Creep (2004)

Von „Creep“ gab es im Vorfeld nicht viel Gutes zu hören. Zu geschmacklos schimpften die Moralapostel, zu langweilig die Horrorfans. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und das macht Christopher Smiths Kinodebüt zu einem wirklich sehenswerten Genrefilm.

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Am meisten profitiert „Creep“ von seiner Location. Ich denke jeder war schon einmal in größeren U-Bahn-Labyrinthen wie Berlin, London oder Paris und kann deshalb das mulmige Gefühl nachvollziehen, das einen dort zu beschleichen droht: Dunkelheit. Einsamkeit. Seltsame Geräusche. Ratten. Und letztendlich ein Irrer, der aussieht wie Gollum. Das ist wahrlich der Stoff aus dem Albträume gemacht sind.

Der Regisseur weiß diese Elemente auch effizient einzusetzen. Anfangs kommt das Grauen noch langsam, dann steigern sich die Schockeffekte und die Enthüllung des Monsters kann es sogar fast mit „The Descent“ aufnehmen. Das Monster selbst übrigens auch. Scheint ein entfernter Verwandter der Crawler zu sein. Nachdem das Rätsel um den Killer gelöst ist, verändert sich der Film. Weniger Grusel, mehr Terror und Blut. Teils ist dies gelungen (Käfigszenen), teils wirkt das Treiben des verrückten Gynekologen eher aufgesetzt und ist zu gewollt schockierend (OP-Szene). Gegen Ende des Films nimmt unsere Hauptfigur (Franka Potente) dann noch ein paar geistige Auszeiten, nur um kurze Zeit später über sich selbst hinauszuwachsen und das Monster effektvoll in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Das alles lässt sich weit weniger unbefriedigend anschauen, als es hier eventuell den Eindruck macht. Liegt vermutlich an der angenehm kurzen Laufzeit des Schockers.

Fazit

„Creep“ funktioniert. Er verbreitet bei der Sichtung ein ungutes Gefühl. Ein Horrorfilm eben. Technik und Kameraarbeit passen zum schmutzigen Look des Films. Die U-Bahn-Stimmung kommt wirklich perfekt rüber. Allein die Geschichte offenbart wieder einmal die typischen Schwächen des Genres: Schwache Figurenzeichnung, kaum Überraschungen und eine eher unbedriedigende – da nicht existente – Auflösung. Alles in allem jedoch weit entfernt von der Katastrophe, als die „Creep“ verschrieen ist. Sollte man sich als Genrefreund ruhig einmal ansehen: 6/10 Punkte.

Dead End (2003)

Meine zweite Wahl für den gestrigen Filmabend war „Dead End“. Eine gewagte Wahl. Ungefähr zwei Drittel meiner Mitseher konnten mit diesem Film sichtlich nichts anfangen. Umso schlimmer, wenn man selbst überzeugt davon ist. Ich habe dann immer das Gefühl mich für meinen Filmgeschmack rechtfertigen zu müssen, was nie so ganz gelingt. Ich nehme mir dann auch stets vor das nächste Mal bekanntere Filme zu wählen, auf Nummer sicher zu gehen. Doch irgendwie kann ich es nicht lassen, außergewöhnliche Filmerlebnisse teilen zu wollen.

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Meine Erstsichtung von „Dead End“ war solch ein außergewöhnliches Filmerlebnis. Ich war bei meiner Schwester und wir haben uns den Film zu dritt angesehen. Jeder war konzentriert und hat sich auf den Film eingelassen. Beste Voraussetzungen also für einen unheimlichen Abend. Der Film hat auch tatsächlich Wirkung gezeigt und ist mir seither als einer der grusligsten Filme in Erinnerung. Wohl auch, weil ich an jenem Abend noch einen ca. 30-minütigen Heimweg mit dem Auto vor mir hatte. Natürlich durch den Wald. Natürlich in einer stürmische Winternacht. Natürlich ist mir auch kein Auto begegnet. Eine wahrlich einprägsame Autofahrt, die das Filmerlebnis deutlich erweitert hat.

Mir hat der Film auch gestern ausgezeichnet gefallen. Die Mischung aus schwarzem Humor, Grusel und Schockszenen weiß wirklich zu gefallen. Besonders stark ist zudem die Atmosphäre. Man wähnt sich als Zuschauer mit auf der endlosen Straße. Die Orientierung fehlt. Man weiß nur es geht immer weiter und weiter. Die beinahe schon surrealistischen Zwischenstops verstärken dieses Gefühl der Hilflosigkeit. Überwiegt anfangs noch der – mal mehr, mal weniger gelungene – schwarze Humor, so steigert sich die Spannung gegen Ende ins Unermessliche. Das Ende ist dann mehr oder weniger überraschend, kann aber aufgrund der vielen Anspielungen im Hauptteil des Films voll und ganz überzeugen. Der letzte Schlussgag wäre zwar nicht nötig gewesen, zeigt aber noch einmal die Freude der Regisseure am schwarzen Humor.

„Dead End“ ist ein wirklich außergewöhnlicher Film. Leider ziemlich unbekannt und ich befürchte von meinen Mitsehern wird er auch nicht besonders gute Mund-zu-Mund-Propaganda erfahren. Wer sich jedoch auf neue Seherlebnisse einlassen will und schwarzem Humor nicht abgeneigt ist, der bekommt mit „Dead End“ eine kleine Perle des modernen Horrorkinos zu sehen. Ungewohnt, schockierend, lustig. Hier stimmt einfach die Mischung: 8/10 Punkte.

Event Horizon (1997)

Mit „Event Horizon“ verbinde ich eines meiner schönsten Kinoerlebnisse. Damals, als man noch die Zeit hatte wöchentlich ins Kino zu gehen. Als man – mangels Führerschein – noch auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen war. Als sich noch eine ganze Horde von Freunden zusammengefunden hat, um sich auf das Abenteuer Kino einzulassen. Ich weiß noch ganz genau, wie lange wir nach dem Ende noch über den Film diskutiert haben. Uns allen war klar kein Meisterwerk gesehen zu haben, doch „Event Horizon“ hat Wirkung gezeigt und ist mir im Gedächtnis geblieben – ganz im Gegensatz zu vielen anderen Kinofilmen aus dieser Zeit.

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Auch heute noch zeigt Paul W. S.  Andersons Sci-Fi-Thriller Wirkung. Teils ist der Film tatsächlich äußerst spannend und unheimlich. Ein Geisterhaus im Weltraum. Sicher sind die meisten Schockeffekte äußerst berechenbar und werden zudem sehr plakativ eingesetzt, doch gerade die dadurch geschürte Erwartungshaltung – „Jetzt passiert es gleich!“ – lässt mich als Zuschauer schonmal unruhig auf der Sofakante sitzen.

Fantastisch ist das Produktionsdesign gelungen. Die Event Horizon bleibt wirklich im Gedächtnis. Wahrlich ein eigener Charakter im Film. Bei der Lewis & Clark hingegen musste ich öfter an die Nostromo denken – besonders beim Besprechungsraum. Alles in Allem trägt die schöne Gestaltung aller, für den Film wichtigen, Elemente jedoch viel zur starken Atmosphäre bei.

Die Geschichte lebt von der Atmosphäre. Ohne diese würde kaum etwas übrig bleiben. Die Idee ist leidlich innovativ und setzt sich hauptsächlich aus Genreversatzstücken zusammen. Ich weiß noch wie enttäuscht ich bei der besagten Kinosichtung war, als sich die Bedrohung als reines Hirngespinst herausgestellt hat. Dennoch fand ich die Idee in „Event Horizon“ noch um einiges besser umgesetzt, als im thematisch mehr als ähnlichen „Sphere“ aus dem Folgejahr.

„Event Horizon“ ist sicherlich Paul W. S. Andersons bester Film, wenngleich ich auch „Resident Evil“ oder „Alien vs. Predator“ zumindest den Unterhaltungswert nicht absprechen will. Dieser Genrehybrid hat zudem noch eine grandiose Atmosphäre und eine gesunde Portion Horror mit auf den Weg bekommen und ist – nicht nur aus diesem Grund – wirklich sehenswert: 7/10 Punkte.

Donnie Darko – The Director’s Cut (2001)

Nach über zwei Jahren des Wartens habe ich nun endlich „Donnie Darko – The Director’s Cut“ gesehen. Anfangs habe ich ja immer noch gehofft diese Version würde eine erneute Kinoauswertung erfahren, doch als dies nicht geschehen ist, habe ich mich irgendwie auch nicht dazu durchringen können, mir den Director’s Cut zusätzlich auf DVD zuzulegen – bis vor einer Woche. Gestern konnte ich mich nun endlich von den Vorzügen (und leider auch Nachteilen) der neuen Schnittfassung überzeugen.

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Richard Kellys „Donnie Darko“ ist ein fantastisches Erlebnis. Außer David Lynchs „Mulholland Drive“ kenne ich keinen anderen Film, der seine Rätselhaftigkeit so gut bewahren kann, ohne dabei zu künstlerisch oder abgehoben zu wirken. Den Film durchzieht dabei eine (alb)traumhafte Atmosphäre, die ihresgleichen sucht. Jedes Mal, wenn ich denke das Gesehene vollständig begriffen zu haben, fördert mein Bewusstsein neue Ungereimtheiten ans Tageslicht. So schön das Rätselraten auch ist, so erhoffe ich jedoch stets die Intention des Regisseurs zu verstehen. Ohne das fiktive Buch „The Philosophy of Time Travel“, das auf der DVD der Kinoversion vorliegt, hätte ich die Geschichte um das Tangentenuniversum, lebende Empfänger, Artefakte, manipulierte Tote und Lebende usw. nie auch nur annähernd begriffen – und ich bin mir sicher, dass niemand ohne diese Hilfe dahinter kommen kann, da diese essentiellen Informationen im Film verschwiegen werden. Das war ein Problem, das ich der ursprünglichen Version angelastet habe, denn ein Film muss auch ohne zsätzliche Informationen seine Geschichte offenbaren können. Diesen Missstand zu beheben, habe ich mir vom Director’s Cut erhofft.

Im Folgenden möchte ich kurz auf die Änderungen und ihre Wirkung eingehen: Die erweiterten und neuen Szenen fügen sich meiner Meinung tadellos in den Film ein und verhelfen den Charakteren zu mehr Tiefe. Ob alle nötig gewesen wären, lässt sich schwer sagen. Nicht gefallen haben mir die Änderungen im Soundtrack, was vermutlich daran liegt, dass ich den Score/OST im Kinocut bereits zu gut kenne und liebgewonnen habe. Nun zur größten Chance – und gleichzeitig auch zur größten Schwäche – des Director’s Cuts: Der Einbindung einzelner Kapitel aus „The Philosophy of Time Travel“. Die Seiten werden zu kurz gezeigt um ein Verständnis des Inhalts beim Zuschauer zu erreichen. Zudem wäre ein Vorlesen des Inhalts in Kombination mit kleinen Animationen im Stil von Roberta Sparrows Illustrationen schön gewesen. Ich denke, das hätte viel zum Verständnis beigetragen. So wirken die Einblendungen leider immer etwas wie störende Fremdkörper. Noch störender fand ich die überarbeiteten Effekte, wie z.B. das überlagernde Gitter bei der finalen Montage. Auch die technischen Texte, die öfter erschienen sind, empfand ich unpassend – solch eine Art Science-Fiction ist „Donnie Darko“ nicht.

Anonsten ist mir wieder einmal der wunderbare Score und das Produktionsdesign aufgefallen. Man wähnt sich wirklich in den 80ern. Auch die Schauspieler empfand ich erneut als grandios besetzt. Herausgestochen ist dieses Mal besonders Donnies Mutter, die ich erst kürzlich als Präsidentin Laura Roslin in „Battlestar Galactica“ gesehen habe. Schön auch das Zusammenspiel der Geschwister Gyllenhaal.

Insgesamt habe ich mir vom Director’s Cut wohl mehr (bzw. weniger) erhofft. Eine definitive Version von „Donnie Darko“ gibt es meiner Meinung nach also (noch) nicht. Der Kinocut ist mir jedoch in vielen Dingen sympathischer. In Ergänzung mit einer gedruckten Version von „The Philosophy of Time Travel“ dürfte die alte Version auch am meisten Spaß machen. Trotz allem auch in dieser Fassung ein klasse Film: 9/10 Punkte.

Collateral (2004)

Mit Michael Mann und mir ist das so eine Sache. Seine Filme gefallen mir zwar recht gut, doch als die häufig angepriesenen Meisterwerke wollen sie mir meist nicht erscheinen. Sein bester Film ist meiner Meinung nach „Heat“ und selbst der schafft es – wiederum meiner Meinung nach – nicht, sich ganz vorne unter seinen Genrekollegen zu platzieren. Nun also „Collateral“. Wieder tolle Unterhaltung – und wieder kein Meisterwerk.

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In „Collateral“ treffen Figuren aufeinander, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Taxifahrer Max (Jamie Foxx) trifft auf den eiskalten Killer Vincent (Tom Cruise). Die Begegnung ist eher zufällig und für beide Charaktere schicksalhaft. Gegensätze ziehen sich anscheinend an – und das nicht nur in der Liebe. Während der gemeinsamen Nacht lernt man als Zuschauer die Charaktereigenschaften der beiden Figuren kennen. Ihre Träume, ihre Wünsche und auch ihre Schwächen und Ängste. In diesen Szenen erscheint mir der Film am stärksten, wenngleich die Gegensätzlichkeit teilweise auch recht plakativ dargestellt wird.

Im letzten Drittel verwandelt sich der fast schon philosophisch angehauchte Film in einen knallharten Thriller. Der Wechsel wirkt jedoch organisch und führt die – an sich äußerst simple – Geschichte zu einem konsequenten und spannenden Ende. Hier kann Michael Mann zeigen, dass er Actionsequenzen äußerst eindrucksvoll in Szene zu setzen weiß, ohne dabei seine Figuren zu vernachlässigen.

Der Film lebt vom Zusammenspiel von Jamie Foxx und Tom Cruise, welches wirklich fantastisch funktioniert. Beide Darsteller können ihre Stärken ausspielen und besonders Tom Cruise als einsamer Wolf weiß in dieser für ihn untypischen Rolle zu Punkten. Die Sympathien liegen jedoch klar bei Jamie Foxx‘ (fast schon zu) liebenswertem Taxifahrer.

Mögliche Kritikpunkte: Meiner Meinung nach hätte man noch etwas mehr mit dem Gedanken von Gegensatz und Schicksal spielen können – die Szene mit dem Wolf wäre schon einmal ein Anfang gewesen. Die beinahe schon traumähnliche Atmosphäre des nächtlichen L.A. hätte auf jeden Fall genug Potential gehabt. Was der Atmosphäre jedoch teils abträglich war: Der entsetzliche Videolook. Bei den draußen spielenden Nachtaufnahmen nicht zu übersehen. Fand ich extrem störend, da der Film dadurch teils sehr billig und amateurhaft gewirkt hat. Verstehe ich nicht, da viele Szenen auch auf 35 mm Film gedreht wurden. Warum dann der Einsatz von Video? Hat für mich weder stilistisch noch dramaturgisch Sinn gemacht. Vielleicht gibt es dazu ja ein paar klärende Worte im Making Of.

„Collateral“ ist ein starker Film mit toller Atmosphäre, der jedoch etwas unkonventionellere Wege hätte einschlagen können. Zudem ist für mich der Einsatz von Video eine mehr als fragliche Technik in einem Film wie diesem. Trotzdem sehr sehenswert: 8/10 Punkte.

Casino (1995)

Mit Martin Scorseses „Casino“ verbinde ich eine bestimmte Erinnerung: Ein Freund hatte mir erzählt den brutalsten Film auf VHS zu haben, den er je gesehen hat. Ich weiß nun gar nicht mehr, ob wir uns den gesamten Film angesehen hatten, oder ob er mir nur die – seiner Meinung nach – brutalsten Stellen gezeigt hat. Heute – inzwischen 10 Jahre später – konnte ich mich auf jeden Fall nur noch an die Szene im Maisfeld und an eine kreischende Sharon Stone erinnern. Zeit also die Erinnerungen aufzufrischen.

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Im Gegensatz zu damals kenne ich heute nahezu alle großen Mafia- und Gangsterfilme. Neben der „Der Pate“-Trilogie gehört Martin Scorseses „GoodFellas“ klar zu den wichtigsten Filmen dieses Genres. „Casino“ wirkt etwas wie eine ausgedehnte Version des Mittelteils dieses Klassikers. Erzählt wird folglich die bekannte Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Gangsters. Als besondere Elemente sind hier die Hauptrolle, die Las Vegas in dem Film spielt, sowie der Schwerpunkt, der auf die Ehe von Sam „Ace“ Rothstein gelegt wird, hervorzuheben.

Wie bereits in „GoodFellas“ verwendet Martin Scorsese Voice Over als erzählerisches Mittel. In „Casino“ sprechen jedoch zwei Personen, was dieser – von mir ohnehin geschätzten – Erzählform noch eine besondere Note verleiht. Der Zuschauer verfolgt die Geschichte folglich aus zwei verschiedenen Perspektiven, was wichtig ist, da sich die Hauptfiguren im Laufe des Films immer weiter auseinander leben.

Grandios hat mir die erste Hälfte des Films gefallen. Der Aufstieg von Ace und die Abläufe im Casino wurden in den schillerndsten Farben präsentiert und fantastisch inszeniert. Auch die Geschichte wirkt hier stets frisch und unverbraucht. Der Fall der beiden Gangster gegen Ende des Films ist mir in ähnlicher Form allerdings schon zu oft begegnet, als dass „Casino“ hier besonders hätte Punkten können. Zudem hätte der Film meiner Meinung nach um gut eine halbe Stunde gekürzt werden können. Ich habe mich zwar nicht gelangweilt, aber das Timing fand ich nicht so perfekt, wie beispielsweise bei „GoodFellas“.

Schön fand ich es überigens Robert De Niro und James Woods nach Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ wieder gemeinsam vor der Kamera zu sehen. Wenn auch in gänzlich anderen Rollen. Schauspielerisch und inszenatorisch ist „Casino“ – wie jeder Film von Scorsese – sowieso über jeden Zweifel erhaben. Ein wahres Feuerwerk an Perfektionismus: 8/10 Punkte.

Jackie Brown (1997)

Der zweite Film gestern Abend ist auch noch nicht sonderlich alt, er konnte sich aber durch etliche Sichtungen bereits den Ruf als persönlicher Klassiker erarbeiten. Die Rede ist von Quentin Tarantinos „Jackie Brown“. Damals bei der Kinosichtung war ich ziemlich enttäuscht vom ersten Tarantino-Film, den ich jemals auf der großen Leinwand gesehen habe. Alle – ich eingeschlossen – hatten einen zweiten „Pulp Fiction“ erwartet. Eigentlich sogar eine Steigerung. Eine Erwartungshaltung, die wohl kein Film auf dieser Welt hätte erfüllen können. Heute jedoch weiß ich „Jackie Brown“ als das zu schätzen, was er ist: Ein ruhiger, eleganter Gangsterfilm mit grandiosen Dialogen und typischen Tarantino-Figuren, der einfach eine unglaublich entspannte Atmosphäre verbreitet.

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Grundlegend für den neuen Stil ist wohl auch, dass hier erstmals nach einer Vorlage gearbeitet wurde: Elmore Leonards „Rum Punch“. Doch glücklicherweise ist auch Leonards Welt bevölkert mit Gangstern und Kleinkriminellen, die sich gar nicht so sehr von denen aus Tarantinos Filmuniversum unterscheiden. Eigentlich auch logisch, da Leonard schon immer eine große Inspirationsquelle für den Meister der pulp fiction war. Der Film ist gleichzeitig Adaption und Hommage – und er funktioniert in beide Richtungen.

Fantastisch ist die Ansammlung an hochkarätigen Schauspielern in teils ungewohnten Rollen. Allen voran Robert DeNiro, der hier den kiffenden Kleingangster Louis Gara gibt. Eine für ihn ungewohnte und schon allein deswegen urkomische Rolle. Samual L. Jackson gibt Waffenschieber Ordell Robbie gewohnt lässig und mit einer Coolness, die ihresgleichen sucht. Pam Grier und Robert Forster – die beiden Altstars des Films – spielen auf, als wären sie nie in der Versenkung verschwunden. Auch hier wieder die Verbindung von Hommage und Eigenständigkeit. Michael Keaton durfte seine Rolle als Ray Nicolette ein Jahr später in einer weiteren Elmore Leonard-Verfilmung – Stephen Soderberghs „Out of Sight“ – sogar wiederholen. Von den Auftritten von Brigdet Fonda, Sid Haig und Chris Tucker fange ich gar nicht erst an. Man sieht auf jeden Fall einmal wieder deutlich: Tarantino kennt die Branche, er kennt die Darsteller und er kennt ihre Filme. Er weiß mit der Erwartungshaltung zu spielen und besetzt teils gezielt gegen das Image – und das stets mit Erfolg.

Neben Geschichte, Darstellern und Dialogen ist natürlich der Soundtrack eine wichtige Größe in jedem Tarantino-Film. Auch in „Jackie Brown“ passt er wie die Faust aufs Auge. Er gräbt stets Perlen aus, die ohne seine Filme wohl nie mehr ein größeres Publikum erreicht hätten. Der Mann hat nicht nur ein Auge fürs Detail, sondern auch ein Ohr.

Mit „Jackie Brown“ hat sich Tarantino 1997 gezielt gegen die Erwartungshaltung seines Publikums gestellt. Mit Abstand betrachtet auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Mit „Pulp Fiction“ oder „Kill Bill“ hätte schließlich auch niemand gerechnet. Der Meister bleibt seinem Stil zwar stets treu, erfindet sich aber auch jedes Mal selbst neu. Er macht seine Filme in erster Linie für sich – und für ein Publikum, das Filme genauso liebt, wie er selbst: 10/10 Punkte.

The Lost Boys (1987)

Joel Schumachers „The Lost Boys“ gehört wohl zu den Filmen, die ich während meiner Jugend am häufigsten gesehen habe. Die letzte Sichtung ist nun auch bestimmt schon 10 Jahre her. Trotzdem konnte ich mich noch an viele Szenen erinnern und habe mich in Santa Clara sofort wieder zu Hause gefühlt.

The Lost Boys (1987) | © Warner Bros (Plaion Pictures)

The Lost Boys (1987) | © Warner Bros (Plaion Pictures)

Der Film hat eine ganz besondere Atmosphäre: Er ist zwar eher ein Jugendabenteuer, als ein Horrorfilm – dennoch herrscht stets eine düstere Stimmung vor, die dem Film die nötige Ernsthaftigkeit verleiht. Die Geschichte um die Familie Emerson, die sich mit einem Vampirclan herumschlagen muss, erhält zwar keinen Originalitätspreis, bleibt aber stets spannend und interessant. Zudem besitzt sie einen – wie ich aus langjähriger Erfahrung sagen kann – sehr hohen Wiederanschauungswert.

„The Lost Boys“ ist ein wahres Kind der 80er. Die Frisuren, die Kleidung, die Inszenierung und ganz besonders der Soundtrack sind so typisch für dieses Jahrzehnt, dass mir kaum ein zweiter Film einfällt, der mich so sympathisch in die 80er Jahre zurückversetzt. Hier funktioniert der zeitgenössische Soundtrack tadellos und nervt ausnahmsweise nicht. Ein Manko, mit dem meiner Empfindung nach sonst viele 80er Jahre Filme zu kämpfen haben.

Sehr interessant ist aus heutiger Sicht die Ansammlung an fantastischen Schauspielern. Allen voran sticht natürlich Kiefer Sutherland heraus, der hier den Vampirrocker mit viel jugendlichem Elan spielt. Besonders gefallen hat mir auch wieder Corey Feldman, der – wie bereits zwei Jahre zuvor bei „Die Goonies“ – den jugendlichen Draufgänger spielen darf. Die eigentliche Überraschung war allerdings Richard Gilmore aus den „Gilmore Girls“ (Edward Herrmann) als Obervampir zu sehen.

Fazit

„The Lost Boys“ gehört zu einer Art Film, wie sie heute leider nicht mehr gemacht werden. Zitatenreich, unterhaltsam, liebevoll ausgestattet, tolle Schauspieler – und all das in einem Big Budget-Jugendfilm. Einer meiner persönlichen Klassiker: 9/10 Punkte.

Alien vs. Predator – Erweiterte Fassung (2004)

Eine aktualisierte Besprechung des Films habe ich am 22. Dezember 2016 veröffentlicht.

Ich liebe die „ALIEN“-Filme. Ich bin mit ihnen aufgewachsen und sie stehen noch heute für unglaublich atmosphärische Sci-Fi-Unterhaltung. Zumindest die ersten beiden Teile sind unbestrittene Klassiker des Genres. Mit den beiden „Predator“-Filmen konnte ich nie so viel anfangen. Sicherlich gute 80er Unterhaltung, aber weit entfernt von der Genialität eines „ALIEN“. Nun also „Alien vs. Predator“. Mir war von Beginn an klar, dass ich hierbei weder einen Teil der „ALIEN“-, noch einen der „Predator“-Reihe erwarten durfte. Allein Regisseur Paul W. S. Anderson hat die weltweite Fangemeinde in Angst und Schrecken versetzt, hat dieser doch u.a. filmische Desaster wie „Mortal Kombat“ verbrochen. Allerdings stammt von ihm auch der atmosphärische „Event Horizon“. Das – und die Tatsache, dass ich es hier mit einer simplen Comic-Verfilmung zu tun habe – im Hinterkopf, konnte ich mich eigentlich ganz gut unterhalten lassen.

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Die Exposition bis zur Ankunft in der Pyramide ist schön aufgebaut und macht Lust auf den kommenden Hauptteil des Films. Allerdings wird hier bereits klar, dass alle Charaktere den gängigen Monsterfilm-Klischees entsprechen und sie in der kommenden Stunde einer nach dem anderen den beiden Kreaturen zum Opfer fallen werden. In der Pyramide selbst wird die Truppe dann auch kräftig dezimiert, um am Ende eine Lt. Ripley-Gedächtniskämpferin zurück zu lassen. Würden die Monster nicht bekannten Franchises entspringen, könnte man den Film getrost als ziemliche Gurke bezeichnen.

Doch da sind sie: Aliens und Predatoren. Vereint in einem Film. Allein der Kampf der beiden Kreaturen in der Mitte des Films ist es wert gesehen zu werden. Genauso stellt man sich das vor. Bei der letzten Einstellung des gewinnenden Aliens zaubert Paul W. S. Anderson sogar eine wunderschöne Totale, die getrost aus einem „ALIEN“-Film stammen könnte. Leider bleibt es dann auch dabei. Der Rest ist reichlich uninspiriert und wenn sich Menschen und Predatoren verbünden, löst das beim Fan im ersten Moment nur Kopfschütteln aus. Wenigstens kommt es so am Ende noch zu einem netten Schlusskampf mit der Alienqueen. Danach konnte ich die neue Allianz sogar akzeptieren. Man darf eben nur nicht zuviel nachdenken und muss den Film als reine Actionunterhaltung abseits der beiden großen Vorbilder sehen. Dann schluckt man am Ende auch den Alien/Predator-Hybrid.

Nett fand ich übrigens, dass wenigstens ansatzweise versucht wurde den Originalen Tribut zu zollen, indem z.B. Lance Henrikson als Charles Bishop Weyland auftritt. Insgesamt hätte man bestimmt mehr aus diesem Universum machen können, doch der Film ist bestimmt nicht das Desaster, als das er gerne hingestellt wird: 6/10 Punkte.

Underworld: Evolution

Nachdem ich – wie so oft – im Kino nicht dazu gekommen bin, mir einen von mir favorisierten Film anzusehen, nun also die verspätete Sichtung von „Underworld: Evolution“. Nach dem Vorgänger, den ich letztes Jahr zum ersten Mal gesehen habe, war ich richtig heiß auf den Film und meine Erwartungshaltung dementsprechend hoch. Leider konnte sie nicht hundertprozentig erfüllt werden.

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Ausstattung und Inszenierung sind ebenso grandios wie beim ersten Teil – wenn nicht noch besser, was auf das gestiegene Budget zurückzuführen ist. Hier gibt es von meiner Seite absolut keine Kritikpunkte. Der Wechsel vom Großstadt- auf das Naturszenario ist auch sehr gelungen. Anfangs zwar ungewohnt, aber atmosphärisch ebenso dicht. Besonders die Einstiegssequenz hat mir hier gut gefallen. Bisher hatte ich auch immer gedacht, dass „Underworld: Evolution“ eher ein Prequel werden würde und die Geschichte erst im dritten Teil einen Abschluss findet. Leider beschränkt sich die Mittelalterszenerie hier jedoch auf die ersten 10 Minuten.

Wobei ich auch schon zur Geschichte und den Schwächen des Films kommen möchte. Der Schwerpunkt verlagert sich von der Jahrhunderte andauernden Fehde zwischen Vampiren und Werwölfen eher zum Familiendrama – um es einmal überspitzt auszudrücken. Der epischen Geschichte wird dadurch etwas die Luft entzogen. Die Anzahl der handelnden Figuren wird dabei nicht verkleinert – nur ihr Umfeld schrumpft. Hinzu werden beide Rassen immer mehr demystifiziert, was  im Auftauchen von Alexander Corvinus persönlich gipfelt. Ein unnötige und unpassende Erweiterung der Geschichte. Gegen Ende wird wieder etwas an der Actionschraube gedreht, wobei „Underworld: Evolution“ mit seinen beiden Kreaturen hier nur knapp am simplen Monsterfilm vorbeischrammt.

Nach dem genialen Anfang und dem neuen atmosphärischen Setting bin ich letztendlich wirklich etwas enttäuscht. Einzelne Szenen sind zwar nach wie vor grandios (z.B. die LKW-Verfolgungsjagd), doch das, was „Underworld“ in meinen Augen so besonders gemacht hat (das ausgefeilte Universum und die episch anmutende Geschichte), wird auf ein Minimum reduziert. Wirklich schade.

„Underworld: Evolution“ ist ein toller Actionfilm mit einer sehr nett anzusehenden Kate Beckinsale. Regisseur Len Wiseman hat allerdings zu viele Möglichkeiten verschenkt, die der Vorgänger bereit gehalten hätte. Somit kann ich letztendlich die 7/10 Punkte nur mit sehr viel gutem Willen vergeben.