Mit dieser Kurzgeschichtensammlung verabschiede ich mich nun endgültig aus dem Universum von „The Expanse“. Seit dem großen Finale „Leviathan Falls“ sind nur exakt zwei Monate vergangen, sprich ich bin für meine Verhältnisse sehr schnell durch „Memory’s Legion“ gekommen. Viel zu schnell. Dabei hatte ich davor gar keine so große Lust auf die acht Kurzgeschichten und hätte lieber mehr Zeit mit der Crew der Rocinante verbracht. Aber mich haben die Erweiterungen dieser Welt so sehr begeistert, wie die besten Bücher der Hauptreihe. Teils begegnen wir bekannten Figuren wieder und teils lernen wir ganz neue Perspektiven kennen. All das trägt zum ohnehin schon großartigen World Building bei. Weiterhin wird jede Kurzgeschichte um Notizen des Autorenduos ergänzt, welche einen Blick hinter die Kulissen werfen. Ein fantastisches Gesamtpaket also für alle Fans von „The Expanse“. 🚀
Story 1: Drive
Die Geschichte von „Drive“ wird auch im Rahmen der Serie gezeigt: Dort sieht man, wie Solomon Epstein zum ersten Mal seinen gleichnamigen Antrieb testet. Dabei kommt er tragischerweise ums Leben, da die G-Kräfte durch die Beschleunigung zu hoch sind. In der Kurzgeschichte erleben wir zudem noch eine Liebesgeschichte und die politischen Entwicklungen zwischen Mars und Erde. Das alles ist wunderbar kunstvoll miteinander verwoben und man bekommt ein wirklich gutes Gefühl für die Figuren und was Entfernungen vor Erfindung des Epstein-Drive bedeutet haben. Eine wundervolle Kurzgeschichte, die ein halbes Leben in nur knapp 25 Seiten erzählt: 10/10 Punkte.
Story 2: The Butcher of Anderson Station
Fred Johnsons Geschichte bekommt man sowohl in der Serie als auch in den Büchern durchaus schon mit. In „The Butcher of Anderson Station“ wird sein Wechsel zur zuvor feindlichen OPA jedoch ganz konkret gezeigt. Auch hier setzen die Autoren wieder auf verschiedene Zeitebenen, die miteinander verwoben werden. Auch die Unterdrückung der Belter wird schmerzhaft greifbar. Es ist eben überall so, dass die Reichen und Mächtigen die Ärmsten ausbeuten. Hier geht es neben Hunger und Durst als Grundbedürfnis auch noch um das Atmen. Wenn bei uns auf der Erde Atemluft auch noch verkauft und verknappt werden könnte, es würde geschehen. Daran habe ich inzwischen keinen Zweifel mehr. Wir bekommen auch Anderson Dawes noch einmal zu lesen, was perfekt in den Kontext der Geschichte gepasst hat. Auch hier wieder großes Kino auf nur 29 Seiten: 9/10 Punkte.
Story 3: Gods of Risk
Mit „Gods of Risk“ folgt die erste längere Novelle von „Memory’s Legion“. Im Mittelpunkt steht David, der Neffe von Bobbie Draper. Er ist ein Vorzeigestudent und ist nebenbei jedoch in kriminelle Machenschaften verwickelt. Ich mochte diese kleine Geschichte aus dem „The Expanse“-Universum wirklich sehr, da sie den Alltag auf dem Mars zeigt und mit Bobbie eine meiner liebsten Figuren zurückbringt. Man kann sich sehr gut in den jungen David einfühlen und ich war froh, dass seine Geschichte am Ende glücklich, wenn auch bittersüß ausgeht. Hier werden keine weltverändernden Ereignisse erzählt, doch das war eine nette Abwechslung im Gegensatz zu den beiden vorhergehenden Geschichten. Beste Unterhaltung auf 61 Seiten: 9/10 Punkte.
Story 4: The Churn
„The Churn“ ist die wohl ungewöhnlichste Geschichte aus dem „The Expanse“-Universum. Nicht unbedingt inhaltlich, aber wie sie geschrieben ist: In allen Büchern und bisherigen Geschichte nutzen James S. A. Corey eine personale Erzählperspektive, sprich wir erleben die Welt durch die Augen jeweils einer Figur. Hier jedoch wird ein allwissender Erzähler eingesetzt, was ich zu Beginn extrem irritierend fand. In den Anmerkungen der Autoren zur Geschichte wird dies damit erklärt, dass sie die Leser:innen im Unklaren lassen wollten, wer denn Timmy ist. Für mich jedoch war es von der ersten Zeile klar, dass wir es hier mit Amos Burton zu tun haben. Vermutlich auch, weil er bereits in „Tiamat’s Wrath“ als Timmy auftritt. Inhaltlich bekommen wir es mit einer Kriminalgeschichte zu tun, welche die Welt rund um Amos erweitert. Es geht nach Baltimore, wohin er auch in „Nemesis Games“ zurückgekehrt ist. Ich mochte die Geschichte über ihre 59 Seiten, fand sie jedoch nicht so elegant erzählt, wie die bisherigen: 8/10 Punkte.
Story 5: The Vital Abyss
Auch mit „The Vital Abyss“ ändert das Autorenduo die Erzählperspektive: Erstmals in „The Expanse“ bekommen wir es mit einem Ich-Erzähler zu tun und dieser ist Dr. Paolo Cortázar, die Person hinter den menschenverachtenden Experimenten rund um das Protomolekül. In der Hauptserie haben wir Cortázar eher am Rande mitbekommen, doch hier wird der Fokus komplett auf ihn gesetzt: Wie er sich um seine kranke Mutter kümmert, dann immer ehrgeiziger wird, seine Empathie mit Drogen und Eingriffen abstellt und letztendlich von Protogen angeheuert wird. All das ist in eine Rahmenhandlung eingebettet, die ihn und seine Kolleg:innen als Gefangene der Belter zeigt, kurz bevor er von Winston Duarte nach Laconia geholt wird. Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Geschichte brauche, doch ist sie so packend erzählt, und Cortázar eine wirklich spannende Figur, dass ich extrem viel Spaß mit dieser Kurzgeschichte hatte. Erneut bekommen wir hier auf 63 Seiten ein nahezu komplettes Leben erzählt bzw. die Lücken ergänzt, welche die Hauptsaga gelassen hat. Wirklich gelungen: 9/10 Punkte.
Story 6: Strange Dogs
Die Geschichte von „Strange Dogs“ erleben wir schon in der finalen Staffel der Serienfassung von „The Expanse“. Sie bildet die Brücke zur Laconia-Trilogie und deshalb ist es umso tragischer, dass wir diese nicht mehr als Adaption bekommen haben. Ich wusste schon worum es geht und doch hat mich die Geschichte von Cara und Xan sehr getroffen. Sie ist düster und mysteriös und erzählt dabei doch einen sehr nachvollziehbaren Plot, der aus Caras Perspektive geschildert wird. Sehr klassisch für die bisher experimentelleren Blickwinkel von „Memory’s Legion“. Ich habe wirklich mit Cara gelitten, da ihr Handeln für sie völlig logisch ist. Auch mochte ich, dass wir Laconia hier näher kennenlernen und einen genaueren Blick auf die Repair Drones bekommen. Die letzten Sätze haben bei mir einen Kloß im Hals zurückgelassen, weil das Schicksal von Cara ja bekannt ist. Emotional hat „Strange Dogs“ komplett bei mir eingeschlagen und die 58 Seiten der Geschichte waren für mich ein Highlight unter den ohnehin schon famosen Kurzgeschichten: 10/10 Punkte.
Story 7: Auberon
Mit 64 Seiten ist „Auberon“ die längste der acht Kurzgeschichten. Wir lernen einen neuen Planeten mit neuen Regeln kennen. Auch neue Figuren, welche in der Eroberungsphase Laconias agieren. „Auberon“ ist zugleich Gangstergeschichte und Liebesdrama. Zunächst wirkt es so, als würde die Handlung komplett abseits der bekannten Wege spielen, doch dann kommt es zu einer Enthüllung, die ich so nicht habe kommen sehen: Es gibt ein Wiedersehen mit Erich, dem wir zuletzt in „The Churn“ begegnet sind. „Auberon“ wird aus zwei Perspektiven erzählt und ich fand es wunderbar, dass der Konflikt fast schon positiv aufgelöst wird. Oder zumindest so, dass es für eine der Figuren eine Weiterentwicklung gibt und sie der Disziplin Laconias entsagt. Nicht freiwillig, aber doch nicht alternativlos. Das hat mir wirklich gut gefallen und ich wäre gerne noch länger in dieser Welt geblieben. „The Expanse“ besitzt einfach ein so reiches World Building, dass es eine Freude ist: 10/10 Punkte.
Story 8: The Sins of Our Fathers
Dies ist die letzte Geschichte aus dem „The Expanse“-Universum, die jemals geschrieben wurde. Alleine das hat sie zu etwas Besonderem für mich gemacht. In ihr begegnen wir Filip Nagata wieder, was einen der losen Fäden aus der Free-Navy-Trilogie auffängt. Erneut befinden wir uns auf einem fremden Planeten. Dieses Mal jedoch spielt die Geschichte nach dem Finale der Hauptreihe, sprich das Ring-Netzwerk ist bereits zerstört. Dieser Fakt hat eine große Bedeutung für die 400-köpfige Siedlung, die im Zentrum der Geschichte steht. Filip sollte dort eigentlich nur ein kurzes Gastspiel haben, doch er wird von der Vergangenheit eingeholt und muss sich ihr stellen. All das wird mit einer Monstergeschichte angereichert, doch wie so oft sind es die menschlichen Dämonen, die es zu bekämpfen gilt. All das ist wieder so gekonnt erzählt, dass ich mir fast ein ganzes Buch in diesem Setting hätte vorstellen können. James S. A. Corey hören aber auf, wenn es am besten ist. Somit begleiten wir Filip nur auf 58 Seiten und nehmen danach wieder Abschied. Es hätte kein gelungenerer sein können: 10/10 Punkte.
Fazit
Ich habe ausnahmslos jede Kurzgeschichte von „Memory’s Legion“ genossen. Gäbe es einen zweiten Band, ich würde ohne nachzudenken zugreifen. James S. A. Corey haben mit „The Expanse“ eine der besten Buchreihen geschaffen, die ich je gelesen habe. Diese acht Kurzgeschichten sind ein weiterer Beweis für ihr durchdachtes World Building und ihr Talent, spannende Figuren zu zeichnen. Eine große Empfehlung für alle Fans der Sci-Fi-Reihe: 9/10 Punkte.