Nachdem ich zuletzt eher kürzere Dramaserien geschaut hatte, und die zweite Staffel von „Fallout“ für mich leider eine kleine Enttäuschung war, hatte ich Lust auf eine längere und abgeschlossene Serie. Dabei ist mir „Bloodline“ eingefallen, eine der Prestigeserien, die damals zum Deutschlandstart von Netflix in den Medien waren. Also sind wir über die letzten Wochen zu den Florida Keys abgetaucht… 🏝️

Bloodline | © Netflix
Ich liebe ausschweifend erzählte Familienserien. Speziell „Parenthood“ und „This Is Us“ haben es mir angetan. Auch „Brothers & Sisters“ konnte mich überzeugen und „Bloodline“ sollte eben auch eine Familienserie sein. Während der ersten Staffel konnte die Serie ihr Versprechen auch einlösen, doch danach hat sie sich leider in Thriller-Wirrungen verloren. Ob sich all das dennoch lohnt? Das könnt ihr in den folgenden Besprechungen der einzelnen Staffeln lesen:
Staffel 1: Die Dekonstruktion einer Familie
Unter den Familienserien gehört „Bloodline“ neben „Six Feet Under“ definitiv zu den dramatischsten. Für Außenstehende mag alles nach heiler Welt aussehen, doch wir als Zuschauer:innen werden tief in das Innerste der Familie Rayburn gezogen. Es gibt ein düsteres Geheimnis aus der Vergangenheit, welches 30 Jahre bis in die Gegenwart ausstrahlt. Weiterhin streuen die Showrunner immer wieder Sprünge in die Zukunft ein, welche dramatische Ereignisse zeigen. Woher kenne ich dieses Stilmittel? Richtig, aus der Serie „Damages“. Das ist auch kein Wunder, denn alle drei Showrunner waren in führender Position an dieser Thriller-Serie beteiligt. „Bloodline“ hat mich jedoch noch mehr abgeholt. Die Familienthematik, die Frage nach Schuld und Vergebung, Verantwortung von Eltern und Geschwistern sowie Konfliktbewältigung – all das trifft bei mir ziemlich ins Schwarze. Mit Kyle Chandler (Coach Eric Taylor aus „Friday Night Lights“), Ben Mendelsohn, Sam Shepard und Sissy Spacek ist „Bloodline“ herausragend besetzt und der Schauplatz in den Florida Keys perfekt gewählt. Niemand in der Serie ist zu 100% gut oder böse. Es gibt nur Schattierungen und moralische Abgründe. Extrem unterhaltsam, mitreißend erzählt und fantastisch gespielt. Zurecht eine der Vorzeigeserien damals zum Start der Netflix-Eigenproduktionen. Auch heute immer noch ganz großes Serienkino: 9/10 (9.2) Punkte.
Staffel 2: Aus Familiendrama wird Thriller
Ich war sehr gespannt, wie die Serie nach Dannys Tod noch fortgeführt werden kann. Tatsächlich hatte ich das Gefühl, als würde sich das Genre, trotz identischer Figuren, wandeln. War die erste Staffel noch zu 90% Familiendrama, wird dies durch den bisher eher subtilen Thriller-Anteil ersetzt. Es geht nur noch darum, den Totschlag zu vertuschen und die Fassade aufrecht zu erhalten. Mit Ozzy (gespielt von John Leguizamo) gibt es einen weiteren Kleingangster in den Florida Keys, der beinahe schon wie die Karikatur einer Bedrohung wirkt. Auch die Rayburn-Geschwister verhalten sich immer mehr wie Abziehbilder ihrer selbst. Die Ambiguität der ersten Staffel geht beinahe komplett verloren. Das ist alles zwar immer noch sehr unterhaltsam, doch im Vergleich zur ersten Staffel fällt die Fortführung der Geschichte qualitativ doch extrem ab. Manchmal scheint es mir, als hätten die Autoren keinen guten Plan gehabt, wie sie die Familiensaga fortführen sollen. Somit dreht sich oft vieles im Kreis und die Figuren verlieren, auch wenn sie bereits in der ersten Staffel keine Held:innen waren, komplett an Sympathie, die wir für sie empfinden könnten. Gerade das Finale setzt all dem noch einmal die Krone auf. Ich bin nun wirklich gespannt, wohin die letzte Staffel abbiegt: 8/10 (7.7) Punkte.
Staffel 3: Eine Reise in die Dunkelheit
In der finalen Staffel von „Bloodline“ setzt sich die Spirale aus Lügen, Gewalt und toxischen Beziehungen weiter fort. Auch die Gangstergeschichte wird weitererzählt und gerade Kevin steckt in einer ausweglosen Situation. Völlig zurecht natürlich, denn gerade Kevin ist eine Figur, die sich nur im Selbstmitleid suhlt und keinerlei Verantwortung übernimmt. Doch auch der Rest der Figuren ist inzwischen frei von Moral. Das macht die Geschichte teils faszinierend, aber auch schwer nachzuvollziehen. Hinzu kommen seltsame Entscheidungen bzw. Wendungen. Warum Ozzy die Waffe gegen sich selbst richtet? Selten habe ich solch etwas Unmotiviertes gesehen. Überhaupt wirkt die dritte Staffel seltsam fragmentiert, was in der vorletzten Episode sogar zu surrealen Elementen führt. Insgesamt mochte ich auch die finale Staffel, wenngleich sie tonal nicht mehr viel mit der ersten zu tun hat. Das Finale dagegen war äußerst unbefriedigend und man merkt deutlich, dass die Serie eigentlich hätte noch zwei bis drei Staffeln laufen sollen. Die Autor:innen haben versucht, einen einigermaßen sauberen Abschluss zu finden, sind meiner Meinung nach jedoch gescheitert. Schade darum, denn die Serie war so gut gestartet: 7/10 (7.2) Punkte.
Fazit
Nach einem famosen Auftakt, der ganz oben bei den großen Familiendramen mitspielt, entwickelt sich „Bloodline“ im weiteren Verlauf leider immer mehr zum generischen Thriller, um am Ende leider völlig in sich zusammenzustürzen. Alles bis dahin macht noch Spaß, die Schauspieler:innen sind großartig, doch man merkt den gehetzten Abschluss einfach zu sehr. Kann ich die Serie dennoch empfehlen? Ja, durchaus. Die erste Staffel ist fantastisch, schon alleine deshalb lohnt sich „Bloodline“. Alles danach ist nur noch Bonus: 8/10 (8.0) Punkte.