Wie lange habe ich diesen Eintrag hinausgezögert. Seitdem „Seinfeld: The Complete Series“ im Schrank steht, ging es mit der 9. Staffel in einem Rutsch dahin. Bis zur letzten Folge. Deren Sichtung habe ich aus unerfindlichen Gründen immer wieder hinausgezögert. Bis gestern. Nun ist das Kapitel „Seinfeld“ erst einmal abgeschlossen. Wieder einmal. Glücklicherweise muss ich dieses Mal nicht warten, bis sich ein TV-Sender zur Ausstrahlung erbarmt. Nein. Dieses Mal kann ich jederzeit zu den verrückten New Yorkern zurückkehren.

Meine Geschichte mit „Seinfeld“ ist eine sehr persönliche. Zumindest sehe ich das so. Im Gegensatz zu anderen prägenden Serien – z.B. „Friends“ – habe ich „Seinfeld“ ganz alleine entdeckt und im Freundeskreis etabliert. Heute – in Zeiten des Web2.0 – stehen und fallen neuartige Serien mit den Empfehlungen von geschmacksverwandten Serienexperten. Damals hat man sich noch selbst durch das Programm gewühlt und ist hartnäckig an so mancher Perle hängengeblieben, die von den deutschen TV-Sendern ins Mitternachtprogramm verbannt wurden. Neben „Friends“, „Cheers“ und „Becker“ war eben auch die Serie dabei. Die eine Serie, die meinen Humor prägen sollte wie keine andere. Die eine Serie, die bei den meisten meiner Freunde auf Kopfschütteln stoßen sollte. Die eine Serie, die ich auch heute noch als kreativstes Ergebnis der amerikanischen Network-Landschaft bezeichnen würde. Die Serie überhaupt: „Seinfeld“.
Was macht die Serie so besonders? Im Mittelpunkt stehen vier New Yorker Freunde: Jerry Seinfeld, George Costanza, Elaine Benes und Cosmo Kramer. Dieses Quartett kämpft sich durch die Widrigkeiten des Lebens, durch Alltagssituationen, die man als Zuschauer immer irgendwie nachempfinden kann. Allerdings handeln diese vier Individuen generell anders/extremer/peinlicher/kreativer als man es selbst im echten Leben wagen würde. Aus dieser Kombination von alltäglichen Problemen und unvorstellbaren Lösungen lebt die Serie. Das alles mag sich nun reichlich unspektakulär anhören, doch ist „Seinfeld“ so unglaublich gut geschrieben, dass jede einzelne Folge wie ein kleines Meisterwerk wirkt. Es gibt meist mindestens drei parallele Handlungsstränge, die äußerst geschickt verknüpft werden. In nahezu jeder Episode werden Situationen und Bezeichnungen geschaffen, die sich perfekt in den Alltag übernehmen lassen. Schade nur, dass man hierzulande meist auf taube Ohren stößt, wenn man eine Anspielung auf „Seinfeld“ erwähnt.
Neben den kreativen Köpfen – allen voran Larry David – hinter der Show, wissen besonders die vier Hauptdarsteller zu überzeugen: Jerry Seinfeld mausert sich im Verlauf der neun Staffeln zu einem wahren Meister des pointierten Schauspiels. Jason Alexander entwickelt George zu viel mehr als einer reinen Larry David-Kopie und ist oft der komödiantische Höhepunkt. Julia Louis-Dreyfus schwankt in ihrer Darstellung der Elaine Benes von unglaublich peinlich – in absolut positivem Sinne! – bis unglaublich gewitzt. Michael Richards liefert mit seinem Portrait des Cosmo Kramer schließlich die Performance seines Lebens. Was er hier an körperlichem Einsatz liefert, geht wahrlich in die Geschichte des Slapstick ein.
Auch mit Nebendarstellern geizt die Serie nicht. So ist Wayne Knight als verhasster Nachbar Newman göttlich und bleibt besonders in der grandiosen „JFK“-Parodie in Erinnerung. Jerry Stiller spielt die Rolle des Frank Costanza wie eine überdrehte Vorstufe zu seinem Arthur Spooner aus der Erfolgssitcom „The King of Queens“. Ich könnte hier wahrlich noch seitenweise weiter schreiben. Erwähnen möchte ich jedoch die Auftritte von Lauren Graham und Scott Patterson (Lorelei und Luke aus den „Gilmore Girls“), die in „Seinfeld“ einen ihrer ersten TV-Auftritte absolvierten.
Neben unzähligen popkulturprägenden Zitaten – angefangen vom Suppen-Nazi, über Yada Yada, den Nahkampfredner, die Schrumpfung, die durstig machenden Brezeln uvm. – bleibt für mich vor allem das grandiose Ende der Serie in Erinnerung. Ich meine damit nicht die allerletzte Episode, sondern das Ende von „The Clip Show“. So und nicht anders hat ein Serienende auszusehen!
Wie man vielleicht gemerkt hat, bin ich „Seinfeld“ mit Haut und Haaren verfallen. Besonders die Kreativität bringt mich immer wieder zum Staunen. Wenn man sich das wunderbare Zusatzmaterial der DVDs ansieht, weiß man wie sehr Larry David und Co. zu kämpfen hatten, bis die Serie solch ein – zumindest in den USA – bombastischer Erfolg wurde. Auch zeigt dies, dass manche Serien eben Zeit brauchen – und nicht bereits nach drei Staffeln abgesetzt werden sollten. Für mich ist „Seinfeld“ die beste TV-Show aller Zeiten und ich wage die Behauptung, dass kaum ein Comedy-Autor nicht von den grandiosen Einfällen der Serie beeinflusst wurde. Könnte ich es, würde ich mehr als 10/10 Punkte vergeben.