Der mit dem Wolf tanzt – Langfassung – OT: Dances With Wolves (1990)

Es gibt nur wenige Filme, die einen wirklich mit Haut und Haaren gefangen nehmen. Von denen man sich selbst nach dem Abspann nicht emotional lösen kann. Zu diesen Filmen gehört Kevin Costners „Der mit dem Wolf tanzt“. Gesehen habe ich den Film – in der Langfassung – gestern bestimmt zum dritten Mal und einmal wieder war ich erstaunt über die Wirkung dieses außergewöhnlichen Epos.

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Der Film nimmt sich viel Zeit um seine Charaktere einzuführen. Dadurch lernt man die Hauptfigur John Dunbar (Kevin Costner) wirklich kennen und kann eine emotionale Beziehung zu ihr aufbauen. Ab der Ankunft im verlassenen Fort braucht man als Zuschauer diese starke Identifikation auch, da der Film sonst nicht funktionieren würde. Man lebt sein Leben in der Wildnis. Man lernt mit ihm die neuen Nachbarn kennen und durch ihn tanzt man auch mit dem Wolf.

Begleitet wird die wunderschöne Geschichte von unglaublichen Naturbildern, die in einem fast schon verzauberten Licht erstrahlen. Der Kameramann transportiert den Westen wirklich spürbar ins heimische Wohnzimmer. Umso beeindruckender auf Blu-ray. Dabei ist die Landschaft nie nur schmuckes Beiwerk, sondern hilft stets die Geschichte zu erzählen. Ebenso wichtig und imposant ist John Barrys fantastischer Score, welcher dem Epos durchgehend als emotionaler Anker dient.

Die Annäherung zwischen Dunbar und den Ureinwohnern Amerikas wird sehr behutsam erzählt. Costners Figur geht so offenherzig auf diese ihm fremde Kultur zu, dass man den Mann nur bewundern kann. Trotzdem wirkt der Film durchaus realistisch, da hier nicht glorifiziert wird und die unterschiedlichen ethischen Grundlagen beider Kulturen durchaus kritisch betrachtet werden. Sehr gewinnend finde ich hier die Erzählerstimme, die nicht im Raum schwebt, sondern durch Johns Tagebuch fest im Film verankert ist.

Besonders beeindruckt hat mich in „Der mit dem Wolf tanzt“ vor allem Costners Spiel. Man nimmt ihm die Rolle voll und ganz ab – wenn man dazu noch bedenkt, dass er bei diesem Film für nahezu alles verantwortlich war, kann man nur sagen: Hut ab, Mr. Costner! Es stecken so viele wunderbare Details in dem Film, wie z.B. der titelgebende Wolf als Metapher für die Annäherung mit der Natur, dass man aus dem Entdecken gar nicht mehr heraus kommt.

„Der mit dem Wolf tanzt“ ist ein überwältigendes Filmerlebnis, das emotional zu berühren weiß. Durch die lange Laufzeit erinnert man sich noch während der Film läuft an gewisse vergangene Szenen zurück, was einen noch enger mit den Filmfiguren zusammenschweißt. Ein wahres Epos und einer meiner persönlichen Lieblinge: 10/10 Punkte.

Prädikat: Lieblingsfilm

Slumdog Millionär – OT: Slumdog Millionaire (2008)

Normalerweise stehe ich typischen Oscar-Abräumern eher skeptisch gegenüber. Danny Boyles „Slumdog Millionär“ übte dennoch eine große Faszination auf mich aus. Vielleicht weil der Film optisch so gar nicht ins typische Schema passt, vielleicht weil ich Indien noch nie als Filmland besucht habe oder vielleicht mich die Einfachheit der Geschichte angesprochen hatte.

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Der Aufhänger – das indische Pendant der TV-Show „Wer wird Millionär?“ – ist nur Mittel zum Zweck, um die Lebensgeschichte des jungen Slumdogs Jamal zu erzählen. Mit seinen 18 Jahren hat er bereits mehr erlebt, als wohl die meisten Menschen während ihres gesamten Lebens. Dass er soweit kommt hat er nur Glück, Zufällen und seinem starken Willen zu verdanken. Im Film heißt das dann Schicksal, welches ihn auch immer wieder seiner großen Liebe über den Weg laufen lässt.

Mit der Verfilmung von „Slumdog Millionär“ hat Danny Boyle wahrlich den Puls der Zeit getroffen. Ein komprimierter Blick auf das Leben in einer der aufstrebendsten Nationen unserer globalisierten Welt. Es ist unglaublich, wie viel Lebendigkeit der Film ausstrahlt. Der Oscar für besten Filmschnitt ist sowas von gerechtfertigt. Ebenso empfand ich den Einsatz moderner digitaler Kameras zum ersten Mal als völlig gerechtfertigt. Man ist wirklich mittendrin. Starke, moderne Bilder, die jedoch nicht verfremded wirken oder unpassend nach Video – das geht an Sie, Mr. Michael Mann! – aussehen. Der Stil unterstützt die Geschichte. Einfach nur klasse!

Abgesehen von der mitreißenden Inszenierung hat mir die Struktur des Films sehr gut gefallen. Sicher bekommt man – wenn man es genau betrachtet – nur eine weitere Liebesgeschichte präsentiert, doch sind die einzelnen Stationen in Jamals Leben so mitreißend erzählt, dass der herzerwärmende Kern niemals kitschig oder aufgesetzt wirkt. Ein tragendes Element sind hier natürlich die famosen Darsteller, welche stets die Rolle ihres Lebens gefunden zu haben scheinen. Grandioses Casting und herausragende Schauspielführung, besonders der unerfahrenen Kinder.

Wie man inzwischen wohl merkt, hat mir „Slumdog Millionär“ unglaublich gut gefallen. Wohl Danny Boyles bester Film seit „Trainspotting“, was als großes Kompliment zu verstehen ist. Ich freue mich jetzt schon auf weitere Sichtungen. Eine gelungene Überraschung im sonstigen Oscarfilmeinerlei. Großes Kino: 9/10 Punkte.

Hallo, Mr. President – OT: The American President

Was macht man, wenn man schwach und auf Entzug ist? Richtig, sich möglichst schnell eine Ersatzbefriedigung suchen. Genau deshalb bin ich bei Rob Reiners „Hallo, Mr. President“ gelandet. Geschrieben von Aaron Sorkin, kann man den Film durchaus als Fingerübung zu „The West Wing“ betrachten. Eine Serie, welche mich erst kürzlich begeisterte, wie keine zweite zuvor.

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Für den geneigten Fan von Sorkins Serie ist es zunächst äußerst ungewohnt Martin Sheen in einer Rolle zu sehen, in der er eine andere Person mit Mr. President anspricht. Doch schon bald lernt man auch diese andere Belegschaft der Weißen Hauses kennen und lieben. Die Charaktere ähneln denen der Serie doch enorm. Sei es nun ihr Idealismus oder ihre Leidenschaft. Man fühlt sich sofort wieder zu Hause.

Der titelgebende Präsident wird hier von Michael Douglas verkörpert, welcher seine Sache auch wirklich gut macht. Die Geschichte um eine neue Liebe des verwitweten Präsidenten ist nett, erzeugt Empathie und kann die Herzen der Zuschauer gewinnen. Der politische Rahmen bleibt – im direkten Vergleich zu „The West Wing“ – jedoch eher oberflächlich, was dem Film aber nicht schadet. Als letztendlich der Abspann lief, wollte ich doch glatt die nächste Episode schauen. Sorkins Weiße Haus zieht mich also immer noch magisch an. Soviel zum Thema Entzug.

„The American President“ – so der Originaltitel – ist eine wunderbare romantische Komödie aus dem Zentrum der Macht. Intelligenter und besser geschrieben, als andere Genrevertreter und doch nur ein Schatten dessen, was einige Jahre später über Amerikas Bildschirme flimmern sollte. Ein wunderbarer Film: 8/10 Punkte.

Der Mann, der niemals lebte – OT: Body of Lies

Nach einem anstrengenden Tag, habe ich ich mich heute mit der Blu-ray von Ridley Scotts „Der Mann, der niemals lebte“ belohnt. So zumindest der ursprünglich gefasste Plan. Letztendlich konnte mich der Film jedoch nicht ausreichend begeistern.

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Für mich zählt Ridley Scott zu den wirklich großen Regisseuren. Keine Frage. Ob „Alien“ oder „Blade Runner“, „Gladiator“ oder „Königreich der Himmel“. Große Filme eines Kinovisionärs. Bilder, die ich wohl nie vergessen werde. Ganz einfach großes Kino. Sein 2008er Actionthriller „Body of Lies“ hat mich im Kino dagegen völlig kalt gelassen. Kein Interesse für einen weiteren Post-9/11-Film. Doch dank des günstigen Preises, hat der Film nun doch seinen Weg ins heimische Heimkino gefunden. Wohl nicht das beste Argument für eine Sichtung.

Zum Film selbst: Er ist toll inszeniert, gut gespielt und stellenweise wirklich atmosphärisch. Leider jedoch gelingt es der Geschichte – außer in Einzelszenen – überhaupt nicht mitzureißen. Die Figuren bleiben viel zu blass und der Kern des Konflikts wird nur leicht angekratzt. Dafür wird von einer Ecke der Welt in die nächste gesprungen, ohne jedoch wirklich nachvollziehbare Gründe dafür zu liefern. Showeffekte einer sprunghaften Handlung. Nett anzusehen, aber ohne jede Nachhaltigkeit.

Hat mich der Film unterhalten? Gewiss. Wird er mir länger im Gedächtnis bleiben? Mit Sicherheit nicht. Ridley Scott hat mit „Body of Lies“ einen relativ seichten Actionthriller abgeliefert, der an seinem eigenen Anspruch scheitert. Dann lieber noch einmal Stephen Gaghans „Syriana“ anschauen und mehr als nur eine x-beliebige Spionagegeschichte sehen. Leider nicht viel besser als erwartet: 6/10 Punkte.

Brügge sehen… und sterben? – OT: In Bruges (2008)

Aktualisierung: Ich habe „Brügge sehen… und sterben?“ am 27. August 2023 erneut gesehen und eine Besprechung der Wiederholungssichtung veröffentlicht.

Ist es nicht ein tolles Gefühl, wenn einen Filme noch so richtig überraschen können? Martin McDonaghs „Brügge sehen… und sterben?“ gehört zu diesen seltenen Vertretern seiner Art. Zwar hatte ich schon viel Gutes über den Film gehört, doch wirklich Lust hatte ich nie auf ihn. Ein weiterer hipper Gangsterfilm. Wer braucht denn sowas?

Brügge sehen... und sterben? (2008) | © LEONINE

Brügge sehen… und sterben? (2008) | © LEONINE

Niemand. Ganz genau. Deshalb ist „In Bruges“, so der Originaltitel, auch alles andere als ein postmoderner Vertreter seines Genres. Zu sagen er wäre langsam erzählt, wäre wohl die Untertreibung des Jahrhunderts. Er ist gemütlich. Surreal. Äußerst brutal und emotional. Man lernt hier echte Charaktere kennen. Treibt mit ihnen durch die Nacht und erkundet mit ihnen einen magischen Ort namens Brügge, welcher in messerscharfen Dialogen genauestens seziert wird.

Die Geschichte um ein ungleiches Gangsterpärchen ist so dermaßen unspektakulär, dass man sich nur in den jeweiligen Moment fallen lassen kann. Dort warten komplexe Figuren mit echten Problemen, tiefschwarzer Humor und höchst absurde Situationen. Man kann wirklich nur schwer beschreiben, was die Faszination dieses Films ausmacht. Vermutlich die magische Atmosphäre Brügges. Wer einen auf cool getrimmten Gangsterfilm à la Guy Ritchie erwartet – als welchen uns das Marketing den Film verkaufen will – wird vermutlich maßlos enttäuscht sein. Alle anderen dürfen sich auf eine unkonventionelle Genreperle freuen.

Fazit

Getragen wird der Film von den hervorragenden schauspielerischen Leistungen Brendan Gleesons und Colin Farrels. Äußerst nuanciert und erstaunlich tiefgehend für solch einen kleinen… ja, was eigentlich? Gangsterfilm? Surreales Drama? Existentiellen Thriller? Schwarze Komödie? Wohl von allem ein wenig. Für mich wohl der Gangsterfilm der vergangenen fünf Jahre. Nicht nur für Genrefreunde empfehlenswert: 9/10 Punkte.

Flightplan: Ohne jede Spur (2005)

Nachdem mir der Film von einem Arbeitskollegen bereits seit Wochen ans Herz gelegt wird, habe ich die gestrige TV-Ausstrahlung genutzt, um mir Robert Schwentkes Thriller „Flightplan – Ohne jede Spur“ anzusehen. Bereits bei der Kinoverwertung fand ich die Thematik interessant, wurde jedoch von eher verhaltenen Kritiken von einer Sichtung abgehalten.

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Der Film beginnt emotional mitreißend. Die fast schon erhaben wirkenden Einstellungen reflektieren die seelischen Qualen Kyle Pratts (Jodie Foster) auf äußerst atmosphärische Art und Weise. Düster, kalt und unnahbar. Wie nahezu die gesamten ersten zwei Filmdrittel. Bis zum großen Wendepunkt in der Geschichte ist Robert Schwentkes Hollywood-Debüt ein mitreißender Psychothriller. Zwar nicht immer perfekt, doch zumindest spannend inszeniert und mysteriös erzählt. Ich war zudem mehr als nur einmal bereit das bereits Gesehene in Frage zu stellen und somit die Position eines weiteren unbeteiligten Passagiers einzunehmen. Mit dieser Möglichkeit hätte man noch mehr spielen müssen.

Ab dem Wendepunkt in der Handlung verkommt der Film leider zum völlig belanglosen 08/15-Thriller. Da gibt es Action, Verfolgungsjagden und Explosionen. Ansich nicht schlimm, doch leider wird die gesamte Geschichte (auch rückwirkend) in solch ein unwahrscheinliches Handlungskonstrukt gepresst, dass man nur noch mit dem Kopf schütteln kann. Von dieser qualitativen Zweiteilung her gesehen erinnert der Film an Wes Cravens Flugzeugthriller „Red Eye“, der ein ähnlich ernüchterndes Finale bot.

Insgesamt ist „Flightplan“ ein netter Thrillersnack für Zwischendurch. Besonders die erste Filmhälfte bietet äußerst spannende Unterhaltung. Wenn das misslungene Finale nicht wäre, könnte man durchaus von einem Pflichtfilm für Freunde von Flugzeugthrillern reden. So jedoch schrammt der Film nur knapp an der Mittelmäßigkeit vorbei: 6/10 Punkte.

Radio Rock Revolution – OT: The Boat That Rocked

Da uns das Wetter – ich weiß nicht zum bereits wievielten Mal – den Biergartenbesuch verhagelt hat, haben wir uns spontan für einen Kinobesuch entschieden. Zu sehen gab es Richard Curtis‘ „Radio Rock Revolution“ in der Originalfassung. Da ich zuvor nur sehr wenig von dem Film wusste, war die positive Überraschung letztendlich umso größer. Selten hatte ich soviel ausgelassenen Spaß im Kino.

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Eine stringente Geschichte sucht man in „The Boat That Rocked“ vergeblich. Ab und an blitzt so etwas wie eine Rahmenhandlung auf, doch das sind dann auch die schwächsten Momente des Films. Es geht hier auch gar nicht darum etwas zu erählen. Es geht um Musik und das damit verbundene Lebensgefühl in den späten 60er Jahren. Dabei legt Richard Curtis weniger Wert darauf ein stimmiges Zeitportrait zu schaffen, als die reinen Emotionen zu transportieren. Dies gelingt ihm hervorragend. Die Figuren sind allesamt einen Tick zu übertrieben gezeichnet, als dass man sie in der Realität verankert vermuten würde. Es sind überlebensgroße Klischees und dadurch funktioniert der Film. Es geht um Musik, Lebensfreude und ganz viel albernen Spaß. Herrlich!

Neben der gekonnten Regie überzeugen vor allem die Schauspieler. Curtis ist es wahrlich gelungen einen Traumensemble zu versammeln: Nick Frost („Spaced“) ist göttlich, wenn er versucht sein Wissen um die holde Weiblichkeit weiterzugeben. Bill Nighy („Shaun of the Dead“) spielt den Chef des schwimmenden Piratensenders dermaßen lässig, dass man am liebsten selbst anheuern würde. Chris O’Dowds („The IT Crowd“) Portrait eines gehörnten Jungvermählten ist so herzzerreißend, dass es einem vor Lachen die Tränen in die Augen treibt. Das Duell der zwei Radio-Ikonen spielenden Philip Seymour Hoffman und Rhys Ifans besitzt zudem mehr Coolness, als die gesamte „Matrix“-Trilogie.

Leider schwächelt der Film immer etwas, wenn versucht wird eine Handlung zu etablieren. So spielen Kenneth Branagh und Jack Davenport die piratenbekämpfenden Staatskörper zwar durchaus mit Humor, doch wirken diese Szenen stets etwas wie Fremdkörper. Auch das teils zu dramatisch inszenierte Ende lässt etwas die lockere Ausgelassenheit vermissen, wenngleich es glücklicherweise mit dem nötigen Humor aufgeheitert wird. Allein die FATHER AND SON-Szene ist ein Musterbeispiel an gekonnter Musikauswahl und herzerfrischendem Humor.

Für Freunde von rockiger Popmusik und britischen Filmen bzw. Serien ist „Radio Rock Revolution“ eine kleine Offenbarung. Der Film macht unglaublich viel Spaß. Zwar hätte ihm eine Straffung nicht geschadet, doch sind die Schwächen insgesamt vernachlässigbar. Wer sich einfach einmal wieder gut unterhalten lassen will, sollte sich auf jedem Fall auf dem rockenden Boot anheuern: 8/10 Punkte.

Ein Freund von mir (2006)

Wie lange hatte ich auf Sebastian Schippers zweiten Film gewartet. Dann kam er endlich ins Kino und ich konnte ihn mir aus irgendeinem Grund nicht ansehen. Selbst die DVD hatte sich eine halbe Ewigkeit gegen den Kauf gesträubt. Doch gestern war es soweit und ich habe „Ein Freund von mir“ gesehen. Endlich. Die vorausgegangenen Verzögerungen waren glücklicherweise kein schlechtes Omen, wenngleich die Erwartungen auch nicht vollständig erfüllt werden konnten.

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Zunächst einmal springt einem der formale Aspekt ins Auge. Die Bilder wurden – besonders am Anfang des Films – größtenteils mit offener Blende gedreht, was sie fremdartig und fast schon artifiziell wirken lässt. Die Bildsprache findet ihre Entsprechung auch in der Handlung: Zu Beginn sind Karl (Daniel Brühl) und Hans (Jürgen Vogel) noch Fremde, die sich zufällig begegnen. Auch wenn beide im Bild sind, der Fokus richtet sich stets nur auf eine Person. Erst mit der Entwicklung ihrer Freundschaft richtet sich der Fokus auf beide Charaktere. Allein dieser subtile formale Aspekt beschreibt den Film schon recht gut. Für viele langweilig, für mich großes Kino.

Das größte Problem, mit dem „Ein Freund von mir“ in meinen Augen zu kämpfen hat, ist seine Thematik. Man kommt nicht umhin zu denken, dass Sebastian Schipper hiermit den ultimativen Film über Männerfreundschaften drehen wollte. Nicht den klassischen Buddy-Movie, sondern eine poetische Ode an die Freundschaft. Scheitert der Film? Mitnichten. Kann er seinem Anspruch jedoch gerecht werden? Nein, kann er nicht. Der Grund dafür ist simpel: Sebastian Schipper hatte bereits 1999 mit „Absolute Giganten“ den Film über Freundschaft gedreht. Den einen Film für die Ewigkeit. Sein Zweitwerk muss sich – aufgrund der ähnlichen Thematik – daran messen lassen und kann im direkten Vergleich nur verlieren.

„Ein Freund von mir“ ist ein sehr schöner Film für alle Freunde von durchdachter Kinoästhetik. Für Freunde stiller Geschichten. Für alle Freunde. Solltet ihr jedoch den Bruder im Geiste noch nicht kennen, dann seht euch zuerst „Absolute Giganten“ an. Dann habt ihr auch meine dickste Empfehlung für Sebastion Schippers zweite Ode an die Freundschaft: 8/10 Punkte.

Der seltsame Fall des Benjamin Button – OT: The Curious Case of Benjamin Button (2008)

Als ich das erste Mal von David Finchers „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ hörte, war mein Interesse sofort geweckt. Bisher hatte mich noch kein Film des Regisseurs enttäuscht und die Geschichte versprach zudem seine Fähigkeiten in einem ganz neuem Genre zu fordern. Dann kam die Zeit vor den Academy Awards und der Film war plötzlich in aller Munde. Größtenteils war der Tenor eher negativ und mit dem aufkommenden Hype ist mein Interesse beinahe völlig verschwunden.

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Die gestrige Sichtung war auch nur eine Notlösung, da wir ins Kino eingeladen wurden und uns die restlichen Filme noch weniger interessierten. Die Erwartungshaltung hätte folglich geringer nicht ausfallen können. Ich erwartete einen typischen Oscar-Film: Ohne Herz und mit viel Kalkül inszeniert (spontan fällt mir hier z.B. „A Beautiful Mind“ ein). Was ich jedoch zu sehen bekam war Kino in seiner reinsten Form. Bildgewordene Nostalgie, eine epische Liebesgeschichte und technische Perfektion, die in ihrer subtilen Erhabenheit noch unzählige Filme nach „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ prägen wird.

Ich mag Filme, in denen man Charaktere aufwachsen sieht. Ihr Leben verfogt. Eine Beziehung zu ihnen aufbaut. Filme die Nostalgie unvermittelt an ihre Betrachter weitergeben können. Wenn Benjamin seinen Vater zum Sterben an den Lieblingsort seiner Kindheit bringt, dann berührt mich das. Ebenso wie dutzende andere Szenen, die vielleicht nebensächlich erscheinen mögen, für das emotionale Wachstum der Figuren aber unerlässlich sind. Überhaupt handelt der Film weniger davon, dass Benjamin immer jünger wird, sondern wie die Menschen in seiner Umwelt auf ihn reagieren und von ihm beeinflusst werden. Ihr Bewusstsein in Bezug auf das Leben, das Altern und das Sterben wird geweckt. Sehr schön in diesem Zusammenhang fand ich die Episode in der Benjamin auf Elizabeth Abbott (Tilda Swinton) trifft und die unvermittelte spätere Auflösung.

Benjamins Lebensgeschichte wird in die Rahmenhandlung seiner sterbenden großen Liebe eingebettet. Hier sehe ich auch die einzigen Kritikpunkte, da mir die Übergänge teils etwas holprig und zu forciert (z.B. Hurrikan Katrina) erschienen. Ein ähnliches emotionales Gerüst, wie es bereits Tim Burton in „Big Fish“ verwendet hatte. Durch die immer wieder unterbrochene Handlung konnten zumindest Zeitsprünge relativ flüssig eingebaut werden und es war jedes Mal ein Ereignis Benjamin Button (bzw. Brad Pitt) in weiter verjüngter Form zu sehen.

Hier komme ich nun auch auf die Technik zu sprechen, die einen neuen Meilenstein für die Branche darstellt dürfte. Es ist wirklich unglaublich, was die VFX-Magier hier geschaffen haben. Selten habe ich so perfekte und absolut subtile Effektarbeit gesehen. Der Film wirkt in jedem Einzelbild wie aus einem Guss und wüsste man es nicht besser, man würde annehmen Brad Pitt und Cate Blanchett seien während der Dreharbeiten stark gealtert, nur um kurze Zeit später den Jungbrunnen gefunden zu haben. Einfach unglaublich und schon jetzt ein Grund mich auf die hoffentlich erscheindende Special Edition der DVD mit vielen Hintergrundberichten zu den Effekten zu freuen.

Was David Finchers jüngstes Werk abgesehen von seiner technischen Perfektion für mich wirklich zu einem besonderen Film macht, ist seine emotionale Wirkung. Die meiste Zeit war ich tatsächlich mit einem Lächeln auf den Lippen im Kino gesessen. Ich konnte den Film miterleben, was leider viel zu selten vorkommt. Zudem musste ich mehr als nur einmal eine Träne verdrücken und das nicht etwa, weil Fincher inszenatorisch besonders auf die Tränendrüse gedrückt hätte, sondern weil man mit den Charakteren mitgeliebt, mitgelebt und mitgelitten hatte. Es ist eine echte Bindung entstanden und das ist für mich großes Kino.

Für mich ist „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ schon jetzt eine der positivsten Überraschungen des noch jungen Kinojahres. Allen nostalgischen Träumern da draußen kann ich nur empfehlen sich nicht aufgrund der unzähligen schlechten Kritiken von einer Sichtung abhalten zu lassen. Der Film ist großes Kino. Kino fürs Herz: 9/10 Punkte.

K-PAX (2001)

Für den gestrigen Filmabend ist meine Wahl auf Iain Softleys „K-PAX“ gefallen, der mich bei der Erstsichtung vollends überzeugt hatte. Doch auch mit Kenntnis der Handlung ist es dem Film gestern erneut gelungen mir ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern.

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Die Prämisse ist simpel: Prot (grandios gespielt von Kevin Spacey) behauptet vom Planeten K-PAX zu sein und der Erde einen Besuch abzustatten. Daraufhin wird er eingewiesen und von Dr. Mark Powell (Jeff Bridges) in Behandlung genommen. Die nun folgenden Sitzungen sind bestimmt von der Suche nach der Wahrheit, doch schon bald muss Dr. Powell erkennen, dass es die absolute Wahrheit nicht gibt. Es gibt nur Hoffnung und den damit verbundenen Glauben, was besonders den anderen Patienten des Sanatoriums einen neuen Sinn im Leben gibt.

Diese relativ einfache Geschichte verpackt Regisseur Iain Softley in faszinierende Bilder. Licht ist nicht nur inhaltlich ein großes Thema, es bestimmt auch die Inszenierung. Getragen wird der Film zudem von einem beinahe schon hypnotischen Score, der uns immer weiter in Prots Welt zu ziehen scheint. Dabei wird offen gelassen, wo oder was Prots Welt letztendlich ist. Der Film bleibt doppeldeutig bis zur letzten Sekunde und das ist wohl die größte Stärke seiner Geschichte. Egal ob man ihn als ausgeklügeltes Sci-Fi-Märchen oder als Psychogramm eines verletzten Menschen wahrnimmt.

„K-PAX“ ist einer der wenigen Filme, die mich als Zuschauer mit einem warmen Gefühl in der Magengegend zurücklassen. Ein unspektakulärer und vielleicht deswegen umso schönerer Film. Herausragend gespielt von Kevin Spacey und Jeff Bridges. Stilsicher inszeniert von Iain Softley. Man könnte noch stundenlang über ihn nachdenken, oder einfach nur seine Wirkung genießen. Großes, kleines Kino: 9/10 Punkte.

Prot: ‚I will admit the possibility that I am Robert Porter, if you will admit the possibility that I am from K-PAX. Now if you’ll excuse me, I have a beam of light to catch.‘