Nach einer kurzen Nacht und einem noch längeren Tag hat der entspannte Teil des Abends eigentlich viel zu spät begonnen, um noch einen Film zu schauen. Dennoch wollte ich endlich den viel gelobten „Prisoners“ sehen, was mit einer Laufzeit von über 150 Minuten ein gewagtes Unterfangen war. Um 23:30 Uhr saßen meine Frau und ich schließlich wie gebannt vor dem Fernseher und mussten das Gesehe erst einmal verdauen. Ein besseres Zeichen kann es für einen gelungenen Film wohl nicht geben – doch lest selbst die spoilerfreie Besprechung…

Glücklicherweise wusste ich zuvor kaum etwas über den Film, außer seiner groben Prämisse und dass er eben sehr gelungen sein soll. Ich bin jemand, der bei mehr oder weniger klassischen Whodunits beständig am Rätseln ist – und meist treffen meine Theorien dann auch ziemlich früh ins Schwarze. Auch bei „Prisoners“ hatte ich mir mehrmals eingebildet, den Film durchschaut zu haben. Fehlanzeige. Aaron Guzikowskis Drehbuch wartet mit etlichen Wendungen auf, die ich meist nur mit kurzem Vorsprung erkennt hatte – wenn überhaupt. Äußerst angenehm fand ich zudem Denis Villeneuves zurückgenommene Inszenierung, die den Schauspielern und den von Kameramann Roger A. Deakins‘ wunderbar trostlos eingefangenen Bildern entsprechend viel Freiraum gibt. Die letzte große Wendung, mag man sie als solche bezeichnen, wird zudem völlig nebenbei und im Sinne der Geschichte erzählt. Keine Effekte, kein Tusch, kein erzwungener Aha!-Effekt. Nur die Emotionen der Charaktere. Großartig!
Ich habe schon lange keinen Film mehr gesehen, bei dem ich unter solch konstanter Spannung stand. Dabei gibt es kaum Actionszenen oder Schockmomente. Der Film ist stets sehr nah an seinen Figuren dran und lässt uns Zuschauer an ihrer Innenwelt teilhaben, ohne jedoch jeden Gedanken auszuformulieren. Themen wie Glaube, Determinismus, Selbstjustiz und Schuld bestimmen die kargen Bilder, doch gibt „Prisoners“ weder seinen Figuren noch uns Zuschauern eindeutige Lösungsansätze an die Hand. Einzig das oft wiederholte Zitat ‚Pray for the best, but prepare for the worst.‘ scheint stellvertretend für den gesamten Film zu stehen und hat mich beinahe über die gesamte Laufzeit an der Sofakante sitzen lassen.
Da ich nicht mehr zum Inhalt verraten möchte – schaut euch den Film einfach selbst an! –, bleibt mir nur noch seine formalen Aspekte, die großartigen Schauspieler und das packende Drehbuch zu loben. Obwohl, oder gerade weil, die Geschichte sehr langsam erzählt wird, entfaltet sie einen Sog, dem ich mich nur schwer entziehen konnte. Solltet ihr dieses Jahr nur einen Thriller schauen, dann legt „Prisoners“ in den Player – ihr werdet es nicht bereuen: 9/10 Punkte.








