Aviator – OT: The Aviator

Gestern Abend habe ich einmal wieder einen Film gesehen, dessen Sichtung ich viel zu lange vor mir hergeschoben hatte: „Aviator“ – der potentielle Oscar-Favorit 2005 von Martin Scorsese.

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Wie wir heute wissen, gab es 2005 keinen Regie-Oscar für Scorsese – dieser folgte zwei Jahre später für „Departed: Unter Feinden“. Für welches Werk er nun gerechtfertigter gewesen wäre? Darüber lässt sich streiten. Sicher ist auf jeden Fall, dass „Aviator“ noch weiter von der klassischen Regie Scorseses entfernt ist, als der Film für den er letztendlich den Oscar gewann. Dies mag am Genre liegen, doch auch abgesehen davon ist die Verfilmung der Biographie von Howard Hughes eher der typische Oscar-Film und lässt leider etwas die Eindringlichkeit eines „Casino“ oder gar „GoodFellas“ vermissen.

Ich habe die Sichtung von „Aviator“ sichtlich genossen. Er ist mit Sicherheit einer der besten typischen Oscar-Filme und Werken wie „A Beatiful Mind“ meilenweit überlegen – dennoch hat er meiner Meinung mit einigen Problemen zu kämpfen. Ich ziehe zum Vergleich wieder einmal „GoodFellas“ heran – für mich das Meisterwerk unter den rise and fall Filmen. Hier wird in kürzester Zeit ein Charakter in allen Facetten aufgebaut. Es werden alle wichtigen Lebensabschnitte gezeigt und sowohl Sympathien als auch Antipathien geschaffen. In „Aviator“ gelingt das nur bedingt. Es bleibt etwas der Eindruck, als hätte Hughes Zeit seines Lebens nur unter seiner Zwangsneurose gelitten und die Begründung wird in Form von Flashbacks etwas plump eingeschoben. Für mich hat etwas der umfassende Eindruck gefehlt. Zu viel Zeit wurde auf Nebensächlichkeiten – zwar grandios inszeniert, aber dennoch – verwendet und zu wenig auf die Charaktere.

Die Inszenierung ist über jede Kritik erhaben. Ein perfekter Augen- und Ohrenschmaus. Wunderbar anzusehen und doch beinahe etwas langweilig und ohne Biss. Vielleicht ist das der Fluch der gezielten Oscar-Filme. Meine Kritik mag sich nun harscher anhören, als sie letztendlich gemeint ist. „Aviator“ ist in seinen besten Momenten wahrlich großes Kino – in seinen schwächsten allerdings nur ein durchschnittliches Biopic.

Erwähnenswert finde ich noch das wirklich herausragende Spiel von Leonardo DiCaprio. Auch die weiblichen Hauptdarsteller Cate Blanchett und Kate Beckinsale können auf ganzer Linie überzeugen. Unzählige kürzere Auftritte von Stars wie Alec Baldwin, Jude Law, Willem Dafoe, Ian Holm und Edward Herrmann runden den positiven Gesamteindruck ab.

„Aviator“ ist sicherlich nicht Scoreses Meisterwerk. Doch kann der Film als Biopic über Howard Hughes durchaus überzeugen. Schauspiel und Inszenierung sind über jeden Zweifel erhaben, wenngleich dem Film Scorseses persönliche Note etwas abgeht. Für Filmfreunde dennoch auf jeden Fall eine Sichtung wert: 8/10 Punkte.

Saw IV (2007)

Ene mene mu und der neue Killer bist du! So oder so ähnlich müssen wohl die Drehbuchsitzungen bei „Saw IV“ abgelaufen sein. Aber mal ehrlich: Hätte ich das nicht erahnen können? Bestimmt. Ich hätte eher meine ursprüngliche Reaktion nach „Saw III“ beherzigen sollen und eben nicht auf den Fortsetzungszug aufspringen. Doch wie das so ist mit guten Vorsätzen…

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Das was ich zu „Saw III“ geschrieben habe, kann man eigentlich auch für den Nachfolger stehen lassen: Übertriebene Fallen, kaum Identifikationsfiguren und fehlende Spannung. Allein Scott Patterson („Gilmore Girls“, „Aliens in America“) hat mir in dieser für ihn ungewöhnlichen Rolle recht gut gefallen. Positiv sind auch wieder die Rückblenden hervorzuheben, die dem Film wenigstens ansatzweise ein erzählerisches Grundgerüst bieten. Ansonsten gibt es leider nicht mehr viel Gutes zu berichten.

Ja, die Fallen. Blut und Gekröse halt. Vielleicht nicht mehr so übertrieben wie im dritten Teil, aber dennoch oft unnötig und nicht wirklich der Handlung dienend. Aber so ist es bereits seit der ersten Fortsetzung. Schwer wiegt leider auch die unausgegorene Erzählstruktur. Was das mit der Obduktion Jigsaws sollte? Ich weiß es nicht. Letztendlich wurde in diesem Teil der Filmreihe einzig und allein ein neuer Bösewicht eingeführt. Das hätte man auch in fünf Minuten abhandeln können und degradiert die eigentliche Handlung um Agent Strahm (Patterson) und Rigg zur reinen Farce.

„Saw IV“ ist eben eine typische „Saw“-Fortsetzung. Ungemein erfolgreich und letztendlich eine Aneinanderreihung von abstoßenden Szenen. Das ganze ist dann aber wieder gerade so atmosphärisch und liefert wieder ein winziges Puzzlestückchen mehr zum Filmuniversum, dass man den Film doch nicht so verdammt, wie er es vermutlich verdient hätte. Eine geniale Marketingmaschine: 3/10 Punkte.

Die Verurteilten – OT: The Shawshank Redemption

Es gibt einige hochkarätige Filme da draußen, die sich nicht so wirklich ins kollektive Gedächtnis der Zuschauer gebrannt haben. Zu diesen gehört Frank Darabonts „Die Verurteilten“ – und spätestens jetzt höre ich erste Protestschreie. Man darf jedoch nicht vergessen, dass ihr – die Leser dieses Beitrags – echte Filmfreunde seid. Ihr beschäftigt euch mit der Materie und setzt euch mit dem Medium auseinander. Spricht man jedoch den Einmal-im-Jahr-Kinobesucher auf „Die Verurteilten“ an, dann erntet man meist nur einen fragenden Blick.

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Unter Filmfreunden wird „The Shawshank Redemption“ dagegen schon seit Jahren zurecht gefeiert. Auch bei der gestrigen Sichtung – endlich auf einer dem Film gerecht werdenden DVD – war ich wieder verblüfft, wie perfekt Darabont den Film umgesetzt hat. Das fängt schon beim Drehbuch an, das eine unglaublich gut funktionierende Dramaturgie besitzt. Selbst die Zeitsprünge – immerhin über einen Zeitraum von 20 Jahren – werden elegant und beinahe schon nebenbei in die Geschichte eingeflochten. Hier merkt man das Zusammenspiel mit der Inszenierung. Wieder perfekt. Keine Spielereien, keine aufgesetzten Effekte. Altmodisches Erzählkino im allerbesten Sinne.

Die Geschichte nach Steven King entwickelt eine unglaubliche Sogwirkung, was klar den wunderbar gezeichneten und gespielten Figuren zu verdanken ist. Tim Robbins und Morgan Freeman erweisen sich als perfekte Besetzung. Da ist es wieder. Das kleine Wörtchen pefekt. Es gibt meiner Meinung nach wirklich nur wenige Filme, die man in allen Kategorien als fehlerfrei bezeichnen kann – eben als perfekt.

Selbst die anscheinend nicht sonderlich originelle Handlung hat sich zum Archetypen des Gefängnisfilms entwickelt. Sieht man sich heute thematisch verwandte Geschichten an, dann wird man schnell feststellen, dass „Die Verurteilten“ Pate stand. Man nehme nur einmal „Prison Break“ – die Kameraflüge über das Gefängnis, die archetypischen Charaktere, selbst der Fluchtversuch. Ohne Darabonts Meisterwerk wäre die Serie in dieser Form wohl nicht denkbar gewesen.

„Die Verurteilten“ sei allein Filmfreunden – und solchen, die es werden wollen – wirklich ans Herz gelegt. Wunderbar gespieltes und inszeniertes Erzählkino der alten Schule. Ein perfektes Filmerlebnis mit magischen Szenen: 10/10 Punkte.

Barfuss

Nach der überaus positiven Sichtung von „Keinohrhasen“ habe ich mir gestern Abend nun Til Schweigers Vorgängerfilm „Barfuss“ angesehen. Ich finde man merkt deutlich, dass diese beinahe schon sanfte Liebeskomödie dem deutschen Kinohit von 2007 vorausging. Schweiger hat anscheinend seinen Inszenierungsstil – der ihm in „Der Eisbär“ noch abging – gefunden.

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Die Geschichte ähnelt zunächst der des Nachfolgers: Ein scheinbar egoistischer Typ. Ein ungewollter Job. Eine gegensätzliche Beziehung. Jedoch merkt man schon bald, dass die Stimmung eine gänzlich andere ist. Zwar durchaus humorvoll, doch schwerer und tragikomischer als im lockeren und ziemlich direkten Nachfolger. „Barfuss“ lebt hier auch sehr von der anrührenden Naivität mit der Johanna Wokalek ihren neurotischen Charakter portraitiert. Auch Til Schweiger kann in gefühlvollen Szenen überzeugen – wenngleich die Figur des Nick Keller in großen Teilen doch wieder sehr seinem filmischen Archetypen entspricht.

So sehr sich „Barfuss“ in Sachen Inhalt von seinem Nachfolger unterscheidet, so sehr ähneln sich die Filme in Sachen Inszenierung. Erdige Herbsttöne treffen auf stimmungsvolle Einstellungen und werden mit einem ausgewählten Soundtrack garniert. Trotz aller Übereinstimmungen merkt man dem Film auch deutlich an, dass Schweiger bzw. sein Team hier noch viel probiert hat. In manchen Einstellungen fand ich das color grading nicht sauber genug oder die Montage teils zu holprig. In meinen Augen wirkte „Keinohrhasen“ ist Sachen Inszenierung bereits gefestigter und reifer. Ein deutlicher Fortschritt.

Die schöne Geschichte und die gelungene Inszenierung machen „Barfuss“ zu einer sehenswerten romantischen Komödie, die – im Gegensatz zu „Keinohrhasen“ – etwas Abseits vom Mainstream läuft: Körperliche Liebe wird hier nicht einmal am Rande thematisiert. Auf jeden Fall sehenswert: 7/10 Punkte.

Before Sunset (2004)

Mit Richard Linklaters „Before Sunset“ habe ich gerade eine der wohl ungewöhnlichsten Fortsetzungen der Filmgeschichte gesehen. Neun Jahre – sowohl Film- als auch Realzeit – nach „Before Sunrise“ treffen sich Jesse und Celine wieder. Ein unverhofftes und doch erwartetes Wiedersehen. Am meisten wohl von den Fans des Vorgängers.

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Das nächtliche Wien ist dem sonnendurchfluteten Paris gewichen. Jugendlicher Enthusiasmus erwachsenem Realismus. Die surreale Zwischenwelt dem wahren Leben. Neun Jahre. Eine lange Zeit. Celine und Jesse haben sich weiterentwickelt. Sie sind Erwachsen geworden. Haben ihre Träume den Verpflichtungen geopfert. Zumindest teilweise. Doch beide haben nie ihre gemeinsame Nacht vergessen.

„Before Sunset“ geht etwas die Spontanität des Vorgängers ab. Besonders die Rückblenden zu Beginn haben mich anfangs gestört. Doch spätestens wenn beim Durchstreifen der Pariser Gassen die Erinnerungen an die eine – von beiden unvergessene – Nacht aufleben, dann fällt die skeptische Distanz wie ein Vorhang. Man läuft mit durch die Stadt und beteiligt sich – wenn auch nur in Gedanken – an den grandiosen Dialogen. Ich habe mich mindestens ebenso wie Jesse und Celine über das Wiedersehen mit den beiden Charakteren gefreut.

Das Ende kommt ziemlich plötzlich und lässt mich als Zuschauer mindestens ebenso fragend zurück, wie nach dem ersten Teil. Dennoch ist es das einzig konsequente Ende. Das Weiterspinnen der Handlung – ob man nun Romantiker oder Zyniker ist, wie Jesse in seiner Lesung erwähnte – lässt die Figuren weiterleben.

„Before Sunset“ ist für mich eine absolut konsequente und gelungene Fortsetzung des Vorgängers. Die Entwicklung der Charaktere ist absolut glaubhaft und Inszenierung sowie Schauspiel und Dialoge fühlen sich richtig an. Ich habe mich sehr über das Wiedersehen gefreut und würde auch in weiteren neun Jahren wieder mit Celine und Jesse um die Häuser ziehen: 9/10 Punkte.

Black Sheep

Nachdem ich den ersten Trailer von „Black Sheep“ gesehen hatte, wusste ich: Diesen Film muss ich sehen. Manchmal ist es – besonders bei Genrefilmen – eben doch noch die Idee, die zu überzeugen weiß. Ein Zombiefilm mit Schafen. Das gab es zuvor wirklich noch nicht.

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Letztendlich ist Jonathan King jedoch nur eine nette Parodie auf das Genre gelungen. Kein Überflieger und bestimmt kein zweiter „Braindead“ – aber das ist auch völlig akzeptabel. Mich hat „Black Sheep“ von der Stimmung und Erzählweise etwas an „Slither“ erinnert. Kein übermäßig offensichtlicher Humor und durchaus mit ernsthaften Elemente versehen. Allerdings konnte James Gunns Film meiner Meinung nach mit den sympathischeren Figuren aufwarten.

Neben den zu überspitzten und nicht wirklich sympathischen Charakteren hat „Black Sheep“ etwas mit der Grundstruktur der Geschichte zu kämpfen. Der Streit der zwei ungleichen Brüder wirkte auf mich beinahe etwas zu dramatisch für diese Art von Film. Auch hat man es in meinen Augen etwas mit dem color grading übertrieben. Zu stilisierte Bilder sind das Ergebnis.

Neben den oben genannten Schwächen bietet „Black Sheep“ allerdings – besonders wenn es ans Eingemachte geht – wirklich äußerst vergnügliche Unterhaltung. Hier kommt die Idee der Zombieschafe voll zum Tragen und allein die teils bizarren Attacken der wandelnden Wollknäule sind eine Sichtung wert. Die Schaf/Mensch-Hybriden wären dagegen nicht zwangsweise nötig gewesen.

Alles in allem kann ich „Black Sheep“ Genrefreunden durchaus empfehlen. Allerdings sollten sich auch diese nicht zu viel erwarten. Mehr als nette Unterhaltung springt hier leider nicht raus – doch das reicht zumindest für einen vernüglichen Abend: 6/10 Punkte.

I Am Legend (2007)

Nachdem es letzte Woche nicht geklappt hat, bin ich gestern nach einem arbeitsreichen Tag noch spontan in die Richard Matheson-Verfilmung „I Am Legend“ gegangen. Die Vorlage kenne ich nicht, auch nicht die erste Verfilmung „The Last Man on Earth“ bei der Matheson selbst das Drehbuch geschrieben hatte. „Der Omega Mann“ mit der 70er Jahre Sci-Fi-Ikone Charlton Heston („Planet der Affen“) ist mir dagegen – zumindest teilweise – ein Begriff. So erinnere ich mich noch dunkel an einige Szenen. Da ich postapokalyptische Stoffe von jeher reizvoll finde, war ich umso gespannter auf die Neuinterpretation von Regisseur Francis Lawrence („Constantine“).

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Erwartet hatte ich schlimmstenfalls ein typisches Will Smith-Vehikel. Glattgebügelte Witze und ausufernde Actionszenen. Probleme, die besonders der Isaac Asimov-Verfilmung „I, Robot“ zu schaffen machten. Teilweise ist „I Am Legend“ auch der typische Blockbuster, den der Hauptdarsteller vermuten lässt: Die eröffnende Jagdszene ist nicht zwangsweise nötig und wirkt viel zu ausgewalzt. Schön anzusehen, aber eigentlich nur reines eye candy. Es gibt einige dieser Szenen – besonders mit den Infizierten – jedoch nehmen sie glücklicherweise nicht überhand.

Positiv muss ich auf jeden Fall Will Smith hervorheben. Besonders nach seinem Zusammenbruch wirkt er teils sehr verletzlich, verstört und einfach nur müde. Für mich sehr nachvollziehbar und gut gespielt. Ich fand auch Schäferhund Sam eine sehr gelungene Ergänzung und kann die häufige Kritik an ihm nicht verstehen. Die Rolle des tierischen Kumpanen erinnerte mich etwas an Wilson aus „Cast Away“ und funktionierte für mich ähnlich gut. Ein nachvollziehbarer emotionaler Anker in der Geschichte.

Die Infizierten selbst fand ich auch nicht so schlecht dargestellt, wie es nahezu überall kritisiert wird. Sicherlich sind manche Sprünge und Bewegungen als typische CGIs auszumachen, doch das Design selbst weiß durchaus zu überzeugen. Auch Masken und Make-up in den ruhigeren Einstellungen können sich sehen lassen. Ich dagegen fand die kontextbezogene Darstellung fragwürdiger: Einerseits wurden die Infizierten als reine Tiere gezeigt, die nur ihren Instikten folgen – andererseits gab es einen Anführer, der zudem noch relativ intelligent gezeichnet wurde. Das war für meinen Geschmack zu wenig durchdacht.

Das Ende des Films scheint zwar – oberflächlich betrachtet – schockierend, doch meiner Meinung nach sind die Handlungen hier deutlich zu plakativ. Ebenso wie die vorhergehenden Referenzen auf göttliche Vorhersehung und Ground Zero. Aber nun gut, schließlich ist „I am Legend“ ja auch US-Blockbuster-Kino.

Für Freunde des Genres ist „I Am Legend“ auf jeden Fall eine Sichtung wert. Das leere New York wurde selten so überzeugend dargestellt und die Zeit vergeht wie im Flug. Man sollte sich nur nicht die neue Genre-Offenbarung erwarten: 7/10 Punkte.

Before Sunrise (1995)

Warum wagt man sich oft nur zögerlich an die wirklich guten Filme heran? Richard Linklaters ungewöhnliche Liebesgeschichte „Before Sunrise“ sah ich das erste Mal irgendwann im Nachtprogramm der Dritten. Ich war begeistert. Weitere TV-Sichtung folgten – trotz festem Plan – jedoch nicht. Nachdem die DVD auf den Markt kam, bin ich auch Jahre lang an ihr vorbei gelaufen. Selbst nach dem Kauf stand der Film nun beinahe ein halbes Jahr ungesehen im Regal.

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Warum habe ich dem Wien von Jesse (Ethan Hawke) und Celine (Julie Delpy) nicht schon früher einen erneuten Besuch abgestattet? Ich kann es nicht sagen – und ehrlich gesagt kann ich es kaum glauben, wie lange ich auf dieses reduzierte Meisterwerk von Richard Linklater („A Scanner Darkly“) verzichtet hatte. Wenn ich auch viele Filme wirklich gut finde und Inszenierung, Drehbuch usw. als besonders gelungen herausstelle, so gibt es doch wenige Filme, die mich emotional so mitreißen, wie das „Before Sunrise“ gelingt.

Die Geschichte um zwei Fremde (einen Amerikaner und eine Französin), die sich zufällig im Zug nach Wien begegnen und dort spontan eine gemeinsame Nacht verbringen, ist so lockerleicht erzählt – und wiegt doch so schwer. Die Dialoge sind spritzig und so natürlich gespielt, dass man innerhalb von Minuten vergisst nur ein Zuschauer zu sein. Wirklich Hut ab vor Ethan Hawke und Julie Delpy – und von Linklaters zurückgenommener Regie.

Diese zauberhafte und beinahe schon surreale Reise durch das nächtliche Wien wirkt unglaublich spontan. Die Figuren treiben dahin – und wir Zuschauer mit ihnen. Für diese Nacht gibt es keinen Plan – und doch wiegt die Realität letztendlich schwerer. Der melancholische Abschied fällt nach dieser gemeinsamen Zeit nicht nur den beiden Liebenden schwer.

„Before Sunrise“ ist ein unglaublich schöner Film. Es steckt sehr viel in diesen anscheinend so spontanen Dialogen. Zudem ist die Atmosphäre des nächtlichen Wiens wahrlich bezaubernd. Eine Sichtung im O-Ton wird übrigens dringend empfohlen! Einer der schönsten, außergewöhnlichsten und interessantesten Liebesfilme: 10/10 Punkte.

Prädikat: Lieblingsfilm

Das Mädchen aus dem Wasser – OT: Lady in the Water (2006)

Für seinen letzten Film musste M. Night Shyamalan viel Schelte einstecken. Lange hat es auch gedauert, bis ich mich an „Lady in the Water“ herangewagt habe – und das obwohl ich bisher jedem Film des Regisseurs etwas abgewinnen konnte. Mit „The Sixth Sense“ hat mir Shyamalan sogar einen der erinnerungswürdigsten Kinobesuche meines bisherigen Lebens beschert. Sollte sein aktueller Film wirklich so schlecht sein?

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Um die Frage gleich einmal zu beantworten: Nein, er ist nur anders. Aber das war auch schon „The Village“ – ein Film, der ebenfalls unter falschen Erwartungen gelitten hat. „Lady in the Water“ ist genauso wenig ein Grusel- oder Horrorfilm, wie „The Village“ es ist. Dieses Mal hat sich Shyamalan zudem vom Drama entfernt und ist in Richtung Fantasy gegangen. Humorvolle Fantasy. Skurrile Fantasy. Er erzählt eine Gutenachtgeschichte.

Zwei große Teile dominieren den Film: Auf der einen Seite sind da die Einwohner der Apartmentanlage. Hier gibt es dutzende verschrobene Figuren zu bewundern. Jede einzelne wird ausführlich vorgestellt, während wir mit Cleveland Heep – dem Hausmeister – seine Runde drehen. Diese Szenen sind wahrlich untypisch für Shyamalan und scheinen eher einer bittersüßen Komödie entsprungen. Auf der anderen Seite wird eine Fantasygeschichte erzählt. Hier entsteht eine komplette Welt mit eigenen Regeln und uns unbekannten Wesen. Diese beiden Welten werden stetig miteinander verwoben, was den Märchenaspekt deutlich unterstreicht. Hier erinnert mich der Film von der Struktur deutlich an „Donnie Darko“ – auch dort werden in der Realität verankerten Personen besondere Fähigkeiten zugesprochen, die für den weiteren Verlauf der fantastischen Handlung von äußerster Bedeutung sind.

Insgesamt halte ich den Film für wirklich gelungen. Allein in der Dramaturgie kommen ein paar Schwachstellen zu Tage. Hier wirkt der Film oft nicht wirklich rund und es wäre bestimmt mehr drin gewesen. Wenn man sich jedoch klar macht, dass Shyamalan hier eine Gutenachtgeschichte verfilmt hat, die er am Bett seiner Kinder erfunden hatte – und den Film auch als solche wahrnimmt – dann kann man mit „Lady in the Water“ durchaus ein paar magische Kinomomente erleben: 7/10 Punkte.

Troja – OT: Troy – Director’s Cut (2004)

Gestern Abend gab es einmal wieder die verlängerte Version eines großen Filmerfolgs. Seit den Extended Editions von Peter Jacksons Mammutwerk schossen – besonders im Historienfilm – neue Schnittversionen aus allen Löchern (u.a. „Gladiator“). Nur selten konnte man sich als Zuschauer jedoch auf richtige Director’s Cuts (z.B. „Königreich der Himmel“) freuen. Meist wollten die Produzenten noch einmal das schnelle Geld machen. Nach der Ankündigung des Director’s Cut von Wolfgang Petersons „Troja“ hatte ich demnach erst einmal gemischte Gefühle – zumal ich die Kinoversion zwar nett fand, aber weit von der Spitze der Historienfilme entfernt.

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Bei „Troja“ hat sich letztendlich herausgestellt, dass die vorliegende neue Schnittfassung den Film tatsächlich aufwertet. Den Charakteren wird deutlich mehr Tiefe verliehen, die Schlachtszenen sind expliziter und es wird sich mehr Zeit für Details genommen. Bei der Kinofassung hatte ich den Eindruck, dass alles unglaublich gehetzt wirkt. Hier vergeht nun tatsächlich etwas Zeit, bevor die Spartaner in Troja aufschlagen. Es gibt Vorbereitungen und Entscheidungen werden nachvollziehbarer. Bei den folgenden Schlachtszenen wird nun auch nicht mehr an Blut und Gekröse gespart. Darüber mag man geteilter Meinung sein, für mich macht es jedoch Sinn, da die Schlachten so authentischer wirken und der Zuschauer nicht mehr eine nur verharmlosende Version zu sehen bekommt.

Wer allerdings erwartet mit dem Director’s Cut einen komplett neuen Film zu sehen, den muss ich enttäuschen. „Troja“ bleibt „Troja“. Mit Brad Pitt als Achilles und Orlando Bloom als Paris. Achilles wird immer noch als selbstverliebter Egomane charakterisiert und seine Wandlung zum wahren Helden wirkt immer noch etwas plötzlich – wenngleich auch nicht mehr ganz so abrupt wie in der Kinofassung. Die Figur des Achilles wirkt auf mich immer noch zu modern und zu clean. Brad Pitt kann ich mir in der Rolle ja durchaus vorstellen, aber warum muss er stets herumlaufen wie frisch aus dem Ei gepellt? Meine Probleme mit Achilles kann leider auch der Director’s Cut nicht beseitigen.

Insgesamt stellt dieser neue Cut von „Troja“ eine deutliche Verbesserung zur Kinofassung dar, wenngleich niemand einen gänzlich anderen Film erwarten sollte. Wenn ihr „Troja“ im Kino mochtet, dann werdet ihr den Film nun wohl noch besser finden. Wenn ihr nichts mit ihm anfangen konntet, dann vergesst auch den Director’s Cut. Für mich ist „Troja“ immer noch ein gut inszenierter Historienfilm mit großartiger Kulisse und tollen Bildern. Äußerst unterhaltsam, aber zu schwach für die Spitzenplätze des Genres: 8/10 Punkte.