Das Parfum

In meiner Schulzeit war ich einer der wenigen, denen Pflichtlektüren nicht wie eine Pflicht vorkamen – Lesen war für mich schon immer ein Vergnügen, selbst bei klassichen Werken. Noch schöner natürlich, wenn die Lektüre solch ein grandioser Roman, wie Patrick Süskinds „Das Parfum“ gewesen ist. Ich habe dieses Buch verschlungen und hatte es weit vor Termin zu Ende gelesen. Eine Verfilmung konnte ich mir immer nur schwer vorstellen. Umso gespannter war ich dann auf Tom Tykwers Interpretation, den ich nach „Winterschläfer“ für einen der fähigsten deutschen Regisseure halte.

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Der Film beginnt sehr nahe am Buch: Die Umgebung Jean-Baptiste Grenouilles im Paris des 18. Jahrhunderts wird glaubhaft und äußerst detailliert dargestellt. Die ruhige und sonore Erzählstimme Otto Sanders erzählt uns die Geschichte und ist in der Lage die gleiche beunruhigende Atmosphäre, die dem Roman innewohnt, heraufzubeschwören. Auch das Wesentlichte – die Darstellung der Gerüche – gelingt Tykwer ganz famos. Detailaufnahmen der Geruchsquellen, Aufnahmen der Geruchswege und Montagen derselben zeigen Grenouilles erweiterte Erfahrungswelt auf eine eindringliche Art und Weise – und auf die einzige, die ein rein audiovisuelles Medium darzustellen vermag. Trotzdem: Da es (noch) kein Geruchskino gibt, leider kein Vergleich zu den seitenlangen, ausufernden Beschreibungen des Romans.

Die Geschichte folgt der des Romans ziemlich genau. Alle wichtigen Stationen werden bereist und man hat nie den Eindruck eines reinen Abhakens der einzelnen Schauplätze. Den Charakteren wird genug Tiefe verliehen, so dass auch Nichtkenner der Vorlage große Freude an der filmischen Umsetzung finden dürften. Selbst die Orgienszene und Grenouilles letzter Gang sind enthalten – wenngleich auch in sehr abgeschwächter Form, was auch den dramaturgischen Höhepunkt des Films einiges an Wirkung nimmt. Ich weiß noch genau wie abgestoßen und doch fasziniert ich beim Lesen der letzten Seiten von „Das Parfum“ war. Ein notwendiges – und darüber darf man Streiten – Zugeständnis an das Mainstreampublikum. Womit ich auch zu den negativen Seiten der Verflimung kommen möchte.

Der größte Schwachpunkt war für mich der Darsteller Grenouilles. Nicht dass Ben Whishaw seine Sache als Schauspieler nicht gut gemacht hätte – nein, seine Darstellung war sogar sehr überzeugend. Doch Grenouille ist im Roman eine hässliche Zecke, ein Monster, der wahre Abschaum. Ben Whishaw ist viel zu gutaussehend. Für Nichtkenner des Romans wohl nicht weiter störend, doch die Vorlage liefert solch ein detailliertes Bild der Kröte Grenouille, dass Whishaw wie eine weichgezeichnete und aufpolierte Version des Mörders wirkt. Wohl auch ein Zugeständnis an den Mainstream und damit den augenscheinlichen Erfolg an den Kinokassen. Ebenso wie der eingestreute Humor von Meister Baldini. Dustin Hoffmans Darstellung überzeugt zwar, doch die komischen Szenen sind einfach nur unpassend und nicht wirklich vorlagentreu. Das hätte nicht sein müssen.

Anonsten wurde mir der Schwerpunkt zu sehr auf die Morde gelegt. Die erste Hälfte des Films wirkt zwar etwas gehetzt, doch – in meinen Augen – insgesamt gelungener, da hier wirklich auf die Person Jean-Baptiste Grenouille und seine eigene Welt eingegangen wird. Die Selbstfindung in der Höhle kommt mir viel zu kurz und plötzlich. Ein paar visualisierte Gedankenreisen wären hier schön gewesen. Die zweite Hälfte ist zu sehr Krimi. Die Innenwelt des Mörders wird nahezu vollständig vernachlässigt. Aber irgendwo muss man in solch einer schwierigen Adaption wohl Prioritäten setzen.

Insgesamt war ich von „Das Parfum“ sehr positiv überrascht. Im Gegensatz zu „Sakrileg“, der zweiten großen Romanverfilmung dieses Jahr, auf jeden Fall um Welten gelungener – und das bei der weitaus ansprungsvolleren Vorlage. Wenn man weniger auf den Erfolg an der Kinokasse geschiehlt hätte, wäre „Das Parfum“ bestimmt ein kleines Meisterwerk geworden. Mich würde interessieren, was Stanley Kubrick zu Tom Tykwers Adaption gesagt hätte, welcher dem Roman die Unverfilmbarkeit attestiert hatte. Schade, dass er sich nicht mehr dazu äußern kann. Gelungen, aber mit – für Vorlagenkenner – teils gröberen Schwächen: 7/10 Punkte.

13 Gedanken zu “Das Parfum

  1. Vielen Dank für diese gelungene und gut begründete Filmrezension. Als begeisterter Leser des Buches, das ich auch vor vielen Jahren als Schüler, aber jenseits der Pflichtlektüre verschlungen habe, kann ich mich nun beruhigt in den Kinosessel lehnen und genießen.

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  2. Danke für diese treffende Filmbeschreibung. Ich habe zuerst das Buch gelesen und war nun gespannt auf den Film. Normalerweise sind Filme schlechter als das Buch. In diesem Fall aber muss ich sagen, dass der Film die geschriebene Darstellung ausgezeichnet untermalt. Ich empfehle den Film weiter. Und die Lektüre dieser Beschreibung hier natürlich auch.

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  3. ps. dein Blog macht Lust auf fleissigere Kino-und Videothekenbesuche!

    darf ich dich in meinen Blogroll aufnehmen? Einfach damit ich immer etwa auf dem neuesten Stand bin mit den must-see-movies.

    Und natürlich – an etwas komischer Stelle vielleicht – happy new year!

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  4. „The Departed“ war ja schonmal kein schlechter Anfang! 😉

    Ich schaffe es aber auch nicht mehr so oft ins Kino, wie ich es gerne hätte…

    Du darfst mich übrigens gerne in deine Blogroll aufnehmen. Ich werde mich auch mit Freude revanchieren.

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  5. Eeendlich habe ich den Film auch gesehen und kann mitreden… (oder nachplappern?) 🙂

    Viel gibt es zu deiner Rezension nicht beizufügen. Vermutlich hat mich deine Beobachtungsgabe auf vieles hingewiesen, was mir im ersten Moment gar nicht aufgefallen wäre(der komische Charakter des Baldini, die viel zu gutaussehende Erscheinung des Grenouille und der Schwerpunkt auf den Morden). Ja, schade, dass einige Ausschnitte stark verkürzt oder sogar ausgelassen wurden (wie etwa das Gespräch zwischen der Amme und dem Priester zu Beginn; der stinkende Gärtner Jacques Lorreur oder auch der verrückte Adelige mit der Idee des Lethalfluidums).

    Für mich war das Buch damals ziemlich harte Kost (was die Darstellung der ganzen Schaurigkeiten Grenouilles, des Mobs und der stinkenden Stadt Paris angeht) – und trotzdem habe ich es regelrecht verschlungen. Ich hatte mich auf extremst wüstere Szenen auf der Leinwand gefasst gemacht. Daher verliess ich den Kinosaal angenehm überrascht, um nicht zu sagen erleichert.

    Es stimmt wohl einfach; wenn man ein Buch gelesen hat, steht der Film vergleichsmässig immer schlechter da.

    PS. Kinos gehören offenbar zu den „coolsten“ Freizeitvergnügen in den heissen Sommertagen in Sydney. Kühle bis sehr kalte Luft aus den Klimaanlagen erfrischt die Kinobesucher, welche zum Teil Pulli und Socken mitbringen. cheers!

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  6. Freut mich, dass du doch noch dazu gekommen bist, den Film zu sehen. Ich kann – soweit ich mich erinnere – auch deine Ansichten nur teilen. Vielleicht werde ich mein Gedächtnis bei einer Sichtung auf DVD irgendwann noch einmal auffrischen.

    Hört sich so an, als wäre ich in Australien dann (noch) öfter im Kino! 😉

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