Collateral (2004)

Mit Michael Mann und mir ist das so eine Sache. Seine Filme gefallen mir zwar recht gut, doch als die häufig angepriesenen Meisterwerke wollen sie mir meist nicht erscheinen. Sein bester Film ist meiner Meinung nach „Heat“ und selbst der schafft es – wiederum meiner Meinung nach – nicht, sich ganz vorne unter seinen Genrekollegen zu platzieren. Nun also „Collateral“. Wieder tolle Unterhaltung – und wieder kein Meisterwerk.

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In „Collateral“ treffen Figuren aufeinander, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Taxifahrer Max (Jamie Foxx) trifft auf den eiskalten Killer Vincent (Tom Cruise). Die Begegnung ist eher zufällig und für beide Charaktere schicksalhaft. Gegensätze ziehen sich anscheinend an – und das nicht nur in der Liebe. Während der gemeinsamen Nacht lernt man als Zuschauer die Charaktereigenschaften der beiden Figuren kennen. Ihre Träume, ihre Wünsche und auch ihre Schwächen und Ängste. In diesen Szenen erscheint mir der Film am stärksten, wenngleich die Gegensätzlichkeit teilweise auch recht plakativ dargestellt wird.

Im letzten Drittel verwandelt sich der fast schon philosophisch angehauchte Film in einen knallharten Thriller. Der Wechsel wirkt jedoch organisch und führt die – an sich äußerst simple – Geschichte zu einem konsequenten und spannenden Ende. Hier kann Michael Mann zeigen, dass er Actionsequenzen äußerst eindrucksvoll in Szene zu setzen weiß, ohne dabei seine Figuren zu vernachlässigen.

Der Film lebt vom Zusammenspiel von Jamie Foxx und Tom Cruise, welches wirklich fantastisch funktioniert. Beide Darsteller können ihre Stärken ausspielen und besonders Tom Cruise als einsamer Wolf weiß in dieser für ihn untypischen Rolle zu Punkten. Die Sympathien liegen jedoch klar bei Jamie Foxx‘ (fast schon zu) liebenswertem Taxifahrer.

Mögliche Kritikpunkte: Meiner Meinung nach hätte man noch etwas mehr mit dem Gedanken von Gegensatz und Schicksal spielen können – die Szene mit dem Wolf wäre schon einmal ein Anfang gewesen. Die beinahe schon traumähnliche Atmosphäre des nächtlichen L.A. hätte auf jeden Fall genug Potential gehabt. Was der Atmosphäre jedoch teils abträglich war: Der entsetzliche Videolook. Bei den draußen spielenden Nachtaufnahmen nicht zu übersehen. Fand ich extrem störend, da der Film dadurch teils sehr billig und amateurhaft gewirkt hat. Verstehe ich nicht, da viele Szenen auch auf 35 mm Film gedreht wurden. Warum dann der Einsatz von Video? Hat für mich weder stilistisch noch dramaturgisch Sinn gemacht. Vielleicht gibt es dazu ja ein paar klärende Worte im Making Of.

„Collateral“ ist ein starker Film mit toller Atmosphäre, der jedoch etwas unkonventionellere Wege hätte einschlagen können. Zudem ist für mich der Einsatz von Video eine mehr als fragliche Technik in einem Film wie diesem. Trotzdem sehr sehenswert: 8/10 Punkte.

Kiss Kiss Bang Bang

Sehr ungewöhnlich. „Kiss Kiss Bang Bang“ ist wahrlich ein sehr ungewöhnlicher Film. Erwartet hatte ich einen Buddymovie im „Lethal Weapon“-Stil, doch gesehen habe ich eine Schwarze Komödie mit starken Film Noir-Anleihen. Ich war wirklich positiv überrascht, wie ideenreich und ungewöhnlich Shane Black sein Regiedebüt inszeniert hat.

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Die Geschichte wird aus der Sicht von Kleinganove Harry Lockhart (Robert Downey Jr.) erzählt, der nach einer Verwechslung plötzlich mitten im Interesse von Hollywood steht. Dies ist allerdings nur der Auslöser für ein paar wilde Eskapaden, die Harry fortan mit seinem neuen Partner, dem schwulen Privatdetektiv „Gay“ Perry, zu bestreiten hat. Fortan gibt es unzählige Leichen, eine Femme Fatale, sowie diverse Wortgefechte, die an Skurrilität teils nicht zu überbieten sind.

„Kiss Kiss Bang Bang“ macht Spaß, keine Frage. Doch irgendwie verrennt sich der Film meiner Meinung nach etwas in seinen unzähligen Ideen. Die Geschichte wartet mit Wendungen auf, die man aufgrund des hohen Tempos kaum wahrzunehmen im Stande ist. Zudem befindet man sich beinahe im Minutentakt an neuen Locations, die ebenso schnell wieder mit neuen Figuren aufgefüllt werden. Einerseits entsteht dadurch eine wirklich mitreißende Dynamik, doch andererseits kann man das Handeln der Identifikationsfiguren nicht wirklich nachvollziehen, wodurch eine Distanz zu ihnen entsteht. Diese wird durch die gewählt Erzählform noch größer. Harrys Voice Over beschränkt sich nicht nur auf die Geschichte an sich – nein, er spricht den Zuschauer direkt an, spult den Film vor und zurück und macht klar, dass man hier nur einen Film sieht. Einerseits wirklich innovativ und auch amüsant, doch leider wird hierbei völlig die Magie des Eintauchens in die Geschichte zerstört. Ich denke weniger wäre hier mehr gewesen.

Shane Black hat mit „Kiss Kiss Bang Bang“ einen wirklich unterhaltsamen und mit bösen Späßen angereicherten Film geschaffen. Die Figuren – und ihre Darsteller – sind zudem überaus sympathisch. Doch leider hätte man sich mehr auf die Chemie zwischen ihnen und die Geschichte an sich verlassen sollen, dann wäre aus dem Film eine rundere Sache geworden: 7/10 Punkte.

Casino (1995)

Mit Martin Scorseses „Casino“ verbinde ich eine bestimmte Erinnerung: Ein Freund hatte mir erzählt den brutalsten Film auf VHS zu haben, den er je gesehen hat. Ich weiß nun gar nicht mehr, ob wir uns den gesamten Film angesehen hatten, oder ob er mir nur die – seiner Meinung nach – brutalsten Stellen gezeigt hat. Heute – inzwischen 10 Jahre später – konnte ich mich auf jeden Fall nur noch an die Szene im Maisfeld und an eine kreischende Sharon Stone erinnern. Zeit also die Erinnerungen aufzufrischen.

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Im Gegensatz zu damals kenne ich heute nahezu alle großen Mafia- und Gangsterfilme. Neben der „Der Pate“-Trilogie gehört Martin Scorseses „GoodFellas“ klar zu den wichtigsten Filmen dieses Genres. „Casino“ wirkt etwas wie eine ausgedehnte Version des Mittelteils dieses Klassikers. Erzählt wird folglich die bekannte Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Gangsters. Als besondere Elemente sind hier die Hauptrolle, die Las Vegas in dem Film spielt, sowie der Schwerpunkt, der auf die Ehe von Sam „Ace“ Rothstein gelegt wird, hervorzuheben.

Wie bereits in „GoodFellas“ verwendet Martin Scorsese Voice Over als erzählerisches Mittel. In „Casino“ sprechen jedoch zwei Personen, was dieser – von mir ohnehin geschätzten – Erzählform noch eine besondere Note verleiht. Der Zuschauer verfolgt die Geschichte folglich aus zwei verschiedenen Perspektiven, was wichtig ist, da sich die Hauptfiguren im Laufe des Films immer weiter auseinander leben.

Grandios hat mir die erste Hälfte des Films gefallen. Der Aufstieg von Ace und die Abläufe im Casino wurden in den schillerndsten Farben präsentiert und fantastisch inszeniert. Auch die Geschichte wirkt hier stets frisch und unverbraucht. Der Fall der beiden Gangster gegen Ende des Films ist mir in ähnlicher Form allerdings schon zu oft begegnet, als dass „Casino“ hier besonders hätte Punkten können. Zudem hätte der Film meiner Meinung nach um gut eine halbe Stunde gekürzt werden können. Ich habe mich zwar nicht gelangweilt, aber das Timing fand ich nicht so perfekt, wie beispielsweise bei „GoodFellas“.

Schön fand ich es überigens Robert De Niro und James Woods nach Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ wieder gemeinsam vor der Kamera zu sehen. Wenn auch in gänzlich anderen Rollen. Schauspielerisch und inszenatorisch ist „Casino“ – wie jeder Film von Scorsese – sowieso über jeden Zweifel erhaben. Ein wahres Feuerwerk an Perfektionismus: 8/10 Punkte.

Jackie Brown (1997)

Der zweite Film gestern Abend ist auch noch nicht sonderlich alt, er konnte sich aber durch etliche Sichtungen bereits den Ruf als persönlicher Klassiker erarbeiten. Die Rede ist von Quentin Tarantinos „Jackie Brown“. Damals bei der Kinosichtung war ich ziemlich enttäuscht vom ersten Tarantino-Film, den ich jemals auf der großen Leinwand gesehen habe. Alle – ich eingeschlossen – hatten einen zweiten „Pulp Fiction“ erwartet. Eigentlich sogar eine Steigerung. Eine Erwartungshaltung, die wohl kein Film auf dieser Welt hätte erfüllen können. Heute jedoch weiß ich „Jackie Brown“ als das zu schätzen, was er ist: Ein ruhiger, eleganter Gangsterfilm mit grandiosen Dialogen und typischen Tarantino-Figuren, der einfach eine unglaublich entspannte Atmosphäre verbreitet.

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Grundlegend für den neuen Stil ist wohl auch, dass hier erstmals nach einer Vorlage gearbeitet wurde: Elmore Leonards „Rum Punch“. Doch glücklicherweise ist auch Leonards Welt bevölkert mit Gangstern und Kleinkriminellen, die sich gar nicht so sehr von denen aus Tarantinos Filmuniversum unterscheiden. Eigentlich auch logisch, da Leonard schon immer eine große Inspirationsquelle für den Meister der pulp fiction war. Der Film ist gleichzeitig Adaption und Hommage – und er funktioniert in beide Richtungen.

Fantastisch ist die Ansammlung an hochkarätigen Schauspielern in teils ungewohnten Rollen. Allen voran Robert DeNiro, der hier den kiffenden Kleingangster Louis Gara gibt. Eine für ihn ungewohnte und schon allein deswegen urkomische Rolle. Samual L. Jackson gibt Waffenschieber Ordell Robbie gewohnt lässig und mit einer Coolness, die ihresgleichen sucht. Pam Grier und Robert Forster – die beiden Altstars des Films – spielen auf, als wären sie nie in der Versenkung verschwunden. Auch hier wieder die Verbindung von Hommage und Eigenständigkeit. Michael Keaton durfte seine Rolle als Ray Nicolette ein Jahr später in einer weiteren Elmore Leonard-Verfilmung – Stephen Soderberghs „Out of Sight“ – sogar wiederholen. Von den Auftritten von Brigdet Fonda, Sid Haig und Chris Tucker fange ich gar nicht erst an. Man sieht auf jeden Fall einmal wieder deutlich: Tarantino kennt die Branche, er kennt die Darsteller und er kennt ihre Filme. Er weiß mit der Erwartungshaltung zu spielen und besetzt teils gezielt gegen das Image – und das stets mit Erfolg.

Neben Geschichte, Darstellern und Dialogen ist natürlich der Soundtrack eine wichtige Größe in jedem Tarantino-Film. Auch in „Jackie Brown“ passt er wie die Faust aufs Auge. Er gräbt stets Perlen aus, die ohne seine Filme wohl nie mehr ein größeres Publikum erreicht hätten. Der Mann hat nicht nur ein Auge fürs Detail, sondern auch ein Ohr.

Mit „Jackie Brown“ hat sich Tarantino 1997 gezielt gegen die Erwartungshaltung seines Publikums gestellt. Mit Abstand betrachtet auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Mit „Pulp Fiction“ oder „Kill Bill“ hätte schließlich auch niemand gerechnet. Der Meister bleibt seinem Stil zwar stets treu, erfindet sich aber auch jedes Mal selbst neu. Er macht seine Filme in erster Linie für sich – und für ein Publikum, das Filme genauso liebt, wie er selbst: 10/10 Punkte.

Garden State (2004)

Gestern war seit langer Zeit einmal wieder ein Video- bzw. DVD-Abend. Am Start hatten wir gleich zwei grandiose Filme. Einen Klassiker und einen noch relativ jungen Film: „Garden State“ von Zack Braff. Normalerweise benötige ich ziemlich viele Sichtungen, um einen Film zu meinen Lieblingsfilmen zählen zu können – was auch erklärt warum meine persönlichen Klassiker meist aus den 80er oder 90er Jahren stammen. Doch „Garden State“ hat mich bereits bei der ersten Sichtung im Kino gepackt und nicht mehr losgelassen.

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Erzählt wird die Geschichte von Andrew „Large“ Largeman. Einem Schauspieler, der bisher nur in einer großen Rolle zu sehen war, und sich seither mit Aushilfsjobs über Wasser hält. Alles ändert sich, als er vom Tod seiner Mutter erfährt: Nach 9 Jahren kehrt er zum ersten Mal zu seinen Wurzeln zurück – nur um zu Erkennen, dass diese Rückkehr eigentlich ein Neuanfang ist. In seiner Heimatstadt trifft er auf Sam (Natalie Portman), die Large durch ihre unkoventionelle Art dazu bringt sein Leben wieder als etwas Wertvolles anzusehen und sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.

In der Geschichte gibt es unzählige kleine Episoden, die voller Humor und teils doch voller Melancholie stecken. Mit Large kann ich mich irgendwie wunderbar identifizieren. Es werden Themen angesprochen, die zwar schon in vielen Filmen auf der Leinwand präsent waren, die aber noch nie so ehrlich und aus dem Herzen heraus behandelt wurden. Allein der Monolog zum Zuhause der Kindheit, nach dem man sich sein ganzes Leben sehnt, das aber nur noch in der Erinnerung existiert, weil das echte Zuhause diese Sehnsucht nicht mehr erfüllen kann – einfach nur wunderschön und so wahr. Dabei verliert sich die Geschichte allerdings nicht in solchen – teils schon philosophischen – Nebenplots, sondern bleibt stets interessant, frisch und ist nebenbei mit grandiosen Charakteren bevölkert.

Zu Bewundern ist auf jeden Fall Zack Braff. Der Darsteller des tollpatschigen J.D. aus der tollen Dramedy „Scrubs“ verkörpert hier nicht nur kongenial die Hauptrolle – nein, er hat auch das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Da er noch relativ jung ist, trifft er – zumindest für seine Generation – stets genau den richtigen Ton. Den trifft er auch beim Einsatz des Soundtracks, der so gut ist, wie kaum ein zweiter. Die Songs erzielen stets die richtige Wirkung und sind untrennbar mit den Bildern verbunden. Schön ist, dass er auch ohne den Film funktioniert – was ich nach unzähligen Durchgängen aus eigener Erfahrung sagen kann. Ansonsten möchte ich noch Natalie Portman hervorheben, die wie immer einen großen Teil zum gelingen des Films beiträgt. Eine tolle Schauspielerin für einen tollen Charakter.

Zack Braff hat mit „Garden State“ einen Film geschaffen, der es von 0 auf 100 in meine Lieblingsfilme geschafft hat. Ich hoffe, er kann mit einem zweiten Film an seinen Erstling anschließen und freue mich schon sehr darauf. Wer diesen Film noch nicht kennt: Schaut ihn euch an, er kann glücklich machen – man muss es nur zulassen können: 10/10 Punkte.

Prädikat: Lieblingsfilm

The Lost Boys

Joel Schumachers „The Lost Boys“ gehört wohl zu den Filmen, die ich während meiner Jugend am häufigsten gesehen habe. Die letzte Sichtung ist nun auch bestimmt schon 10 Jahre her. Trotzdem konnte ich mich noch an viele Szenen erinnern und habe mich in Santa Clara sofort wieder zu Hause gefühlt.

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Der Film hat eine ganz besondere Atmosphäre: Er ist zwar eher ein Jugendabenteuer, als ein Horrorfilm – dennoch herrscht stets eine düstere Stimmung vor, die dem Film die nötige Ernsthaftigkeit verleiht. Die Geschichte um die Familie Emerson, die sich mit einem Vampirclan herumschlagen muss, erhält zwar keinen Originalitätspreis, bleibt aber stets spannend und interessant. Zudem besitzt sie einen – wie ich aus langjähriger Erfahrung sagen kann – sehr hohen Wiederanschauungswert.

„The Lost Boys“ ist ein wahres Kind der 80er. Die Frisuren, die Kleidung, die Inszenierung und ganz besonders der Soundtrack sind so typisch für dieses Jahrzehnt, dass mir kaum ein zweiter Film einfällt, der mich so sympathisch in die 80er Jahre zurückversetzt. Hier funktioniert der zeitgenössische Soundtrack tadellos und nervt ausnahmsweise nicht. Ein Manko, mit dem meiner Empfindung nach sonst viele 80er Jahre Filme zu kämpfen haben.

Sehr interessant ist aus heutiger Sicht die Ansammlung an fantastischen Schauspielern. Allen voran sticht natürlich Kiefer Sutherland heraus, der hier den Vampirrocker mit viel jugendlichem Elan spielt. Besonders gefallen hat mir auch wieder Corey Feldman, der – wie bereits zwei Jahre zuvor bei „Die Goonies“ – den jugendlichen Draufgänger spielen darf. Die eigentliche Überraschung war allerdings Richard Gilmore aus den „Gilmore Girls“ (Edward Herrmann) als Obervampir zu sehen.

„The Lost Boys“ gehört zu einer Art Film, wie sie heute leider nicht mehr gemacht werden. Zitatenreich, unterhaltsam, liebevoll ausgestattet, tolle Schauspieler – und all das in einem Big Budget-Jugendfilm. Einer meiner persönlichen Klassiker: 9/10 Punkte.

A History of Violence (2005)

David Cronenbergs aktuellster Kinofilm „A History of Violence“ ist mir bereits durch den Trailer aufgefallen. Dieser Film schien so ganz anders zu sein, als seine vorangegangenen Werken, wie „eXistenZ“ oder „Naked Lunch“ – und so ist es tatsächlich: Das heißt in dieser Graphic Novel-Verfilmung gibt es keine Insektenmonster oder organische Implantate, keine Parallelwelten. Nur die brutale Realität.

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Ganz anders als bei den Vorgängern kommt „A History of Violence“ also ohne fantastisch anmutende Geschöpfe und diesbezügliche Effekte aus. Auch die Inszenierung erlaubt sich keinerlei Experimente und bleibt dem Realismus treu. Durch die langsamen Kamerafahrten und die langen Einstellungen verbreitet der Film Ruhe. Die Ruhe vor dem Sturm. Wenn es dann zur – bereits im Titel angekündigten – Gewalt kommt, bricht diese nicht nur auf den Zuschauer herein, sondern auch auf die Figuren im Film.

Mir hat in „A History of Violence“ besonders der ruhige Spannungsaufbau imponiert. Die geschaffene Atmosphäre ist unheilsschwanger und man weiß, das die Idylle jeden Moment in sich zusammenbrechen kann. Teils sind sogar Erinnerungen an David Lynchs „Blue Velvet“ wach geworden. Auch nach den ersten Gewaltakten bleibt der Film seiner Linie treu und verhältnismäßig realistisch. Leider hat mir die aktive Vergangenheitsbewältigung von Tom/Joey nicht sonderlich gefallen. Hier wirkt alles viel zu comichaft überzogen. Ich hätte mir eine wendungsreicheres oder auch offeneres Finale gewünscht.

Insgesamt ist „A History of Violence“ ein – aufgrund seiner ruhigen Inszenierung und seiner dichten Atmosphäre – toller Film. Die Geschichte ist einfach und realistisch. Leider fast schon zu einfach – und dem Realismus wird gegen Ende zudem etwas die Luft aus den Segeln genommen. Viggo Mortensen und Maria Bello können voll und ganz überzeugen. Ed Harris‘ und William Hurts Charaktere waren mir dagegen zu comichaft angelegt. Vermutlich funktioniert die Vorlage hier besser. Trotzdem sehr sehenswert: 7/10 Punkte.

Alien vs. Predator – Erweiterte Fassung (2004)

Eine aktualisierte Besprechung des Films habe ich am 22. Dezember 2016 veröffentlicht.

Ich liebe die „ALIEN“-Filme. Ich bin mit ihnen aufgewachsen und sie stehen noch heute für unglaublich atmosphärische Sci-Fi-Unterhaltung. Zumindest die ersten beiden Teile sind unbestrittene Klassiker des Genres. Mit den beiden „Predator“-Filmen konnte ich nie so viel anfangen. Sicherlich gute 80er Unterhaltung, aber weit entfernt von der Genialität eines „ALIEN“. Nun also „Alien vs. Predator“. Mir war von Beginn an klar, dass ich hierbei weder einen Teil der „ALIEN“-, noch einen der „Predator“-Reihe erwarten durfte. Allein Regisseur Paul W. S. Anderson hat die weltweite Fangemeinde in Angst und Schrecken versetzt, hat dieser doch u.a. filmische Desaster wie „Mortal Kombat“ verbrochen. Allerdings stammt von ihm auch der atmosphärische „Event Horizon“. Das – und die Tatsache, dass ich es hier mit einer simplen Comic-Verfilmung zu tun habe – im Hinterkopf, konnte ich mich eigentlich ganz gut unterhalten lassen.

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Die Exposition bis zur Ankunft in der Pyramide ist schön aufgebaut und macht Lust auf den kommenden Hauptteil des Films. Allerdings wird hier bereits klar, dass alle Charaktere den gängigen Monsterfilm-Klischees entsprechen und sie in der kommenden Stunde einer nach dem anderen den beiden Kreaturen zum Opfer fallen werden. In der Pyramide selbst wird die Truppe dann auch kräftig dezimiert, um am Ende eine Lt. Ripley-Gedächtniskämpferin zurück zu lassen. Würden die Monster nicht bekannten Franchises entspringen, könnte man den Film getrost als ziemliche Gurke bezeichnen.

Doch da sind sie: Aliens und Predatoren. Vereint in einem Film. Allein der Kampf der beiden Kreaturen in der Mitte des Films ist es wert gesehen zu werden. Genauso stellt man sich das vor. Bei der letzten Einstellung des gewinnenden Aliens zaubert Paul W. S. Anderson sogar eine wunderschöne Totale, die getrost aus einem „ALIEN“-Film stammen könnte. Leider bleibt es dann auch dabei. Der Rest ist reichlich uninspiriert und wenn sich Menschen und Predatoren verbünden, löst das beim Fan im ersten Moment nur Kopfschütteln aus. Wenigstens kommt es so am Ende noch zu einem netten Schlusskampf mit der Alienqueen. Danach konnte ich die neue Allianz sogar akzeptieren. Man darf eben nur nicht zuviel nachdenken und muss den Film als reine Actionunterhaltung abseits der beiden großen Vorbilder sehen. Dann schluckt man am Ende auch den Alien/Predator-Hybrid.

Nett fand ich übrigens, dass wenigstens ansatzweise versucht wurde den Originalen Tribut zu zollen, indem z.B. Lance Henrikson als Charles Bishop Weyland auftritt. Insgesamt hätte man bestimmt mehr aus diesem Universum machen können, doch der Film ist bestimmt nicht das Desaster, als das er gerne hingestellt wird: 6/10 Punkte.

Das Parfum

In meiner Schulzeit war ich einer der wenigen, denen Pflichtlektüren nicht wie eine Pflicht vorkamen – Lesen war für mich schon immer ein Vergnügen, selbst bei klassichen Werken. Noch schöner natürlich, wenn die Lektüre solch ein grandioser Roman, wie Patrick Süskinds „Das Parfum“ gewesen ist. Ich habe dieses Buch verschlungen und hatte es weit vor Termin zu Ende gelesen. Eine Verfilmung konnte ich mir immer nur schwer vorstellen. Umso gespannter war ich dann auf Tom Tykwers Interpretation, den ich nach „Winterschläfer“ für einen der fähigsten deutschen Regisseure halte.

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Der Film beginnt sehr nahe am Buch: Die Umgebung Jean-Baptiste Grenouilles im Paris des 18. Jahrhunderts wird glaubhaft und äußerst detailliert dargestellt. Die ruhige und sonore Erzählstimme Otto Sanders erzählt uns die Geschichte und ist in der Lage die gleiche beunruhigende Atmosphäre, die dem Roman innewohnt, heraufzubeschwören. Auch das Wesentlichte – die Darstellung der Gerüche – gelingt Tykwer ganz famos. Detailaufnahmen der Geruchsquellen, Aufnahmen der Geruchswege und Montagen derselben zeigen Grenouilles erweiterte Erfahrungswelt auf eine eindringliche Art und Weise – und auf die einzige, die ein rein audiovisuelles Medium darzustellen vermag. Trotzdem: Da es (noch) kein Geruchskino gibt, leider kein Vergleich zu den seitenlangen, ausufernden Beschreibungen des Romans.

Die Geschichte folgt der des Romans ziemlich genau. Alle wichtigen Stationen werden bereist und man hat nie den Eindruck eines reinen Abhakens der einzelnen Schauplätze. Den Charakteren wird genug Tiefe verliehen, so dass auch Nichtkenner der Vorlage große Freude an der filmischen Umsetzung finden dürften. Selbst die Orgienszene und Grenouilles letzter Gang sind enthalten – wenngleich auch in sehr abgeschwächter Form, was auch den dramaturgischen Höhepunkt des Films einiges an Wirkung nimmt. Ich weiß noch genau wie abgestoßen und doch fasziniert ich beim Lesen der letzten Seiten von „Das Parfum“ war. Ein notwendiges – und darüber darf man Streiten – Zugeständnis an das Mainstreampublikum. Womit ich auch zu den negativen Seiten der Verflimung kommen möchte.

Der größte Schwachpunkt war für mich der Darsteller Grenouilles. Nicht dass Ben Whishaw seine Sache als Schauspieler nicht gut gemacht hätte – nein, seine Darstellung war sogar sehr überzeugend. Doch Grenouille ist im Roman eine hässliche Zecke, ein Monster, der wahre Abschaum. Ben Whishaw ist viel zu gutaussehend. Für Nichtkenner des Romans wohl nicht weiter störend, doch die Vorlage liefert solch ein detailliertes Bild der Kröte Grenouille, dass Whishaw wie eine weichgezeichnete und aufpolierte Version des Mörders wirkt. Wohl auch ein Zugeständnis an den Mainstream und damit den augenscheinlichen Erfolg an den Kinokassen. Ebenso wie der eingestreute Humor von Meister Baldini. Dustin Hoffmans Darstellung überzeugt zwar, doch die komischen Szenen sind einfach nur unpassend und nicht wirklich vorlagentreu. Das hätte nicht sein müssen.

Anonsten wurde mir der Schwerpunkt zu sehr auf die Morde gelegt. Die erste Hälfte des Films wirkt zwar etwas gehetzt, doch – in meinen Augen – insgesamt gelungener, da hier wirklich auf die Person Jean-Baptiste Grenouille und seine eigene Welt eingegangen wird. Die Selbstfindung in der Höhle kommt mir viel zu kurz und plötzlich. Ein paar visualisierte Gedankenreisen wären hier schön gewesen. Die zweite Hälfte ist zu sehr Krimi. Die Innenwelt des Mörders wird nahezu vollständig vernachlässigt. Aber irgendwo muss man in solch einer schwierigen Adaption wohl Prioritäten setzen.

Insgesamt war ich von „Das Parfum“ sehr positiv überrascht. Im Gegensatz zu „Sakrileg“, der zweiten großen Romanverfilmung dieses Jahr, auf jeden Fall um Welten gelungener – und das bei der weitaus ansprungsvolleren Vorlage. Wenn man weniger auf den Erfolg an der Kinokasse geschiehlt hätte, wäre „Das Parfum“ bestimmt ein kleines Meisterwerk geworden. Mich würde interessieren, was Stanley Kubrick zu Tom Tykwers Adaption gesagt hätte, welcher dem Roman die Unverfilmbarkeit attestiert hatte. Schade, dass er sich nicht mehr dazu äußern kann. Gelungen, aber mit – für Vorlagenkenner – teils gröberen Schwächen: 7/10 Punkte.

Die Bourne Verschwörung – OT: The Bourne Supremacy (2004)

Nun habe ich auch die Fortsetzung von „Die Bourne Identität“ gesehen. Regisseur war nicht mehr Doug Liman, sondern Peter Greengrass. Dieser Wechsel im Regiestuhl hat sich etwas in der Art der Inszenierung niedergeschlagen, doch er ist nicht der Grund, warum „Die Bourne Verschwörung“ für mich nicht halb so gut funktioniert, wie der Vorgänger.

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Doug Limans eher klassischer Stil, musste einem Pseudodokustil weichen, der teils zwar interessant ist und für Unmittelbarkeit sorgt, der in gewissen Szenen aber auch gehörig nerven kann. Die Wackelkamera allein wäre noch nicht einmal so schlimm, doch in Kombination mit einem anscheinend hyperaktiven Cutter entstehen keine spannend montierten Verfolgungsjagden, sondern nur unübersichtlicher Bildbrei. Auch damit könnte ich eventuell noch leben, wenn allerdings innerhalb von zehn Minuten die dritte Verfolgungsjagd über den Bildschirm flimmert, dann kommt es selbst bei mir zu Ermüdungserscheinungen.

Über Schwächen in der Montage könnte ich auch noch hinwegsehen, wäre die Geschichte herausragend. Leider ist sie es nicht – im Gegenteil. Man bekommt quasi 1:1 die Geschichte des Vorgängers vorgesetzt, nur dass man als Zuschauer bereits über die Vergangenheit von Jason Bourne Bescheid weiß, was der Spannung nicht sonderlich zuträglich ist. Erneut ein Auftragsmord, der durch Rückblenden erzählt wird, erneut wird Bourne verfolgt und erneut steckt ein CIA-Mitarbeiter dahinter. Hatte Bourne im ersten Teil allerdings noch Marie als Partnerin, so muss er sich hier alleine durch Europa kämpfen. Dadurch fehlt jeglicher Gesprächspartner und die – sowieso schon distanzierte – Figur Jason Bourne wird immer blasser. Letztendlich gibt es auch hier keine Überraschungen in der Geschichte und es kommt alles so, wie man es sich von den ersten Minuten an erwartet. Vielleicht bin ich aber auch nur durch „ALIAS“ etwas von komplexen Agentengeschichten verwöhnt.

Stärken des Films sind nach wie vor die tollen Locations. Da der Film größtenteils in Deutschland (Berlin und München) spielt, kommt eine ganz eigene Atmosphäre auf. Auch die Schauspieler wissen zu gefallen und stellen ihre Charaktere überzeugend dar. Leider war es das auch schon.

„Die Bourne Verschwörung“ ist für mich ein Film mit einer Geschichte, die nicht unbedingt erzählt hätte werden müssen. Das hat man alles schon zu oft gesehen und ist – im Vergleich zum ersten Teil – ein echter Rückschritt. Kein totaler Reinfall, aber zu belanglos um gut zu sein oder wenigstens im Gedächtnis zu bleiben: 5/10 Punkte.