Es gibt wohl kaum einen Film, auf den ich in letzter Zeit so heiß war – und das nicht erst seit dem Gewinn des Golden Globes. Schon als ich zum ersten Mal von Richard Linklaters „Boyhood“ las, war ich fasziniert. Nicht nur liebe ich Coming-of-Age-Geschichten, ich weiß seit dem grandiosen „Dazed and Confused“ auch, dass Linklater ein Händchen dafür hat. Zudem hat mich natürlich die ungewöhnliche Produktionsphase fasziniert. Konnte der Film meinen Erwartungen letztendlich gerecht werden?

Die Sichtung ist gerade ein paar Minuten vorbei und Arcade Fires „Deep Blue“ hat mich sanft aus dem Film entlassen. Nun sitze ich da und frage mich: ‚War es das?‘ Nicht, weil ich mir etwas anderes erwartet hatte, sondern weil ich gerne mehr gesehen hätte. Noch mehr. Selbst nach langen 165 Minuten habe ich das Gefühl gerne mehr von den unterschiedlichen Stationen dieses Lebens sehe zu wollen. Mason weiter dabei zu begleiten aufzuwachsen, denn erwachsen ist er noch lange nicht. Richard Linklater hat uns über 12 Jahre am Leben dieses Jungen, dieser Familie teilhaben lassen – und der Abschied schmerzt. Ein schöneres Kompliment kann es wohl nicht geben, selbst wenn die Kunst des Auslassens wohl bewusst von Linklater inszeniert wurde…
Anders als zunächst von mir vermutet, zeigt der Regisseur eben nicht alle typischen Stationen des Erwachsenwerdens: kein erstes Mal Alkohol, kein erster Kuss, kein erster Todesfall. Durch diese bewussten Auslassungen lässt uns Linklater diese Lücken selbst auffüllen und verknüpft „Boyhood“ mit unseren eigenen Erinnerungen. Ähnlich funktioniert auch der Soundtrack des Films, der bekannte Songs der jeweiligen Zeit oft nur ein paar Sekunden lang anspielt – und uns Zuschauer den kompletten Song selbst ergänzen lässt. Das Kaleidoskop der tatsächlich gezeigten Szenen reicht von trivial bis bedeutsam und zieht uns Stück für Stück in Masons Leben hinein.
Ich habe schon viel über „Boyhood“ gelesen. Meist waren es überaus positive Besprechen, einige Zuschauer bemängelten jedoch auch, dass der Film keine stringente Handlung habe und nichts passieren würde. Es gibt tatsächlich wenig Action im Sinne von körperlich ausgeführten Handlungen, dafür viele Gespräche und Stimmungen. Hier erinnert das Drama stark an ein anderes filmisches Experiment Linklaters, die „Before…“-Trilogie, in der der Regisseur eine Liebesgeschichte in drei Teilen über 18 Jahre erzählt. Wenn man diese mag, wird man wohl auch seine Freude an „Boyhood“ haben. Ich würde behaupten diese Art von Film Film ist eben einfach Typsache.
Auch wenn es letztendlich nur eine Formalie ist, so muss ich Linklater und seinem Team doch Respekt für die Ausdauer zollen. Speziell in der heutigen Zeit, in der es jeder gewohnt ist, sofort Feedback zu erhalten, muss es ein wahrer Kraftakt gewesen sein, 12 Jahre zu drehen – und das über weite Strecken ohne jegliche Rückmeldung aus der Öffentlichkeit. Auch wenn einige diese 12 Jahre Drehzeit als Gimmick sehen, so bin ich überzeugt davon, dass „Boyhood“ nur dadurch die in jeder Szene spürbare Kraft entfalten konnte. Schade, dass es auf der aktuellen Blu-ray keinerlei Hintergrundinformationen gibt, würde mich doch brennend interessieren, aus wieviel Material Linklater letztendlich die finale Schnittfassung destilliert hat.
Die Besprechung ist nun länger geworden, als ich um diese Uhrzeit eigentlich geplant hatte. Noch etwas, das für den Film spricht. Auch wenn er dramaturgisch vielleicht genauso wenig perfekt ist, wie das Leben, das er abzubilden versucht, so lässt er uns Zuschauer doch an einem großen Entstehungsprozess teilhaben, den er emotional perfekt einfängt: dem Erwachsenwerden. Mein einziger wirklicher Kritikpunkt ist, dass ich gerne mehr mit Mason verbracht hätte. Ich möchte den Film nach dieser ersten Sichtung noch nicht zum Lieblingsfilm erklären, doch viel fehlt wahrlich nicht: 10/10 Punkte.