Die Reise der Pinguine – OT: La marche de l’empereur

Gestern Abend habe ich mir nach dringlicher Empfehlung meiner Schwester den Gewinner des Oscars für bester Dokumentarfilm 2005 angesehen: „Die Reise der Pinguine“. Ich muss vorrausschicken, dass ich erst kürzlich eine thematisch ähnliche Dokumentation im Fernsehen gesehen habe und mich der Film somit inhaltlich leider überhaupt nicht mehr überraschen konnte.

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Der Film hat eine – für einen Dokumentarfilm – beachtenswerte Erfolgsgeschichte hinter sich. Ein wahrer Kassenmagnet. Vermutlich durch die gewählte Thematik und die Art der Inszenierung auch verständlich. Die meisten Dokumentarfilme sind unbequem. „Die Reise der Pinguine“ unterhält ganz einfach. Wie ein guter Spielfilm. Unterstützt wird diese Wirkung durch die Narration. Erzählt wird der Film aus der Sicht dreier Personen, die jeweils für die männlichen und weiblichen Pinguine, sowie ihre Jungen stehen. Der Film erinnert dadurch an eine Erzählung und wirkt sehr lebendig. Leider gleiten die Beschreibungen teils ins fast schon poetisch kitschige ab, was auf negative Art und Weise von den Tieren ablenkt.

„Die Reise der Pinguine“ lebt von den Bildern. Fantastische Bilder. Grandiose Bilder. Bilder, die den Oscargewinner von unzähligen anderen Tierfilmen abheben. Es ist eben doch etwas anderes, ob auf Film- oder Videomaterial gedreht wird. Wirklich beeindruckend. Stimmig dazu wirkt die erzählte Geschichte, die von der Kraft der Natur zeugt. Doch die eigentlichen Stars sind die Hauptdarsteller selbst. Die Pinguine. Besonders als die Jungen geschlüpft sind, hat der Film schon allein aufgrund seines Niedlichkeitsfaktors gewonnen.

Insgesamt ist „Die Reise der Pinguine“ ein tolles Erlebnis. Für einen Dokumentarfilm eventuell inhaltlich etwas mau, doch das wird durch die Bilder mehr als ausgeglichen. Die Wirkung ist vermutlich noch stärker, wenn man den Lebenszyklus der Kaiserpinguine noch nicht kennt: 8/10 Punkte.

Kill Bill: Vol. 2 (2004)

Wie angekündigt, habe ich gestern endlich „Kill Bill: Vol 2“ gesehen. Die Erwartungen waren hoch. Sehr hoch. Leider schafft es Volume 2 nicht, diese einhundertprozentig zu erfüllen. Dennoch wirkt der Film mit seinen Brüchen zum ersten Teil im Schaffen Tarantinos nur konsequent. Zusammen ergeben beide Volumes dann tatsächlich das erhoffte Meisterwerk – zumindest für Zuschauer, die sich mit dieser Auffassung von Kino und Film identifizieren können.

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„Kill Bill: Vol. 2“ ist das genaue Gegenstück zu Volume 1. Hat der erste Teil von abgedrehten Actionsequenzen und einer überschschwänglichen Inszenierung gelebt, so findet man sich in Volume 2 eher in einem klassischen Tarantinofilm wieder. Lange Einstellungen. Langsame Kamerafahrten. Ausführliche Dialoge und ebensolche Monologe. War Volume 1 Martial Arts mit Italowesternanteilen, so ist Volume 2 Italowestern gespickt mit Martial Arts. Bereits die Eröffnungssequenz in der Kirche atmet die Opernhaftigkeit eines Sergio Leone Westerns. Unglaublich intensiv und wunderbar fotographiert. Diese Ruhe zieht sich durch den gesamten Film und wirkt – auch mit Volume 1 im Hinterkopf – nie fehlplatziert.

Neben der grandiosen Eröffnungssequenz haben es mir besonders die Szenen im Sarg, der Kampf im Trailer, sowie die Lehrstunden mit Meister Pei Mei angetan. Hier war ich fast noch überzeugt, der Film könnte Volume 1 noch übertreffen. Doch mit fortschreitender Laufzeit, gab es einige Szenen, die ich nicht mehr so hundertprozentig überzeugend fand. Allen voran der alternde Bordellbesitzer. Für sich genommen bestimmt nett und unterhaltsam, im Film aber eher störend und einfach unnötig für die Geschichte.

Dann endlich: Das Finale. Bill. Kill Bill. Das lange Vorspiel mit der Tochter und den Gesprächen fand ich zwar irgendwie sinnvoll, da hier das Dilemma (Töten des Vaters) kurz angeschnitten wurde und auch der Inhalt (Superman) durchaus ansprechend war. Doch letztendlich wurde ich emotional nicht so mitgerissen wie erhofft. Das gleiche gilt für den Schlusskampf. Sicher war es konsequent auch hier mit der Erwartungshaltung zu brechen und den lang erwarteten Kampf überraschend (und doch irgendwie erwartet) schnell enden zu lassen. Doch auch hier gilt: Irgendwie unbefriedigend und nicht so befreiend wie erhofft.

Insgesamt ist auch Volume 2 ein wirklich toller Film. Die Figuren bekommen endlich die nötige Tiefe und ihre Motivation wird klarer, wodurch sich die Braut auch endlich einen Namen verdient: Beatrix Kiddo. Auch ergeht es ihr nicht wie anderen Racheengeln, die sich nach getaner Arbeit leer und nutzlos fühlen (Budd und Elle Driver) – nein, sie ist jetzt Mutter und fällt dadurch nicht in das erwartete Loch. All dies ist schön konstruiert und teils gibt es wirklich fantastische Szenen, doch irgendwie wirkt der Film auf mich unrund und – wenn man das Ende betrachtet – emotional zu wenig mitreißend. Vielleicht würde eine Gesamtfassung „Kill Bill“ doch noch ein Stück nach vorne bringen. Mit vielleicht einer etwas anderen Chronologie der Szenen. Vielleicht. Ich kann es nicht sagen, würde mir aber auch diese Fassung auf jeden Fall ansehen.

Tarantino hat mit „Kill Bill“ ein höchstinteressantes und unterhaltsames Racheepos geschaffen. Tolle Bilder, tolle Figuren, grandiose Actionsequenzen. Müsste ich Volume 2 getrennt bewerten, würde ich nach der aktuellen Sichtung 8/10 Punkte vergeben. Das Gesamtwerk schafft es dagegen locker auf 9/10 Punkte – und das war schließlich erst der Anfang…

Kill Bill: Vol. 1 (2003)

Mit Quentin Tarantino verbinde ich einen großen Teil meiner Filmleidenschaft. Ich habe zwar schon immer gerne Filme gesehen, doch erst „Pulp Fiction“ hat meine Liebe zu den bewegten Bildern entfacht. Mit „Jackie Brown“ durfte ich erstmals einen Film des Meisters im Kino erleben. Danach wurde es für längere Zeit erneut still um den größen movie geek von uns allen. Umso mehr habe ich mich nach der Ankündigung auf „Kill Bill: Vol. 1“ gefreut. Eine Vorfreude, die sich letztendlich ausgezahlt hat.

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Wie auch bei den vorhergegangenen Tarantinofilmen, gab es im Vorfeld von „Kill Bill“ viel Gerede um Gewaltverherrlichung und verschiedene Schnittversionen. Der Unterschied zu den sonstigen Gerüchten: Dieses Mal ist etwas dran. „Kill Bill“ wurde zweigeteilt und zudem ist extra für den japanischen Markt eine härtere Fassung veröffentlicht worden. Seitdem warten Fans auf der ganzen Welt – oder zumindest die mit Internetanschluss – auf eine vollständige Schnittversion. Ich stehe dem etwas skeptisch gegenüber. Zumindest was die Zusammenführung beider Volumes betrifft, denn ich kann mir „Kill Bill“ – so gelungen er ist – nicht wirklich als vierstündiges Epos vorstellen.

Wenn ich schon einmal bei verschiedenen Fassungen des Films bin: Die zensurbedingte in schwarz/weiss gehaltene Kampfszene kann mich nicht einmal als Pseudostilmittel überzeugen. „Kill Bill“ lebt von seinen knalligen Farben, seiner comichaften Gewaltdarstellung und der entsprechenden Inszenierung. Leider geht all das mit der Entsättigung der Farben verloren. Uma Thurman steckt nicht umsonst in einem knallgelben Anzug. Wirklich schade. In der internationalen Fassung wirkt diese Sequenz für mich somit etwas fehlplatziert. Dennoch ist dieser Versuch der künstlerischen Selbstzensur wenigstens ein interessanter Ansatz.

Nachdem nun die Rahmenbedingungen abgeklärt sind, komme ich zum eigentlichen Film: Wow! Tarantino überrascht immer wieder aufs Neue. „Kill Bill“ ist der Spaghettiwestern unter den asiatischen Revengemovies. Grandios, wie Tarantino die Genres plündert und ihre Versatzstücke geschickt zu etwas kombiniert, das in dieser Form noch nicht da war. Die Geschichte ist simpel. Es geht um Rache. Nicht mehr und nicht weniger. Dabei ist eher der Weg das Ziel. Der Weg und wie dieser inszeniert wurde. Poppig bunt mit ungewohnten Stilmitteln, äußerster Brutalität und stets einem augenzwinkernden Humor. Dieser bunter Cocktail ist dabei in sich erstaunlich konsistent. Macht Spaß und definitiv Lust auf mehr.

Uma Thurman ist die perfekte Darstellerin für die Rolle der Braut. Lucy Liu eine ebenso imposante Gegenspielerin. Die restlichen Figuren gehen etwas unter. Das ist auch etwas mein Problem mit dem Film. Außer der Braut gibt es keine Identifikationsfiguren und sie selbst ist nur von der Rache geleitet. Dies funktioniert zwar tadellos, doch die wortreichen Personenkonstellationen – die bisher in allen Tarantinfilmen vertreten waren – fehlen mir dann doch etwas. Aber vielleicht folgt das noch in Volume 2, den ich bisher leider noch nicht sehen konnte. Es sind leider oft die Filme, auf die man ewig wartet, für deren Kinosichtung sich partout keine Zeit finden lassen will.

„Kill Bill: Vol. 1“ hat mir dieses Mal fast noch besser gefallen, als damals im Kino. Es braucht aber bestimmt noch einige Sichtungen, damit der Film zu seinen Vorgängern aufschließen kann. Ich bin nun auf jeden Fall erst einmal sehr gespannt auf Volume 2: 9/10 Punkte.

Easy Riders, Raging Bulls (2003)

Seitdem ich mich für das Kino begeistere, interessiere ich mich auch für die Geschichte des Films. Eine hervorragende Doku über das Ende der Studiozeit und das folgende New Hollywood ist Kenneth Bowsers „Easy Riders, Raging Bulls“. Die Tagline ‚How the Sex ’n‘ Drugs ’n‘ Rock ’n‘ Roll Generation Saved Hollywood‘ beschreibt schon ziemlich genau das, was den Zuschauer erwartet.

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Nach dem Zusammenbruch des Studiosystems waren es vor allem die jungen, wilden Filmemacher, die das Publikum ins Kino gelockt haben. Inspiriert vom europäischen Autorenfilm und den damals äußerst erfolgreichen B-Movies, haben sich Filmemacher wie Francis Ford Coppola, Martin Scorsese, aber auch Steven Spielberg und George Lucas ihren festen Platz im neuen Hollywood gesichert.

Dieser Aufstieg in den Filmolymp wird anhand von Interviews, Filmausschnitten, Produktionsvideos und -fotos, sowie animierten Kinoplakaten gezeigt. Die Art der Präsentation ist dabei äußerst unterhaltsam und es macht Spaß, alten Haudegen wie Dennis Hopper oder Peter Fonda bei ihren Erinnerungen an diese wilde Zeit zuzuhören. Dabei wird versucht eine objektive Perspektive beizubehalten und die Interviewpartner selbst als Zeitzeugen sprechen zu lassen. Dies gelingt größtenteils auch und ist – wenn man den zusätzlichen Interviews auf der DVD glauben mag – um einiges näher an der Wahrheit, als die Buchvorlage.

Ich kann „Easy Riders, Raging Bulls“ jedem empfehlen, der sich auch nur etwas dafür interessiert, wie das neue Hollywood entstanden ist. Heute sitzt man fast schon ungläubig vor dem Fernseher und fragt sich, wie sich die Filmkultur in so kurzer Zeit so stark ändern konnte. Heute läuft nichts mehr ohne Zielgruppenanalyse, Testscreenings, großangelegte Marketingkampagnen etc. Der Grundstein dafür wurde allerdings schon damals gelegt. Die jungen, wilden Filmemacher sind erwachsen geworden. Äußerst sehenswert: 9/10 Punkte.

King Kong – Extended Edition (2005)

Peter Jacksons Nachfolger seines Meisterwerks „Der Herr der Ringe“ wurde mit Spannung erwartet. Doch wurden bereits im Vorfeld viele Stimmen laut, die meinten, der Film sei zu langatmig, zu ausgewalzt, einfach zu übertrieben. Ich jedoch hatte bereits bei der Sichtung im Kino großen Spaß an dem Affen. Auch auf DVD macht „King Kong – Extended Edition“ eine sehr gute Figur und zeigt erneut Jacksons große Liebe für das Kino – und die Urversion von „King Kong“ im Speziellen.

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Ich kann mir jedoch vorstellen, warum viele Leute Schwierigkeiten mit dem Film haben. Actionliebhaber werden vermutlich von der ersten Stunde abgeschreckt, in der die Figuren und ihre Umfeld behutsam charakterisiert werden. Freunde des ruhigeren Films können dagegen mit dem Teil auf der Insel wohl weniger anfangen. Zu viele Urviecher und Actionsequenzen. Wen hatte Peter Jackson also als Zielgruppe im Kopf? Wahrscheinlich sich selbst. Und damit Menschen, die Filme lieben. Jede Art von Film. Nicht nur spezielle Genres. Vermutlich sollte man zudem ein Faible für klassische Monsterfilme haben. Ein Filmgeek sein. Doch „King Kong“ ist nie so abgehoben oder so speziell, dass nicht auch das normale Publikum seine Freude an diesem grandiosen Abenteuerspektakel haben könnte.

Trotz seiner ultramodernen Technik ist Jacksons „King Kong“ ein klassischer Abenteuerfilm. Es gibt eine strikte Dreiteilung der Geschichte, die Figuren transportieren die Naivität des 1933er „King Kong“ in die heutige Zeit und die Monsterszenen sind genauso atemberaubend übertrieben, wie 1933 bestimmt auch die Stopmotionsequenzen für das damalige Publikum gewirkt haben müssen. Alles in Allem ist auch Jacksons moderner „King Kong“ ein klassischer Abenteuerfilm und auf einen solchen sollte man sich einlassen können, wenn man seinen Spaß haben will.

Von der Ausstattung, über die Inszenierung, bis hin zu den Schauspielern: Alles ist stimmig. Man fühlt sich in eine fantastische Welt versetzt, die durch die erste halbe Stunde die nötige Glaubwürdigkeit verliehen bekommt. Sicher spielt Jack Black den Orson Welles-Verschnitt manisch übertrieben, Adrian Brodys Jack Driscoll geht in dem bunten Treiben fast etwas unter und Naomi Watts‘ Ann Darrow überstrahlt alle anderen Figuren. Das geht aber voll in Ordnung, da die Darstellung der Figuren perfekt in die überhöhte Realität des Abenteuerfilms passt und die Hauptrolle sowieso ein anderer spielt: „King Kong“.

Der große Affe ist wirklich ein Meisterwerk. In den meisten Einstellungen wirkt er so lebensecht, wie kein zweiter CG-Charakter. Unglaublich. Man fühlt mit ihm mit. Kann Ann Darrow verstehen. Er bewegt sich wie ein Tier, verhält sich wie ein Tier. Sind ansonsten nicht alle computergenerierten Sequenzen (Dinojagd etc.) perfekt gelungen, Kong ist es. Der Affe hebt den Film über das Niveau eines einfachen Abenteuerfilms und verleiht ihm eine neue Dimension von Tiefe. Vielleicht sehe ich das aber auch nur so, weil ich verstehen kann, wie schwer es ist, einen glaubwürdigen CG-Charakter zu schaffen, der mit seiner Umwelt interagiert und zudem noch Gefühle beim Zuschauer weckt. Ein wahres Meisterwerk.

Peter Jacksons „King Kong“ ist altmodisches Abenteuerkino, kombiniert mit modernster Technik. Das macht den Film in meinen Augen besonders reizvoll. Alles ist larger than life – genau so, wie es bei dieser Art von Film sein muss: 9/10 Punkte.

Die Insel (Richard Laymon)

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Richard Laymons „Die Insel“ habe ich geschenkt bekommen, als ich mich auf dem Höhepunkt meiner „Lost“-Euphorie befunden habe. Die Inhaltsangabe auf dem Backcover kam mir deshalb äußerst vielversprechend vor: Eine Gruppe von Menschen strandet auf einer einsamen Insel, auf der es zu mysteriösen Todesfällen kommt. Das klingt – für den Fan – doch schon einmal klasse. Doch bereits nach einigen Seiten hat sich Ernüchterung eingestellt.

Der Roman ist im Tagebuchstil geschrieben. Eine Erzählform, die zwar nicht neu ist, aber dennoch interessant. Man bekommt zudem tiefe Einsichten in die Gedankenwelt des schreibenden Charakters. Bei diesem handelt es sich leider einem pubertierenden Jungen. Die Beschreibungen seiner Gefährten – allesamt Frauen (welch Wunder!) – gleitet dementsprechend häufig ins Schlüpfrige ab, was mich bereits nach ein paar Seiten gelangweilt hat. Dennoch muss ich zugeben, dass dass mir der Tagebuchschreibers durch die Darlegung seiner Gedankengänge häufig ziemlich real erschienen ist. Die Struktur war teils nämlich wirklich konfus, es gab Zeitsprünge, Abschweifungen und vieles mehr, was den Eindruck, ein wirkliches Tagebuch zu lesen, verstärkt hat.

Leider befindet sich durch die äußere Form auch die Sprache auf Tagebuchniveau. Das ganze ist nicht schlecht geschrieben und äußerst flüssig zu lesen, aber leider nicht sonderlich elegant. Eher das Gegenteil ist der Fall. Zumindest passt sich das sprachliche Niveau dem Inhalt an, der sich – besonders gegen Ende – auch immer häufiger in Niveaulosigkeit verliert. Dort nehmen sadistische und sexistische Beschreibungen immer mehr zu, die Handlungen der Figuren werden irrationaler und der Blutgehalt steigt. Gibt es eigentlich eine Alterskontrolle für Bücher? Wahrscheinlich nicht. Es sind ja schließlich – zumindest im Moment – die bösen Computerspiele, die alle zu wahnsinnigen Amokläufern machen. Aber ich schweife ab.

Das Ende stimmt mich dann wieder halbwegs versöhnlich. Es ist eigentlich sogar ziemlich gelungen. Mit irgend solch einer Wendung hatte ich ja gerechnet. Ich habe mir – aufgrund der Tagebuchform – sogar noch ganz andere Szenarien ausgemalt. Da hätte man viel Manipulation betreiben können. Genutzt wird jedoch nur das halbe Potential. Dennoch ist der Schluss konsequent und lässt die sexuellen Phantasien des Erzählers nicht mehr ganz so sinnlos im Raum stehen.

Insgesamt kann man „Die Insel“ durchaus lesen. Auf der Habenseite stehen die interessante Ausgangssituation, eine teils gelungene Atmosphäre, das Ende und der Tagebuchstil. Enttäuschend sind dagegen der Tagebuchstil, der plumpe Verlauf der Geschichte, die schwache Charakterzeichnung und die effekthascherischen Beschreibungen: 5/10 Punkte.

Battlestar Galactica – Staffel 2

Über die letzten Wochen habe ich mir „Battlestar Galactica – Staffel 2“ angesehen. Von der Miniserie, über die erste Staffel, bis zu den aktuellen Episoden, konnte das Sci-Fi-Epos in Serienform die Qualität konstant steigern. Inzwischen fühle ich mich richtig heimisch auf der Galactica und freue mich schon auf die dritte Staffel. Bevor ich es vergesse: Es droht die Gefahr von Spoilern!

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Im Gegensatz zur vorhergehenden Staffel wird (noch) mehr Wert auf zwischenmenschliche Beziehungen und spektakuläre Weltraumszenen gelegt. Der – meiner Meinung nach – größte Schwachpunkt (Gaius Baltar samt Zylonenfreundin) wird auf ein Minimum reduziert. Auch gibt es wieder unterschiedliche Handlungsstränge, die jedoch nicht so zerfahren wirken, wie mir dies teils in Staffel 1 negativ aufgefallen ist. In meinen Augen insgesamt eine deutliche Verbesserung.

Der Verlauf der Geschichte bleibt stets spannend und es wechseln sich epische mit eher charakterbezogenen Episoden ab. Fand ich ziemlich gut gelöst. In der letzten Folge überschlagen sich die Ereignisse. Anfangs war ich noch skeptisch, doch je mehr ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir diese Wendung. Durch die Wahl Baltars zum Präsidenten, der Besiedelung des Planeten, sowie des erneuten Auftauchens der Zylonen eröffnen sich neue Möglichkeiten im Serienuniversum. Die Vorfreude auf die dritte Staffel steigt dadurch immens. Dennoch denke – und/oder hoffe – ich, dass sich die Menschheit nach ein paar Folgen wieder auf der Flucht befinden wird bzw. ein großer Teil der Handlung wieder auf der Galactica und Pegasus spielen wird. Wie gesagt, es bleibt spannend.

Bei den Schauspielern ist mir erstmals aufgefallen, woher ich Billy kenne: „Nobody’s Watching“. Dadurch hat mir die Serie gleich nochmal besser gefallen – wenn leider auch nur für kurze Zeit. Ansonsten spielen alle Darsteller äußerst überzeugend und passen sehr gut in ihre Rollen. Sehr gut passen auch die visuellen Effekte. Diese wurden meiner Auffassung nach noch einmal kräftig aufpoliert und müssen sich selbst hinter aktuellen Kinofilmen nicht mehr verstecken. Ich habe selten so überzeugende Weltraumszenen gesehen.

„Battlestar Galactica“ hat mich nun vollends erwischt. Sicher gibt es immer noch einige Schwachpunkte, doch im Großen und Ganzen konnte sich die Serie mit dieser Staffel fest in meinem Pflichtprogramm etablieren: 8/10 Punkte.

Trainspotting (1996)

Es gibt Filme, bei denen lässt sich nicht eindeutig sagen, was genau ihre Faszination ausmacht. Zu diesen gehört Danny Boyles „Trainspotting“. Ein Film über kaputte Typen. Junkies. Nicht neue Helden – wie die deutsche Tagline vermuten lässt – sondern verlorene Helden. Die Adaption von Irvine Welshs Romanvorlage hatte mich bereits bei der ersten Sichtung auf ihre Seite gezogen. Weitere Sichtungen folgten und der Soundtrack hat Kultstatus erlangt. Im Englisch LK war Irvine Welshs Kurzgeschichtensammlung „Acid House“ gleichermaßen abstoßend und faszinierend. Ich war gespannt, was mir „Trainspotting“ – der inzwischen überall als Kultfilm gehandelt wird – heute noch gibt.

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Ins Auge springt sofort die Inszenierung. Schnell. Roh. Hart. Modern. Danny Boyle hat das britische Kino durch „Trainspotting“ neu definiert. Ich vermute, dass die Filme von Guy Ritchie in dieser Form nicht existieren würden, hätte Boyle nicht den Wegbereiter gespielt. Doch das Junkiedrama ist mehr. Die klassischen Themen des britischen Kinos à la Ken Loach – Arbeitslosigkeit, mangelnde Perspektiven, soziale Missstände etc. – werden hier in eine neue Generation transportiert. Der Drogenkonsum zieht sich dabei wie ein roter Faden durch den Film. Er hat auch vom Erzähler Besitz ergriffen. Auch vom Zuschauer. Man steckt tief drin in dieser selbstzentrierten und hoffnungslosen Welt eines Junkies.

Dem Film wurde häufig vorgeworfen, er würde den Drogenkonsum glorifizieren. Zu positiv darstellen. Diese Kritik kann ich nicht nachvollziehen. Ich kenne kaum einen Film, der die Auswirkungen der Sucht abstoßender darstellt als „Trainspotting“. Natürlich hört der Zuschauer aus dem Off, wie toll es ist auf Heroin zu sein. Natürlich wird man durch die audiovisuelle Gestaltung in andere Sphären getragen. Man erlebt den Film schließlich durch die Augen von Renton. Doch genauso lebt man den kalten Entzug. Die Schmach. Die Hoffnungslosigkeit. Den Identitätsverlust. Angst. Paranoia. Tod.

Die Kunst des Films ist ja gerade, dass Drogen nicht verteufelt werden. Dass man nicht von Anfang an die negativen Auswirkungen sieht. Könnte man sich sonst mit den Figuren identifizieren? Könnte man sonst nachvollziehen, was die Faszination ausmacht? Gerade die Verbindung von abgedrehtem Humor und grausamsten Bildern, die einem das Lachen im Hals stecken lassen, ist die Stärke des Films. Dadurch werden die kaputten Charaktere sympathisch und liebenswert. Man interessiert sich für sie und bekommt die Konsequenzen ihres Handelns umso unmittelbarer zu spüren.

Danny Boyle hat mit „Trainspotting“ ein kleines Meisterwerk geschaffen. Unbequem, hart und doch unterhaltsam. Eine Gradwanderung. Für die Beteiligten und den Zuschauer. Zudem spielt Ewan McGregor hier die Rolle seines Lebens. Ganz groß. Für mich einer der stärksten Filme der 90er: 9/10 Punkte.

Abarat (Clive Barker)

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Nach einer gefühlten Unendlichkeit, habe ich gestern Clive Barkers „Abarat“ zu Ende gelesen. Wurde auch Zeit. Nicht, weil ich mich nicht noch länger auf dem zauberhaften Archipel aufhalten wollte, sondern weil ich der Meinung bin, dass ein zu langer Lesezeitraum einem Buch – bzw. einer Geschichte – eher schadet. Besonders wenn man nur Abends zu ein paar Seiten kommt, deren Inhalt man vor lauter Müdigkeit am nächsten Tag wieder vergessen hat.

Clive Barker war mir zuvor nur aus dem Genre des Horror bekannt. Aus der harten, düsteren Ecke des Horrors. Besonders seine filmischen Umsetzungen von „Hellraiser“ (zumindest die ersten beiden Teile) haben einen beunruhigenden Eindruck auf mich gemacht. Nun also „Abarat“. Der Beginn einer Fantasyreihe. Einer Fantasyreihe für Kinder. Vermutlich hätten mich die Bücher nicht interessiert, wären sie von einem anderen Autoren geschrieben worden. Zuviele Romanzyklen dieser Art hat es in der Post-„Harry Potter“-Ära gegeben. Doch ich war wirklich gespannt, wie der Ansatz Barkers in diesem Genre ist.

„Abarat“ sprüht vor Fantasie. Quillt förmlich über von fantastischen Einfällen. Alleine die Vielfalt der Welt und ihrer Bewohner. Beschränken sich die meisten anderen Fantasyromane auf Variationen von Tolkiens Ideen und auf Referenzen der Mythologie, so sind die 25 Stunden des Archipels mit Wesen angereichert, die man noch nirgends gesehen hat. Allein dafür lohnt sich ein Besuch. Diese Vielfalt drückt sich schon allein in den Namen der beteiligten Personen und Orte aus. Die Heldin der Geschichte – Candy Quakenbush aus Chickentown – ist da noch am gewöhnlichsten. Trotzdem, in wie vielen Büchern für Kinder hat die Hauptfigur schon einen Alkoholiker als Vater und stammt aus beängstigend realistischen Verhältnissen? Die wahre Vielfalt wird jedoch erst auf „Abarat“ erkenntlich: Christopher Carrion (Fürst von Mitternacht), John Mischief (Meisterdieb mit einem achtköpfigen Geweih), die Inseln Yebba Dim Day, Ninnyhammer, Speckle Frew und 22 weitere sind allesamt nur ein Bruchteil dieser fantastischen Welt.

Barker bleibt bei der Beschreibung der Wunder des „Abarat“ stets realistisch. Als könnte es diese Welt wirklich geben. Oft genug sind auch seine Wurzeln im Horror deutlich zu erkennen. Doch trotz aller positiven Eigenschaften des Romans, habe ich dennoch ein paar Kritikpunkte: Die Welt ist teils fast schon übertrieben groß, bunt und ungewöhnlich. Vielleicht liegt es auch an meinen unregelmäßigen Besuchen des Archipels, doch hatte ich teils größere Schwierigkeiten mich in der Welt zurechtzufinden. 25 Inseln sind vielleicht etwas zu viel, wenngleich diese im Anhang einzeln beschrieben werden. Dies geschieht durch den abaratischen Reiseführer „Klepps Almanach“, der sehr an den Reiseführer aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ erinnert.

Insgesamt habe ich meine Zeit auf „Abarat“ sehr genossen und werde bestimmt wieder dorthin zurückkehren. Dann hoffentlich mit etwas mehr Zeit im Gebäck. Der Roman ist nicht perfekt und sicherlich steckt auch etwas Kalkül in der Veröffentlichung, doch trotz allem ist Barker eines der fantasievollsten Bücher gelungen, die ich in letzter Zeit lesen durfte: 9/10 Punkte.

Wo ist Fred?

Gestern habe ich in unserem kleinen Kino die deutsche Komödie „Wo ist Fred?“ gesehen. Deutsche Komödie. Deutsche Komödie mit Til Schweiger. Noch vor einigen Jahren hätten bei mir jetzt alle Alarmglocken geschrillt. Doch die Post-„Der bewegte Mann“-Ära ist lange vorbei und die Geschichte hat in meinen Ohren sehr interessant geklungen. Ich war also guter Dinge, habe aber dennoch nicht solch einen superlustigen Film erwartet.

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Die von amerikanischen Drehbuchautoren geschriebene Geschichte hat im Vorfeld anscheinend für einigen Wirbel gesorgt. In den USA wollte niemand sich an das – angeblich – heikle Thema heranwagen. Umso besser! Ich möchte gar nicht wissen, was aus diesem Film geworden wäre, hätten z.B. die Farrellys das Drehbuch in die Hände bekommen. Dennoch verstehe ich die ganze Aufregung nicht: Wo ist das Problem? In dem Film wird nicht über Behinderte gelacht, sondern über das Verhalten ihrer Mitmenschen. Zudem finde ich es gut, dass nicht die Mitleidsschiene gefahren wird, so wie in den meisten Filmen über Behinderte. Ich habe während meiner Zivizeit viele Behinderte kennen gelernt und bin mir sicher, sie alle hätten sich bei „Wo ist Fred?“ köstlich amüsiert und sich in keinster Weise angegriffen gefühlt.

Die Geschichte ist simpel, steckt aber voller Witz und wirklich lustiger Einfälle. Zudem ist sie toll inszeniert und erstklassig besetzt. Ich habe gestern festgestellt, dass ich Til Schweiger eigentlich doch ganz gerne sehe, Jürgen Vogel selbst in Nebenrollen zur Hochform aufläuft, Christoph Maria Herbst vielseitiger ist, als ich dachte, und Alexandra Maria Lara einfach supersüß ist. Ergänzt werden die Kernschauspieler durch famose Nebendarsteller, die den Film erst lebendig machen. Sehr sympathisch.

Insgesamt bin ich besonders vom Humor des Films sehr angetan. Da trifft Slapstick auf Situationskomik und beides wird in eine klassiche Screwballkomödie eingebettet. Hat bei mir einen Nerv getroffen. Schön auch die eher versteckten Anspielungen: So hängt in Freds Wohung (Anmerkung: Fred bowlt gerne) ein Poster von „The Big Lebowsky“ oder bei der Erpressung des AKs (denkt mal alle an Mittermeier) läuft im Hintergrund „Das kleine Arschloch“. Solche subtilen Details füllen die Lücken in der Geschichte locker auf und machen einfach Spaß.

Schön fand ich auch die Musikuntermalung. Als dann im Abspann CHASING CARS von SNOW PATROL lief, war ich vollends zufrieden. Leider steht zu befürchten, dass der Film ziemlich untergeht – bzw. schon untergegangen ist. Ich empfehle deshalb jedem, der noch die Chance hat, den Film in einem vollen Kino zu sehen, diese Möglichkeit auch wahrzunehmen: 8/10 Punkte.