Casino (1995)

Mit Martin Scorseses „Casino“ verbinde ich eine bestimmte Erinnerung: Ein Freund hatte mir erzählt den brutalsten Film auf VHS zu haben, den er je gesehen hat. Ich weiß nun gar nicht mehr, ob wir uns den gesamten Film angesehen hatten, oder ob er mir nur die – seiner Meinung nach – brutalsten Stellen gezeigt hat. Heute – inzwischen 10 Jahre später – konnte ich mich auf jeden Fall nur noch an die Szene im Maisfeld und an eine kreischende Sharon Stone erinnern. Zeit also die Erinnerungen aufzufrischen.

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Im Gegensatz zu damals kenne ich heute nahezu alle großen Mafia- und Gangsterfilme. Neben der „Der Pate“-Trilogie gehört Martin Scorseses „GoodFellas“ klar zu den wichtigsten Filmen dieses Genres. „Casino“ wirkt etwas wie eine ausgedehnte Version des Mittelteils dieses Klassikers. Erzählt wird folglich die bekannte Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Gangsters. Als besondere Elemente sind hier die Hauptrolle, die Las Vegas in dem Film spielt, sowie der Schwerpunkt, der auf die Ehe von Sam „Ace“ Rothstein gelegt wird, hervorzuheben.

Wie bereits in „GoodFellas“ verwendet Martin Scorsese Voice Over als erzählerisches Mittel. In „Casino“ sprechen jedoch zwei Personen, was dieser – von mir ohnehin geschätzten – Erzählform noch eine besondere Note verleiht. Der Zuschauer verfolgt die Geschichte folglich aus zwei verschiedenen Perspektiven, was wichtig ist, da sich die Hauptfiguren im Laufe des Films immer weiter auseinander leben.

Grandios hat mir die erste Hälfte des Films gefallen. Der Aufstieg von Ace und die Abläufe im Casino wurden in den schillerndsten Farben präsentiert und fantastisch inszeniert. Auch die Geschichte wirkt hier stets frisch und unverbraucht. Der Fall der beiden Gangster gegen Ende des Films ist mir in ähnlicher Form allerdings schon zu oft begegnet, als dass „Casino“ hier besonders hätte Punkten können. Zudem hätte der Film meiner Meinung nach um gut eine halbe Stunde gekürzt werden können. Ich habe mich zwar nicht gelangweilt, aber das Timing fand ich nicht so perfekt, wie beispielsweise bei „GoodFellas“.

Schön fand ich es überigens Robert De Niro und James Woods nach Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ wieder gemeinsam vor der Kamera zu sehen. Wenn auch in gänzlich anderen Rollen. Schauspielerisch und inszenatorisch ist „Casino“ – wie jeder Film von Scorsese – sowieso über jeden Zweifel erhaben. Ein wahres Feuerwerk an Perfektionismus: 8/10 Punkte.

Garden State (2004)

Gestern war seit langer Zeit einmal wieder ein Video- bzw. DVD-Abend. Am Start hatten wir gleich zwei grandiose Filme. Einen Klassiker und einen noch relativ jungen Film: „Garden State“ von Zack Braff. Normalerweise benötige ich ziemlich viele Sichtungen, um einen Film zu meinen Lieblingsfilmen zählen zu können – was auch erklärt warum meine persönlichen Klassiker meist aus den 80er oder 90er Jahren stammen. Doch „Garden State“ hat mich bereits bei der ersten Sichtung im Kino gepackt und nicht mehr losgelassen.

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Erzählt wird die Geschichte von Andrew „Large“ Largeman. Einem Schauspieler, der bisher nur in einer großen Rolle zu sehen war, und sich seither mit Aushilfsjobs über Wasser hält. Alles ändert sich, als er vom Tod seiner Mutter erfährt: Nach 9 Jahren kehrt er zum ersten Mal zu seinen Wurzeln zurück – nur um zu Erkennen, dass diese Rückkehr eigentlich ein Neuanfang ist. In seiner Heimatstadt trifft er auf Sam (Natalie Portman), die Large durch ihre unkoventionelle Art dazu bringt sein Leben wieder als etwas Wertvolles anzusehen und sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.

In der Geschichte gibt es unzählige kleine Episoden, die voller Humor und teils doch voller Melancholie stecken. Mit Large kann ich mich irgendwie wunderbar identifizieren. Es werden Themen angesprochen, die zwar schon in vielen Filmen auf der Leinwand präsent waren, die aber noch nie so ehrlich und aus dem Herzen heraus behandelt wurden. Allein der Monolog zum Zuhause der Kindheit, nach dem man sich sein ganzes Leben sehnt, das aber nur noch in der Erinnerung existiert, weil das echte Zuhause diese Sehnsucht nicht mehr erfüllen kann – einfach nur wunderschön und so wahr. Dabei verliert sich die Geschichte allerdings nicht in solchen – teils schon philosophischen – Nebenplots, sondern bleibt stets interessant, frisch und ist nebenbei mit grandiosen Charakteren bevölkert.

Zu Bewundern ist auf jeden Fall Zack Braff. Der Darsteller des tollpatschigen J.D. aus der tollen Dramedy „Scrubs“ verkörpert hier nicht nur kongenial die Hauptrolle – nein, er hat auch das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Da er noch relativ jung ist, trifft er – zumindest für seine Generation – stets genau den richtigen Ton. Den trifft er auch beim Einsatz des Soundtracks, der so gut ist, wie kaum ein zweiter. Die Songs erzielen stets die richtige Wirkung und sind untrennbar mit den Bildern verbunden. Schön ist, dass er auch ohne den Film funktioniert – was ich nach unzähligen Durchgängen aus eigener Erfahrung sagen kann. Ansonsten möchte ich noch Natalie Portman hervorheben, die wie immer einen großen Teil zum gelingen des Films beiträgt. Eine tolle Schauspielerin für einen tollen Charakter.

Zack Braff hat mit „Garden State“ einen Film geschaffen, der es von 0 auf 100 in meine Lieblingsfilme geschafft hat. Ich hoffe, er kann mit einem zweiten Film an seinen Erstling anschließen und freue mich schon sehr darauf. Wer diesen Film noch nicht kennt: Schaut ihn euch an, er kann glücklich machen – man muss es nur zulassen können: 10/10 Punkte.

Prädikat: Lieblingsfilm

A History of Violence (2005)

David Cronenbergs aktuellster Kinofilm „A History of Violence“ ist mir bereits durch den Trailer aufgefallen. Dieser Film schien so ganz anders zu sein, als seine vorangegangenen Werken, wie „eXistenZ“ oder „Naked Lunch“ – und so ist es tatsächlich: Das heißt in dieser Graphic Novel-Verfilmung gibt es keine Insektenmonster oder organische Implantate, keine Parallelwelten. Nur die brutale Realität.

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Ganz anders als bei den Vorgängern kommt „A History of Violence“ also ohne fantastisch anmutende Geschöpfe und diesbezügliche Effekte aus. Auch die Inszenierung erlaubt sich keinerlei Experimente und bleibt dem Realismus treu. Durch die langsamen Kamerafahrten und die langen Einstellungen verbreitet der Film Ruhe. Die Ruhe vor dem Sturm. Wenn es dann zur – bereits im Titel angekündigten – Gewalt kommt, bricht diese nicht nur auf den Zuschauer herein, sondern auch auf die Figuren im Film.

Mir hat in „A History of Violence“ besonders der ruhige Spannungsaufbau imponiert. Die geschaffene Atmosphäre ist unheilsschwanger und man weiß, das die Idylle jeden Moment in sich zusammenbrechen kann. Teils sind sogar Erinnerungen an David Lynchs „Blue Velvet“ wach geworden. Auch nach den ersten Gewaltakten bleibt der Film seiner Linie treu und verhältnismäßig realistisch. Leider hat mir die aktive Vergangenheitsbewältigung von Tom/Joey nicht sonderlich gefallen. Hier wirkt alles viel zu comichaft überzogen. Ich hätte mir eine wendungsreicheres oder auch offeneres Finale gewünscht.

Insgesamt ist „A History of Violence“ ein – aufgrund seiner ruhigen Inszenierung und seiner dichten Atmosphäre – toller Film. Die Geschichte ist einfach und realistisch. Leider fast schon zu einfach – und dem Realismus wird gegen Ende zudem etwas die Luft aus den Segeln genommen. Viggo Mortensen und Maria Bello können voll und ganz überzeugen. Ed Harris‘ und William Hurts Charaktere waren mir dagegen zu comichaft angelegt. Vermutlich funktioniert die Vorlage hier besser. Trotzdem sehr sehenswert: 7/10 Punkte.

The Final Cut

Mein Interesse an „The Final Cut“ wurde allein durch die dem Film zugrunde liegende Idee geweckt: In naher Zukunft können sich Menschen ihre Erinnerungen aufzeichnen lassen, die nach ihrem Tod von einem Cutter zu einer Art Best of zusammengeschnitten werden. Simpel und doch genial. Leider gelingt es der innovativen Grundidee nicht, den Film über die gesamte Länge tragen.

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Der Film beginnt mit einer Erinnerung, die für die Hauptfigur – einen von Robin Williams gespielten Cutter namens Alan W. Hakman – von großer Bedeutung ist und ihn bereits sein ganzes Leben verfolgt. Im Laufe des Films findet Alan heraus, dass ihn seine Erinnerung vielleicht täuscht. Nebenbei wird er zudem von einem Ex-Kollegen bedroht, der versucht an die Erinnerungen eines Konzernchefs heranzukommen. Diese eher kriminalistische Geschichte wirkt leider etwas aufgesetzt und die Motivation der Figuren will sich mir – auf emotionaler Ebene – nicht wirklich erschließen.

Umso interessanter sind die Diskussionen um die Möglichkeiten und Gefahren der angewandten Technik. Moralische und ethische Bedenken werden geäußert, die sich teils auch auf die klassischen audiovisuellen Medien anwenden ließen. Manipulation durch Auswahl und Montage. Eine sehr interessante Thematik, die leider nicht so weit vertieft wird, wie ich es mir gewünscht hätte. Allerdings auch verständlich, da hier immer noch ein Film mit Geschichte erzählt wird. Eine engere Verknüpfung der hoch interessanten Grundidee mit der Geschichte Alans wäre jedoch wünschenswert gewesen.

So bleibt am Ende nur ein leidlich spannender Film mit einem starken Robin Williams und einer intelligenten Ausgangssituation, aus der jedoch viel mehr herauszuholen gewesen wäre: 6/10 Punkte.

Chungking Express – OT: Chung hing sam lam (1996)

Wie bereits in einem vorhergehenden Eintrag erwähnt, werde ich mit dem asiatischen Kino nicht sonderlich warm. Eine Ausnahme stellen die Filme von Wong Kar-Wai dar, so auch „Chungking Express“. Entdeckt habe ich seine Filme während meiner Zivildienstzeit. Da ich häufig von 13:30 bis 22:00 Uhr Dienst hatte, habe ich danach oft noch die dritten Programme nach unbekannten Filmperlen durchforstet. In der Beschreibung der TV-Zeitschrift hat mich damals am meisten die Betitelung von „Chungking Express“ als ein Lieblingsfilm Quentin Tarantinos gereizt. Ein Lob, das ich durchaus nachvollziehen kann.

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Wong Kar-Wai erzählt in seinem wohl populärsten Film zwei Geschichten über ungewöhnliche Begegnungen. Über unerfüllte Sehnsüchte. Über Liebe. Seine Figuren durchstreifen die neon erleuchteten Nächte Hongkongs auf der Suche nach Nähe und Zuneigung. Und manchmal auch nach einer Dose Ananas mit dem Verfallsdatum 01. Mai 1994. Dem Tag des 25. Geburtstags von Polizist 223 und dem Tag, an dem auch das Haltbarkeitsdatum seiner Liebe zu seiner Freundin May abgelaufen ist, die sich einen Monat zuvor von ihm getrennt hat. Solche Themen herrschen in Wong Kar-Wais Universum vor. Erzählt werden die Geschichten jeweils durch die handelnden Personen selbst. Hier wird die Melancholie fast schon greifbar und es entsteht eine Atmosphäre, die man nur in Kar-Wais Filmen findet.

Es ist diese Atmosphäre, die seine Filme so besonders machen. Man kann sie nicht beschreiben. Man muss sie selbst fühlen. Zudem gibt es unzählige von kleinen Szenen, die „Chungking Express“ so unvergesslich machen. Wer kann nach diesem Film schon CALIFORNIA DREAMING hören, ohne an die im Schnellimbiss tanzende Faye Wong zu denken? Mein absoluter Magic Moment ist jedoch der Übergang zwischen den beiden Episoden. Wunderschön.

Was mir nicht so gefallen hat, ist der Sideplot um die Drogenschmugglerin. Zwar waren diese Szenen auch sehr interessant inszeniert und haben den Rhythmus des Films noch einmal beschleunigt, doch kommen sie mir immer etwas vor wie Fremdkörper. Zudem hat das Ende der zweiten Geschichte meiner Meinung nach zu sehr auf Melancholie gesetzt. Aber das ist auch so ziemlich die einzige Szene, die in diesem Film zu gewollt erscheint.

Insgesamt ist „Chungking Express“ wirklich ein fantastischer Film. Mir gefällt jedoch Wong Kar-Wais direkter Nachfolger „Fallen Angels“ noch eine Spur besser. Jeder, der sich auch nur etwas im Arthouse-Kino zu Hause fühlt und Geschichten über Menschen und ihre Beziehungen zueinander liebt, sollte „Chungking Express“ eine Chance geben: 8/10 Punkte.

Das Parfum

In meiner Schulzeit war ich einer der wenigen, denen Pflichtlektüren nicht wie eine Pflicht vorkamen – Lesen war für mich schon immer ein Vergnügen, selbst bei klassichen Werken. Noch schöner natürlich, wenn die Lektüre solch ein grandioser Roman, wie Patrick Süskinds „Das Parfum“ gewesen ist. Ich habe dieses Buch verschlungen und hatte es weit vor Termin zu Ende gelesen. Eine Verfilmung konnte ich mir immer nur schwer vorstellen. Umso gespannter war ich dann auf Tom Tykwers Interpretation, den ich nach „Winterschläfer“ für einen der fähigsten deutschen Regisseure halte.

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Der Film beginnt sehr nahe am Buch: Die Umgebung Jean-Baptiste Grenouilles im Paris des 18. Jahrhunderts wird glaubhaft und äußerst detailliert dargestellt. Die ruhige und sonore Erzählstimme Otto Sanders erzählt uns die Geschichte und ist in der Lage die gleiche beunruhigende Atmosphäre, die dem Roman innewohnt, heraufzubeschwören. Auch das Wesentlichte – die Darstellung der Gerüche – gelingt Tykwer ganz famos. Detailaufnahmen der Geruchsquellen, Aufnahmen der Geruchswege und Montagen derselben zeigen Grenouilles erweiterte Erfahrungswelt auf eine eindringliche Art und Weise – und auf die einzige, die ein rein audiovisuelles Medium darzustellen vermag. Trotzdem: Da es (noch) kein Geruchskino gibt, leider kein Vergleich zu den seitenlangen, ausufernden Beschreibungen des Romans.

Die Geschichte folgt der des Romans ziemlich genau. Alle wichtigen Stationen werden bereist und man hat nie den Eindruck eines reinen Abhakens der einzelnen Schauplätze. Den Charakteren wird genug Tiefe verliehen, so dass auch Nichtkenner der Vorlage große Freude an der filmischen Umsetzung finden dürften. Selbst die Orgienszene und Grenouilles letzter Gang sind enthalten – wenngleich auch in sehr abgeschwächter Form, was auch den dramaturgischen Höhepunkt des Films einiges an Wirkung nimmt. Ich weiß noch genau wie abgestoßen und doch fasziniert ich beim Lesen der letzten Seiten von „Das Parfum“ war. Ein notwendiges – und darüber darf man Streiten – Zugeständnis an das Mainstreampublikum. Womit ich auch zu den negativen Seiten der Verflimung kommen möchte.

Der größte Schwachpunkt war für mich der Darsteller Grenouilles. Nicht dass Ben Whishaw seine Sache als Schauspieler nicht gut gemacht hätte – nein, seine Darstellung war sogar sehr überzeugend. Doch Grenouille ist im Roman eine hässliche Zecke, ein Monster, der wahre Abschaum. Ben Whishaw ist viel zu gutaussehend. Für Nichtkenner des Romans wohl nicht weiter störend, doch die Vorlage liefert solch ein detailliertes Bild der Kröte Grenouille, dass Whishaw wie eine weichgezeichnete und aufpolierte Version des Mörders wirkt. Wohl auch ein Zugeständnis an den Mainstream und damit den augenscheinlichen Erfolg an den Kinokassen. Ebenso wie der eingestreute Humor von Meister Baldini. Dustin Hoffmans Darstellung überzeugt zwar, doch die komischen Szenen sind einfach nur unpassend und nicht wirklich vorlagentreu. Das hätte nicht sein müssen.

Anonsten wurde mir der Schwerpunkt zu sehr auf die Morde gelegt. Die erste Hälfte des Films wirkt zwar etwas gehetzt, doch – in meinen Augen – insgesamt gelungener, da hier wirklich auf die Person Jean-Baptiste Grenouille und seine eigene Welt eingegangen wird. Die Selbstfindung in der Höhle kommt mir viel zu kurz und plötzlich. Ein paar visualisierte Gedankenreisen wären hier schön gewesen. Die zweite Hälfte ist zu sehr Krimi. Die Innenwelt des Mörders wird nahezu vollständig vernachlässigt. Aber irgendwo muss man in solch einer schwierigen Adaption wohl Prioritäten setzen.

Insgesamt war ich von „Das Parfum“ sehr positiv überrascht. Im Gegensatz zu „Sakrileg“, der zweiten großen Romanverfilmung dieses Jahr, auf jeden Fall um Welten gelungener – und das bei der weitaus ansprungsvolleren Vorlage. Wenn man weniger auf den Erfolg an der Kinokasse geschiehlt hätte, wäre „Das Parfum“ bestimmt ein kleines Meisterwerk geworden. Mich würde interessieren, was Stanley Kubrick zu Tom Tykwers Adaption gesagt hätte, welcher dem Roman die Unverfilmbarkeit attestiert hatte. Schade, dass er sich nicht mehr dazu äußern kann. Gelungen, aber mit – für Vorlagenkenner – teils gröberen Schwächen: 7/10 Punkte.

Braveheart (1995)

Eine aktualisierte Besprechung des Films habe ich am 20. Dezember 2009 veröffentlicht.

Früher hatte ich noch öfter die Zeit mir Filme mehrfach anzuschauen. Aus dieser Ära stammen auch meine Erinnerungen an Mel Gibsons „Braveheart“. Besonders eine Sichtung – ich glaube sogar, es war die erste – ist mir heute noch sehr präsent: Eine Videonacht mit unzähligen Filmen – u.a. „Jurassic Park“, „Sieben“ und eben „Braveheart“. Ich weiß noch ganz genau wie mich das Ende damals mitgenommen hat. Da sitzt man dann mit 16 Jahren in einem Haufen von anderen Jungs – die größtenteils sowieso schon gepennt haben – und muss heftigst ein paar Tränen wegdrücken, weil man sich ja keine Blöße geben kann. Nach dieser Sichtung sind bis zum Ende der Schulzeit noch etliche weitere hinzugekommen. Dann war es irgendwann vorbei mit der vielen Freizeit und den Wiederholungssichtungen (nicht nur von „Braveheart“) – bis ich heute den Film das erste Mal seit mindestens fünf Jahren gesehen habe.

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Anfangs hatte ich etwas Angst, dass der Film im Vergleich zu der Version in meiner Erinnerung an Wirkung einbüßen könnte. Glücklicherweise hat sich diese Angst als unberechtigt herausgestellt. Es gab unzählige Szenen und Momente, die ich noch genau im Kopf hatte: Als Wallace nach dem Mord an seiner Frau in die Stadt reitet, die berühmte Rede vor der großen Schlacht und – ganz im Speziellen – das ergreifende Ende. Ich konnte mich hier teils wirklich an jede noch so kleine Geste erinnern. Erstaunlich. Besonders, da trotz dieser genauen Kenntnis keine Langweile aufgekommen ist und mich der Film noch genauso mitreißen konnte wie bei den ersten Sichtungen.

Herausragend bei „Braveheart“ sind natürlich die Schlachtszenen. Der Film war damals das Brutalste, was ich bis dato gesehen hatte. Auch heute noch wirken manche Szenen ungewohnt roh, was wohl vor allem daran liegt, dass hier kaum mit Verfremdung gearbeitet wurde. Anders als z.B. in „Gladiator“ oder „Der Soldat James Ryan“ hat man hier noch nicht übertrieben am Shutter-Speed gedreht. Das Resultat sind – trotz viel Handkamera-Einsatz – wesentlich übersichtlichere Kampfszenen, die – zumindest im klassischen Sinn – auch filmischer, weil weniger hektisch wirken.

Schauspielerisch kann Mel Gibsons Epos auch voll und ganz überzeugen. Besonders der Regisseur selbst spielt William Wallace als gäbe es kein Morgen. Man kann von der Person Mel Gibson – besonders in aktuellem Zusammenhang – halten was man will – in „Braveheart“ ist er vor und hinter der Kamera ganz groß. Auch hervorheben möchte ich den fantastischen Score von James Horner. Das Love Theme ist eines der schönsten Stücke, das ich je in einem Film gehört habe. Ich kann mir wirklich keine andere Untermalung der traumhaften Bildern vorstellen.

Kritik habe ich keine. Sicher darf man keine historisch korrekte Darstellung von William Wallace und der schottischen Befreiung erwarten, aber das sollte man auch nicht. Welcher Historienfilm ist schließlich schon geschichtlich korrekt? „Braveheart“ besinnt sich wenigstens ehrlich auf seine wahren Stärken: Großartige Unterhaltung mit viel Pathos und echten Gefühlen. Für mich ein moderner Klassiker: 10/10 Punkte.

Prädikat: Lieblingsfilm

Trennung mit Hindernissen – OT: The Break-Up

Nach über einem Jahr war ich gestern endlich einmal wieder in der Sneak Preview. Es gab: „Trennung mit Hindernissen“ (OT: „The Break-Up“) mit Jennifer Aniston und Vince Vaughn.

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Sneak Previews sind immer etwas abenteuerlich. So auch gestern. Nicht nur die schön kribbelige Spannung im Vorfeld was denn kommt, nein – meist ist auch das Publikum ein besonderes. Gestern z.B. hatten wir ein extrem dickes, extrem lautes und extrem nerviges Pärchen neben uns. Nicht nur dass sich die beiden unglaublich lautstark unterhalten haben. Sie mussten zudem unzählige Male austreten, haben irgendwann angefangen sich zu befingern (wobei sie sehr ungewöhnliche Sitzpositionen angenommen haben – was wirklich kein schöner Anblick war) und sich am Ende noch über den Film beschwert. Ein Elefant im Porzelanladen ist nichts dagegen.

Doch nicht genug des Abenteuers: Der Vorführer hat es anscheinend nicht geschafft den Film richtig zu maskieren, was das Resultat hatte, dass wir nur ca. zwei Drittel vom eigentlichen Bildausschnitt mitbekommen haben. Besonders auffällig bei den teils fehlenden, teils abgeschnittenen Opening Credits. Aber auch allen anderen Einstellungen hat man die falsche Maskierung angesehen, so gab es im ganzen Film keine Totale, die Augen waren nie im oberen Drittel (eher auf der Hälfte) und Hände etc. waren fast immer abgeschnitten. So schwer kann das doch nicht sein! Hat außer mir aber anscheinend niemand gemerkt.

Nun aber zum Film selbst: Für eine Sneak Preview absolut in Ordnung. Kein Überflieger, aber auch kein Reinfall. Aniston und Vaughn haben überzeugend gespielt und es war schön einmal wieder Jon Favreau zu sehen. Der Film hatte seine witzigen Szenen (Gesangstruppe, griechische Orgie, Gespräche mit Favreau) und seine leider nur witzig gemeinten (nahezu alles in der Galerie). Leider will „The Break-Up“ mehr sein als eine Komödie und versucht sich zusätzlich noch als Trennungsdrama. Auch diese Szenen funktionieren für sich genommen und wissen die erwarteten Gefühle zu transportieren. Doch leider ist das Zusammenspiel zwischen Komödie und Drama zu unausgegoren. Der Film ist keine Romantic Comedy – dazu ist die Ausgangssituation zu fatalistisch -, er ist keine Komödie – dazu ist er teils zu dramatisch – und als Drama funktioniert er auch nicht, weil hier zuwenig Substanz gezeigt wird. Diese Mischung erscheint unausgegoren und kann letztenlich nicht überzeugen, wenngleich die einzelne Szenen für sich durchaus ihre Momente haben.

„Trennung mit Hindernissen“ kann ich demnach nur bedingt empfehlen. Ich denke auch, dass Kinobesucher, die eine romantische Komödie erwarten sehr enttäuscht sein werden. Positiv zu vermerken ist allerdings die ungewöhnliche Ausgangssituation, die nicht nur bereits dagewesenes kopiert. Mit einem Pluspunkt für die Sneak bekommt der Film von mir 6/10 Punkte.

Freeze Frame

Mit Filmvergleichen ist das so eine Sache. Wenn für „Freeze Frame“ mit „In der selben Klasse wie Memento“ geworben wird, dann schürt das natürlich die Erwartungen. Natürlich lassen sich auch Parallelen in den beiden Filmen finden, doch von Christopher Nolans Film ist „Freeze Frame“ leider noch einige Klassen entfernt.

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Der Film lebt vor allem von seiner Grundidee, seinem Hauptdarsteller und seiner Optik. Die Paranoia Sean Veils wird durch die Bilder sehr intensiv und unmittelbar transportiert und somit auch für den Zuschauer spürbar. Dazu trägt auch Lee Evans eindringliches Spiel bei, der hier wirklich alles gibt. Doch leider kann die Geschichte nicht ganz mit der Ausgangssituation mithalten. So wird vor dem Hintergrund des persönlichen Überwachungsstaats eigentlich nur eine normale Kriminalgeschichte erzählt. Hier hätte meiner Meinung nach noch mehr mit der Paranoia und der Frage nach der Wahrheit bzw. Schuld/Unschuld gespielt werden können.

Der Look des Films hat mich leicht an Gilliam erinnert. Viele Kabel und Monitore mit sehr weitwinkligen Einstellungen. Trotz dieses leicht übertriebenen Stils, der sich auch in den Charakteren niedergeschlagen hat, bleibt die Geschichte immer in der Realität verankert. Dies trägt deutlich zur Glaubwürdigkeit der an sich sehr unrealistischen Situation bei.

„Freeze Frame“ ist ein guter Film mit sehr intensiver Atmosphäre. Ich denke von John Simpson können wir in Zukunft noch so einiges erwarten: 7/10 Punkte.

Der blutige Pfad Gottes – OT: The Boondock Saints

Es gibt Filme, bei denen man den Hype einfach verpasst. Alle reden davon. Man selbst steht immer kurz davor sie zu sehen – doch es mag nie klappen. So geschehen bei mir und „Der blutige Pfad Gottes“ (OT: „The Boondock Saints“). Vielleicht ist die späte Sichtung auch dem Übersättigungseffekt der Post-Tarantino-Welle zuzuschreiben. Da ich jedoch gerade in Tarantinos Hochphase meine Filmleidenschaft entwickelt habe, kann ich bis heute viel – oder zumindest mehr als andere – mit Filmen anfangen, die es darauf anlegen dem großen Meister nachzueifern (auch wenn sie meist an diesem Anspruch zu scheitern verurteilt sind).

Nun also die hochgelobten „Boondock Saints“. Anfangs habe ich ja Schlimmstes befürchtet. Selbst Willem Dafoes erster Auftritt war für mich nur eine schwache Kopie von Gary Oldmans grandioser Performance in Luc Bessons „Léon – Der Profi“. Doch glücklicherweise hat der Film ab hier Eigenständigkeit bewiesen. Dafoes Figur entwickelt sich sogar zum Highlight des Films und sein schwuler Cop ist für so manchen Lacher gut. Auch die restlichen Figuren sind alle herrlich skurril. Wunderbar gezeichnet und dabei – trotz aller Comichaftigkeit – sehr echt und sympathisch. Trotzdem musste ich immer an Tarantino denken und ich bin mir sicher, dass es ohne seine Werke „The Boondock Saints“ – wie so viele andere Filme auch – wohl nicht geben würde.

Die Geschichte bleibt eher simpel und es wird versucht mittels – durchaus effektiv eingesetzten – Brüchen in der Chronologie etwas Abwechslung hinein zu bringen. Vom moralischen Standpunkt aus gesehen bleibt Troy Duffys Heiligenmärchen natürlich sehr fragwürdig, wenngleich man bei dieser Art von Film seine moralischen Bedenken sowieso besser da lässt wo sie hingehören: In der Realität. Dennoch habe ich mich am Ende gefragt wie Mr. Duffy denn zu der Aussage seines Films steht und ob er seine Geschichte durch die gefakten(?) Interviewszenen am Schluss rechtfertigen will. Oder ob doch mehr dahintersteckt und er der Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Man weiß es nicht so genau und wird es wohl auch nicht erfahren. Als Zuschauer macht „Der blutige Pfad Gottes“ sowieso als das am meisten Spaß, was er am augenscheinlichsten ist: Ein abgedrehter, comichafter Actionsspaß im Gangstermilieu.

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Mich interessiert nun doch sehr, warum genau es nicht den angekündigten zweiten Teil gibt. Der Dokumentarfilm „Overnight“ sollte darüber Aufschluss geben, da sich Duffy in Hollywood anscheinend ziemlich daneben benommen hat. Leider ist die DVD fast so teuer, wie die deutsche DVD der „Saints“. Eine Ausgabe, die sich meiner Meinung nach durchaus lohnt, denn „Der blutige Pfad Gottes“ hat tatsächlich das Zeug zum Kultfilm – stilistisch sicher nicht so ausgefeilt wie Tarantino, aber wirklich äußerst unterhaltsam: 8/10 Punkte.