Cloud Atlas (2012)

Nachdem die letzte Nacht wieder einmal recht kurz war und der heutige Tag der Arbeit größtenteils zum Arbeiten genutzt wurde, war ich heute kaum noch in Stimmung für einen längeren Filmabend. Da meine Frau jedoch gerade die Vorlage beendet hat, bot sich die Sichtung von „Cloud Atlas“ an, der – nach anfänglichem Zögern – in den letzten Wochen mein Interesse geweckt hatte. Ob sich die knapp drei Stunden gelohnt haben und ob ich tatsächlich wach geblieben bin, lest ihr in der folgenden Besprechung…

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Literaturverfilmung und Tom Tykwer. Wer muss da nicht an „Das Parfum“ (übrigens meine erste Besprechung, die auf diesem Blog kommentiert wurde) denken? Doch „Cloud Atlas“ ist noch größer, noch epischer, noch internationaler angelegt, was sowohl an der Vorlage liegt, als auch daran, dass sich Tykwer den Regiestuhl mit den Wachowski-Geschwistern – ihres Zeichens für die „Matrix“-Trilogie verantwortlich – geteilt hat. Was ich von David Mitchells Roman wusste, fand ich eher anstrengend und so erwartete ich 180 Minuten, die meine volle Aufmerksamkeit fordern würden und von denen mich nur ein Bruchteil unterhalten könnte. Verkopftes Kunstkino, das man gesehen haben sollte, um mitreden zu können. Glücklicherweise lag ich mit meiner Einschätzung komplett daneben.

Während der ersten Szenen war ich zugegebenermaßen ziemlich verwirrt und froh jemanden mit Kenntnis des Romans neben mir zu haben. Doch bereits als man zum zweiten Mal in jeden Erzählstrang eintauchte, was bereits innerhalb der ersten 10 Minuten geschieht, hatten mich die Geschichten gepackt und – was noch erstaunlicher ist – ich habe dieses wilde Sammelsurium an Zeitsprüngen, Charakteren und Genres als eine funktionierende Geschichte gesehen. Hinzu kommt, dass von Verkopftheit oder erzwungenem Arthouse-Stil absolut nichts zu spüren ist. Man kann der Handlung eindeutig folgen, wird dennoch zum Mitdenken angeregt und das Wichtigste: Ich wurde blendend unterhalten.

Aufgrund der fragmentierten Erzählweise bekommt man alle paar Minuten ein neues Genre präsentiert: Drama, Komödie, Thriller, Sci-Fi und Fantasy geben sich die Klinke in die Hand. Leider kein Wunder, dass der Film kein großer Erfolg an der Kinokasse war. So etwas muss man dem breiten Publikum erst einmal verkaufen. Ich dagegen fand es toll. Ich mochte die Botschaft des Films, die Inszenierung, seine Sprunghaftig- und Lebendigkeit, ja selbst das nicht immer perfekte Make-up. Ein großes, fantastisches Filmexperiment, das – zumindest für mich – nahezu perfekt aufgegangen ist.

Ich könnte nun noch viel schreiben. Aktuell bin ich noch verzaubert von dem Filmerlebnis, das wohl noch ein paar Tage nachwirken wird. Es war nicht alles perfekt, doch habe ich bereits jetzt Lust mich noch einmal auf diese epische Reise zu begeben. Und ich will das Buch lesen. Am liebsten sofort. Kann es ein schöneres Kompliment für einen Film geben? Wer offen für Neues, nicht auf Genres festgelegt ist und keinen philosophischen Diskurs erwartet, den könnte „Cloud Atlas“ mindestens ebenso gut unterhalten, wie mich. Das wünsche ich euch: 9/10 Punkte.

27 Gedanken zu “Cloud Atlas (2012)

  1. Hab ihn auch erst gekauft, warte grade noch auf 3 Stunden Zeit und die Muße, mich auf so einen Film richtig einlassen zu können.
    Schönes Review, bestätigt ein paar andere Meinungen, die ich schon gehört habe.

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    • Genauso ging es mir auch. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich den Film heute wohl auch nicht gesehen. Doch trotz Müdigkeit und Skepsis hatte mich der Film sofort begeistert. Bin schon gespannt, was du dazu sagst. Und keine Angst: Der Film ist auf jeden Fall unterhaltsamer, als man vermuten würde… 😉

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    • Ja, von dem Film hört man nur in bestimmten Kreisen etwas. Sprich: in der filmischen Blogosphäre ist er doch recht gut angekommen. Schade, dass wir nicht die Mehrheit sind… 😉

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  2. Mir gefiel der Film letztes Jahr auch, selbst wenn ich nicht so ekstatisch 9 Punkte – sondern mal wieder 2 weniger – vergeben habe. Besonders toll war Hugh Grant in eigentlich allen seinen Rollen, ob als koreanisches Ferkel oder James-Caan-Double.

    P.S.: Ein Wunder, dass du überhaupt zum Filme schauen kommst, so viel wie du immer arbeitest. Selbst an gesetzlichen Feiertagen und öfters auch Samstags – da Frau, zwei Kinder und Filme unterzubringen, chapeau!

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    • Freut mich, dass dir der Film auch gefallen hat. Die Schauspieler fand ich sowieso ziemlich klasse und auch nicht nur als Showeffekt für mehreren Rollen besetzt, sondern auch inhaltlich relevant. Hat mir insgesamt wirklich sehr gut gefallen, auch wenn nicht alle Masken perfekt waren.

      Zum Thema Arbeit kann ich dich beruhigen. Gestern war ich nicht für meinen Job eingespannt, sondern für die Familie – es galt das Kinderzimmer umzubauen, was zwar auch anstrengend war, doch letztendlich sehr erfüllend. Heute und morgen habe ich als Brückentage ja noch zum entspannen… 🙂

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    • Laut meiner Frau soll das Buch natürlich viel ausführlicher sein und teils auch noch andere Handlungsstränge besitzen, doch die Verfilmung funktioniert wirklich gut. Das Buch ist so oder so vorgemerkt und ich würde mich über eine Kritik von dir zu dem Film freuen. Irgendwann halt mal…

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      • Dann einfach der Neugierde nachgeben. Der Preis ist aktuell recht gut und ich kann mir kaum vorstellen, dass du enttäuscht werden wirst. Also ich könnte mit dieser Neugierde im Nacken zumindest nicht ruhig schlafen, hehe… 😀

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    • Ja, ist wohl einer dieser Filme, die mit der Zeit einen gewissen Kultstatus in gewissen Kreisen erhalten. Finanziell war es ja leider ein Flop. Wirklich schade, denn hier haben sich alle beteiligten einmal etwas getraut, was man auch auf der Leinwand sieht und sich wirklich ausgezahlt hat.

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  3. Und ich dachte, ich schwimme gegen den Trend, wenn ich den gutfinde. Damn! Wirklich ein toller Film, für den man sich aber Zeit nehmen muss, um ihn auch genießen zu können. Mir war aber auch schnell klar, weshalb der im Kino gefloppt ist. Wenn schon mein Bruder (ledernes Sitzfleisch, aber nullkommanull Geduld im Umgang mit neuen Ideen/Konzepten), nach den ersten drei Minuten mit den Worten „Verstehichnich, guckichnich“ aus dem Zimmer geht….

    Ich hoffe mal, dass er in der Blu-ray/DVD-Verwertungskette noch einiges rausholt.

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    • Ich war auch erstaunt, dass ich hier nur positives Feedback zum Film lese. Freut mich aber sehr, denn es zeigt, dass wir Filmblogger eben einen äußerst erlesenen Filmgeschmack haben… 😉

      Auf DVD/Blu-ray scheint er ja recht gut zu laufen – zumindest wenn man sich die Verkaufsränge bei Amazon so anschaut. Könnte mir auch vorstellen, dass der Film über die Jahre noch wächst und er sich einen gewissen Kultstatus erarbeitet. Zu wünschen wäre es dem Film und seinen Machern auf jeden Fall.

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  4. Ich finde den Film eher durchwachsen, wobei ich sagen muss, dass ich das Buch schon vorher gelesen hatte und daher wahrscheinlich etwas voreingenommen war und bestimmte Vorstellungen hatte. Vor allem, dass Schauspieler mehrere Rollen gleichzeitig spielen ist störend für mich, weil einige Figuren einfach überzeichnet wirken und wenig Tiefgang besitzen. Das hätte man gar nicht gebraucht. Halle Berry ist für mich außerdem keine gute Schauspielerin. Ein Film ohne die beiden Hauptstars und mit talentierten unbekannteren Schauspielern, für jede Rolle eine andere(n) und nicht offensichtlich zehn Kilo Spachtel ins Gesicht, damit der Star viel Screentime bekommt. Das Buch ist eigentlich auch nicht verfilmbar für mich, weil es eigentlich sechs Bücher sind. Völlig verschiedene Sprachen und völlig verschiedene Genres. Diese totale Umstellung die man ihm Buch machen muss, dass man auf einmal in einem völlig neuen Sprachstil vor sich hat, die der Geschichte angemessen ist, kommt im Buch viel mehr zur Geltung und ist nur schwer auf die Leinwand zu bringen. In Film wird der Zuschauer auch zu sehr mit Holzhammer auf „alles ist miteinander verbunden“ bzw. Reinkarnation gedrängt und das ist meiner meiner Meinung nach gar nicht die Prämisse des Buches. Im Film sind die Figur mehr Mittel zum Zweck, im Buch besitzen die Figuren Tiefe und sind der Zweck. Irgendwie schwer zu erklären. Das ganze hört sich jetzt bestimmt wie ein Verriss an, aber soll es gar nicht sein. Der Film ist in Ordnung und ein schöner bildgewaltiger Zusatz zum Buch, mehr aber leider auch nicht für mich. Das Buch und seine Art hat mich beim ersten Lesen einfach zuerst komplett verwirrt, dann erstaunt und gefesselt und am Ende fasziniert zurück gelassen. Beim Film dachte ich nur, ganz nett am Ende.

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    • Danke für deinen ausführlichen Kommentar. Finde ich wirklich sehr interessant, da er noch einmal die Perspektive des Lesers beschreibt. All die von dir aufgeführten Punkte machen Sinn und ich habe sie selbst so von anderen Lesern der Vorlage vernommen. Ich finde es jedoch sehr passend, dass man nicht sklavisch versucht hat die unterschiedlichen literarischen Stile auf die Leinwand zu bringen, sondern sich eher an den Genres orientiert hat – und da bietet der Film ja eine ebensolche Vielfalt, wie die Vorlage.

      Was die mehrfach besetzten Schauspieler angeht, hat diese Idee natürlich auch mit der Screentime zu tun – ansonsten wäre der Film nur schwer durchführbar gewesen. Allerdings hat man meiner Meinung nach das Beste daraus gemacht und Themen, die im Buch nur angeschnitten wurden, im Film dadurch in den Vordergrund gestellt. Für mich wirklich gelungen, wenngleich ich das Buch ja noch nicht kenne. Sollte die Geschichte dann tatsächlich in beiden Medien so mitreißend sein, spricht das sowohl für den Roman als auch dessen Adaption – gerade weil sie sich in manchen Punkten unterscheidet.

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