Can a Song Save Your Life? – OT: Begin Again (2013)

Die letzte Urlaubswoche nähert sich erschreckend schnell ihrem Ende – und bisher hatte ich es nicht geschafft auch nur einen der noch geplanten Filme zu sehen. Heute jedoch gab es mit „Can a Song Save Your Life?“ tatsächlich großes Kino zu sehen, was zu Beginn nicht wirklich absehbar war. Umso glücklicher bin ich, diesem kleinen und doch großen Werk eine Chance gegeben zu haben – und ihr solltet das auch!

can-a-song-save-your-life

Ich mag Musikfilme und -serien. Sehr sogar. Ebenso die kleinen, wunderbaren Feel-Good-Movies, die häufig unter dem Radar fliegen. Tatsächlich hat mich bei „Begin Again“ die Besetzung am meisten gestört – Keira Knightley und Mark Ruffalo sprechen nicht gerade für eine charmante Indie-Produktion. Dagegen steht die zauberhafte Geschichte sowie mit „Once“ ein Überraschungshit, den Regisseur John Carney zuvor inszenierte. Letztendlich sollten sich meine Sorgen als unbegründet herausstellen und „Can a Song Save Your Life?“ bewegt sich so zielsicher zwischen Indie und Blockbuster, wie auch die Geschichte zwischen Märchen und authentischem New-York-Portrait schwankt. Trotz Ecken und Kanten (und manchmal auch fehlenden Ecken und Kanten) ein absolut fantastisches Erlebnis.

Grundvoraussetzung für eine positiv wahrgenommene Sichtung sollte vermutlich Gefallen an Singer/Songwriter-Musik sein. Auch wenn das Ergebnis in diesem Film immer ein wenig zu glatt und überproduziert klingt, so sind die Wurzeln doch unverkennbar. Erstaunlicherweise wirkt „Begin Again“ gerade aufgrund seiner beiden Hauptdarsteller authentisch. Ich hätte wirklich niemals gedacht, dass Knightley und Ruffalo so wunderbar harmonieren und ihre Rollen perfekt ausfüllen. Es funktioniert einfach – und das Beste: Der Film kommt ohne aufgesetzte Romanze aus, auch wenn es durchaus unverkennbare Spannungen zwischen Charakteren gibt. Danke dafür.

Neben all der wunderbar echt wirkenden New-York-Atmosphäre, ist der Film ganz klar ein großes Pop-Märchen. Am Ende sind alle glücklich und haben sich zum Positiven hin weiterentwickelt. Ein echtes Feel-Good-Movie eben, der es schafft nicht in Kitsch zu ertrinken. Die Musik ist zudem wirklich gelungen und unterstützt die Atmosphäre des gesamten Films. Einfach schön. Wer das erträgt, der kann mit „Can a Song Save Your Life?“ wunderbare 100 Minuten verbringen. Eine dicke Empfehlung: 9/10 Punkte.

Die Tribute von Panem: Mockingjay Teil 1 – OT: The Hunger Games: Mockingjay – Part 1 (2014)

Aktualisierung: Ich habe „Die Tribute von Panem: Mockingjay Teil 1“ am 3. Februar 2024 zum ersten Mal mit den Kindern gesehen und eine aktualisierte Besprechung veröffentlicht.

Nachdem ich den ersten Samstag im neuen Jahr genutzt habe, um einen Abluftkanal für unseren Wäschetrockner zu legen, war am Ende des Tages eigentlich die Luft raus. Dennoch hatte ich Lust auf einen Film und so kam es, dass letztendlich „Die Tribute von Panem: Mockingjay Teil 1“ den Weg auf den Bildschirm fand. Den vorletzten Teil der erfolgreichen Jugendbuch-Verfilmung hatte ich damals im Kino verpasst und somit war ich sehr gespannt auf die Umsetzung…

Die Tribute von Panem: Mockingjay Teil 1 (2014) | © Studiocanal

Die Tribute von Panem: Mockingjay Teil 1 (2014) | © Studiocanal

Zu Beginn war es sehr ungewohnt so unmittelbar in die dystopische Welt von Panem zurückzukehren. Hätte ich zuvor jedoch die beiden Vorgänger „Die Tribute von Panem: The Hunger Games“ und „Die Tribute von Panem: Catching Fire“ geschaut, dann hätte die Sichtung des ersten Teils des Finales bestimmt nicht mehr im Januar stattgefunden. Schon nach ein paar Minuten war ich inhaltlich auch wieder voll drin, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass ich die Buchvorlage „Die Tribute von Panem: Flammender Zorn“ kenne und zu schätzen weiß. Für mich bildet die Trilogie wunderbar den Brückenschlag zwischen Jugendabenteuer und ernstzunehmender Dystopie.

Regisseur Francis Lawrence hält sich abermals dicht an die Vorlage, was in diesem Fall auch einfach ist, denn schließlich hat er zwei Filme Zeit die Geschichte zu Ende zu erzählen. Eigentlich hätte es diese Zweiteilung nicht gebraucht und es steckt bestimmt vor allem der Profitgedanke des Studios hinter dieser Entscheidung – und doch muss ich sagen, dass der Rhythmus der Erzählung funktioniert. Ich hätte nur ungern auf eine Szene verzichtet und fand es schön, Distrikt 13 im Detail kennenzulernen. Wie sich diese gewonnene Zeit nun auf das endgültige Finale niederschlägt, das ja eher zwiespältig aufgenommen wurde, kann ich allerdings noch nicht abschätzen.

Im Gegensatz zu den beiden Vorgängern, gibt es dieses Mal ein gänzlich anderes Szenario, sprich man verlässt das Jugendabenteuer und findet sich eher in einem Sci-Fi-Kriegsfilm wieder. Dies funktioniert erstaunlich gut, was wohl auch an der gewissen Härte liegt, mit der wir Zuschauer konfrontiert werden. Hinzu kommt das große Thema Propaganda sowie Instrumentalisierung von Heldenfiguren. Für die Zielgruppe hat der erste Teil von „Mockingjay“ wahrlich einiges zu bieten – und auch als erwachsener Zuschauer kann man viel Freude mit dieser Dystopie haben.

Fazit

Nach der Sichtung finde ich es fast etwas schade, nicht doch noch einmal einen Blick auf die Vorgänger geworfen zu haben. Auf „Mockingjay Teil 2“ freue ich mich auf jeden Fall schon sehr – und spätestens dann wird sich auch zeigen, ob die Zweiteilung letztendlich auch der Geschichte und nicht nur dem Konto des Produzenten dienlich ist: 8/10 Punkte.

Shameless (US) – Season 3

Die Nachwehen des Umzugs haben dafür gesorgt, dass ich für die Sichtung von „Shameless – Season 3“ unglaubliche fünf Wochen benötigt habe. Für so eine starke Serie mit ohnehin nur 12 Episoden eine wirklich lange Zeit. Vielleicht war es aber auch genau die richtige Art und Weise diese Staffel zu verfolgen, denn an Verrücktheit und teils bitteren Momenten übertrifft sie die vorherigen zwei Jahre noch um Längen. Ob dies positiv zu bewerten ist, lest ihr in der folgenden Besprechung…

shameless-s3

Die Staffel beginnt – und man befindet sich als Zuschauer plötzlich in einem absurden, aber knallharten Gangsterfilm wieder. Gesät wurde dieser Handlungsstrang rund um Jimmy zwar bereits in der zweiten Staffel, doch dass die Ernte so bestimmend für dieses Jahr werden würde, hätte ich niemals erwartet. Die anderen Handlungsstränge beginnen etwas ruhiger, doch ehe man sich versieht, wird man als Zuschauer mit Situationen konfrontiert, die man selbst in zweiter Reihe nicht über sich ergehen lassen möchte. Einen Höhepunkt bildet in der ersten Hälfte der Staffel wohl Franks unglaublich perfider Plan seinen Sohn Carl glauben zu lassen er hätte Krebs, nur um ein paar schnelle Dollar zu machen.

Weiter geht es mit dem Jugendamt, das die Kinder – nach einem anonymen Tipp durch Frank – in Pflegefamilien unterbringt. Erstaunlicherweise gibt es hier ein glückliches Ende für alle Beteiligten, das jedoch auf der Beziehungsebene zwischen den Charakteren noch für einiges an Zündstoff sorgt. In der zweiten Hälfte der Staffel werden die einzelnen Geschichten immer absurder – und doch schaffen es die Autoren den emotionalen Kern, das Beziehungsgeflecht und die starken Familienbande, aufrecht zu erhalten. Unglaublich! Egal ob dem Begriff Leihmutter eine völlig neue Bedeutung gegeben wird, Frank als Galionsfigur für gleichgeschlechtliche Ehe in Erscheinung tritt oder die Dreiecksbeziehung zwischen Karen, Mandy und Lip völlig eskaliert – kaum eine Geschichte endet so, wie man es erwarten würde. Selbst Frank zeigt Anzeichen von Herz und Mitgefühl. Dennoch ist das Finale unerwartet düster und endgültig – und lässt uns nur in der letzten Montage ein wenig Hoffnung schöpfen.

Auch wenn ich es nicht für möglich gehalten hätte, so hat „Shameless“ im dritten Jahr noch einmal an Qualität zugelegt. Der Schmerz der Figuren ist oft unwahrscheinlich unmittelbar und greifbar, was jedoch stets durch perfiden Humor gebrochen wird. Dabei ist die Serie nicht zynisch, sondern erlaubt sich einen oft zärtlichen Blick auf ihre Charaktere. Eine ungewohnte Mischung, die in dieser Form wohl einmalig ist. Ich freue mich jetzt schon auf die vierte Staffel: 9/10 (9.3) Punkte.

Journey of Love: Das wahre Abenteuer ist die Liebe – OT: Safety Not Guaranteed (2012)

Heute gibt es eine Premiere: Ich habe mit „Journey of Love: Das wahre Abenteuer ist die Liebe“ meinen ersten Film im neuen Haus gesehen. Und damit auch den ersten Film auf der lang erwarteten 5.1-Anlage, auch wenn das ruhige Sci-Fi-Märchen dafür wohl nicht der richtige Einstand war. Alles aber völlig egal, denn nach fünf Wochen Pause bedeutet das endlich wieder eine Kritik auf eurem liebsten, ähm, Filmblog… 🙂

journey-of-love-1

Aufgrund meiner Vorliebe für Zeitreisefilme bin ich schon etliche Male über „Safety Not Guaranteed“ (so der treffende Originaltitel) gestolpert. Dabei kennt den Film sonst vermutlich kaum jemand. Zuletzt hat ihn eine Besprechung auf dem filmischen Zeitreiseblog schlechthin zurück auf mein Radar gebracht – und thematisch schien er mir auch perfekt für diese Zeit der privaten Veränderungen zu sein. Den geschmiedeten Plänen drohte – trotz der kurzen Laufzeit von gerade mal 85 Minuten – jedoch akuter Schlafmangel (kranke Kinder und sehr arbeitsreiche Tage) einen Strich durch die Rechnung zu machen. Ich habe der Müdigkeit jedoch erfolgreich getrotzt und wurde mit einem sehr sympathischen Filmerlebnis belohnt.

Die Prämisse ist so einfach wie genial: Ein mysteriöser Anzeigentext, der übrigens auf einer wahren Begebenheit beruht, ruft ein paar Reporter auf den Plan, die sich eine abgefahrene Geschichte erhoffen. Und darum geht es:

„Wanted: Somebody to go back in time with me. This is not a joke. P.O. Box 91 Ocean View, WA 99393. You’ll get paid after we get back. Must bring your own weapons. Safety not guaranteed. I have only done this once before.“

Wer würde da nicht neugierig werden? Was nun folgt ist weniger investigatives Recherche-Drama noch Sci-Fi-Mystery, sondern eine Tragikomödie mit Indie-Flair. Kaum zu glauben, dass ausgerechnet Colin Trevorrow, der Regisseur des diesjährigen millionenschweren Blockbusters „Jurassic World“, auf dem Regiestuhl saß. Nun schließt sich auch der Kreis und man erkennt plötzlich, was der „New Girl“-Schauspieler Jake Johnson in dem Monster-Hit zu suchen hatte. Und in beiden Filmen wird die Hauptrolle von einem „Parks and Recreation“-Alumni verkörpert. Zufall?

Doch nun zurück zum eigentlichen Film: „Safety Not Guaranteed“ atmet Indie-Charme aus jeder Pore, ist schön gefilmt und mit einem launigen Soundtrack versehen. Ich hatte großen Spaß dabei unsere verkorksten Helden bei ihrem Trip zu beobachten und große Emotionen erwartet. Diese sollten jedoch nur bedingt aufkommen, was auch am viel zu eindeutigen Finale liegt. Das wäre nicht nötig gewesen. Ein ganz ähnlicher (und doch ganz anderer Film), der das Drama viel intensiver lebt und die Auflösung deutlich subtiler angeht ist „K-PAX“ mit Kevin Spacey, den ich an dieser Stelle nur empfehlen kann.

Letztendlich ist Colin Trevorrows Film ein größtenteils wunderbar leicht erzähltes Indie-Drama, das in letzter Konsequenz zu plump auf ein eindeutiges Finale hinsteuert. Ich hatte wirklich viel Spaß damit, doch haben gerade die letzten Minuten noch einen zuvor sicheren achten Punkt von meiner Wertung weggeknabbert. Dennoch kann ich diesen leider eher unbekannten Film allen Freunden von Indie-Romanzen nur ans Herz legen: 7/10 Punkte.

Gattaca (1997)

Heute war einer dieser Tage, an denen die eskapistische Flucht in Filmwelten dringend nötig war. Dabei habe ich mich für Andrew Niccols „Gattaca“ entschieden, den ich schon viel zu lange nicht mehr gesehen hatte. Eine sehr gute Wahl. Vielleicht hatte ich diese Art der ‚Du kannst alles erreichen, wenn du nur hart genug arbeitest!‘-Motivation auch einfach nötig. Doch auch davon abgesehen bietet der Sci-Fi-Klassiker beste Unterhaltung auf jeder Ebene. Ihr wollt mehr wissen? Lest einfach weiter…

gattaca-4

Am meisten begeistert hat mich von Beginn an, wie unglaublich zeitlos „Gattaca“ wirkt. Der Film hat zwar bereits 18 Jahre auf dem Buckel, doch durch seinen brillant in Szene gesetzten Retro-Futurismus mögen sich einfach keine Alterungserscheinungen auf audiovisueller Ebene einstellen. Großartig! Auch inhaltlich wirkt Niccols Dystopie aktueller denn je und reiht sich somit in die Riege der zeitlosen Genre-Klassiker à la „Soylent Greent“ oder „Logan’s Run“ ein. Die Grundidee ist ähnlich faszinierend wie die seiner leider häufig verschmähten Sci-Fi-Dystopie „In Time“ – ein Film, den man als Freund des Genres ebenfalls nicht ignorieren sollte.

Was „Gattaca“ weit über den Standard hinaushebt, ist neben der kunstvollen Inszenierung eindeutig der emotionale Kern der Geschichte. Im Zentrum steht ein Brüderpaar, wenngleich ein Teil dieses Paares im Laufe der Geschichte auch über einen anderen Charakter gespiegelt wird. Perfektion gegen Imperfektion. Motivation gegen Hoffnungslosigkeit. Schicksal gegen Selbstbestimmung. Es werden viele Themen verhandelt, was jedoch nie aufgesetzt wirkt. Die Einbettung in eine geradlinige Thriller-Handlung treibt den Film zudem voran und lässt uns Zuschauer mit Vincent/Jerome (abermals ein starker Ethan Hawke) mitfiebern.

Für Freunde dystopischer Welten und Sci-Fi-Geschichten, die sich in unserer nahen Zukunft zutragen, ist „Gattaca“ eine kleine Offenbarung. Ich mochte Niccols Film bereits bei der vorhergehenden Sichtung, doch heute hat er bei mir wirklich Eindruck hinterlassen. Insofern kann ich nur eine dicke Empfehlung aussprechen und würde mir wünschen es gäbe wieder mehr Filme mit solch originellen und perfekt umgesetzten Konzepten: 9/10 Punkte.

Shameless (US) – Season 2

Es ist unglaublich wie schnell die Sichtung von „Shameless – Season 2“ (weiterhin die US-Fassung) auch schon wieder vorbei ist. Durch den hohen Unterhaltungswert und die Beschränkung auf zwölf qualitativ hochwertige Episoden habe ich den Vorsatz früher ins Bett zu gehen öfter mal ausgesetzt – und war mit der Staffel innerhalb von nur zwei Wochen durch. Es ist aber auch einfach zu verlockend stets noch für eine weitere Episode bei den Gallaghers zu verweilen…

shameless-s2

Zwischen der ersten Staffel und der einsetzenden Handlung der zweiten Staffel scheinen ein paar Monate vergangen zu sein – große Veränderungen gibt es (außer einer anhaltenden Hitzewelle) nicht zu vermelden. Doch schon bald werden nahezu alle Gallaghers von ihrer Vergangenheit eingeholt: Steve sucht wieder Kontakt zu Fiona, Franks Mutter steht plötzlich auf der Türschwelle, Karen hat eine ganz besondere Überraschung für Lip und die kompletten Gallaghers werden von „Hurricane Monica“ (so der unheilvolle Episodentitel) heimgesucht. Mehr als genug Stoff also, um eine Staffel zu füllen, doch tatsächlich ist dies nur die Spitze des Eisbergs – und man wird als Zuschauer auf so manche gefühlsmäßige Achterbahnfahrt mitgenommen. Die bereits bekannte Kombination aus schmerzhaftem Drama und absurder Comedy wird hier oft auf die Spitze getrieben. Turbulent, erschütternd und tatsächlich auch verdammt lustig.

Hat sich die erste Staffel noch stark am englischen Original orientiert, geht die US-Version von „Shameless“ ab der zweiten Staffel eigene Wege. Auch wenn ich die Vorlage nur ausschnittsweise kenne, so merkt man doch dass irgendetwas passiert ist: Die Charaktere wirken noch verrückter, die Dramatik noch schmerzhafter und der Humor ist noch deutlich abgefahrener geworden. Teils ist es ganz schön harter Tobak (z.B. Missbrauch, Inzest, Suizid) mit dem sich die Figuren – und somit auch wir Zuschauer – auseinandersetzen müssen. Die Serie schafft es dennoch dabei erstaunlich unterhaltsam zu bleiben, was man wohl den Drehbuchautoren und den wirklich guten Schauspielern zuschreiben kann.

Qualitativ kann „Shameless“ im zweiten Jahr noch einmal eine Schippe drauflegen. Die Serie wirkt somit (noch) entfesselter, was in so manch völlig absurder Situation gipfelt. Dennoch bleiben die Charaktere innerhalb des Serienuniversums glaubwürdig und man geht mit ihnen durch dick und dünn, was wahrlich nicht immer einfach ist. Das Staffelfinale ist dann wiederum erstaunlich versöhnlich und lässt einem mit einem guten Gefühl zurück. Auch wieder etwas, das ich „Shameless“ nach den vorher angerissenen Erzählsträngen nicht unbedingt zugetraut hätte. Immer wieder sehr überraschend – und das ist komplett positiv gemeint: 9/10 (9.0) Punkte.

Sin nombre (2009)

Die meisten Filme, die ich schaue, sind englischsprachige Produktionen. Viel zu selten blicke ich über diesen Horizont hinaus, dabei sind es oft gerade internationale Produktionen, die zu beeindrucken wissen. Zu diesen gehört auch der US-mexikanische Film „Sin nombre“, von dem ich schon viel Gutes gehört hatte. Den letzten Anstoß zur Sichtung hat jedoch die Vorstellung des Films im jüngsten Band der Buchreihe „Filme der 2000er“ gegeben. Ob sich die Sichtung letztendlich gelohnt hat, erfahrt ihr in der folgenden Besprechung…

sin-nombre-1

Zunächst einmal muss ich ansprechen, wie brandaktuell „Sin nombre“ wirkt: Der Film erzählt die Geschichte von Flüchtlingen, die alles aufgeben um untragbaren Lebensumständen zu entfliehen – nur eben von Mexiko in die USA. Dabei konzentriert sich Regisseur Cary Fukunaga gezielt auf zwei Einzelschicksale, die in dieser oder ähnlicher Form jedoch stellvertretend für viele Flüchtlinge sein werden. Gewalt beherrscht nicht nur die zurückgelassenen Lebenssituation, sondern auch die gesamte Reise nach Norden an die US-mexikanische Grenze. Dabei erzählt der Film kein ruhiges Drama, sondern stellt eine knallharte Gangstergeschichte ins Zentrum, die nicht von ungefähr an Fernando Meirelles‘ „City of God“ erinnert, ohne jedoch dessen epische Dimensionen zu erreichen.

Mit ca. 90 Minuten ist die zur Verfügung stehende Zeit nicht besonders lang, was bedeutet dass die gezeigte Welt nicht bis ins Detail erklärt wird, sondern durch die Handlung erzählt wird. Dies fand ich sehr erfrischend, wenngleich ich mir auch ein paar ausführlichere Charakterszenen gewünscht hätte. Die Figuren bleiben somit ein wenig an der Oberfläche und manche von ihnen hätte ich gerne näher kennengelernt. Doch vielleicht unterstreicht dies auch einen Teil der Reiseerfahrung von Flüchtlingen: man sieht sich, verliert sich, stolpert – im wahrsten Sinne des Wortes – sinnlos in den Tod und ist letztendlich Mächten ausgeliefert, denen das eigene Leben keinen Cent wert ist. Auch das Finale ist angenehm konsequent und entlässt die Figuren (und mit ihnen den Zuschauer) mit einem Kloß im Hals in eine ungewisse Zukunft.

Auch wenn mich Fukunagas Film nicht so mitgerissen hat, wie damals „City of God“, so zeigt er uns doch einen schonungslosen Blick in eine Welt, die uns beinahe unvorstellbar erscheinen mag. „Sin nombre“ mag mehr Gangsterfilm als Flüchtlingsdrama sein, doch die Parallelen sind unverkennbar, was auch Cary Fukunagas Kurzfilm „Victoria Para Chino“ unterstreicht, der den Erstickungstod mehrerer Flüchtlinge in einem LKW kurz hinter der Grenze thematisiert. Es geschieht überall auf der Welt und es ist überall gleichermaßen schlimm. Niemand macht solch eine Flucht freiwillig durch, ganz egal was die spezifischen Gründe sind. Ein weiterer unfassbarer Aspekt unserer schönen neuen Welt. Filme wie diese lassen sie greifbarer werden – und regen vielleicht auch diejenigen zum Nachdenken an, die sich sonst nicht mit diesem Thema auseinandersetzen wollen: 8/10 Punkte.

BFF_1508_ButtonBlau3-300x3001

#bloggerfuerfluechtlinge

Shameless (US) – Season 1

Über die US-Fassung von „Shameless – Season 1“ habe ich in den letzten Jahren schon viel Gutes gelesen. So viel Gutes, dass ich mir inzwischen schon die ersten drei Staffeln zugelegt habe, obwohl ich mir nicht ganz sicher war, dass diese Serie tatsächlich auf meiner Wellenlinie liegt. Nun habe ich mit der Sichtung begonnen und kann nur in den allgemeinen Begeisterungstaumel einstimmen. Die Gallaghers sind wirklich eine ganz besondere Familie…

shameless-s1-1

Mit US-Remakes von UK-Erfolgsserien ist das so eine Sache. Oft werden diese komplett an die Wand gefahren und verschwinden noch innerhalb ihres ersten Jahres von der Bildfläche – oder kann sich jemand von euch noch an die Remakes von „Coupling“ oder „The IT Crowd“ erinnern? Eben. Andere Remakes bzw. US-Versionen, wie  zum Beispiel „The Office“, konnten dagegen große Erfolge verbuchen. Vermutlich auch, weil sie sich über ihre Laufzeit von der UK-Version emanzipiert haben. In diese Kategorie fällt wohl auch „Shameless“, was sich spätestens mit der zweiten Staffel komplett vom UK-Original lösen soll. Ich kann dies jedoch (noch) nicht beurteilen, zumal ich auch die UK-Fassung, von ein paar Ausschnitten auf YouTube einmal angesehen, nicht gesehen habe.

Wenn man unvoreingenommen an die Serie herangeht, dann erlebt man doch ein paar Überraschungen. So unverblümt und schamlos werden in anderen Serien wohl selten politisch unkorrekte Themen verarbeitet. Einzig „It’s Always Sunny in Philadelphia“ würde mir hier einfallen, wobei „Shameless“ was die Charaktere angeht doch ein wenig komplexer ist: Die Gallaghers bewegen sich am sozialen Rand, den wir in unserer Gesellschaft nur zu gerne ignorieren. Anders als man es erwarten würde, zieht die Serie daraus nicht nur Drama, sondern vor allem viel Humor. Die Autoren gehen dabei komplett mitleidslos mit ihren Charakteren um und schwenken oft in einem Bruchteil von Sekunden von Mitleid zu Abscheu, wobei die Sympathie mit den Gallaghers meist die Oberhand behält. Zumindest mit den Kindern, denn Familienoberhaupt Frank, kongenial gespielt von William H. Macy (bekannt aus „Fargo“ oder „Magnolia“), ist einer der selbstzerstörerischsten und narzisstischsten Charaktere, die mir jemals untergekommen sind – und dennoch schaut man ihm sehr gerne zu.

Es wäre leicht gewesen, die Charaktere der Lächerlichkeit Preis zu geben oder sie aus der Distanz belächeln zu lassen, doch man ist ganz nahe bei ihnen. Ihre Probleme werden greifbar und selbst aus den absurdesten Situationen entwickelt sich glaubwürdiges Drama. Da es sich um eine Pay-TV-Serie handelt, wird auch mit Sex und Gewalt nicht gegeizt, was glücklicherweise nicht aufgesetzt wirkt, sondern gut in diese Welt passt. Ebenfalls perfekt gewählt wurde der Soundtrack, der sich größtenteils aus Alternative Rock von Punk bis Indie-Ballade zusammensetzt. Wahrlich großartig. Hierzulande unbekanntere Bands wechseln sich mit großen Namen wie Jimmy Eat World (mit „Littlething“ aus INVENTED in der letzten Montage der Staffel) ab, was für eine ganz besondere Atmosphäre sorgt.

Aufgrund der Thematik hatte ich im schlimmsten Fall ein selbstzweckhaftes Sozial-Drama erwartet, das die falschen Töne trifft. Tatsächlich ist „Shameless“ eine wunderbar entfesselte Familienserie, die nah an ihren Charakteren dran ist und uns Zuschauer ohne jegliche Distanz involviert. Die Handlungsstränge sind ungewöhnlich, die Autoren nehmen kein Blatt vor dem Mund – und über kurz oder lang sind einem die Gallaghers einfach ans Herz gewachsen. Ich freue mich schon extrem auf die zweite Staffel: 9/10 (8.8) Punkte.

Lord of War (2005)

Nach einem recht entspannten Samstag, den ich größtenteils im Freibad und im Möbelhaus verbracht hatte, stand am Ende des Tages mit „Lord of War“ ein längst überfälliger Film auf dem Programm: Vor ein paar Jahren bin ich bei der Recherche für das Konzept eines Produktfilms über die fantastische Intro-Sequenz des Films gestoßen – und seitdem steht er auf meiner Liste. Die Erwartungen waren entsprechend hoch. Konnte Andrew Niccols Waffenhändler-Satire diese erfüllen?

lord-of-war-2005

Selbst wenn euch der Film nicht interessiert, kann ich euch nur zwingend die bereits erwähnte Eröffnungssequenz ans Herz legen. Selten wurde das Thema eines Films so gekonnt auf den Punkt gebracht und überaus stilvoll inszeniert. Was danach folgt erinnert wohl am ehesten an Martin Scorseses „GoodFellas“, ohne jedoch dessen Intensität zu erreichen. Speziell in der ersten halben Stunde sprintet Niccol über Ereignisse und Begebenheiten, dass man als Zuschauer kaum am Ball bleiben kann. Dies geht meiner Meinung nach ein wenig auf die Kosten der Figuren, die zwar interessant sind, aber ein wenig blass bleiben. Ab seinem zweiten Drittel nimmt sich der Film mehr Zeit und man wird als Zuschauer unweigerlich stärker von Charakteren und Handlung vereinnahmt.

Mit Nicolas Cage und Jared Leto bietet „Lord of War“ zwei Schauspieler, die den Film mühelos tragen. Speziell Cage schaffte kurz vor seinem nur allzu gut dokumentierten Absturz mit Yuri Orlov einen Charakter darzustellen, der gleichzeitig absolut abstoßend und dennoch irgendwie faszinierend ist. Jared Letos Vitaly Orlov hätte dagegen ein wenig mehr Ausarbeitung gut getan. Auch Ethan Hawkes (erst gestern in „Predestination“ gesehen) Gegenspieler bleibt ein wenig blass, was jedoch in letzter Konsequenz auch zu dem Charakter und der Aussage, die der Film für ihn trifft, passt.

Obwohl „Lord of War“ viele satirische Elemente besitzt, wird er doch über weite Strecken wie eine klassische Gangstergeschichte samt Aufstieg und Fall erzählt. Oft hätte ich gerne eine globalere Perspektive auf den Waffenhandel gesehen, doch braucht man wohl eine Figur wie Yuri Orlov, um den Zuschauer bei der Stange zu halten, was auch zweifellos gut funktioniert. Es gibt auch Momente, da muss man schwer schlucken, ob der gezeigten Grausamkeiten bzw. des unglaublichen Geschäfts, das hier gezeigt wird. Dennoch hatte mich der thematisch ähnlich angelegte „Blood Diamond“ stärker beeindruckt und bewegt.

Insgesamt bin ich sehr froh „Lord of War“ endlich gesehen zu haben. Das erwartete Meisterwerk ist dabei leider nicht herausgekommen, zu konventionell ist die erzählte Geschichte – Eindruck hinterlässt Niccols Film dennoch und ich kann ihn interessierten Filmfreunden nur empfehlen. Und sei es nur, um Nicolas Cage in einer seiner letzten wirklich großen Rollen zu sehen: 8/10 Punkte.

Predestination (2014)

Nach einer ereignisreichen Woche, die zudem noch mit finanziellen Unwägbarkeiten beim allseits beliebten Thema Hausbau endete, war ich reif für eine gepflegte Runde Eskapismus. Ein Film musste her, auch weil die Besucherzahlen meines Filmblogs (ist es überhaupt noch eines?) zurzeit ziemlich in den Keller rasseln. Die Wahl fiel auf einen der jüngsten Beiträge zu meinem Lieblingsgenre, den 2014er Zeitreisethriller „Predestination“ der Spierig-Brüder. Ob mich der Film kurzfristig auf andere Gedanken bringen konnte und auch sonst ein würdiger Genrebreitrag ist, lest ihr in der folgenden Besprechung…

predestination

Die Spierig-Brüder sind mir bisher nur durch ihren sympathischen, wenn auch nicht perfekten Vampirfilm „Daybreakers“ bekannt. Ein ambitionierter Genrebeitrag, der bereits durch das Mitwirken von Ethan Hawke (u.a. „Boyhood“) punkten konnte. Die Genreschiene scheint den beiden australischen Brüdern zu liegen und somit ist die Verfilmung von Robert E. Heinleins Kurzgeschichte „All You Zombies“ auch als waschechter Genrefilm zu verstehen – jedoch nicht ohne mit den Erwartungen zu brechen. Das martialisch Anmutende Cover wird der Geschichte nicht gerecht, die sich über weite Strecken eher wie ein ruhiges und sehr persönliches Drama entwickelt. Überhaupt mochte ich, dass eine eher kleine Geschichte erzählt wird und nicht einmal wieder die gesamte Welt kurz vor ihrer Vernichtung steht.

Von der Atmosphäre her erinnert „Predestination“ am ehesten wohl an Genrekollege „Looper“, der nur zwei Jahre zuvor entstand. Auf inhaltlicher Ebene gibt es dagegen größere Unterschiede, wobei mir der Ansatz von „Predestination“ insgesamt wohl ein wenig besser gefallen hat. Umso verwunderlicher also, warum dem Film hierzulande eine Kinoauswertung verwehrt geblieben ist. Die Geschichte ist fordernd, ohne jedoch zu kompliziert zu sein. Genau die richtige Mischung aus Mystery und Unterhaltung. Wendungen hat der Film einige zu bieten, wenngleich sich diese für geübte Zuschauer auch schon recht früh offenbaren – speziell für den finalen Twist hätte ich keine große Montage mehr benötigt, wenngleich diese auch ihre emotionale Wirkung nicht verfehlt.

Mit Ethan Hawke und Sarah Snook bietet „Predestination“ zwei gut aufeinander abgestimmte Schauspieler, die sich aufgrund der ruhigen und bedachten Inszenierung der Spierig-Brüder voll und ganz entfalten können. Was die unvermeidbaren Zeitreiseparadoxen à la ‚Hilfe, ich bin mein eigener Großvater!‘ angeht, so werden diese völlig bewusst auf die Spitze getrieben und verlieren gerade dadurch an Bedeutung. Für Genreliebhaber kann ich nur meine unbedingte Empfehlung aussprechen – ein wahrlich zu unrecht untergegangener Film: 8/10 Punkte.