Predestination (2014)

Nach einer ereignisreichen Woche, die zudem noch mit finanziellen Unwägbarkeiten beim allseits beliebten Thema Hausbau endete, war ich reif für eine gepflegte Runde Eskapismus. Ein Film musste her, auch weil die Besucherzahlen meines Filmblogs (ist es überhaupt noch eines?) zurzeit ziemlich in den Keller rasseln. Die Wahl fiel auf einen der jüngsten Beiträge zu meinem Lieblingsgenre, den 2014er Zeitreisethriller „Predestination“ der Spierig-Brüder. Ob mich der Film kurzfristig auf andere Gedanken bringen konnte und auch sonst ein würdiger Genrebreitrag ist, lest ihr in der folgenden Besprechung…

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Die Spierig-Brüder sind mir bisher nur durch ihren sympathischen, wenn auch nicht perfekten Vampirfilm „Daybreakers“ bekannt. Ein ambitionierter Genrebeitrag, der bereits durch das Mitwirken von Ethan Hawke (u.a. „Boyhood“) punkten konnte. Die Genreschiene scheint den beiden australischen Brüdern zu liegen und somit ist die Verfilmung von Robert E. Heinleins Kurzgeschichte „All You Zombies“ auch als waschechter Genrefilm zu verstehen – jedoch nicht ohne mit den Erwartungen zu brechen. Das martialisch Anmutende Cover wird der Geschichte nicht gerecht, die sich über weite Strecken eher wie ein ruhiges und sehr persönliches Drama entwickelt. Überhaupt mochte ich, dass eine eher kleine Geschichte erzählt wird und nicht einmal wieder die gesamte Welt kurz vor ihrer Vernichtung steht.

Von der Atmosphäre her erinnert „Predestination“ am ehesten wohl an Genrekollege „Looper“, der nur zwei Jahre zuvor entstand. Auf inhaltlicher Ebene gibt es dagegen größere Unterschiede, wobei mir der Ansatz von „Predestination“ insgesamt wohl ein wenig besser gefallen hat. Umso verwunderlicher also, warum dem Film hierzulande eine Kinoauswertung verwehrt geblieben ist. Die Geschichte ist fordernd, ohne jedoch zu kompliziert zu sein. Genau die richtige Mischung aus Mystery und Unterhaltung. Wendungen hat der Film einige zu bieten, wenngleich sich diese für geübte Zuschauer auch schon recht früh offenbaren – speziell für den finalen Twist hätte ich keine große Montage mehr benötigt, wenngleich diese auch ihre emotionale Wirkung nicht verfehlt.

Mit Ethan Hawke und Sarah Snook bietet „Predestination“ zwei gut aufeinander abgestimmte Schauspieler, die sich aufgrund der ruhigen und bedachten Inszenierung der Spierig-Brüder voll und ganz entfalten können. Was die unvermeidbaren Zeitreiseparadoxen à la ‚Hilfe, ich bin mein eigener Großvater!‘ angeht, so werden diese völlig bewusst auf die Spitze getrieben und verlieren gerade dadurch an Bedeutung. Für Genreliebhaber kann ich nur meine unbedingte Empfehlung aussprechen – ein wahrlich zu unrecht untergegangener Film: 8/10 Punkte.

Almanya: Willkommen in Deutschland (2011)

Mein erster deutscher Film seit ich mich vor einem Vierteljahr zur Sichtung eines recht öden „Tatort“ durchgerungen hatte, was mich wohl nicht gerade – wie auch in diesem Film herrlich auf die Schippe genommen wird – als typischen Deutschen charakterisiert. Glücklicherweise sind nicht alle deutschen Filme so dröge wie unsere liebste Krimi-Unterhaltung – und speziell „Almanya: Willkommen in Deutschland“ kann als glänzendes Beispiel beeindrucken. Insofern kann ich an dieser Stelle schon einmal eine dicke Empfehlung aussprechen. Warum? Lest doch einfach weiter…

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Mein Interesse an „Almanya: Willkommen in Deutschland“ wurde durch nicht nur eine, nein, gleich zwei Besprechungen in einem meiner Lieblingspodcasts geweckt. Auch wenn es bis zur Sichtung ein wenig länger dauern sollte, hatte ich den Film seitdem immer auf dem Schirm und war schon entsprechend neugierig. Heute, bei einmal wieder knapp 40 °C, schien mir der richtige Zeitpunkt für eine entspannte Familienkomödie, die zu großen Teilen in der sonnigen Türkei spielt, gekommen zu sein. Und es war ein voller Erfolg: An Schlaf war trotz extremer Müdigkeit nicht zu denken und ich wurde so von der Geschichte und speziell den Charakteren mitgerissen, wie mir das schon lange nicht mehr passiert ist. Dabei hat der Film meine Erwartungen nur teils getroffen und sich speziell im letzten Drittel ganz anders entwickelt als ich vermutet hätte.

Wenn deutsches Kino und Geschichte aufeinandertreffen, dann bedeutet das in der Regel a) Nationalsozialismus oder b) DDR. Bei „Almanya: Willkommen in Deutschland“ kommen nun aber zwei Deutsch-Türkinnen um die Ecke und richten den Scheinwerfer auf ein vom Kino bisher komplett ignoriertes Kapitel deutsch-türkischer Geschichte – und das ohne jeglichen erhobenen Zeigefinger, Bedeutungsschwere oder einer aufgesetzten Moral. Das Drehbuch ist so locker-leicht, dass es eine wahre Freude ist. Jegliche Klischees werden sowohl auf deutscher als auch auf türkischer Seite durchgespielt und am Ende zählt letztendlich nur das, was überall am wichtigsten ist: die Familie.

Der Ideenreichtum der jungen Filmemacherinnen ist dabei wahrlich beachtenswert: Ob völlig überzeichnete Traumszenen, oder eine eigens erfundene Kauderwelsch-Sprache, die uns an den Verständnisproblemen der eingewanderten Türken teilhaben lässt – in dem Film steckt so viel Erzählfreude, dass die knapp 100 Minuten wie im Flug vergehen. Dabei ist die Dramaturgie nicht immer perfekt und es gibt einige Auslassungen, welche die Charakterentwicklung von manchen Nebenfiguren ein wenig oberflächlich erscheinen lassen. Die dramatische Wendung im letzten Drittel liegt zwar schon seit dem Prolog in der Luft, doch hat mich der Film damit dennoch voll erwischt. An manchen Stellen erschien mir die Inszenierung dies fast ein wenig zu sehr auszukosten, doch hat dies der emotionalen Wirkung keinen Abbruch getan.

Ich hatte zwar schon das Gefühl, dass mir „Almanya: Willkommen in Deutschland“ gut gefallen könne, doch dass ich davon so mitgerissen werde, hätte ich nicht gedacht. Im besten Sinne einfach nur ein schöner Film. Ebenso wie die Kollegen vom Sneakpod werde ich ihn bestimmt nicht zum letzten Mal gesehen haben. Also, liebe Landsleute, besser weniger „Tatort“ schauen und mehr Kinofilme wie diesen: 8/10 Punkte.

12 Years a Slave (2013)

Zu manchen Filmsichtungen muss man sich fast schon durchringen. So ging es mir zumindest mit „12 Years a Slave“ – wahrlich keine leichte Feierabendunterhaltung. Doch eine solche hätte es nach dem phänomenalen „Mad Max: Fury Road“ auch schwer gehabt. Steve McQueens 2014er Oscar-Gewinner hat mich jedoch von der ersten Sekunde an in seinen Bann gezogen. Es war keine einfache Sichtung, doch bin ich wirklich froh den Film gesehen zu haben. Manche Geschichten sind es einfach wert erzählt und gehört bzw. gesehen zu werden.

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Mir ist die Geschichte der Sklaverei noch aus dem Schulunterricht bekannt. Ebenso habe ich während der Schulzeit Steven Spielbergs „Amistad“ gesehen, an den ich mich jedoch kaum noch erinnern kann. Steve McQueens „12 Years a Slave“ hat mich erstmals emotional das Ausmaß dieser düsteren Periode nachvollziehen lassen. So gut das eben ein Film schaffen kann. Der historisch belegte Tatsachenroman aus Solomon Northups Perspektive bildet zudem eine erschreckend greifbare Grundlage. Man kann sich nur zu gut mit Northup identifizieren, was die Unbegreiflichkeit der unmenschlichen Handlungen umso schockierender macht. Auch wenn mich so schnell keine fiktive Gewaltszene mehr aus der Fassung bringt, so musste ich meinen Blick in manchen Szenen doch abwenden. McQueen beschönigt nichts – und das ist gut so.

Überhaupt ist die Inszenierung unglaublich. Obwohl man sich in den pittoresken Südstaaten befindet, wirkt selbst jede Landschaftsaufnahme wie ein Gefängnis. Es gibt kaum Kamerafahrten und oft ist das Bild durch natürliche Bildelemente, wie zum Beispiel ein Holzgerüst oder Bäume, zusätzlich dichter kadriert. Auch die Wahl langer Brennweiten verstärkt das Gefühl der Enge und der Ausweglosigkeit. All dies findet jedoch nicht aufdringlich statt, sondern bildet die perfekte Form für diese Art von Geschichte. Selbst Hans Zimmers Score ist wunderbar unaufdringlich und bleibt oftmals sogar komplett aus. Man könnte sagen, dass „12 Years a Slave“ unsentimental erzählt ist, hätte er nicht diese emotional mitreißende Wirkung.

Müsste ich einen Kritikpunkt finden, dann dass die 12-jährige Tortur zu komprimiert erzählt wirkt. Allerdings wäre mehr innerhalb eines Filmes wohl auch nicht möglich gewesen – und in einer Serie wäre das Thema in dieser drastischen Form (auch wenn sich mit „Roots“ bereits dieser Thematik angenommen wurde) wohl nur schwer zu ertragen. Letztendlich bleibt ein tieftrauriger Film, der uns leicht den Glauben an die Menschheit verlieren lassen könnte. Das Finale mag deshalb vielleicht übermäßig versöhnlich erscheinen, doch darf man nicht vergessen, dass Solomon Northup einer der Wenigen war, die ein glückliches Ende erfahren durften. Erschütternd, tieftraurig und dennoch unbedingt sehenswert: 9/10 Punkte.

Moneyball (2011)

Manchmal ist es schon seltsam, welche Filme den Weg auf den Bildschirm finden. Ich interessiere mich weder für Sport als TV-Unterhaltung, noch sonderlich für Statistik – und dennoch war mein Interesse an „Moneyball“ bzw. „Die Kunst zu gewinnen: Moneyball“ (so der deutsche Titel) geweckt. Das ist jedoch das Schöne am Film: Auch wenn das Thema fremd ist und auf den ersten Blick langweilig erscheinen mag, so kann eine gute Geschichte auch abseits von eingefahrenen Interessen mitreißen…

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In Fall von „Moneyball“ kommt noch hinzu, dass Aaron Sorkin (Autor von „The West Wing“) am Drehbuch beteiligt war. Dies dürfte neben den guten Kritiken für mich wohl der Hauptgrund gewesen sein, den Film überhaupt in mein Regal zu stellen. Warum die Wahl nach all den Jahren gerade heute auf das Sportdrama fiel, vermag ich nicht zu sagen: Die Woche war lang und anstrengend, morgen geht es in aller Frühe wieder auf die Baustelle und das Bett lockt bereits seit 20 Uhr. Dennoch konnte mich Bennett Millers Film am Ball halten, was speziell für dieses Genre durchaus eine Leistung ist. Allerdings funktioniert Sport in dramatisierter Form für mich durchaus, wie erst letztes Jahr die famose TV-Serie „Friday Night Lights“ gezeigt hat.

Sehr erstaunt war ich, wie vielschichtig sich „Moneyball“ doch gibt. Einerseits erzählt der Film eine klassische Underdog-Geschichte, wie man sie bereits unzählige Male gesehen hat. Hinzu kommt der Einsatz von Sabermetrics – im Prinzip eine Art Big-Data-Analyse der Spieler – inklusive dem Kampf der etablierten Baseball-Welt gegen die neue zahlengetriebene. Als wäre dies noch nicht genug, erlebt man das persönliche Drama Billy Beanes (toll gespielt von Brad Pitt) in Rückblenden mit, wodurch auch ein emotionaler Anker gegeben ist. All das ist bestimmt nicht neu, durchaus kalkuliert – und doch erfrischend wahrhaftig und mitreißend.

Vielleicht hat mich der Zahlenaspekt letztendlich doch so fasziniert, da ich selbst in einem data-driven Unternehmen arbeite. Der Zeitpunkt, zu dem „Moneyball“ spielt, war gerade der zeitliche Sweet Spot für diese Art der Spieler-Analyse. Beane und Peter Brand (ebenso fantastisch: Jonah Hill) waren einfach die ersten, die dieses System getestet und perfektioniert haben. Heute nutzt es jeder. Ganz egal ob ‚adapt or die‘ oder ‚innovate or die‘ die Aussage ist, die Welt dreht sich immer schneller und man kann die Zukunft nicht vorhersagen. Man muss am Ball bleiben, die Dinosaurier bleiben auf der Strecke. So auch Philip Seymour Hoffman, der hier in einer kleinen aber durchaus imposanten Nebenrolle zu sehen ist.

Insgesamt hat mich „Moneyball“ wirklich positiv überrascht und es hat sich wieder einmal gezeigt, dass das Leben die besten Geschichten schreibt. Wenn sie dann noch von Aaron Sorkin adaptiert werden, umso besser! Ich kann nur erahnen, welche Wirkung der Film auf Freunde des US-Sports haben mag. Wunderbar unaufgeregt erzähltes Schauspielerkino: 8/10 Punkte.

Before Midnight (2013)

Nachdem Richard Linklaters „Boyhood“ zurzeit in aller Munde ist, war es an der Zeit sich einem anderen ungewöhnlichen Film des Regisseurs anzunehmen. Exakt neun Jahre nach dem zweiten Teil, bildet „Before Midnight“ das vorerst letzte Kapitel der epischen Liebesgeschichte zwischen Celine und Jesse. Kann er die Magie der Vorgänger einfangen und lässt er uns an einem glücklichen Ende teilhaben?

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Ich liebe „Before Sunrise“ schon seit der ersten Sichtung. Es gibt wohl kaum einen zweiten Film, der mich so sehr ins Jetzt der Geschehnisse zieht und direkt an der Atmosphäre der Geschichte teilhaben lässt. Magisch und doch auf seltsame Art und Weise realistisch. Die neun Jahre später entstandene Fortsetzung „Before Sunset“ hatte mich ebenfalls überrascht, zumal ich mit ihr überhaupt nicht gerechnet hatte. Damit hat Linklater begonnen aus dieser intimen Momentaufnahme ein größeres Bild zu zeichnen. Mindestens ebenso imposant wie der Vorgänger, da die vergangene Zeit inhärenter Bestandteils des Films und seiner Charaktere geworden ist. Nun, weitere nein Jahre später, sollte die einst so unschuldige und romantische Beziehung endgültig in der Realität angekommen sein.

„Before Midnight“ ist ein Film, der teils schmerzhaft anzusehen ist. Speziell für Freunde der ersten beiden Teile. Der Alltag hat Celine und Jesse eingeholt, und auch wenn sie sich in einem außergewöhnlichen Setting befinden, so können sie dem normalen Leben jedoch nicht entfliehen. Der Ton des Films schwankt dabei zwischen liebevoll und verspielt bis hin zu zynisch und grausam. Viel mehr als in den Vorgängern werden die Extreme dargestellt, mit denen man sich erst in langjährigen Beziehungen auseinandersetzen muss. Dies ist nicht immer schön zu beobachten und oft schonungslos realistisch in der Offenlegung von verletztem Stolz und Worten, die wie Waffen eingesetzt werden.

Teils erschien mir der Aufbau von „Before Midnight“ in seiner Dramatik ein wenig konstruiert. Auch das Griechenland-Setting inklusive idyllischem Autorentreff wirkte aufgesetzter, als das Schlendern durch die Gassen Wiens oder Paris. Dennoch haben mich Celine und Jesse wieder in ihren Bann gezogen, gerade weil ihre Beziehung nicht (nur) verklärt dargestellt wird, sondern eben menschlich. Insgesamt also ein gelungener Abschluss (wenn es denn einer ist), der jedoch nicht ganz an seine beiden Vorgänger heranreicht: 8/10 Punkte.

The Wolf of Wall Street (2013)

Freitagabend und ich habe es gerade durch einen dreistündigen Film geschafft ohne dabei einzuschlafen. Schon alleine deshalb kann „The Wolf of Wall Street“ kein schlechter Film sein – allerdings ein vieldiskutierter, denn was die Rezeption von Martin Scorseses jüngstem Werk angeht, scheint es keine Gleichgültigkeit zu geben. Ich habe viele Besprechungen gelesen, in denen der Film in der Luft zerrissen wird, aber auch etliche, die ihn über den grünen Klee loben. Wo liegt nun also die einzig allgemeingültige Wahrheit? Wie ist der Film nun also bei mir angekommen?

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„The Wolf of Wall Street“ ist ein Scorsese-Film durch und durch. Abermals wird eine typische Rise-and-Fall-Geschichte erzählt, die in exzessiven Bildern präsentiert wird. Keine Gangster, wie in „Casino“ oder „GoodFellas“, dafür Börsenmakler. Der größte Kritikpunkt, den man in nahezu allen negativen Besprechungen lesen kann, ist die scheinbare Glorifizierung Jordan Belforts. Zudem würden die Auswirkungen auf die Opfer nicht gezeigt. Insofern unterscheidet sich diese Biographie nicht von Scorseses Gangsterfilmen, doch der Vorwurf ist hier stärker zu spüren. Vielleicht weil Jordan Belfort eine reale Person ist? Doch das war Henry Hill ja auch. Ich kann zudem nicht verstehen, wie man die gezeigten Exzesse als besonders erstrebenswert wahrnehmen kann. Belfort ist stets ganz offensichtlich ein – Pardon! – Arschloch, und auch wenn in ein paar kurzen Momenten der schöne Schein glänzt, so gibt es in jeder dieser Szenen auch verstörende Elemente, die jedem Zuschauer mit einigermaßen gepoltem Moralkompass selbst den Schluss ziehen lassen, dass dies falsch ist. Da muss Scorsese doch nicht plakativ weinende Anleger zeigen. Es genügt der verschämte Blick der Sekretärin, die sich gerade für 10.000 Dollar eine Glatze hat schneiden lassen.

Was mir besonders positiv aufgefallen ist, sind die famosen Schauspieler. Speziell Leonardo DiCaprio spielt absolut herausragend – und zwar in jeder auch noch so erniedrigenden Situation. Ebenso famos fand ich Jonah Hill, den ich bei seinem ersten Auftritt kaum erkannt hätte. Spätestens mit dieser Rolle sollte er sich im ernsthaften Fach etabliert haben, wobei „The Wolf of Wall Street“ keineswegs ein ernster Film ist. Es gibt abartig lustige Szenen, die jedoch stets einen düsteren Unterton haben. Überhaupt ist der Wechsel zwischen Humor und Drama oft ebenso stakkatohaft wie die Erzählweise bzw. die Stimmungsschwankungen von Rob Reiner, wenn er bei seiner Fernsehunterhaltung gestört wird. Auch eine absolut großartige Szene!

Typisch für Scorsese ist das Voice-over, welches Belfort schon bald als unzuverlässigen Erzähler zeigt und die Figur somit als nicht vertrauenswürdig etabliert. Was sagt uns das nur im Kontext der Geschichte? Immer wieder gehen wir als Zuschauer dem geborenen Verkäufer auf den Leim, und obwohl wir wissen, dass alles eine große Lüge ist, wollen wir mehr wissen. Ebenso wie das Publikum in Belforts Verkaufstraining am Ende des Films, das ihn mit großen Augen anschaut und erwartet, dass er das Versprechen nach schnellem Geld einlösen kann. Es wird immer Menschen wie Jordan Belfort geben, und solche die so sein wollen wie er. Martin Scorsese zeigt mit „The Wolf of Wall Street“ warum man mit Wünschen dieser Art vorsichtig sein sollte.

Auch wenn ich „The Wolf of Wall Street“ als sehr positiv wahrgenommen habe, so ist er weit davon entfernt perfekt zu sein. Der Film ist zweifellos zu lang und auf den einen oder anderen Exzess hätte ich auch verzichten können. Dennoch hatte ich viel Spaß an diesem anderen Gangsterfilm und war zu keiner Sekunde gelangweilt. Habe ich schon Matthew McConaughey erwähnt? Auch ein Grund, warum man sich den Film anschauen sollte, am besten im Doppelpack mit Oliver Stones „Wall Street“. Jetzt seid ihr dran: Habe ich euch den Film mit meiner Besprechung verkauft? Oder war alles nur eine große Lüge? 8/10 Punkte.

American Hustle (2013)

Das Wochenende vor Fasching beutet mit Kindern auch immer – wer hätte es gedacht? – Kinderfasching! Dies ist meist anstrengender, als es für Außenstehende scheint, doch letztendlich kommt es ja auch nur darauf an, dass die Kinder Spaß haben. Als um 20 Uhr endlich alle im Bett waren, hatte ich mich mit „American Hustle“ auf einen entspannten Filmabend gefreut, doch sollte sich die Sichtung, zumindest teilweise, anstrengender gestalten als ich zunächst angenommen hatte…

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Ich mag David O. Russells Werk. Irgendwie schafft er es sich mit jedem Film neu zu erfinden: „Flirting with Desaster“, „Three Kings“ oder „Silver Linings Playbook“ – alles Geschichten, die aus ihrer ursprünglichen Prämisse mehr gemacht haben, als man vermuten würde. Meine Erwartungshaltung in Bezug auf „American Hustle“ war jedoch, sagen wir einmal, angespannt. Mit zehn Oscar-Nominierungen ins Rennen gegangen, hat der Film letztendlich keine einzige Auszeichnung mit nach Hause genommen. Hinzu kommen größtenteils verhaltene Kritiken, was mich besonders skeptisch machte. Allerdings schienen Genre, Schauspieler und Inszenierung genau meinen Geschmack zu treffen. In welche Richtung sollte sich die Sichtung also für mich entwickeln?

Am ehesten hat mich „American Hustle“ an Ben Afflecks Oscar-Gewinner „Argo“ erinnert: Ein Film, der eine historische Begebenheit (Abscam) aufgreift, diese stark dramatisiert erzählt und in den späten 70er Jahren spielt? Das kann schon fast kein Zufall sein. Teils scheint es mir auch so, als hätte Russell sein Gaunerstück zu bewusst cool und lässig erzählen wollen. Da gibt es einige Schlenker zu viel im Drehbuch, die oft leider weniger unterhaltsam, als anstrengend wirken. Eine geradlinigere Erzählweise hätte dem Film, meiner Meinung nach, wirklich gut getan – zumal die Geschichte nicht sonderlich komplex ist.

Was wirklich ausgezeichnet funktioniert ist die 70er Jahre Atmosphäre samt fantastischem Soundtrack und bombastischer Ausstattung. Es macht einfach Spaß Christian Bale, Amy Adams, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Jeremy Renner und Co. dabei zuzusehen, wie sie allesamt völlig in ihren Rollen aufgehen und ein wahres Schauspielfest abliefern. Herrlich! Selbst kleinste Nebenrollen sind mit Stars, wie Robert De Niro oder Louis C.K. großartig besetzt.

Letztendlich hat mich „American Hustle“ wirklich gut unterhalten. Ein paar einzelne Szenen fand ich sogar regelrecht brilliant geschrieben und gespielt. Leider jedoch funktioniert das große Ganze nicht so gut, wie es eigentlich hätte sollen. Der Film wirkt ein wenig zu selbstverliebt, was man ihm in seinen Sternstunden auch durchaus zugestehen mag. Das nächste Mal gerne wieder ein wenig kleiner und mit mehr Feinschliff im Drehbuch, Mr. Russell. Dennoch ein guter Film, der jedoch leider hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt: 7/10 Punkte.

Snowpiercer – OT: Seolgugyeolcha (2013)

Nach einer gefühlt sehr anstrengenden Arbeitswoche und Nächten mit nur wenig Schlaf, stand der Freitagsfilm unter keinem guten Stern. Dennoch habe ich mich für „Snowpiercer“ entschieden – ein Film, den ich schon seit langer Zeit sehen wollte. Auch wenn mich „The Host“ schon länger reizt, so hatte ich von Regisseur Bong Joon-ho bisher noch keinen Film gesehen. Ich kann jetzt schon vorausschicken, dass ich dies wohl bald einmal ändern sollte…

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Auch wenn „Snowpiercer“ auf einem französischen Comic basiert, und somit kein eigenständiges Werk ist, habe ich jedoch schon lange keinen solch originellen Big-Budget-Film mehr gesehen. Die Prämisse ist so einfach, wie genial und hätte leicht ins Lächerliche abdriften können. Bong Joon-ho nimmt die Ausgangslage jedoch selbstbewusst auf und konterkariert brutale und düstere Momente mit beinahe grotesken und comichaften Szenen. Dies betrifft nicht nur das Setting, sondern auch die Charaktere. Speziell Tilda Swinton weiß hier zu überzeugen – und jede andere Schauspielerin hätte an ihrer Stelle leicht dem Overacting erliegen können. Der getroffene Ton ist jedoch absolut perfekt und überraschte mich immer wieder.

Was das Genre angeht, so lässt sich „Snowpiercer“ nur schwer greifen. Natürlich verarbeitet der Film offensichtlich ein dystopisches Science-Fiction-Szenario und stellt den Klassenkampf im Mikrokosmos Zug dar, doch von Abteil zu Abteil springt Bong Joon-ho von Drama über knallharten Actionfilm bis hin zu Slasher und Abenteuerfilm. All das ist enorm effektiv inszeniert und man wird als Zuschauer stets weiter nach vorne getrieben. Die Auflösung hat mir wirklich sehr gut gefallen, was vielleicht auch daran liegt, dass ich hoch erfreut war Ed Harris (Bud, „The Abyss“) endlich einmal wieder in einer größeren Rolle zu sehen. Mit John Hurt, Jamie Bell, der bereits erwähnten Tilda Swinton sowie Chris Evans, ist die Dystopie ohnehin exzellent besetzt.

Ich kann nicht wirklich erklären, was ich mir ursprünglich von „Snowpiercer“ erwartet hatte; vermutlich einen geradlinigeren Actionstreifen. Umso erfreuter war ich aufgrund des Ideenreichtums, den Bong Joon-ho sowohl in die Geschichte, als auch in die audiovisuelle Ausarbeitung gesteckt hat. Was der Film langfristig zu bieten hat, muss eine Zweitsichtung zeigen, in der die Überraschungen bereits bekannt sind. Das erste Mal war auf jeden Fall ein großes Vergnügen: sehr gute 8/10 Punkte.

Saving Mr. Banks (2013)

Pünktlich zum Wochenende, das wir eigentlich schon verplant hatten, quält unseren Zwergofant bei fast 40 °C Fieber eine fiese Erkältung. Die denkbar schlechtesten Voraussetzungen für einen Film – und dennoch hat „Saving Mr. Banks“ den Weg auf den Bildschirm gefunden. Trotz unzähliger Unterbrechungen und der Vorahnung einer Nacht ohne Schlaf, hat John Lee Hancocks Film einen Nerv bei mir getroffen…

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Ich mag Walt Disneys Version von „Mary Poppins“, deren Produktion in „Saving Mr. Banks“ nacherzählt wird. Sehr sogar. Dies mag unter anderem auch damit zusammenhängen, dass ich das Broadway-Musical tatsächlich am Broadway in New York City gesehen habe. Eine wahrhaft magische Erfahrung. Hinzu kommt, dass ich ohnehin ein großes Interesse an der Entstehungsgeschichte von mir wichtigen Filmen sowie ein Faible für Walt Disney habe. Wahrlich gute Voraussetzungen also, um den Film zu einem vollen Erfolg bei mir werden zu lassen.

John Lee Hancock hat sich wahrlich Mühe gegeben, sein nacherzähltes Zeitdokument authentisch wirken zu lassen. Mit Emma Thompson als „Mary Poppins“-Autorin P. L. Travers und Tom Hanks als Walt Disney ist die Besetzung der Hauptfiguren perfekt, welche durch die von Paul Giamatti, Bradley Whitford (Josh Lyman, „The West Wing“), Jason Schwartzman (Jonathan Ames, „Bored to Death“) und B. J. Novak (Ryan Howard, „The Office“) hochwertig besetzten Nebenrollen großartig ergänzt werden. Selbst Colin Farrell konnte mich schauspielerisch überzeugen, was wahrlich nicht immer der Fall ist.

Neben den Schauspielern überzeugt speziell die liebevolle Ausstattung sowie der an Technicolor erinnernde Look des Films. Auch Fans der Musical-Songs werden ihre wahre Freude haben, denn man erlebt deren Entstehungsgeschichte live mit. Von den audiovisuellen Reizen abgesehen, ist die Handlung recht geradlinig und ohne große Überraschungen. Ich hätte mir teils ein wenig mehr Tiefe in der Figurenzeichnung gewünscht und fordere in diesem Zuge sogleich eine verfilmte Walt Disney-Biographie mit Tom Hanks in der Hauptrolle!

Auch wenn „Saving Mr. Banks“ nicht perfekt durcherzählt ist, so gibt er einen guten Eindruck von der turbulenten und anstrengenden Entstehungsgeschichte samt ihrer angespannten Beziehungen. Das Schicksal der jungen P. L. Trevors hat mich zudem sehr berührt, was bei der Thematik auch kein Wunder ist. Oft hätte Hancock den Film ein wenig subtiler erzählen können, doch dann wäre es eben kein opulenter Disney-Film geworden. Und ein solcher hat ja schließlich auch seine Vorzüge: 8/10 Punkte.

Boyhood (2014)

Es gibt wohl kaum einen Film, auf den ich in letzter Zeit so heiß war – und das nicht erst seit dem Gewinn des Golden Globes. Schon als ich zum ersten Mal von Richard Linklaters „Boyhood“ las, war ich fasziniert. Nicht nur liebe ich Coming-of-Age-Geschichten, ich weiß seit dem grandiosen „Dazed and Confused“ auch, dass Linklater ein Händchen dafür hat. Zudem hat mich natürlich die ungewöhnliche Produktionsphase fasziniert. Konnte der Film meinen Erwartungen letztendlich gerecht werden?

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Die Sichtung ist gerade ein paar Minuten vorbei und Arcade Fires „Deep Blue“ hat mich sanft aus dem Film entlassen. Nun sitze ich da und frage mich: ‚War es das?‘ Nicht, weil ich mir etwas anderes erwartet hatte, sondern weil ich gerne mehr gesehen hätte. Noch mehr. Selbst nach langen 165 Minuten habe ich das Gefühl gerne mehr von den unterschiedlichen Stationen dieses Lebens sehe zu wollen. Mason weiter dabei zu begleiten aufzuwachsen, denn erwachsen ist er noch lange nicht. Richard Linklater hat uns über 12 Jahre am Leben dieses Jungen, dieser Familie teilhaben lassen – und der Abschied schmerzt. Ein schöneres Kompliment kann es wohl nicht geben, selbst wenn die Kunst des Auslassens wohl bewusst von Linklater inszeniert wurde…

Anders als zunächst von mir vermutet, zeigt der Regisseur eben nicht alle typischen Stationen des Erwachsenwerdens: kein erstes Mal Alkohol, kein erster Kuss, kein erster Todesfall. Durch diese bewussten Auslassungen lässt uns Linklater diese Lücken selbst auffüllen und verknüpft „Boyhood“ mit unseren eigenen Erinnerungen. Ähnlich funktioniert auch der Soundtrack des Films, der bekannte Songs der jeweiligen Zeit oft nur ein paar Sekunden lang anspielt – und uns Zuschauer den kompletten Song selbst ergänzen lässt. Das Kaleidoskop der tatsächlich gezeigten Szenen reicht von trivial bis bedeutsam und zieht uns Stück für Stück in Masons Leben hinein.

Ich habe schon viel über „Boyhood“ gelesen. Meist waren es überaus positive Besprechen, einige Zuschauer bemängelten jedoch auch, dass der Film keine stringente Handlung habe und nichts passieren würde. Es gibt tatsächlich wenig Action im Sinne von körperlich ausgeführten Handlungen, dafür viele Gespräche und Stimmungen. Hier erinnert das Drama stark an ein anderes filmisches Experiment Linklaters, die „Before…“-Trilogie, in der der Regisseur eine Liebesgeschichte in drei Teilen über 18 Jahre erzählt. Wenn man diese mag, wird man wohl auch seine Freude an „Boyhood“ haben. Ich würde behaupten diese Art von Film Film ist eben einfach Typsache.

Auch wenn es letztendlich nur eine Formalie ist, so muss ich Linklater und seinem Team doch Respekt für die Ausdauer zollen. Speziell in der heutigen Zeit, in der es jeder gewohnt ist, sofort Feedback zu erhalten, muss es ein wahrer Kraftakt gewesen sein, 12 Jahre zu drehen – und das über weite Strecken ohne jegliche Rückmeldung aus der Öffentlichkeit. Auch wenn einige diese 12 Jahre Drehzeit als Gimmick sehen, so bin ich überzeugt davon, dass „Boyhood“ nur dadurch die in jeder Szene spürbare Kraft entfalten konnte. Schade, dass es auf der aktuellen Blu-ray keinerlei Hintergrundinformationen gibt, würde mich doch brennend interessieren, aus wieviel Material Linklater letztendlich die finale Schnittfassung destilliert hat.

Die Besprechung ist nun länger geworden, als ich um diese Uhrzeit eigentlich geplant hatte. Noch etwas, das für den Film spricht. Auch wenn er dramaturgisch vielleicht genauso wenig perfekt ist, wie das Leben, das er abzubilden versucht, so lässt er uns Zuschauer doch an einem großen Entstehungsprozess teilhaben, den er emotional perfekt einfängt: dem Erwachsenwerden. Mein einziger wirklicher Kritikpunkt ist, dass ich gerne mehr mit Mason verbracht hätte. Ich möchte den Film nach dieser ersten Sichtung noch nicht zum Lieblingsfilm erklären, doch viel fehlt wahrlich nicht: 10/10 Punkte.