Mud: Kein Ausweg (2012)

Die letzte Woche ist unglaublich schnell vergangen. Sie war sehr turbulent und endete heute mit einem der seltenen Tage im Home Office. Morgen steht der letzte Termin meines Blockseminars auf dem Programm und doch möchte ich zu fortgeschrittener Stunde noch meine Gedanken zu „Mud: Kein Ausweg“ festhalten. Der Film stand bereits viel zu lange im Regal und ich hatte die Sichtung, aus welchen Gründen auch immer, stets aufgeschoben. Heute war es endlich soweit und tatsächlich hat sich Jeff Nichols Film als Kleinod unter den Indie-Dramen präsentiert…

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Auf den ersten Blick erzählt „Mud“ ein Jugendabenteuer, wie man es aus Klassikern wie „Stand by Me“ kennt. Sogar einer der beiden Jungschauspieler, Jacob Lofland, erinnert an River Phoenix aus Rob Reiners Stephen-King-Verfilmung. Doch Nichols Werk ist komplexer und besitzt mehr Schichten, die sich dem Zuschauer erst nach und nach offenbaren. Teils hat er mich auch an das düstere Ozark-Drama „Winter’s Bone“ erinnert, was die beinahe schon dokumentarische Schilderung der Lebensumstände der Flussanwohner Arkansas angeht. Dabei bleibt „Mud“ jedoch stets hoffnungsvoll und lässt uns nie in das Herz der Finsternis blicken, auch wenn man es nach der ersten oberflächlichen Betrachtung hinter der nächsten Ecke vermuten könnte.

Nichols erzählt seine Geschichte beinahe vollständig durch die Augen seiner jugendlichen Protagonisten. Nur in wenigen Momenten wird mit dieser Perspektive gebrochen, was tatsächlich auffällt und beinahe schon befremdlich wirkt. Dies sind dann auch die Szenen, in denen „Mud“ in Richtung Kriminalfilm kippt, welche teils wie Fremdkörper in dieser ruhig und fließend erzählten Geschichte wirken. Das ist auch mein einziger Kritikpunkt an diesem großartigen Film. Vielleicht hätte sich Nichols vollständig innerhalb von Ellis‘ Erzählperspektive bewegen sollen, wodurch auch die letzte Szene einen gewissen Interpretationsspielraum bekommen hätte. Vielleicht wäre dies dann auch ein ganz anderer Film geworden. Schon alleine, dass „Mud“ zu solchen Spekulationen einlädt, macht ihn sehenswert.

Neben den beiden großartigen Jungschauspielern, überzeugt vor allem Matthew McConaughey („Interstellar“ oder „True Detective“) als titelgebender Mud. Die Beziehung, die sich zwischen den drei Protagonisten entwickelt, wirkt echt, glaubhaft und ist beinahe schon anrührend. Doch es sind gerade die Lebensumstände von Ellis (Tye Sheridan), die sich in der Beziehung zu Mud und auch zu seiner Freundin Juniper (Reese Witherspoon) spiegeln. Neben all den angerissenen Themen ist „Mud“ im Kern eine Coming-of-Age-Geschichte, in der der gestrandete Mud den beiden Freunden Ellis und Neckbone als symbolhafte Vaterfigur dient – und in der sich alle anderen Beziehung in irgendeiner Form wiederfinden lassen.

Neben den inhaltlichen und schauspielerischen Stärken, überzeugt „Mud“ vor allem auch durch seine formalen Aspekte. Man fühlt sich als Teil der Wildnis Arkansas und ich hätte aufgrund der oft fast schon kitschigen Schönheit so mancher Motive den Film manchmal am liebsten pausiert. Wieder einmal habe ich viel zu lange mit der Sichtung gewartet und hätte „Mud“ schon vorher kennenlernen können. Macht nicht den gleichen Fehler und seht diesen wunderbaren Film – am besten sofort: 9/10 Punkte.

24 Gedanken zu “Mud: Kein Ausweg (2012)

  1. Hab mir den auch vor ein paar Tagen angeguckt und fand ihn ziemlich gut. Allerdings etwas zu lang und die letzten 2 Minuten hätte man einfach weglassen sollen. Wie du schon sagst, wäre hier ein offenes Ende zum interpretieren besser gewesen und hätte mMn auch besser zum Film gepasst.

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    • Ist ja ein lustiger Zufall! Ich fand die länge passend zu der ruhig erzählten Geschichte. Habe sehr gerne viel Zeit mit den Figuren verbracht. Mit der jetzigen Struktur funktioniert das Ende ganz gut, doch hätte es mich wirklich interessiert, wie der Film gewirkt hätte, wenn wir ihn komplett durch Ellis Augen wahrgenommen hätten – dann hätte auch die letzte Szene wie eine Wunschvorstellung gewirkt. Aber vielleicht funktioniert das auch nur in meiner Vorstellung so gut… 😉

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    • Die schlecht entwickelten Frauenfiguren sind mir auch aufgefallen. Der Grund dafür ist wohl die stark männliche Erzählperspektive, da wie den Film zu 90% aus den Augen der beiden jugendlichen Protagonisten wahrnehmen. Misogynie schwingt tatsächlich auch mit, jedoch nur auf den ersten Blick und aufgrund der Perspektive, in der wir uns auch als Zuschauer befinden. Geht man eine Ebene weiter, sind sowohl die Verhaltensweisen von Ellis‘ Mutter als auch May Pearl absolut logisch und nachvollziehbar – einzig Juniper bleibt hier außen vor, wenngleich wir sie auch nur durch Muds und Toms Erzählungen kennengelernt haben. Diese zweite Ebene offenbart sich aber tatsächlich nicht auf den ersten Blick. Oder um es platt zu sagen: ein Jungsfilm eben (meine Frau fand ihn aber auch toll).

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  4. Habe den auch vor ein paar Monaten auf BD gekauft (wegen McCon), fand den aber nicht so ueberragend. Vllt auch, weil ich mit den falschen Erwartungen rangegangen bin. Schlecht fand ich ihn nicht, aber fuer mich war Mud auch nix, was ich jetzt unbedingt nochmal gucken muesste..

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      • Naja, ich hatte halt McCon in der Hauptrolle erwartet, so prominent wie der da auf dem Cover abgebildet ist 😀
        War dann doch etwas enttaeuscht, dass er nicht der Obermacker des Films ist. Der Vergleich mit Stand by Me hat mich jetzt aber doch noch mal aus der Reserve geholt, das ist einer meiner Lieblingsfilme. Vielleicht sollte ich Mud dann doch nochmal gucken. Jetzt weiss ich ja auch was mich erwartet *g*

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      • Findest du nicht, dass der gute Matthew eine der Hauptrollen hat? Ich finde schon. Natürlich liegt die Erzählperspektive größtenteils bei den beiden Jungs, doch Mud ist so ein zentraler Charakter, dass ich McConaughey durchaus als Hauptdarsteller bezeichnet hätte.

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