Gestern verspürte ich den dringenden Wunsch in das von Philip Pullman erschaffene Universum zurückzukehren. Mit Lyra über die Dächer von Jordan College zu streichen. Die Gypter zu besuchen. Panzerbären zu sehen. Die Sichtung von „Der Goldene Kompass“ war folglich die logische Konsequenz – auch wenn ich mir des bitteren Beigeschmacks von Beginn an bewusst war.

Im Gegensatz zu meiner ersten Sichtung – damals noch ohne Kenntnis der Vorlage – habe ich dieses Mal bemerkt, wie viele unscheinbare (und doch wichtige) Details die Macher des Films in das neue Medium übertragen haben. Man sieht deutlich, dass mit Regisseur Chris Weitz ein Kenner und Liebhaber der Vorlage am Werk war. In der Darstellung von Lyras Welt kann ich wirklich keinerlei Kritikpunkte finden. Magisch und angereichert mit unzähligen Details. Genau so muss dieses Universum aussehen.
Bei der Struktur der Handlung gibt es dagegen etliche Abweichungen zur Romanvorlage – was zu großen Teilen allerdings zu erwarten war. Straffungen wurden recht nachvollziehbar eingebaut (so erfährt Lyra z.B. bereits von Mrs. Coulter, dass Iofur Raknison sich für einen Menschen hält und gerne einen Dæmon hätte) und stören das Gesamtbild nicht wirklich. Richtig schwerwiegend sind dagegen komplette Umstrukturierungen in der Handlungsabfolge bzw. das Weglassen kompletter Plotpunkte. Unverzeihlich.
Bevor ich hier aushole sollte erwähnt werden, dass alle fehlenden Elemente bereits gedreht wurden und sogar komplett durch die Postproduktion gegangen sind. Doch New Line war das Ende zu düster und zudem wollte man den Film nicht auf Svalbard enden lassen. Warum auch immer. Hier sehe ich auch den einzigen Fehler des – für Filme solchen Budgets – noch unerfahrenen Chris Weitz: Er hat dem Studio wohl zu schnell nachgegeben und einen Producer’s Cut angefertigt. In diesem wurde Bolvangar ans Ende des Films gestellt und Svalbard vorgezogen, was für Kenner der Vorlage mehr als nur befremdlich wirkt. Vom Fehlen des Endes einmal gar nicht zu sprechen. Wirklich – um es einmal platt auszudrücken – ein Griff ins Klo.
All dies sind gravierende Fehler, welche jedoch durch einen Director’s Cut problemlos ausgeglichen werden könnten – zumal die Szenen schon komplett fertig sind. Warum noch keine solche Schnittversion auf den Markt geworfen wurde? Ich sehe hier die größte Hoffnung für eine Verfilmung der Nachfolger: Das Studio möchte sich den Director’s Cut noch aufheben, sollten „Das Magische Messer“ und „Das Bernstein-Teleskop“ doch noch ihren Weg auf die große Leinwand finden. Falls dies geschieht, geht einer meiner – filmtechnisch gesehen – größten Wünsche in Erfüllung.
„Der Goldene Kompass“ ist eine äußerst gelungene Romanverfilmung, die leider jedoch zwei große Schwachpunkte aufweist. Dennoch kann man durch den Film Lyras Welt mit allen Sinnen erleben und es kommt einem vor, als würde man alten Freunden bei ihren Abenteuern zusehen. Ich bin wirklich begeistert und der Director’s Cut könnte es endgültig unter meine Lieblingsfilme schaffen: 8/10 Punkte.


Gestern Nachmittag habe ich die letzten Seiten von Philip Pullmans „Das Bernstein-Teleskop“ gelesen und damit auch die letzten Seiten seiner „His Dark Materials“-Trilogie. Schon lange hat mich kein Buch mehr so mitgenommen. Das Ende hat mich noch den ganzen Abend beschäftigt – und das obwohl ich auf einer Party unter dutzenden von Leuten war. Oft sind meine Gedanken zu Lyra, Will und ihren Dæmonen abgeschweift. Zu ihren Entscheidungen. Zu den Konsequenzen. Erst heute wird mir deren Tragweite langsam bewusst und ich werde mich garantiert noch lange mit ihnen beschäftigen.




