt wohl auch daran, dass ich die Trilogie auf Deutsch gelesen habe und mir die Bezeichnung deshalb so geläufig ist.

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  4. Naja, die Tiere in diesem Film sind ja Teil der Menschen. Ihre Seele sozusagen. Man kann sie nicht wirklich als eigenständige Charaktere sehen. Aber du hast recht, das Konzept der Dæmonen ist schon sehr faszinierend!

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  5. Hmm, über den hab ich schon so einiges mieses gehört und denke auch, dass ich vielleicht diesem Kanon beipflichten werde. Nun, bald kann ich mir ja die DVD eines Bekannten ausleihen,dann folgt von mir auch noch ein Text dazu. Aber ich frage mich wirklich, ob ich zu einer solch hohen Wertung kommen werde – frag mich nicht warum. Irgendwie hat mich schon der Trailer bis auf die tollen Eisbären nicht wirklich umgehauen, ganz anders eben als bei „Stardust“ 🙂

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  6. Die Geschichten kann man auch wirklich nicht vergleichen. „Stardust“ ist ein sehr fantasievolles und komisches Märchen, „Der Goldene Kompass“ ist eher ein episches Werk über Glauben und das Erwachsenwerden. Da steckt weit mehr dahinter als eine simple Fantasygeschichte – und wie gesagt bleibt durch den verhunzten Producer’s Cut viel von der Genialität auf der Strecke. Bin dennoch sehr gespannt auf deine Einschätzung!

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  7. So! Das erste Buch ist durch, wobei ich das nicht sonderlich genial fand, dafür hat mich der erste Band zu sehr „gelangweilt“. Am Besten fand ich dann auch die Bolvangar-Episode. Und der zweite reißt es bisher leider auch noch nicht raus, obwohl ich bei dem schon die Hälfte hab. Aber evtl. brauch Pullman ja generell 100 Seiten bis er erstmal „loslegt“. Wie dem auch sei, am Mo. wird die DVD ausgeliehen und dann mal geschaut, was hier so verbrochen wurde 😉

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  8. Das Langweilen kann ich nun überhaupt nicht nachvollziehen. Für mich ist die „His Dark Materials“-Trilogie sogar eine der kurzweiligsten seines Genres. Und ich finde auch, dass das zweite gleich ziemlich voranprescht: Neue Charaktere, eine komplette Erweiterung der eingeführten Welt(en). Bin ja wirklich gespannt, was du vom letzten Teil hältst – bei dem was ich so rauslese, wird der Film bei dir auch eher floppen… 😉

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  9. Ist auf jeden Fall gut geschrieben, kann mir gar nicht vorstellen, dass Kinder, zumindest die unter 12, da überhaupt wissen, was vor sich geht. Aber die Oxford-Passage war mir dann zu nichtssagend, vielleicht weil auch lange Zeit über Sachen geredet wurde, die erst am Ende des ersten und Anfang des zweiten Buches erläutert werden. Das mit den Hexen fand ich gut und die ganze Storyline um die Daemonen auch. Dagegen bin ich jetzt von Will nicht besonders angetan und wie man das „Roger-Problem“ gelöst hat, war mir auch zu sehr hoppla-hopp, da hätte ich mir etwas mehr Dramatik gewünscht. Wenn ich dem ersten Buch ne Note geben müsste, wäre es wohl ne 8/10, also auch nur 1 Punkt schlechter als du. Auf den Film bin ich jetzt aber mal gespannt.

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  10. Ja, als Kinderbuch darf man die Romane auch wirklich nicht sehen. Besonders „Das Bernstein-Teleskop“ dringt da teils in Sphären vor, die die Vorstellungskraft von Kindern weit übersteigen dürften. Die Storyline um Roger wird im dritten Teil noch eine wichtige Rolle spielen. Auch Will wird dir garantiert noch richtig ans Herz wachsen – wie gesagt: Ich bin richtig gespannt, wie deine finale Wertung ausfallen wird! 🙂

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