Chungking Express – OT: Chung hing sam lam (1996)

Wie bereits in einem vorhergehenden Eintrag erwähnt, werde ich mit dem asiatischen Kino nicht sonderlich warm. Eine Ausnahme stellen die Filme von Wong Kar-Wai dar, so auch „Chungking Express“. Entdeckt habe ich seine Filme während meiner Zivildienstzeit. Da ich häufig von 13:30 bis 22:00 Uhr Dienst hatte, habe ich danach oft noch die dritten Programme nach unbekannten Filmperlen durchforstet. In der Beschreibung der TV-Zeitschrift hat mich damals am meisten die Betitelung von „Chungking Express“ als ein Lieblingsfilm Quentin Tarantinos gereizt. Ein Lob, das ich durchaus nachvollziehen kann.

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Wong Kar-Wai erzählt in seinem wohl populärsten Film zwei Geschichten über ungewöhnliche Begegnungen. Über unerfüllte Sehnsüchte. Über Liebe. Seine Figuren durchstreifen die neon erleuchteten Nächte Hongkongs auf der Suche nach Nähe und Zuneigung. Und manchmal auch nach einer Dose Ananas mit dem Verfallsdatum 01. Mai 1994. Dem Tag des 25. Geburtstags von Polizist 223 und dem Tag, an dem auch das Haltbarkeitsdatum seiner Liebe zu seiner Freundin May abgelaufen ist, die sich einen Monat zuvor von ihm getrennt hat. Solche Themen herrschen in Wong Kar-Wais Universum vor. Erzählt werden die Geschichten jeweils durch die handelnden Personen selbst. Hier wird die Melancholie fast schon greifbar und es entsteht eine Atmosphäre, die man nur in Kar-Wais Filmen findet.

Es ist diese Atmosphäre, die seine Filme so besonders machen. Man kann sie nicht beschreiben. Man muss sie selbst fühlen. Zudem gibt es unzählige von kleinen Szenen, die „Chungking Express“ so unvergesslich machen. Wer kann nach diesem Film schon CALIFORNIA DREAMING hören, ohne an die im Schnellimbiss tanzende Faye Wong zu denken? Mein absoluter Magic Moment ist jedoch der Übergang zwischen den beiden Episoden. Wunderschön.

Was mir nicht so gefallen hat, ist der Sideplot um die Drogenschmugglerin. Zwar waren diese Szenen auch sehr interessant inszeniert und haben den Rhythmus des Films noch einmal beschleunigt, doch kommen sie mir immer etwas vor wie Fremdkörper. Zudem hat das Ende der zweiten Geschichte meiner Meinung nach zu sehr auf Melancholie gesetzt. Aber das ist auch so ziemlich die einzige Szene, die in diesem Film zu gewollt erscheint.

Insgesamt ist „Chungking Express“ wirklich ein fantastischer Film. Mir gefällt jedoch Wong Kar-Wais direkter Nachfolger „Fallen Angels“ noch eine Spur besser. Jeder, der sich auch nur etwas im Arthouse-Kino zu Hause fühlt und Geschichten über Menschen und ihre Beziehungen zueinander liebt, sollte „Chungking Express“ eine Chance geben: 8/10 Punkte.

Land of the Dead – Director’s Cut

Nun habe ich auch George A. Romeros letzten Beitrag zu dem Genre gesehen, das er – zumindest in seiner modernen Form – erfunden und geprägt hat: Den Zombiefilm. „Land of the Dead“ (Director’s Cut) ergänzt seine „Living Dead“-Trilogie um einen vierten Teil, was viele Fans zunächst kritisch gesehen haben, da ein Mitschwimmen auf der aktuell angesagten neuen Härte und Zombiefilm-Welle ein nur zu offensichtliches Ziel gewesen zu sein schien.

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Nach der Sichtung kann ich diesen Vorwurf – zumindest teils – als berechtigt sehen, denn ohne Filme wie das „Dawn of the Dead“-Remake und das neu erwachte Interesse am Genre wäre der Film so wohl nie in die Kinos gekommen. Dennoch will ich „Land of the Dead“ eher als genutzte Chance von Romero sehen. Er hat einfach den richtigen Zeitpunkt abgewartet und zugegriffen, als die Rahmenbedingungen günstig waren. Im Stil hat er sich dem modernen Horror angenähert ohne jedoch seine Eigenheiten zu vernachlässigen. Die Zombies schlurfen nach wie vor, es gibt keine unübersichtlichen Schnittgewitter und selbst die Charaktere sind old school. Das alles noch garniert mit einer mehr als aufdringlichen sozialpolitischen Botschaft und fertig ist Romeros Zombiefilm.

Der größte Vorwurf, den ich dem Altmeister machen kann ist Stagnation. Zwar lernen die Zombies dazu und wirken dadurch bedrohlicher, doch der Rest hat sich eigentlich nicht geändert. Der Film funktioniert zwar auch ohne Innovationen, doch wenn ich solche in diesem Genre erwartet hätte, dann eben von Romero. Insofern schon etwas enttäuschend.

Auffällig und typisch für Romero ist der hohe Blutgehalt. Eine 18er bzw. KJ-Freigabe wäre noch vor einigen Jahren unmöglich gewesen. Auch hier merkt man, wie sich das moderne Horrorkino gewandelt hat. Mehr Mainstream und höhere Budgets, doch mit der Grimmigkeit des 70er und 80er Jahre Kinos. Leider zu selten mit den oben genannten Innovationen.

Als Film an sich macht „Land of the Dead“ wirklich Spaß. Alle nötigen Zutaten sind enthalten und es kommt eine schöne Endzeitatmosphäre auf. Allein die letzten zehn Minuten wirken so, als wäre dem Film vorzeitig die Luft ausgegangen. Eigentlich schade. Hier hätte ich mir noch ein paar ikonographische Bilder gewünscht, die es in das kollektive filmische Langzeitgedächtnis schaffen.

Für die netten Gastauftritte (Tom Savini, Simon Pegg) und eine Hommage an Peter Jacksons „Braindead“ will ich den Sympathiefaktor überwiegen lassen und zücke im Bewusstsein der leichten Überbewertung 8/10 Punkte.

Freeze Frame

Mit Filmvergleichen ist das so eine Sache. Wenn für „Freeze Frame“ mit „In der selben Klasse wie Memento“ geworben wird, dann schürt das natürlich die Erwartungen. Natürlich lassen sich auch Parallelen in den beiden Filmen finden, doch von Christopher Nolans Film ist „Freeze Frame“ leider noch einige Klassen entfernt.

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Der Film lebt vor allem von seiner Grundidee, seinem Hauptdarsteller und seiner Optik. Die Paranoia Sean Veils wird durch die Bilder sehr intensiv und unmittelbar transportiert und somit auch für den Zuschauer spürbar. Dazu trägt auch Lee Evans eindringliches Spiel bei, der hier wirklich alles gibt. Doch leider kann die Geschichte nicht ganz mit der Ausgangssituation mithalten. So wird vor dem Hintergrund des persönlichen Überwachungsstaats eigentlich nur eine normale Kriminalgeschichte erzählt. Hier hätte meiner Meinung nach noch mehr mit der Paranoia und der Frage nach der Wahrheit bzw. Schuld/Unschuld gespielt werden können.

Der Look des Films hat mich leicht an Gilliam erinnert. Viele Kabel und Monitore mit sehr weitwinkligen Einstellungen. Trotz dieses leicht übertriebenen Stils, der sich auch in den Charakteren niedergeschlagen hat, bleibt die Geschichte immer in der Realität verankert. Dies trägt deutlich zur Glaubwürdigkeit der an sich sehr unrealistischen Situation bei.

„Freeze Frame“ ist ein guter Film mit sehr intensiver Atmosphäre. Ich denke von John Simpson können wir in Zukunft noch so einiges erwarten: 7/10 Punkte.

The Descent: Abgrund des Grauens (2005)

Seit Langem hatten wir gestern einmal wieder einen Video- bzw. DVD-Abend im kleinen Kreis. Zur Einstimmung gab es Neil Marshalls „The Descent“. Ich hatte große Angst, dass der Film bei der erneuten Sichtung an Wirkung einbüßt, was er auch tat – doch wenn man die Rahmenbedingungen betrachtet (Umgebungslicht viel zu hell, Sound zu leise, Abspielprobleme des DVD-Players), dann ist es doch erstaunlich wie effektiv der Film immer noch ist. Nicht zu Vergleichen mit der Erstsichtung im Kino, aber dennoch sehr gelungen, zumal mir dieses Mal andere Qualitäten aufgefallen sind.

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Seit der letzten Sichtung habe ich einen Roman gelesen, dessen Titel im Original ebenfalls „The Descent“ lautet und der ebenfalls garstige unterirdisch lebende Höhlenkreaturen zum Inhalt hat: „Im Abgrund“ von Jeff Long. Die Ähnlichkeiten sind teilweise sogar so frappierend (besonders der Anfang des Romans), dass man „The Descent“ (den Film) als Spin-Off von Jeff Longs epischer Geschichte betrachten könnte. Wer den Film mochte dürfte also durchaus auch gefallen an einer größeren Version haben, die Jeff Long spannend, aber nicht immer mit eleganter Dramaturgie, präsentiert.

Zurück zum Film: Gestern ist mir besonders der dramaturgisch spannungsfördernde Aufbau ins Auge gesprungen. Wirklich fantastisch, wie Marshall die Spannung konsequent in die Höh(l)e treibt. Dabei setzt er glücklicherweise weniger auf Effekthascherei – der er leider gegen Ende etwas erliegt – sondern auf die Beziehungen zwischen den Figuren, sowie ausgefeiltes Licht- und Sounddesign. Man steht förmlich mit in der Höhle. Die beste Szene ist für mich nach wie vor der Rundumblick im Nightvision-Modus. Eigentlich mag ich charaktergeführte Videokameras in Filmen überhaupt nicht, doch hier: Der pure Wahnsinn. Selbst meine Freundin, die Horrorfilme eher nüchtern betrachtet und sich dementsprechend schockresistent gibt, ist mir beinahe auf den Schoß gesprungen. Der letzte Teil war dann immer noch sehr spannend und effektiv inszeniert, doch leider auch nicht mehr so anders und gelungen, wie die ersten zwei Drittel des Films. Besonders die Charakterzeichnung leidet enorm. Schade, aber immer noch zwei Stufen besser, als in den meisten anderen Horrorfilm der letzten Jahre.

Zum Ende: Hat mir deutlich besser gefallen als bei der letzten Sichtung. Da ich den Verlauf schon kannte, habe ich über den gesamten Film viele kleine Hinweise zu Sarahs Geisteszustand ausmachen können. Will man ganz frei in der Interpretation sein, so könnte man die Angriffe in der Höhle durchaus als ein Produkt von Sarahs Fantasie sehen und die Höhle selbst als ihr inneres Gefängnis. Doch dazu fand ich die Geschichte viel zu straight forward erzählt. Für mich beginnt die Traumsequenz – betrachtet man auch ihre Kleidung und Ausrüstung – nach Sarahs zweiten Sturz, kurz nachdem sie Juno sich selbst überlassen hat. Eigentlich ganz simpel.

„The Descent“ konnte mich immer noch voll und ganz überzeugen und wären die Rahmenbedingungen besser gewesen, hätte der Film noch mehr gerockt. Klare 9/10 Punkte. Ob ich mir doch einmal Marshalls „Dog Soldiers“ zulegen sollte?

Shaun of the Dead (2004)

Beginn der Prüfungszeit. Trübes Regenwetter. Ideal zum Lernen. Was also tun? „Shaun of the Dead“ schauen. Nach einigen eher mittelmäßigen Filmen war es einmal wieder an der Zeit einen Kracher einzuschieben. Hat mir dieses Mal – vermutlich aufgrund der Kenntnis von „Spaced“ – sogar noch mehr Spaß gemacht als bei der letzten Sichtung.

Shaun of the Dead

Auch wenn ich mich damit vielleicht etwas weit aus dem Fenster lehne und in die Romantic Comedy with Zombies etwas viel hinein interpretiere: Heute ist mir der gesamte Z-Day wie eine Allegorie auf Shauns Leben vorgekommen. Nachdem Liz mit ihm Schluss gemacht hat, schreibt Shaun seine kurz- bzw. langfristigen Lebensziele auf und Peng! ist er gezwungen diese zu Verwirklichen: Seinen Mann stehen und sein Leben in die Hand nehmen, die Dinge mit Liz klären und sich mit seinen Eltern auseinandersetzen. All dies war ihm unterbewusst schon zuvor klar (erste Zombie-Sichtungen), aber es hat erst diesen Einfluss von Außen gebraucht um etwas in ihm auszulösen. Letztendlich war Shaun erfolgreich: Er ist mit Liz zusammengezogen und kann dennoch seine Freundschaft mit Ed aufrecht halten. Das Happy End einer romantischen Komödie – nur eben mit Zombies.

Doch auch auf der reinen Spaß-Ebene funtioniert „Shaun of the Dead“ immer noch grandios. Es gibt unzählige Anspielungen auf die Klassiker des Genres und die britische Situationskomik ist genauso erfrischend wie in „Spaced“. Edgar Wright, Simon Pegg und Nick Frost sind einfach ein fantastisches Team. Ich freue mich schon jetzt auf ihren neustes Werk: „Hot Fuzz“.

Insgesamt wohl mein Lieblingszombiefilm. Wohl auch meine liebste romantische Komödie: 9/10 Punkte.

Wenn Träume fliegen lernen – OT: Finding Neverland (2004)

Nun habe ich endlich den dritten wichtigen Realfilm zum Thema „Peter Pan“ gesehen: „Wenn Träume fliegen lernen“ (OT: „Finding Neverland“). Aufgrund des Oskar-Rummels war ich zunächst etwas skeptisch, doch glücklicherweise ist die Entstehungsgeschichte von „Peter Pan“ kein rein nach dem Oskar-Schema heruntergekurbelter Film.

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Am besten hat mir – wie in fast all seinen Filmen – Johnny Depp gefallen. Er gibt einen wahrlich großartigen J.M. Barrie. Leider leiden darunter etwas die Performances der anderen Darsteller. So weiß Kate Winslet zwar durchaus zu überzeugen, gegen Depps Spielfreude kommt sie allerdings nicht an. Dieser Umstand ist natürlich auch ihrem weitaus weniger schillernden Charakter (Sylvia Davies) zuzuschreiben, der gegen Ende gar etwas zum (sprichwörtlichen) Mittel zum Zweck verkommt. Das völlige Abdriften zu einem Tearjerker weiß Regisseur Marc Forster allerdings zu verhindern. Die wunderschönen Bilder überspielen hier so manch dramaturgische Schwäche mehr als gekonnt. So hat mich die Neverland-Szene deutlich mehr berührt, als die eigentliche Beerdigung.

Von der Inszenierung her wirkt der Film teils etwas altbacken – oder besser: klassisch. Ein Tatsache, die nicht unbedingt negativ zu bewerten ist, weil dadurch die phantastischen Sequenzen umso stärker hervorgehoben werden. Teils haben mich diese gar an Tim Burtons grandiosen „Big Fish“ erinnert.

Sehr gut gefallen haben mir auch die Schauspieler der Kinder. Die Rollen werden sehr gut ausgefüllt und besonders Peters Darsteller weiß zu überzeugen. Als er J.M. Barrie nach der Premiere darauf aufmerksam macht, dass dieser selbst „Peter Pan“ ist, war das für mich der Höhepunkt und die eigentliche Essenz des Films. Wirklich sehr schön gespielt. Desweiteren muss ich den Score hervorheben, der sehr gefühlvoll alle Szenen zu unterstützen weiß.

Insgesamt ist „Finding Neverland“ ein wirklich schöner Film über die entscheidenden Momente in J.M. Barries Leben. Zudem wird der Geist von „Peter Pan“ auch sehr stark greifbar. Ich konnte mich einfach schon immer gut mit dem Jungen identifizieren, der nicht erwachsen werden will. Nicht perfekt, aber anrührend und schön anzuschauen, mit einem – wie immer – fantastischen Johnny Depp: 8/10 Punkte.