Freitagabend nach einer Woche, die es in sich hatte. Eigentlich wollte ich endlich „The Revenant“ sehen, doch aufgrund seiner Laufzeit hätte ich den Film wohl nicht zu Ende gesehen. Dann erinnerte ich mich an jackers Empfehlung zu „Anomalisa“ und die Wahl war schnell getroffen. Anfangs überlegte ich noch, ob Charlie Kaufmans jüngstes Werk nicht zu verkopft sei für solch einen Abend, an dem mir der Kopf ohnehin noch raucht, doch schon schnell sollte diese Sorge einer Faszination weichen…

Zunächst einmal muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass auch „Anomalisa“ auf Amazon Prime leider im falschen Bildformat – nämlich in 16:9 statt 2,35:1 – läuft. Dies ist wirklich sehr ärgerlich, doch möchte ich mich im Folgenden auf den Inhalt konzentrieren. Nur seid gewarnt, falls euch das wichtig ist. Audiovisuell ist Kaufmans Film nämlich extrem beeindruckend. Durch die mit 3D-Druck verfeinerte Stop-Motion-Technik bietet sich dem Zuschauer ein Look, wie man ihn zuvor noch nicht gesehen hat. Artifiziell und dennoch realistisch. Der Stil des Films ist immer präsent, lenkt jedoch nie von der Handlung ab und unterstützt diese sogar. Ein Animationsfilm, der sich wahrlich von der Masse abhebt.
Rein inhaltlich könnte man „Anomalisa“ recht einfach auf die Romanze eines Mannes mit Fregoli-Syndrom reduzieren. Ich glaube jedoch, dass es auch außerhalb dieser Nische viele Berührungspunkte gibt, die den Film viel universeller in seiner Aussage machen. Es geht um Einsamkeit, die moderne Arbeitswelt, Individualismus und Midlife-Crisis. Und das sind nur die offensichtlichsten Themen. Es ist beeindruckend, wie viel Detailarbeit in dem animierten Drama steckt. Jede Szene ist wohl durchdacht und atmosphärisch so aufgeladen, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe. Die zentrale Liebesszene ist wunderbar behutsam inszeniert und funktioniert einfach. Das hätte ich zuvor wirklich nicht vermutet. Man ist ganz nahe dran an den Figuren.
Auch wenn „Anomalisa“ inhaltlich vielleicht einfacher ist, als es zunächst den Anschein erweckt, so bietet er doch viel zu entdecken – wenn man sich denn darauf einlässt. Auch wenn mir heute eigentlich nach leichter Unterhaltung gewesen wäre, so hat mich Kaufmans Film doch unglaublich gepackt und mitgerissen. Wer sich einmal für 90 Minuten in eine fremde und vielleicht auch erschreckend bekannte Welt entführen lassen will, der sollte „Anomalisa“ auf jeden Fall eine Chance geben: 9/10 Punkte.








