Vielleicht lieber morgen – OT: The Perks of Being a Wallflower (2012)

Auch wenn ich nach dieser Woche noch kaum Energie für einen Film aufbringen konnte, so habe ich mich doch vor die Filmsammlung gestellt und – nach einer langwierigen Entscheidungsphase – die Literaturverfilmung „Vielleicht lieber morgen“ aus dem Regal gezogen. Eine gute Entscheidung, denn selbst ohne die Unterbrechungen in Form von weinenden Kindern (ja, wir haben wieder gut 30 °C in der Wohnung) wäre ich nicht eingeschlafen – und das hätte heute wahrlich nicht jeder Film geschafft…

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Bemerkenswert an „The Perks of Being a Wallflower“ (so der fantastische Originaltitel) ist zunächst, dass Stephen Chbosky – der Autor der Vorlage – nicht nur das Drehbuch verfasst, sondern auch Regie geführt hat. Das sieht man nicht oft in Hollywood und hat sich hier wohl ausgezahlt. Obwohl ich den Roman nicht kenne, wirkt der Film flüssig erzählt und lässt keine Elemente vermissen oder andere zu sehr in den Vordergrund treten. Wirklich rundum gelungen. Neben der Handlung hat Chbosky auch inszenatorisch Großes vollbracht und die Atmosphäre der frühen 90er Jahre dicht und glaubwürdig auf die Leinwand übertragen. Vom fantastischen Soundtrack einmal ganz zu schweigen.

„Vielleicht lieber morgen“ ist auf jeden Fall auch ein Schauspielerfilm. Besonders beeindruckt hat mich das Ensemble der drei jugendlichen Hauptdarsteller: Logan Lerman, Ezra Miller und Emma Watson (Hermine, „Harry Potter“-Reihe) spielen allesamt hervorragend. Doch auch die Nebendarsteller sind nicht zu verachten. So geben u.a. Mae Whitman (Amber, „Parenthood“), Paul Rudd oder Tom Savini (Sex Machine, „From Dusk Till Dawn“) ihr Stelldichein und verleihen ihren Rollen das gewisse Etwas.

Der Film hätte für mich wohl perfekt als Coming-of-Age-Geschichte funktioniert. Ein Außenseiter, der sich nach dem Tod seines besten Freundes wieder in der Welt zurechtfinden muss. Dabei lernt er eine Gruppe von außergewöhnlichen Leuten kennen, die ihm zeigen, dass das Leben lebenswert ist. Emotional, mitreißend und toll erzählt. Leider zieht der Film gegen Ende (Andeutungen gab es schon vorher) noch ein paar Handlungselemente aus dem Hut, die meiner Meinung nach nicht nötig gewesen wären. Zuviel Drama für meinen Geschmack. Teen Angst in Kombination mit dem Tod des Freundes wären für mich Motivation genug für die Geschehnisse gewesen.

Auch wenn „The Perks of Being a Wallflower“ letztendlich nicht so perfekt ist, wie ich zu Beginn gehofft hatte, so macht er wirklich viel Freude. Schauspieler, Atmosphäre und Sountrack sind großartig und auch emotional konnte mich der Film packen. Sicher einer der gelungensten High-School-Filme der letzten Jahre. Sollte man nicht nur als Literatur- und Musikfreund auf jeden Fall gesehen haben: 8/10 Punkte.

Der Blender: The Imposter – OT: The Imposter (2012)

Nach einer langen Woche habe ich mich dennoch dazu durchgerungen einmal wieder einen Film anzuschauen. Nach den Louis Theroux-Dokus, stand erneut eine Empfehlung des Celluleute-Podcasts auf dem Programm: „Der Blender: The Imposter“ ist nach einiger Verzögerung nun auch bei uns auf DVD erhältlich und ich bin dank eines Gewinnspiels des Zeilenkinos auch endlich in den Genuss gekommen – und ein solcher ist Bart Laytons Film zweifellos.

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Obwohl ich mich sehr auf den Film freute, war ich doch ein wenig skeptisch, da ich einerseits bereits (zu) viel von der Geschichte wusste und andererseits mit Spielszenen in Dokumentarfilmen eher wenig anfangen kann. Doch schon bald sollte sich herausstellen, dass „The Imposter“ trotz vermeindlicher Kenntnis des Ablaufs und der Dramatisierung ausgezeichnet funktioniert. Die Geschichte und ihre Figuren ziehen einen in ihren Bann und man kann aufgrund der abstrusen Geschehnisse teils nur ungläubig den Kopf schütteln. Wäre dies ein fiktiver Film gewesen, so hätte ich das Drehbuch wohl bereits nach ein paar Minuten als unglaubwürdig abgestraft.

Im Grunde handelt der Film von Identitätsdiebstahl, einem Familiendrama und einer damit verwobenen Kriminalgeschichte. Die Konstellation der einzelnen Elemente und die Art, wie die relevanten Personen agieren, hat man so allerdings noch nie gesehen. Unglaublich. Im wahrsten Sinne des Wortes. Durch Laytons geschickte Art Interview- mit Spielszenen zu kombinieren, fühlt man sich oft eher in einen absurden Thriller versetzt. Diese Technik funktioniert erstaunlich gut, da man nie das Gefühl hat zum Narren gehalten zu werden. Die Spielszenen unterstützen einzig und allein das Kopfkino, welches die Talking Heads hervorrufen, und ziehen den Betrachter noch stärker in die Geschichte hinein.

Am Ende bleibt man ein wenig unschlüssig zurück. Beide Varianten der Geschichte scheinen in diesem seltsamen Universum möglich. Eines ist auf jeden Fall sicher: Der titelgebende Blender Frédéric Bourdin schafft es auch den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. In diesem Sinne sei euch ein ungewöhnlicher Dokumentarfilm ans Herz gelegt, der es in Sachen Spannung mit den meisten fiktiven Thrillern aufnehmen kann: 9/10 Punkte.

Vertical Limit (2000)

Nachdem der Urlaub in der bayerischen Bergwelt nun hinter mir liegt, wollte ich filmisch noch einmal in die Berge zurückkehren. Da ich „Cliffhanger“ das letzte Mal vor nicht einmal zwei Jahren gesehen habe, stand heute „Vertical Limit“ auf dem Programm. Manchmal entscheidet eben doch das Setting über die Filmwahl – und nicht Handlung und Drehbuch, wie ich es ansonsten gerne behaupte…

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„Vertical Limit“ dürfte ich das letzte Mal vor gut 10 Jahren gesehen haben. Damals in schrecklicher Qualität auf einer miesen Video-CD. An viel erinnern konnte ich mich nicht mehr, nur das schlechte Bild, tolle Landschaftsaufnahmen und viel Action. Zumindest das Bild war bei der heutigen Sichtung dank Blu-ray deutlich besser. Leider wurden dadurch auch die teils wirklich miesen Effekte hervorgehoben. Wirklich unglaublich. Besonders der Prolog wirkt wie im Hinterhof eines mäßig talentierten Filmstudenten zusammengebastelt. Glücklicherweise wird es über den Lauf des Films besser, doch insgesamt ist es Renny Harlin bereits 7 Jahre zuvor gelungen, die Berge in einem Actionfilm deutlich besser in Szene zu setzen.

Neben den Effekten haben mich besonders die erstaunlich schlechten Schauspieler aus der Handlung gerissen. Einzig Bill Paxton habe ich den arroganten Millionär abgenommen. Somit wundert es mich nicht, dass die beiden Hauptdarsteller Chris O’Donnell („Navy CIS: L.A.“) und Robin Tunney (Agent Lisbon, „The Mentalist“) ihr Dasein in mittelmäßigen Krimiserien fristen. Die Geschichte selbst entstammt dem Drehbuchbaukasten und bietet zumindest ein paar nette Ideen für aufwändige Actionszenen.

„James Bond“-Regisseur Martin Campbell („GoldenEye“ und „Casino Royale“) ist mit „Vertical Limit“ leider kein besonders guter Bergsteigerfilm gelungen. Einzig die Naturaufnahmen können wirklich überzeugen. Die Action wirkt überladen und die Handlung konstruiert. Spaß macht er dennoch größtenteils, zumindest wenn man sich auf einen reinen Actionfilm einstellt. Nächstes Mal darf Sly wieder John Lithgow bekriegen: 5/10 Punkte.

The Impossible – OT: Lo imposible (2012)

Teils finde ich Filme, die auf einer wahren Begebenheit beruhen faszinierend, teils schreckt mich solch ein realer Hintergrund eher ab. Als ich das erste Mal von „The Impossible“ hörte, fand ich die Geschichte interessant – und auch den zeitlichen Abstand zur Tsunami-Katastrophe von 2004 inzwischen passend gewählt. Der Trailer versprach bereits eine sehr emotionale Geschichte, doch war er nur ein schwacher Vorbote dessen, was der Film letztendlich auslösen sollte…

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Ich hatte im Vorfeld kaum Kritiken gelesen und nahm nur einzelne Tendenzen wahr, wobei mir am ehesten die negativen Aspekte in Erinnerung blieben: Kritik daran ausgerechnet das Schicksal einer priviligierten westlichen Familie zu zeigen, die Einwohner Thailands als Nebenfiguren abzustempeln, eine zu manipulative Inszenierung usw. Letztendlich hat man sich bei „The Impossible“ dafür entschieden das Einzelschicksal einer Familie zu zeigen, die überlebt hat – und diese war eben priviligiert und stand im Zentrum ihrer Geschichte. Das ist der Ansatz des Films. Natürlich hätte man auch eine globalere Perspektive wählen können, doch dann wäre es eine ganz andere Art von Film geworden.

Was die Art der Inszenierung angeht, so ist sie voll und ganz darauf ausgerichtet Emotionen beim Zuschauer auszulösen. Ist das manipulativ? Sicher, doch Film ist eben Manipulation. Ich hatte während der gesamten knapp zwei Stunden kaum ein paar Minuten trockene Augen, doch sollte man das dem Film zu Vorwurf machen? Auch mich verärgern Filme, die auf Teufel komm raus Emotionen wecken wollen, doch nahm ich Ewan McGregor und Naomi Watts ihre emotionale Tour de Force zu jeder Sekunde ab und war einfach bei ihren Charakteren – ganz genauso, wie bei denen der exzellenten Kinderdarsteller. Da kann ich mir die härtesten Horror-Filme ohne große Gefühlsregungen anschauen, doch das Schicksal dieser fünfköpfigen Familie hat mich an der Sofakante gehalten und Fingernägel gekostet. Manipulation des Zuschauers? Sicher! Und was für eine…

Die Schauspieler sind großartig, die Inszenierung unglaublich nah am Geschehen dran – und dabei nicht nur bombastisch, sondern auch emotional aufwühlend. Leider kann das Drehbuch nicht mit dem Rest mithalten und so gab es ein paar Dialogzeilen, die doch recht forciert wirkten und offensichtlich nur zur Klärung diverser Umstände (z.B. beruflicher Hintergrund der Hauptpersonen) im Film landeten. Mit ein wenig mehr Feinschliff hätte hier noch ein großer Mehrwert geschaffen werden können.

Insgesamt hat mich „The Impossible“ wohl weniger unterhalten, als mitgerissen – wie absolut passend für diesen Film. Eine Welle der Emotionen, aus der ich so schnell nicht auftauchen konnte. Vielleicht liegt es an meiner Rolle als Vater, doch fand ich etliche Szenen einfach nur herzzerreißend – herzzerreißend beängstigend, herzzerreißend traurig und herzzerreißend schön. Ein kraftvoller Film, der inszantorisch aus dem Vollen schöpft, um eine einfache und doch umso packendere Geschichte zu erzählen: 8/10 Punkte.

Zero Dark Thirty (2012)

Als ich las, dass die Jagd nach Osama bin Laden filmisch aufbereitet werden sollte, war ich zunächst skeptisch. Als sich jedoch Katheryn Bigelow als Regisseurin entpuppte, wusste ich dass sie die richtige Frau für den Job ist. Mit „The Hurt Locker“ hatte sie bereits ein Händchen für militärische Stoffe bewiesen und ich war gespannt, inwiefern sie mit „Zero Dark Thirty“ an den 2010er Oscar-Gewinner anknüpfen konnte. Ein erneuter Erfolg oder ein Schlag ins Wasser?

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„Zero Dark Thirty“ ist anstrengend. Keine Spur von Hurra-Patriotismus oder überstilisierter Militäraction. Wie bereits in „The Hurt Locker“ wählt Bigelow einen eher dokumentarischen Ansatz. In diesem Fall bezieht sich das jedoch nicht nur auf die unmittelbare Inszenierung, sondern vor allem auf die Geschichte. Fragmentarisch wird ein Zeitraum von beinahe 10 Jahren abgedeckt, in dem uns als Zuschauer nur Brocken vorgeworfen werden. Die Jagd nach dem al-Qaida-Führer ist alles andere als unterhaltsam, sondern oft harte, trockene und zermürbende Ermittlungsarbeit. Es dauert Jahre, bis erste Erfolge zu verzeichnen sind – und der Weg bis dahin ist hart und steinig.

Ich war erstaunt, wie nüchtern der Film manche Szenen präsentiert. Folterszenen – selbst das berüchtigte Waterboarding – werden knallhart gezeigt, doch nimmt der Film dazu keine Position ein. Ist es eine effektive Methode um an Informationen zu kommen? Es bleiben nur Vermutungen und die anfängliche Abscheu der Protagonistin. Eine Legitimisierung oder gar Verherrlichung der Folter – wie teils zu lesen war – konnte ich beim besten Willen nicht erkennen. Ebenso überrascht war ich vom finalen Militäreinsatz. Kein Actiongewitter, sondern ein beinahe schon emotionsloses Gemetzel, das bei mir ein unglaublich beklemmendes Gefühl hervorrief. Keine Helden. Kein Gejubel. Nur der nüchtern ausgeführte Auftrag.

Am Ende bleibt nur CIA-Agentin Maya, die – nun gelöst von ihrer Mission – kein Ziel mehr vor Augen hat. Man kennt das ja selbst, wenn man nach einem größeren Projekt in ein Loch fällt. Wie muss das erst nach einer 10-jährigen Mission dieses Ausmaßes sein? Auswirkungen der Aktion auf die Welt der Terrorbekämpfung spricht der Film nicht an. Man kann die Ereignisse nun als bedeutungslos und Ressourcen verschlingend deuten, oder als wichtigen Teilsieg gegen den Terror. Auch hier überlässt der Film dem Zuschauer die Deutung. Er stellt somit in erster Linie ein inszeniertes Zeitdokument dar, das weit weniger Potential zu polarisieren birgt, als ich dies zu Beginn erwartet hätte.

Auch mit „Zero Dark Thirty“ ist Kathryn Bigelow ein mitreißender Film gelungen, der jedoch weniger auf Spannung als auf nacherzählte Geschichte setzt. Natürlich aus Sicht der Amerikaner, doch keinesfalls unreflektiert oder effekthascherisch. Auch wenn ich den Film teils anstrengend fand, so hat er mich tief beeindruckt und lässt mich mit einem bedrückenden Gefühl zurück. Ein Film, den man bei Interesse an der Thematik auf jeden Fall gesehen haben sollte – und sei es nur, weil der diese Woche leider verstrobene, großartige James Gandolfini darin einen seiner letzten Auftritte hatte: 8/10 Punkte.

Silver Linings – OT: Silver Linings Playbook (2012)

Nach nur drei Filmen – und unzähligen unglaublich unterhaltsamen Interviews – schickt sich Jennifer Lawrence an, sich einen Platz unter meinen absoluten Lieblingsschauspielern zu sichern. So war ihr Mitwirken bei „Silver Linings“ wohl auch einer der Gründe, warum der Film – nach „Winter’s Bone“ und „The Hunger Games“ – überhaupt mein Interesse geweckt hat. Natürlich darf man auch die stets positiven Kritiken nicht vergessen. Oder die Aufmerksamkeit, die dem Film bei den Academy Awards zuteil wurde. Zu Recht?

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Einerseits bin ich beinahe etwas sauer, dass so ein Trubel um „Silver Linings Playbook“ herrschte. All die Oscar-Nominierungen. Als Filmfreund kam man ja gar nicht an dem Film vorbei. Dabei ist David O. Russells wunderbare Liebesdramödie genau die Art von Film, die man gerne entdecken würde. Ein Geheimtipp, von dem man begeistert seinen Freunden berichtet. Ein Film, der sich einem tief ins Herz spielt. Doch keine Chance, denn „Silver Linings“ hat sein Publikum bereits erobert. Und irgendwie freue ich mich ja auch darüber. Insofern sei der Academy in diesem Fall verziehen.

Inszeniert wie eine Indie-Film, ist „Silver Linings Playbook“ doch gespickt mit großen Namen: Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Robert De Niro, Julia Stiles, Chris Tucker – alles Schauspieler, von denen man auf jeden Fall gehört hat. Sie betreten hier jedoch neues Terrain und leisten allesamt vorzügliche Arbeit. Allen voran natürlich die beiden fantastischen Hauptdarsteller – und besonders Robert De Niro, der hier endlich einmal wieder zu großer Form aufläuft. Ein wunderbares Ensemble in einem Film, der größtenteils von seinen Charakteren und ihrer Darstellern lebt.

Die Handlung ist ungewöhnlich für einen Liebesfilm und schwankt zwischen dramatischen Szenen, wirklich lustigen Momenten und herzerwärmenden Darbietungen. Die psychischen Probleme der beiden Hauptfiguren stehen dabei nicht im Mittelpunkt, sondern sind Teil der Charaktere – und das ohne diese zu Witzfiguren oder abstrakten Klischees verkommen zu lassen. Wirklich sehr schön und mit viel Feingefühl gelöst. Während des Abspanns fand ich es bereits schade diese Welt und ihre Figuren zu verlassen.

Zwar ist der Film nicht frei von Fehlern, doch auch wenn so manche Hinführung zu gewissen Ereignissen ein wenig Erzwungen wirkt, überwiegt bei weitem das gute Gefühl, das einem der Film gibt. Mehr als nur ein Silberstreifen am Horizont. Hinzu kommt der wunderbare – und für ihn ungewöhnliche – Score von Danny Elfman und ein perfekt gewählter Soundtrack, der die Stimmung des Films absolut passend untermalt. Kein Geheimtipp mehr, doch auf jeden Fall ein dicker Tipp: 9/10 Punkte.

96 Hours: Taken 2 – OT: Taken 2 (2012)

Was wurde über diesen Film geschimpft. Die schlechteste Fortsetzung aller Zeiten, kein Vergleich zum grandiosen Original und vieles mehr gab es in diversen Kritiken zu lesen. Dennoch hatte ich Lust Bryan Mills noch einmal in Aktion zu sehen und somit schob ich „96 Hours: Taken 2“ ohne große Erwartungen, jedoch mit einer gewissen Vorfreude, in den Player. Ob diese Fortsetzung tatsächlich so stark abfällt, lest ihr in der folgenden Besprechung…

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Der Vorgänger hatte mich damals – wie nahezu jeden seiner Zuschauer – wirklich begeistert. „Taken“ war ein geradliniger Actionfilm, der Liam Neeson in gehobenem Alter als Actionheld etablierte, und dabei eine angenehm erfrischende Härte an den Tag legte. Der zweite Teil beginnt, wie bereits sein Vorgänger, eher ruhig: Man lernt die aktuelle Lebenssituation der Charaktere kennen und wird auf das Setting vorbereitet. Ich fand diesen langsamen Einstieg erneut sehr gelungen, wenngleich es weder inhaltliche noch schauspielerische Offenbarungen zu sehen gibt. Für einen Actionfilm jedoch genau das richtige Quentchen an Charakterentwicklung und Spannungsaufbau.

Kaum in Istanbul angekommen, geht die Hatz auch schon los. Die Prämisse des Vorgängers wird auf den Kopf gestellt, die Regeln bleiben dabei jedoch die gleichen: Bryan Mills (Liam Neeson) hat erneut alles im Griff – und das obwohl er sich dieses Mal selbst in Gefangenschaft befindet. Per Mobiltelefon dirigiert er seine Tochter (Maggie Grace), bis er sich selbst wieder auf die Jagd machen kann. Viele Gegebenheiten sind hanebüchen, das gebe ich unumwunden zu. Angefangen bei den Fahrkünsten der Tochter, über örtliche Zusammenhänge, bis hin zur stereotypen Darstellung der Entführer: keineswegs logisch oder politisch korrekt, doch stets unterhaltsam.

Die Inszenierung der Actionszenen hat leider ein wenig gelitten. So gibt es zwar wunderschön anzusehende Totalen zu sehen, die einen guten Überblick geben, doch sobald die Kamera näher am Geschehen ist, verfällt Regisseur Olivier Megaton oftmals in krudes Schnittgewitter. Hart fand ich den Streifen dennoch, aber das mag auch daran liegen, dass ich den Extended Cut sah, der auch den Gewaltgrad im Vergleich zur Kinofassung etwas nach oben schraubte.

Letztendlich hat mich „Taken 2“ beinahe so gut unterhalten, wie der Vorgänger. Istanbul als Schauplatz fand ich toll und ernst nehmen darf man solch einen Film ohnehin nicht. Ich mochte die Charaktere nach wie vor und habe mich erneut an Liam Neesons körperlichem Einsatz erfreut. Sicher keineswegs originell und auch nicht so sauber ausgeführt, wie der Vorgänger, doch insgesamt für rund 90 Minuten erneut ein großer Actionspaß: 7/10 Punkte.

Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (2012)

Puh, was für ein Film. Ich weiß jetzt noch nicht so recht, wo ich mit dieser Besprechung letztendlich ankommen werde. Sicher ist zumindest, dass mich „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ auch über seine Sichtung hinaus beschäftigen wird. Dabei hatte ich den Film im Vorfeld bereits abgeschrieben und wurde nur durch den Oscar-Rummel (Regie, Kamera, VFX, Score) wieder darauf gestoßen…

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Vom Buch hatte ich bereits gehört und dieses in eine Schublade mit dem Label Esoterik-Märchen gesteckt. Dann gab es vor einiger Zeit den Trailer im Kino zu sehen und ich wunderte mich noch, was denn Ang Lee mit solch einem Stoff anfangen will. Die Bilder fand ich gräßlich künstlich und abscheinend nur auf 3D und Effekt ausgelegt. Eine Sichtung stand für mich nicht zur Debatte. Letztendlich waren die Kritiken aber so gut, dass ich mir nun – mit einigem Abstand – doch selbst eine Meinung bilden wollte.

Die erste Überraschung kam mit der ausführlichen Rahmenhandlung. Es dauert beinahe 45 Minuten bis es die bereits im Trailer gezeigte Katastrophe zu sehen gibt – und bis dahin lernt man als Zuschauer den titelgebenden Pi und sein bisheriges Leben ziemlich gut kennen. Auch thematisch wird der Rahmen abgesteckt und man kann sich bereits denken, dass die Anspielungen auf die diversen Weltreligionen für den weiteren Verlauf des Films von Bedeutung sein werden. Ein wirklich schöner Einstieg in die Geschichte, doch der zweite Akt konnte daran unmöglich anschließen. Oder etwa doch?

Die im Trailer von mir noch als gräßlich künstlich wahrgenommenen Bilder hatten mich tatsächlich schnell für sich eingenommen. Zwar wirkten viele Einstellungen immer noch sehr artifiziell und auch der Videolook stieß mir manchmal etwas sauer auf, doch letztendlich gab es unzählige magische Momente, durch die ich immer tiefer in das Märchen – und als solches ist der Film ja auch erzählt – hineingesogen wurde. Rückblickend betrachtet macht die Künstlichkeit der Bilder sowieso Sinn und trägt zum Punkt bei, den Pi am Ende seiner Geschichte(n) zu machen versucht.

Der Regie-Oscar ist meiner Meinung nach wirklich verdient, denn es war bestimmt nicht einfach die eingeschränkte Handlung in solch zauberhafte Bilder zu fassen. Auch die Effekte sind atemberaubend und nach der Sichtung kann ich die Diskussion um die  Wahrnehmung der VFX-Branche – besonders im Hinblick auf „Life of Pi“ sowie Ang Lees Reaktion darauf – nur umso mehr verstehen. Ohne den immensen Einsatz von VFX wäre dieser Film einfach nicht möglich gewesen.

Auch inhaltlich und emotional hat mich der Film gepackt. Selbst wer mit Religion so gar nichts am Hut hat, wird sich eine schlüssige Interpretation aus der Geschichte ziehen können. Zwischen all den möglichen Bedeutungsebenen liegt letztendlich aber eine fantastisch gefilmte und spannend erzählte Abenteuergeschichte, der man sich nur schwer entziehen kann. Inzwischen bin ich am Ende meiner Besprechung angekommen und nun herrascht auch kein Zweifel mehr daran, wie ich den Film bewerten werde: 9/10 Punkte.

In the Line of Fire: Die zweite Chance (1993)

Nach einem anstrengenden Tag, habe ich mich heute einmal mehr nach einfacher Unterhaltung gesehnt. Auch wenn es schon recht spät war, wagten wir uns tatsächlich an einen Film: Wolfgang Petersens „In the Line of Fire“ war mir noch von etlichen TV-Ausstrahlungen in guter Erinnerng und somit freute ich mich auf einen Abend voll klassischer 90er Jahre Unterhaltung…

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Zunächst einmal war ich erstaunt, wie gut ich mich noch an die Handlung erinnern konnte. Dabei ist die letzte Sichtung bestimmt schon 10 Jahre her. Erschrocken hat mich dagegen, wie altmodisch der Film teils wirkt. Besonders die Szenen, in denen Computer verwendet werden, wirken wie aus einer anderen Welt – ähnlich ging es mir übrigens auch mit Petersens „Air Force One“ von 1997. Ansonsten habe ich mich aber an der klassischen Inszenierung und dem langsamen Erzähltempo erfreut, das den Figuren Zeit zum Atmen gibt und die Handlung bedächtig, aber beständig nach vorne treibt.

Nicht nur die Bilder wirken teils etwas altbacken, auch die Charaktere. So ist Clint Eastwoods Frank Horrigan tatsächlich ein Relikt längst vergangener Tage und die einzige bedeutende weibliche Figur – Rene Russos Agent Raines – letztendlich nur Staffage. Es kommt nie so klar heraus, ob Horrigans sexistische Bemerkungen augenzwinkernd gemeint sind, ob sie seine Altmodischkeit unterstreichen sollen, oder ob sie ernst gemeint sind – auf jeden Fall verfällt Raines Horrigan natürlich und am Ende kommen sie zusammen. Diese einfältige Beziehung ist wohl auch mein größter Kritikpunkt an dem Film.

Grandios fand ich dagegen einmal mehr John Malkovich als psychopathischen und wandlungsfähigen Killer. Er spielt selbst Eastwood in jeder Szene an die Wand. Absolut fantastisch und eine wahre Freude zum Anschauen. Die Handlung des Films ist wenig überraschend, doch stets spannend und wer auf Politsetting in Thrillerform steht, und dem 90er Jahre Actionkino nur ein wenig abgewinnen kann, der dürfte auch heute noch großen Spaß mit „In the Line of Fire“ haben: 7/10 Punkte.

Merida: Legende der Highlands – OT: Brave (2012)

Früher, d.h. vor den Kindern, hätte ich mir noch jeden Pixar-Film im Kino angesehen. Heute bin ich schon froh, wenn ich ihn zeitnah auf DVD bzw. Blu-ray nachholen kann. So bin ich auch recht spät in den Genuss von „Merida: Legende der Highlands“ gekommen. Aber die Kinder werden älter und somit rückt auch der erste gemeinsame Kinobesuch in greifbare Nähe – und was wäre da passender als ein Pixar-Film?

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Vom Trailer zu „Brave“ war ich begeistert. Nach „Cars 2“ endlich wieder ein Film, der ganz anders aussieht, als alles was Pixar bisher gemacht hatte. Die Kritiken waren größtenteils jedoch sehr verhalten und es wurde geschimpft, dass Pixar eigentlich nur einen typischen Disney-Film abgeliefert hat. Nach Schema F. Inklusive Prinzessin. Ich konnte und wollte das nicht glauben – und vielleicht liegt es auch daran, dass ich dem Film sehr viele positive Aspekte abgewinnen konnte. Merida eine typische Disney-Prinzessin? No way!

Zunächst einmal muss ich sagen, wie fantastisch ich es finde, dass der Trailer nur auf die ersten 20 Minuten des Films eingeht und der Rest völlig neu für Zuschauer ist, die spoilerlastige Kritiken vermieden haben. Weiterhin ist es bemerkenswert, dass Pixar mit „Merida: Legende der Highlands“ eine völlig neue Zielgruppe anspricht, als in seinen bisherigen Filmen. Es war ja stets so, dass die ganz Kleinen etwas aus dem Film mitnehmen konnten und es eine zusätzliche Ebene gab, auf der sich die Erwachsenen amüsieren konnten. „Brave“ vernachlässigt die ganz jungen Zuschauer beinahe völlig und stürzt sich mit Elan auf die Altersgruppe Teenager. Das hatte ich so nicht erwartet.

Wer nun Merdia mit x-beliebigen Disney-Prinzessinen vergleicht (so gerne ich diese auch mag), hat wohl einen anderen Film gesehen als ich. Hier geht es nicht um die Suche nach der großen Liebe, sondern um Selbstbestimmung, Mut und Erwachsenwerden. Im Zentrum des Films steht die Eltern/Kind- bzw. Mutter/Tochter-Beziehung und alles was in der zweiten Filmhälfte geschieht, ist eine Metapher für die zwangsweise Entfremdung in einem gewissen Alter, der Auseinandersetzung mit Traditionen und dem Zusammenprall der Wünsche und Vorstellungen von Kindern und Eltern. Sicher funktioniert das alles auch wunderbar als fantastischer Abenteuerfilm, doch diese zusätzliche Ebene macht aus Merida eben so viel mehr, als nur eine weitere Disney-Prinzessin.

Auch wenn ich etwas anderes erwartet hatte und der Film sicherlich nicht zu den besten Pixar-Werken gehört, so bin ich doch sehr positiv überrascht. Wie den zugehörigen Kurzfilm „La Luna“ werde ich auch „Brave“ – wenn die Zeit gekommen ist – gemeinsam mit meiner Tochter anschauen. Wenn schon eine Disney-Prinzessin, dann gerne eine wie Merida: 9/10 Punkte.