The Leftovers – Season 1 to 3

In den letzten Monaten habe ich mich einmal wieder einem Serien-Großprojekt gewidmet. Groß eher aufgrund des Inhalts und weniger aufgrund der doch recht kompakten drei Staffeln bzw. 28 Episoden. Die Rede ist von „The Leftovers“. Der HBO-Serie eilt der Ruf voraus sehr düster zu sein. Extrem düster. Und ja, das ist sie auch. Was die Serie des „Lost“-Autoren Damon Lindelof sonst noch zu bieten hat, erfahrt ihr in der folgenden, spoilerfreien Besprechung…

The Leftovers – Season 1 to 3 | © Warner Home Video

The Leftovers – Season 1 to 3 | © Warner Home Video

Man of Science, Man of Faith

Wenn ich „The Leftovers“ beschreiben müsste, dann wohl am ehesten als Mix aus „Six Feet Unter“, „Twin Peaks“ und „Lost“. Klingt nach einer seltsamen Mischung? Ist es auch und funktioniert dennoch fabelhaft. An „Six Feet Under“ erinnert vor allem die durch Verlust geprägte, düstere Atmosphäre und die dysfunktionale Familie im Zentrum der Geschichte. Assoziationen an „Twin Peaks“ weckt dagegen das durchaus heimelige Kleinstadt-Setting und der Beruf unserer Hauptfigur Kevin Garvey. Gerade in der zweiten und dritten Staffel werden auch die Parallelen zu „Lost“ immer größer, denn dann dominieren die religiösen Motive und blinder Glaube wird in vielen Ausprägungen thematisiert. Das initiale Verschwinden von 2% der Weltbevölkerung ist im Prinzip nur ein elaborierter MacGuffin, um die unterschiedlichen Reaktionen bzw. den teils extremen Umgang mit Verlust auszulösen.

Was die Serie neben den inhaltlich faszinierenden Elementen so besonders macht, sind die formalen Aspekte: Schon alleine die Besetzung, allen voran Justin Theroux, den wir bereits aus „Six Feet Under“ kennen, ist großartig. Doch auch die weiteren Darsteller, unter anderem Carrie Coon, Amy Brenneman und Liv Tyler, sind famos und wissen ihre komplexen Charaktere wunderbar auszufüllen. Die Inszenierung bewegt sich in einer seltsamen Zwischenwelt aus hartem Realismus (gerade während der ersten Staffel) bis hin zu beinahe schon traumhaftem Surrealismus. In Kombination ergibt sich daraus ein faszinierendes Gesamtbild, dessen Fundament die eigentliche Erzählung darstellt.

The Book of Kevin vs. the Book of Nora

Wie bereits angedeutet, wandelt „The Leftovers“ oft auf dem scheinbar recht breiten Grat zwischen Wissenschaft und religiösen bzw. mythischen Motiven. Man kann die Serie in vielerlei Hinsicht deuten. Das macht sie so faszinierend. Für mich war das Hauptmotiv jedoch genau die Auseinandersetzung mit dem Thema Glaube – sei es der Glaube an etwas Göttliches oder an eine wissenschaftliche Erklärung. Die gesamte Menschheit stürzt sich in unterschiedlichsten Ausprägen auf die übernatürlichen Aspekte. Es gibt unzählige Kulte und Vereinigungen. Wunderheiler und mythische Orte. Psychische Erkrankungen und Wahnvorstellungen werden als biblische Wunder angesehen. Ereignisse, die wir weder beweisen noch widerlegen können. Ist am Ende alles nur ein großer Zufall?

Das Serienfinale ist wunderbar klein und intim erzählt. Bis zu den letzten 10 Minuten hatte ich keine Antworten mehr erwartet. Ähnlich wie damals bei „Lost“. Doch dann wird in einem einzigen Monolog vieles aufgelöst, was den wissenschaftlichen Aspekt in den Fokus rückt. Dieser ist genauso unglaublich, wie vorherigen religiösen Motive. Die Serie verwirft hier alle Regeln der filmischen Erzählung. Kein „Show, don’t tell!“ – nur eine Erzählung. Dennoch funktioniert diese intime Szene so wunderbar, dass ich jetzt noch eine Gänsehaut habe. Zudem werden tatsächlich einige Fragen beantwortet (wenn man eben daran glauben mag). Das tatsächliche Geheimnis ist so naheliegend und doch so faszinierend, dass es einfach perfekt ist. Ich kann mir gut vorstellen, was Network-Sender aus dieser Idee gemacht hätten. „The Leftovers“ ist dagegen in jeder Hinsicht so gegen den Strich erzählt, dass ich nur meinen Hut vor HBO ziehen kann.

Das für diese Serie ungewohnt hoffnungsvolle Finale wirkt einerseits wie ein Bruch, andererseits bricht diese Serie ohnehin in jeder Episode mehrfach konsequent mit den Erwartungen, dass dies fast keine Überraschung darstellt. In den letzten beiden Staffeln hat auch sehr absurder Humor Einzug in die Serienwelt gehalten, was wunderbar zu der teils surrealen Atmosphäre passt. Auch andere popkulturelle Werke werden, mal mehr, mal weniger subtil, zitiert: David Finchers „Fight Club“ war sowohl durch den wiederholten Einsatz unterschiedlicher Interpretationen von „Where Is My Mind?“ der Pixies sowie Kevins imaginärer Begleiterin Patti Levin ohnehin stets vertreten. Das Finale der vorletzten Episode „The Most Powerful Man in the World (and His Identical Twin Brother)“ war dann auch 1:1 aus „Fight Club“ übernommen – und hat dennoch großartig originell gewirkt.

Fazit

„The Leftovers“ ist eine extrem fordernde Serie. Man muss als Zuschauer inhaltlich am Ball bleiben sowie emotional einiges aushalten. Keine berieselnde Unterhaltung, um sich den Feierabend zu versüßen. Dabei steigert sich die Serie von der ersten bis zur dritten Staffel kontinuierlich und schwimmt sich von ihren literarischen Wurzeln frei:

  1. „The Leftovers – Season 3“ (9.8 Punkte)
  2. „The Leftovers – Season 2“ (9.2 Punkte)
  3. „The Leftovers – Season 1“ (8.9 Punkte)

Auch wenn ich es zu Beginn nicht vermutet hätte, so hat sich „The Leftovers“ doch zu einer der intensivsten Serien entwickelt, die ich je gesehen habe. Von interessant über packend bis hin zu großartig. Mindfuck, Tal der Tränen und doch so viel mehr. Wer sich  Mystery gepaart mit exzellentem Drama wünscht, der sollte dieser besonderen Serie unbedingt Beachtung schenken. Sie hat es mehr als nur verdient: 9/10 (9.3) Punkte.

Prädikat: Lieblingsserie

34 Gedanken zu “The Leftovers – Season 1 to 3

    • Yep, das trifft es sehr gut. Die Serie erzählt so viel und bietet einen unfassbar großen Interpretationsspielraum. Das ist so toll! Ich habe das ja bereits bei „Lost“ gemocht, doch hier hat es für mich in dieser kondensierten Form noch einmal besser funktioniert. Ganz große Klasse!

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      • Liegt vermutlich auch daran, dass man hier nicht so sehr das Gefühl hat, dass sich die Autoren komplett in ihrem eigenen Netz verheddern. MIch hat das bei LOST zwar nie gestört, aber es ist natürlich nochmal was anderes, wenn dann doch ein Ziel dahintersteckt.

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      • Ja, das stimmt wohl. Wie gesagt, mich würde fast mal interessieren, wie diese Prämisse auf einem Network-Sender umgesetzt worden wäre. Man hätte daraus auch leicht ein 08/15-Mystery mit Parallelwelten usw. machen können. Doch gerade die Schwere und Langsamkeit der Erzählung fand ich hier großartig.

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      • Wäre auf einem Network vermutlich eh nach 3 Wochen abgesetzt worden. Selbst runtergedampft bringt sowas keine Quote und die Zeiten, wo man bei solchen Serien wie LOST oder FRINGE Geduld hatte, sind lange vorbei. Um genau zu sein, seit den beiden Serien.

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      • Ja, Mystery ist nach dem Hype um „Lost“ irgendwie tot. Schade. Umso schöner, dass HBO auch Serien mit schlechten Quoten eine Chance gibt. „The Leftovers“ war ja immerhin ein Kritikerliebling. Völlig zu recht!

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      • Ich glaube, HBO und Co. sind da ohnehin viel experimentierfreudiger und haben auch mal den nötigen langen Atem, damit sowas dann zuende erzählt werden kann. Ist bei den Networks inzwischen eher selten (gibt aber auch noch Ausnahmen wie PERSON OF INTEREST vor einigen Jahren, das durchgehend auf der Abschussliste stand).

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      • Bei HBO ist das Durchhaltevermögen ja oft länger (Ausnahmen wie „Vinyl“ bestätigen die Regel). Wusste gar nicht, dass „Person of Interest“ so gefährdet war. Davon hatte ich nur eine Staffel gesehen.

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      • PoI hatte dauerhaft eher schlechte Quoten und wurde quasi durchgeschleppt. Mehr oder weniger, weil der Sender zu der Zeit einfach nichts anderes etablieren konnte und die meisten Serien noch beschissener liefen. Ein Glück für PoI und mich. Das wurde nämlich noch richtig stark und wird von mir gerne herangezogen, wenn Leute irgendwelchen Müll damit verteidigen, dass die Macher sich ja an irgendwelche Vorgaben halten mussten. Bei PoI war es nämlich bis zum Ende so, dass der Sender auf dem Fall der Woche bestand und die Writer haben dann aus der Not eine Tugend gemacht und innerhalb dieser Fälle eine sehr gute Geschichte übergreifend erzählt. Zeigt: Fähige Leute strotzen auch den dämlichsten Vorgaben.

        Jetzt muss ich nachgucken, was die Autoren heute mittlerweile so treiben.

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      • Klingt interessant. Für mich war die erste Staffel noch zu sehr nach Schema Case-of-the-Week erzählt, weshalb ich ausgestiegen bin. Vielleicht schaue ich aber irgendwann noch mal rein. Klingt ja recht gut, was du erzählst.

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      • Dem bleibt sie wie gesagt gezwungenermaßen auch treu, aber die Writer haben es eben trotzdem hervorragend hingekriegt, eine übergeordnete Geschichte einzubetten, die auch durchgehend wichtig ist und nicht nur alle fünf Episoden mal wieder aufgegriffen wird. Zudem behandelt das ja auch ein äußerst interessantes Thema mit der kompletten und ständigen Überwachung von einfach allem und jedem und stellt später auch dementsprechend moralische Fragen in den Vordergrund. Ein weiterer Versuch lohnt sich allemal, wenn du mich fragst. Für mich eins der Highlights der letzten Jahre. Und du weißt, wenn ich was wirklich mag, will das was heißen.

        Habe nebenbei mal schnellnachgeschaut und die Autoren hat es in alle Winde verstreut. Einer ist bei WESTWORLD (schätze mal, den hat Jonathan Nolan mitgebracht), ein anderer bei THE BLACKLIST, ein weitere bei LETHAL WEAPON. Weiter auseinander kann man wohl kaum sein.

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      • Da hast du wohl recht: Wenn du so starke Worte für eine Serie findest, dann ist die wohl etwas Besonderes. Und jetzt da du es sagst, stimmt, da war ja Jonathan Nolan mit dran beteiligt. Spricht auch noch einmal dafür.

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  1. Oh ja, ich hatte die Serie (auch auf Drängen meiner Frau) nach 3-4 Folgen erstmal abgesetzt, dann nach ein paar Jahren und lauter Lobhudeleien im Netz nochmal im Alleingang gebinged und war ebenso begeistert. Mit dem selben Fazit: Das wird mit jeder Staffel abgefahrener und besser.
    Fantastische Serie, die den richtigen Zeitpunkt fürs Ende gefunden hat und mir viele WTF-Momente beschert hat

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    • Meine Frau war auch nicht sonderlich begeistert und hat den Großteil der Serie verschlafen. Gerade die erste Staffel ist schon extrem düster und schwer. Aber schon die fand ich faszinierend genug, um dranzubleiben. Freut mich, dass sich hier nun doch ein paar Fans der Serie finden. Die Quoten scheinen damals ja wirklich mies gewesen zu sein. Auf einem anderen Sender hätte es wohl keine zweite Staffel gegeben.

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  2. Ich war drei Staffeln lang in Carrie Coon verknallt. Kann ich ja jetzt offen zugeben.
    Habe geheult, gelacht und mich gewundert. Die Theme-Songs höre ich mir immer wieder gerne an, um die Erinnerung wachzuhalten.
    Freut mich, dass die Show so gut bei dir angekommen ist.

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    • Ja, Carrie Coon ist großartig! Wie überhaupt der gesamte Cast, aber sie und Theroux besonders. Und ja, der Score ist wunderschön. Auch die eingestreuten Songs im Soundtrack. Da passiert so viel. Tolle Serie!

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  3. Die steht schon neben dem Fernseher… bereit, geguckt zu werden. Will ich auf jeden Fall bald mal anfangen. Freue mich da schon sehr drauf, da ich bislang nur Positives über Leftovers gelesen habe.

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  5. Wollte ich schon ewig sehen und habe mich immer von dem ablenken lassen, was auf den Streamingportalen läuft (mit ein paar Ausnahmen, die auf DVD/BluRay einziehen mussten). Aber inzwischen sind die BluRays erschwinglich und ich habe arg Lust auf die Serie nach deinem Beitrag … die darf wohl bald einziehen 😉

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    • Gerade HBO-Serien, die ja nicht im Abo-Streaming-Programm abseits von Sky laufen, lohnen sich definitiv auf Blu-ray zu kaufen. Die Erfahrung habe zumindest ich gemacht. Inhaltlich und formal sind sie noch eine Stufe ausgefeilter und mutiger als die Produktionen anderer Sender oder Portale. Und gerade „The Leftovers“ ist ein Musterbeispiel dafür. Ich wünsche dir jetzt schon eine interessante und spannende Erfahrung! (Spaß ist es nicht immer…)

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