Ganz weit hinten – OT: The Way, Way Back (2013)

Nach einem hoffnungslos verregneten Samstag, an dem wir nur die angefallene Wäsche der Woche gewaschen und gebügelt sowie im Haus für Ordnung gesorgt haben (ja, unser Leben ist unglaublich aufregend), sollte wenigstens der Film am Abend ein Highlight sein. Die Wahl fiel letztendlich auf „Ganz weit hinten“, der schon viel zu lange ungesehen im Regal stand und tatsächlich ein wenig Sommergefühl in unser Wohnzimmer bringen sollte…

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Ich muss gestehen, dass ich „Little Miss Sunshine“ – damit wird dieser Film immer wieder verglichen – noch nicht gesehen habe. Allerdings strahlt „Ganz weit hinten“ dieses typische Indie-Dramedy-Gefühl aus, das in den letzten Jahren ziemlich populär geworden ist. Das Drehbuch stammt von Nat Faxon und Jim Rash (genau, Dean Craig Pelton aus „Community“), die beide auch die Regie des Films übernommen haben und zwei der Nebenfiguren spielen. Auch darüber hinaus ist „The Way, Way Back“ mit Steve Carell, Toni Collette, Allison Janney, Sam Rockwell, Maya Rudolph und Amanda Peet überaus prominent besetzt – und auch die Jungschauspieler wissen zu überzeugen.

Im Grunde erzählen Jim Rash und Nat Faxon hier eine Coming-of-Age-Geschichte, in deren Zentrum die Freundschaft zwischen einem unglücklichen Teenager und dem Manager eines Wasserparks steht. Durch diese ungewöhnliche Beziehung schöpft der unter der Trennung seiner Eltern leidende Duncan neuen Mut und findet wieder Freude am Leben. Es ist keine komplexe Geschichte, doch wirkt sie echt und nahbar. An das Gefühl nicht dazuzugehören kann sich wohl schließlich jeder erinnern – und in Duncans Situation muss es sich noch viel schlimmer anfühlen. Man leidet mit ihm und ist dankbar für die Möglichkeit aus dem tristen Urlaubsalltag ausbrechen zu können. Dies liegt auch größtenteils an Steve Carell, der hier wirklich ein ziemliches Arschloch spielt. Da lobe ich mir doch Michael Scott.

Letztendlich ist „The Way, Way Back“ ein herzerwärmender und stets unterhaltsamer Coming-of-Age-Film, der uns einen Sommer lang am Leben dieser kaputten und doch irgendwie sympathischen Figuren teilhaben lässt. Kein großer Film, doch ein Film, der mir öfter ein Lächeln auf das Gesicht zauberte und mit einem gut geschriebenen Drehbuch sowie sehr spielfreudigen Schauspielern aufzuwarten weiß: 8/10 Punkte.

The Revenant: Der Rückkehrer (2015)

Heute bin ich endlich dazu gekommen mir „The Revenant“ anzusehen. Geplant hatte ich dies schon länger, doch wollte ich für die Sichtung fit sein und den Kopf nicht mit tausend anderen Dingen voll haben. Das hat zwar nicht zu 100% geklappt, doch Alejandro Iñárritus Film sorgte letztendlich dafür, dass meine Aufmerksamkeit vollständig von ihm vereinnahmt wurde – eine Sogwirkung, wie ich sie schon lange nicht mehr in dieser Intensität erlebt habe…

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Schon alleine die Eröffnungssequenz ließ mich ziemlich sprachlos zurück. Dieser Angriff des Arikaree-Stammes erinnert nicht von ungefähr an Steven Spielbergs berühmte Omaha-Beach-Sequenz aus „Der Soldat James Ryan“. Man wird als Zuschauer förmlich in den Film gesogen, was vor allem der virtuosen Kameraarbeit zuzuschreiben ist. Emmanuel Lubezki, der bereits „Gravity“ einen ganz besonderen Look gegeben hat, verwendet nahezu ausschließlich Weitwinkelobjektive, selbst in den nahen Einstellungen. Dies sorgt für eine enorme Dreidimensionalität und Tiefenschärfe, was in Kombination mit unglaublich langen Einstellungen für eine Immersion sorgt, die einen förmlich in den Film zieht.

Zusätzlich zur technischen Perfektion erzählt der Film seine einfache Geschichte durch Bilder und Stimmungen. Die Welt wirkt dreckig, roh und von der Natur bestimmt. Der Kampf gegen den Grizzlybär ist eine der eindrucksvollsten Szenen, die ich je gesehen habe. Technisch brillant und so roh und brutal, dass ich kaum zuschauen konnte – und ich bin normalerweise nicht zimperlich, wenn es um filmische Gewalt geht. Dieser Eindruck setzt sich über die kommenden zwei Stunden fort, sei es nun der Kampf gegen Naturgewalten oder gegen andere Menschen. Leonardo DiCaprio spielt wahrlich famos und hält uns Zuschauer bei der Stange. Sein Hugh Glass dürfte wohl zweifellos zu den Filmcharakteren gehören, mit denen man auf keinen Fall tauschen will. Wenn man dann noch bedenkt, dass es sich um eine wahre, wenn auch nur in Teilen überlieferte, Geschichte handeln soll…

Kritikpunkte kann ich kaum finden. Ja, die Geschichte ist einfach und ja, die Charaktere sind nicht sonderlich komplex gezeichnet. Das macht aber nichts, denn der Film ist unglaublich mitreißend und beinahe schon fühlbar roh und erdig. Hinzu kommen unglaublich schöne Landschaftsaufnahmen, die mich haben fluchen lassen, dass ich „The Revenant“ nicht im Kino gesehen habe. Wenn ich irgendwann einen größeren Fernseher samt Ultra-HD-Blu-ray mein Eigen nenne, dann ist Iñárritus Film bestimmt einer der ersten, den ich mir zulegen würde. Audiovisuell hat mich schon lange kein Realfilm (ich treffe diese Unterscheidung, da ich gestern erst den ebenso imposanten Animationsfilm „Anomalisa“ gesehen habe) mehr so beeindruckt.

Wie die Stammleser inzwischen wissen, bewerte ich Filme auch häufig danach, ob ich während ihnen einschlafe. Mit gut zweieinhalb Stunden ist „The Revenant“ ziemlich fordernd, was den Wachzustand angeht, doch saß ich die meiste Zeit auf der Sofaecke und habe mit Hugh Glass mitgelitten. Durch die Vater-Sohn-Beziehung war ich auch emotional eingebunden und konnte selbst den an „Gladiator“ erinnernden und ein wenig kitschigen Zwischenbildern etwas abgewinnen. Ein wahrlich beeindruckendes Filmabenteuer: 9/10 Punkte.

Anomalisa (2015)

Freitagabend nach einer Woche, die es in sich hatte. Eigentlich wollte ich endlich „The Revenant“ sehen, doch aufgrund seiner Laufzeit hätte ich den Film wohl nicht zu Ende gesehen. Dann erinnerte ich mich an jackers Empfehlung zu „Anomalisa“ und die Wahl war schnell getroffen. Anfangs überlegte ich noch, ob Charlie Kaufmans jüngstes Werk nicht zu verkopft sei für solch einen Abend, an dem mir der Kopf ohnehin noch raucht, doch schon schnell sollte diese Sorge einer Faszination weichen…

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Zunächst einmal muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass auch „Anomalisa“ auf Amazon Prime leider im falschen Bildformat – nämlich in 16:9 statt 2,35:1 – läuft. Dies ist wirklich sehr ärgerlich, doch möchte ich mich im Folgenden auf den Inhalt konzentrieren. Nur seid gewarnt, falls euch das wichtig ist. Audiovisuell ist Kaufmans Film nämlich extrem beeindruckend. Durch die mit 3D-Druck verfeinerte Stop-Motion-Technik bietet sich dem Zuschauer ein Look, wie man ihn zuvor noch nicht gesehen hat. Artifiziell und dennoch realistisch. Der Stil des Films ist immer präsent, lenkt jedoch nie von der Handlung ab und unterstützt diese sogar. Ein Animationsfilm, der sich wahrlich von der Masse abhebt.

Rein inhaltlich könnte man „Anomalisa“ recht einfach auf die Romanze eines Mannes mit Fregoli-Syndrom reduzieren. Ich glaube jedoch, dass es auch außerhalb dieser Nische viele Berührungspunkte gibt, die den Film viel universeller in seiner Aussage machen. Es geht um Einsamkeit, die moderne Arbeitswelt, Individualismus und Midlife-Crisis. Und das sind nur die offensichtlichsten Themen. Es ist beeindruckend, wie viel Detailarbeit in dem animierten Drama steckt. Jede Szene ist wohl durchdacht und atmosphärisch so aufgeladen, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe. Die zentrale Liebesszene ist wunderbar behutsam inszeniert und funktioniert einfach. Das hätte ich zuvor wirklich nicht vermutet. Man ist ganz nahe dran an den Figuren.

Auch wenn „Anomalisa“ inhaltlich vielleicht einfacher ist, als es zunächst den Anschein erweckt, so bietet er doch viel zu entdecken – wenn man sich denn darauf einlässt. Auch wenn mir heute eigentlich nach leichter Unterhaltung gewesen wäre, so hat mich Kaufmans Film doch unglaublich gepackt und mitgerissen. Wer sich einmal für 90 Minuten in eine fremde und vielleicht auch erschreckend bekannte Welt entführen lassen will, der sollte „Anomalisa“ auf jeden Fall eine Chance geben: 9/10 Punkte.

Spotlight (2015)

Es sind nicht die besten Voraussetzungen für einen Filmabend, wenn man in der Nacht zuvor nur knapp fünf Stunden geschlafen hat und der Arbeitstag richtig anstrengend war. Immerhin haben wir es schon um 20 Uhr aufs Sofa geschafft, doch so richtig viel Hoffnung hatte ich nicht „Spotlight“ komplett zu sehen. Gut zwei Stunden später war ich immer noch wach und hatte nicht einmal mit dem Schlaf zu kämpfen. Es sind die kleinen Freuden…

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Nach meiner Sichtung von „The Newsroom“ hatte ich weiterhin Lust auf idealistischen Journalismus. Welcher Film wäre also besser geeignet als Tom McCarthys 2016er Oscar-Gewinner? Von seiner Atmosphäre und Erzählstruktur hat mich „Spotlight“ allerdings eher an David Fincher „Zodiac“ erinnert, nur dass hier das Ergebnis der Recherchen befriedigender war. In beiden Fällen war der Ausgang er Ermittlungen im Vorfeld bekannt und doch entwickelt die Geschichte solch einen Sog, dass ich mich ihr nicht entziehen konnte. Schauspieler, Ausstattung und Inszenierung – alles wird dem Drehbuch untergeordnet und trägt somit als Einheit zur Geschichte bei.

McCarthys Film bietet weder Action, noch Sex oder Gewalt. Selbst die Verbrechen werden nur andeutungsweise wiedergegeben. Die Nachwirkungen und emotionalen Narben der Opfer stehen im Mittelpunkt und mit ihnen die unglaubliche Tragweite des Missbrauchsskandals. Je weiter sich die investigativen Journalisten rund um Walter Robinson (Michael Keaton) vorantasten, desto unfassbarer ist das Level der Vertuschung – nicht nur für die Charaktere, sondern auch speziell für uns Zuschauer. Dabei sind nicht immer alle Bilder subtil (z.B. die vorbeiradelnden Kinder), doch sie bleiben stets wirkungsvoll.

„Spotlight“ ist in bester Art und Weise klassisch erzählt und versucht nicht aus dem brisanten Fall eine Sensationsgeschichte zu machen. Er zeigt die, natürlich dramatisch aufbereiteten, Fakten auf und stellt uns die Personen vor, die bei der Aufdeckung des Skandals beteiligt waren. Dies sind die wahren Helden – und das ganz ohne Cape und Strümpfe. Diese Mischung funktioniert für mich ausgezeichnet und mir wird der Film noch länger im Gedächtnis bleiben. Klassisches, großes Kino: 9/10 Punkte.

Sicario (2015)

Heute habe ich mir endlich einen Film angesehen, der mir schon länger von einem Kollegen und guten Freund empfohlen wird. Denis Villeneuves „Sicario“ ist zudem seit Kurzem bei Amazon Prime in der Flatrate enthalten und wird dabei sogar im richtigen Bildformat ausgestrahlt. Da muss man den Verleih Studiocanal doch fast schon ein Lob aussprechen. Einer erfolgreichen Sichtung stand somit nichts im Wege, doch konnte der Film auch inhaltlich mithalten?

Sicario (2015) | © Studiocanal

Sicario (2015) | © Studiocanal

Ein Thriller, der von seiner Inszenierung lebt

Tatsächlich hat mich „Sicario“ von der ersten Sekunde an gefesselt. Und das liegt nicht wirklich an der recht geradlinigen Geschichte rund um den Drogenkrieg an der Grenze zu Mexiko. Nein, Denis Villeneuve schafft es durch die Inszenierung eine dermaßen dichte und spannungsgeladene Atmosphäre aufzubauen, dass meine Hände teils schweißnass waren. Seien es die distanzierten Kamerafahrten, der plötzliche Wechsel mitten ins Geschehen, die stete Unsicherheit unserer Identifikationsfigur oder der wummernde Score. Vermutlich ist es das Zusammenspiel all dieser Elemente. Ich musste nach der Sichtung auf jeden Fall erst einmal tief durchschnaufen.

Im Gegensatz zu Villeneuves fast schon intim erzähltem Entführungsdrama „Prisoners“ wird in „Sicario“ auf geopolitischer Ebene agiert. So hat es zumindest anfangs noch den Anschein. Letztendlich erzählt aber auch dieser Drogenthriller mehrere überaus persönliche Geschichten, wobei gerade unsere Hauptfigur (toll gespielt von Emily Blunt) am Ende verlorener wirkt als zu Beginn des Films. Der von Benicio Del Toro dargestellte Gegenspieler ist vermutlich der heimliche Star von „Sicario“, doch hätte ich mir durchaus mehr Ambiguität in seiner Figur gewünscht. Letztendlich versickert aber auch diese Kritik in den starken Bildern und der mitreißend inszenierten Action.

Fazit

Oft wirkt „Sicario“ mehr wie ein Kriegsfilm denn wie ein Thriller. Man befindet sich als Zuschauer mitten unter Söldnern (angeführt von Josh Brolin) und versucht in dieser fremden Welt irgendwie mitzuhalten. Das gelingt uns jedoch genauso wenig wie Kate Macer (Emily Blunt), die am Ende nicht als strahlende Heldin in den Sonnenuntergang reiten darf. Dies ist ein zutiefst pessimistischer Film, der gerade aufgrund seiner real wirkenden Bilder umso erschreckender ist. Ich werde dieses Erlebnis wohl so schnell nicht vergessen und freue mich schon auf die geplante Fortsetzung: 8/10 Punkte.

Der Marsianer: Rettet Mark Watney – OT: The Martian (2015)

Heute habe ich endlich den Film gesehen, auf dessen Sichtung ich schon seit einer halben Ewigkeit warte. Zuerst wollte ich den Roman lesen und dann eigentlich auf die Extended Edition warten – nun hatte Amazon die Kinofassung für 99 Cent in der Online-Ausleihe. Da bin ich doch schwach geworden und habe mir „Der Marsianer: Rettet Mark Watney“ angesehen, jedoch nicht ohne vorher zu überprüfen, ob er auch im Original-Bildformat gestreamt wird. Wird er tatsächlich – und somit gab es für mich kein Halten mehr…

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Ridley Scott kann den Weltraum einfach unglaublich gut inszenieren. Schon bei der ersten Einstellung musste ich an seinen Klassiker „Alien“ denken, was vielleicht auch daran liegt, dass Harry Gregson-Williams‘ Score in gewissen Passagen durchaus an seine Vertonung von „Prometheus“ erinnert, der wiederum eindeutig von Jerry Goldsmiths archetypischen Klängen zu „Alien“ inspiriert ist. Der Kreis schließt sich somit klanglich und auch die Bilder wissen zu imponieren. Ridley Scott hat es nicht verlernt und somit freue ich mich umso mehr auf „Alien: Covenant“, doch ich schweife ab. Nun also zurück zu „The Martian“ und Mark Watney…

Als Kenner der Vorlage gab es für mich nur wenige Überraschungen. Ja, teils fehlen Passagen, die ich gerne auf der großen Leinwand gesehen hätte (speziell im letzten Drittel) und so manche kleinere Änderung gab es auch im Handlungsverlauf – insgesamt jedoch ist die Adaption von Andy Weirs Roman durchaus werkgetreu. Speziell die Atmosphäre auf dem Roten Planeten und Mark Watneys Charakter sind perfekt getroffen. Matt Damon trägt den Film über weite Strecken völlig allein und verschmilzt gekonnt mit Watney. Auch auf der Erde schaffen es die Darsteller ihren Figuren Leben einzuhauchen, wenngleich der Fokus, wie bereits im Roman, eindeutig auf den Mars-Szenen liegt.

Insgesamt kann ich nicht wirklich viel an „Der Marsianer“ kritisieren, außer dass er mir mit seiner Laufzeit von über 2 Stunden trotzdem zu kurz war. Zu gerne hätte ich den Zusammenbruch der Kommunikation gesehen oder Watneys Probleme mit den Solarzellen auf seiner Fahrt zum Schiaparelli-Krater. Dagegen wurden die Logbuch-Einträge wunderbar umgesetzt und fügen sich perfekt in den restlichen Film ein. Man darf als Kenner des Buches jedoch nicht erwarten, dass die wissenschaftlichen Hintergründe hier ebenso detailliert erläutert werden. Für mich gab es dennoch so manchen Aha-Effekt, da ich mich noch an die Gründe für so manche Entscheidung Watneys erinnern konnte. Ein Mehrwert für Leser. Auch mal schön.

Beim Schauen des Films ist mir – noch deutlicher als bei der Vorlage – aufgefallen, dass es keinen Antagonisten gibt. Alle arbeiten ohne versteckte Agenda daran, Watney nach Hause zu holen. Das hat mir wirklich sehr gut gefallen und ist für das heutige Kino schon eher außergewöhnlich. Insgesamt bin ich also wirklich begeistert und kann mir hier – im Gegensatz zu „The Last Days on Mars“ – durchaus vorstellen, noch einmal auf den Roten Planeten zurückzukehren. Dann am liebsten im Extended Cut, für den ich mir gerne noch den fehlenden Punkt aufspare, um endgültig zur famosen Vorlage aufzuschließen: 8/10 Punkte.

Up in the Air (2009)

Heute habe ich einmal wieder einen Film nachgeholt, der schön länger auf meiner imaginären Liste steht. Dabei hatte ich das Gefühl Jason Reitmans „Up in the Air“ bereits mehrfach gesehen zu haben. In unzähligen Podcasts (allen voran der Sneakpod) habe ich bereits mehrfach der Beschreibung der Handlung gelauscht und war stets neugierig, auch wenn es kein Film war, den ich unbedingt sofort sehen musste. Aber manchmal sind es ja gerade diese Werke, die einen längerfristig beeindrucken…

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Jason Reitman erzählt „Up in the Air“ herrlich unaufgeregt. Der Film wirkt dabei so durchstrukturiert, wie das Leben Ryan Binghams, der sich sein Geld mit der Vor-Ort-Abwicklung von Massenentlassungen verdient. Der von George Clooney gespielte Charakter ist deshalb unentwegt unterwegs und auf den Flughäfen und in den den Hotels Nordamerikas zu Hause. Ein Leben ohne Wurzeln und Gepäck. Im tatsächlichen und übertragenen Sinne. Ein einsames Leben, doch eines, das sich Ryan Bingham so ausgesucht hat und das er in vollen Zügen genießt – bis er eine Frau kennenlernt. Wird er nun plötzlich sesshaft und wandelt seinen Lebensstil?

Tatsächlich entwickelt sich die satirisch angehauchte Dramödie in der zweiten Hälfte eher zum Beziehungsdrama mit durchaus präsentem RomCom-Einschlag. Das unausweichliche Happy End wartet dennoch nicht auf Ryan. Ein unerwartet bitterer Twist, der jedoch wunderbar zur Stimmung des restlichen Films passt. Neben George Clooney, dem die Figur wie auf den Leib geschrieben ist, überzeugen Vera Farmiga und ganz besonders Anna Kendrick, die beide für Ryans Weiterentwicklung bedeutend sind. Neben diesen drei famosen Hauptdarstellern dürfen wir Jason Bateman, J. K. Simmons, Danny McBride und viele mehr in teils unerwarteten Rollen erleben.

„Up in the Air“ ist letztendlich ziemlich genau der Film, den ich durch die unzähligen Besprechungen bereits im Kopf hatte. Kein unfassbares Meisterwerk, doch gerade in seiner Unaufdringlichkeit bestechend unterhaltsam. Gut geschrieben, toll gespielt und zurückhaltend inszeniert. Wenn ihr euch bisher auch nicht aufraffen konnten, ihn zu schauen, dann ist jetzt vielleicht der richtige Zeitpunkt: 8/10 Punkte.

Ex Machina (2015)

Vormittags noch unzählige Fahrräder Probe gefahren, nachmittags den 4. Geburtstag des Neffen gefeiert. Was gibt es Schöneres als solch einen vollgestopften Tag mit einem gelungenen Film zu beenden? Heute frisch in der Post gewesen, ist Alex Garlands „Ex Machina“ auch sofort in den Player gewandert. Eigentlich wollte ich den Film schon damals im Kino sehen, dann wurde er mir auch noch von einem Freund ans Herz gelegt – es wurde als höchste Zeit den Sci-Fi-Thriller nachzuholen…

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Künstliche Intelligenz ist ein Thema, das mich – zumindest filmisch gesehen – schon seit jeher stark beschäftigt: von „Blade Runner“„Alien“ und „The Terminator“ bis hin zu „The Matrix“ und „A. I. – Artificial Intelligence“ oder „Her“. In all diesen Filmen spielt Künstliche Intelligenz eine mehr oder weniger prominente Rolle. Umso gespannter war ich auch, was nun Alex Garland in seinem Regiedebüt daraus macht. Der häufig mit Danny Boyle arbeitende Drehbuchautor ist mir vor allem für seine oft im letzten Drittel qualitativ abfallenden Skripte bekannt: Sowohl „The Beach“ als auch „28 Days Later“ und „Sunshine“ schwächeln ausgerechnet auf der Zielgeraden, was tatsächlich auch ein wenig auf „Ex Machina“ zutrifft. Doch besitzt auch dieses Finale eine zweite Ebene, mit der ich mich durchaus anfreunden kann.

Garlands kühle Bilder unterstreichen perfekt die kammerspielartige Klaustrophobie, der sich die Charaktere ausgesetzt sehen. Diese bedrückende Atmosphäre wird umso stärker spürbar, da brachial lebendig wirkende Naturmotive immer wieder dem kalten, technokratischen Labor gegenübergestellt werden. Man fühlt sich als Zuschauer zusammen mit dem von Domhnall Gleeson („About Time“) gespielten Caleb wirklich nicht wohl in dieser Welt. Und doch geht eine Faszination von der gezeigten Technik aus, die letztendlich in Ava (Alicia Vikander) gipfelt. Während der ersten beiden Drittel wusste ich auch nicht so recht, in welche Richtung sich der Film denn wohl bewegen würde. Ich hatte so meine Vermutungen – und es sollte sich herausstellen, dass Caleb die gleichen Ideen hatte. Wir beide lagen falsch.

Das endgültige Finale rutschte mir inszenatorisch ein wenig zu sehr in Richtung Horror ab, auch wenn es inhaltlich nur konsequent und folgerichtig war. Man spürt den typischen Garland-Stolperer und doch komme ich nicht umhin, es als gelungen zu bezeichnen. Ich bin mir auch sicher, dass ich in den kommenden Tage noch oft an den Film werde denken müssen. Mein größter Kritikpunkt ist, dass Nathan (Oscar Isaac) gegen Ende die Züge eines klischeehaften Bösewichts trägt. Vielleicht sind das aber auch die logischen Folgen seines Gott-Komplexes. Gerade weil der Film an dieser und anderen Stellen noch weiter zum nachdenken anregt, möchte ich ihn mit der besseren der beiden möglichen Punktzahlen belohnen. Weiter so, Mr. Garland: 9/10 Punkte.

Mud: Kein Ausweg (2012)

Die letzte Woche ist unglaublich schnell vergangen. Sie war sehr turbulent und endete heute mit einem der seltenen Tage im Home Office. Morgen steht der letzte Termin meines Blockseminars auf dem Programm und doch möchte ich zu fortgeschrittener Stunde noch meine Gedanken zu „Mud: Kein Ausweg“ festhalten. Der Film stand bereits viel zu lange im Regal und ich hatte die Sichtung, aus welchen Gründen auch immer, stets aufgeschoben. Heute war es endlich soweit und tatsächlich hat sich Jeff Nichols Film als Kleinod unter den Indie-Dramen präsentiert…

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Auf den ersten Blick erzählt „Mud“ ein Jugendabenteuer, wie man es aus Klassikern wie „Stand by Me“ kennt. Sogar einer der beiden Jungschauspieler, Jacob Lofland, erinnert an River Phoenix aus Rob Reiners Stephen-King-Verfilmung. Doch Nichols Werk ist komplexer und besitzt mehr Schichten, die sich dem Zuschauer erst nach und nach offenbaren. Teils hat er mich auch an das düstere Ozark-Drama „Winter’s Bone“ erinnert, was die beinahe schon dokumentarische Schilderung der Lebensumstände der Flussanwohner Arkansas angeht. Dabei bleibt „Mud“ jedoch stets hoffnungsvoll und lässt uns nie in das Herz der Finsternis blicken, auch wenn man es nach der ersten oberflächlichen Betrachtung hinter der nächsten Ecke vermuten könnte.

Nichols erzählt seine Geschichte beinahe vollständig durch die Augen seiner jugendlichen Protagonisten. Nur in wenigen Momenten wird mit dieser Perspektive gebrochen, was tatsächlich auffällt und beinahe schon befremdlich wirkt. Dies sind dann auch die Szenen, in denen „Mud“ in Richtung Kriminalfilm kippt, welche teils wie Fremdkörper in dieser ruhig und fließend erzählten Geschichte wirken. Das ist auch mein einziger Kritikpunkt an diesem großartigen Film. Vielleicht hätte sich Nichols vollständig innerhalb von Ellis‘ Erzählperspektive bewegen sollen, wodurch auch die letzte Szene einen gewissen Interpretationsspielraum bekommen hätte. Vielleicht wäre dies dann auch ein ganz anderer Film geworden. Schon alleine, dass „Mud“ zu solchen Spekulationen einlädt, macht ihn sehenswert.

Neben den beiden großartigen Jungschauspielern, überzeugt vor allem Matthew McConaughey („Interstellar“ oder „True Detective“) als titelgebender Mud. Die Beziehung, die sich zwischen den drei Protagonisten entwickelt, wirkt echt, glaubhaft und ist beinahe schon anrührend. Doch es sind gerade die Lebensumstände von Ellis (Tye Sheridan), die sich in der Beziehung zu Mud und auch zu seiner Freundin Juniper (Reese Witherspoon) spiegeln. Neben all den angerissenen Themen ist „Mud“ im Kern eine Coming-of-Age-Geschichte, in der der gestrandete Mud den beiden Freunden Ellis und Neckbone als symbolhafte Vaterfigur dient – und in der sich alle anderen Beziehung in irgendeiner Form wiederfinden lassen.

Neben den inhaltlichen und schauspielerischen Stärken, überzeugt „Mud“ vor allem auch durch seine formalen Aspekte. Man fühlt sich als Teil der Wildnis Arkansas und ich hätte aufgrund der oft fast schon kitschigen Schönheit so mancher Motive den Film manchmal am liebsten pausiert. Wieder einmal habe ich viel zu lange mit der Sichtung gewartet und hätte „Mud“ schon vorher kennenlernen können. Macht nicht den gleichen Fehler und seht diesen wunderbaren Film – am besten sofort: 9/10 Punkte.

Her (2013)

Zu Beginn meines Osterurlaubs hatte ich mir vorgenommen jeden Tag einen Film zu sehen. Da ich selbst wusste, dass dies äußerst unrealistisch sein würde, habe ich die Anzahl auf die Hälfte meiner Urlaubstage reduziert: fünf Filme sollten es also werden. Am achten Abend habe ich mit „Her“ nun meinen ersten Film gesehen. So ist das eben manchmal mit den Plänen. Und selbst diese Filmsichtung stand auf wackligen Beinen, haben wir doch den ganzen Tag in einem Freizeitbad verbracht und sind alle entsprechend müde. Ich habe als einziger länger als 20 Uhr durchgehalten und konnte den Film somit entsprechend genießen. Wenn auch allein. Wie passend…

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Was für ein wundersamer Film. Eine klassische Liebesgeschichte, wie man sie schon dutzende Male gesehen hat. Eine Utopie (oder Dystopie, darüber ließe sich trefflich streiten), welche unsere heutige Kommunikationswelt konsequent in die Zukunft trägt. Dann ein formal perfekt ausgestatteter Bilderrausch, der uns mit seiner seltsam retro-urbanen Ästhetik verführt. Spike Jonze („Wo die wilden Kerle wohnen“) zieht einmal mehr alle Register und drückt dieser ungewöhnlichen Geschichte so gekonnt seinen Stempel auf, dass man sich keine andere Inszenierung vorzustellen vermag. Da Jonze auch das Drehbuch geschrieben hat, wirkt „Her“ wie aus einem Guss, was beeindruckt aber auch leicht artifiziell wirkt. Sehr passend für diese Geschichte.

Was will uns „Her“ nun sagen? Dass wir alle zu sehr unsere zwischenmenschlichen Kontakte vernachlässigen und eine Beziehung mit unserem Smartphone führen? Ich vermute nicht – und doch kann man auch diesen wenig subtilen Aspekt in der Geschichte wiederfinden. Es geht um das große Thema Liebe, die Bedeutung von Körperlichkeit und – wenn man so will – Seelenverwandtschaft. Ebenso spielt das Thema Künstliche Intelligenz natürlich eine große Rolle und es ist wahrlich erfrischend zu sehen, dass man nicht plötzlich einen allwissenden virtuellen Stalker präsentiert bekommt, der unserer Hauptfigur das Leben zur Hölle macht. Oder Skynet auf kleinerem Level. Nein, Jonze bleibt seinem Thema treu und opfert die spannende Prämisse nicht dem billigen Effekt.

Auch wenn so manche Szene befremdlich wirken mag, schaffen es Joaquin Phoenix und Scarlett Johansson perfekt ihrer Beziehung einen emotionalen Kern zu verleihen. Gekonnt nimmt sich Jonze der Absurdität an und überträgt diese auch auf andere Bereiche dieser Retro-Zukunft (z.B. Theodores Beruf als Briefautor). Insgesamt wirkt „Her“ auf mich wie ein kunstvoll inszeniertes Kaleidoskop an Ideen und Ansätzen, das in eines der klassischsten Genres gegossen wurde. Ein ganz besonderer Film, der auf jeden Fall einer Zweitsichtung bedarf, damit ich auch seine wahre Wirkung auf mich entschlüsseln kann : 8/10 Punkte.